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© Chris Hoff / Shutterstock.com
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Braucht Glaube Heimat?

Von der „eigenen“ Gemeindekirche bis zur Kapelle am Lieblingswanderweg: Glaube ist häufig an feste Orte gebunden. Doch was, wenn diese Orte verschwinden? Ein Franziskaner und eine Benediktinerin haben verschiedene Antworten darauf.

Für viele Menschen ist ihr Glaube eng mit festen Orten verbunden: dem Kloster, das zugleich Schule war, der Dorfkapelle in der Nachbarschaft oder der Pfarrei, in der schon die Großeltern getauft wurden. Es sind vertraute Räume, in denen Glaube gewachsen ist und Heimat fand, wo Menschen sich geborgen wissen – und Gott nah. Doch was geschieht mit unserem Glauben, wenn diese Orte verschwinden? In einer Zeit, in der Gemeinden fusionieren und Kirchen schließen, Biografien internationaler werden und das Leben sich ins Digitale verlagert. Anders gefragt: Braucht unser Glaube eine Heimat? Oder ist es wichtiger, dass wir glauben als wo?

Br. Chi Thien Vu, der in Vietnam geboren wurde und heute als Seelsorger im Franziskanerkloster in Dortmund lebt, kennt die Notwendigkeit der Bewegung von klein auf und ist kulturell wie spirituell immer unterwegs. Sr. Johanna Buschmann, Priorin der Benediktinerinnen-Abtei Varensell, ist seit über 40 Jahren fester Teil ihrer Klostergemeinschaft und weiß, wie wichtig Beständigkeit für ein erfülltes Leben als Christin ist. Was Gläubige von den Ordensleuten lernen können? Dass beides nötig – ja nur zugleich langfristig möglich ist: spirituelle Verwurzelung und geistige Beweglichkeit, Heimatverbundenheit und Offenheit für das Neue. Eine Standortbestimmung unserer Glaubensheimat entlang der Achsen zweier Biografien.

Wenn die Welt zum Kloster wird

Als Chi Thien Vu 1983 im Fischerboot seines Vaters von Vietnam über Indonesien in Richtung Deutschland floh, wusste er: Was hinter ihm lag, war verloren. Als Christen und politische Flüchtlinge konnten er und seine Familie nicht wieder nach Hause zurück. „Wir hatten uns darauf eingestellt, in Deutschland eine zweite Heimat zu finden.“ In Wilhelmshaven wurden sie von dem durchdringenden Gefühl empfangen, anders zu sein. Und von einem Pastor mit Besteck und Bettwäsche, der dazu beitrug, dass sie sich schnell in die Gemeinde vor Ort einbrachten. Das fremde Land wurde zum neuen Zuhause.

„Für uns war es in dieser Situation wichtig, im Glauben einen festen Boden zu haben“, erinnert sich der Franziskaner. Nicht einen bestimmten Ort, die Kultur oder spirituelle Räumlichkeiten brauchte es, sondern das gemeinsame Bekenntnis zum Christentum und Menschen, die es mittrugen. So begann Br. Chi Thien mit der Zeit alte Prägungen aus Vietnam kritisch zu hinterfragen und seinen Glauben freiheitlicher und selbstbestimmter zu leben. Und ist bis heute ein Wanderer zwischen den Kulturen, der beruflich, aber auch privat gern und viel unterwegs ist – getreu dem franziskanischen Motto „Unser Kloster ist die Welt“. Nach einigen Stationen in der Ausbildung und als Seelsorger lebte er zwei Jahre lang in Vietnam, bevor er ins Kloster nach Dortmund kam, wo er weiterhin um den interkulturellen Austausch mit der alten Heimat bemüht ist. Gedanklich aber sehnt er sich schon nach neuen Zielen.

Verluste fordern uns heraus, aber Kirche ist immer schon unterwegs gewesen. Wir müssen in Bewegung bleiben.

Br. Chi Thien

Wie tiefe Wurzeln Weite schenken

Als der zehnjährige Chi Thien in Deutschland ankam, hatte Johanna Buschmann längst ihren Lebensort auserkoren: das Benediktinerinnen-Kloster Varensell in Rietberg. Vorausgegangen war ein Urerlebnis in einer Nacht bei der Bahnhofsmission, wo sie während des Theologiestudiums arbeitete. „Ich war jung und hatte viele Gaben und Optionen. Aber mir ist in dieser Nacht bewusst geworden, dass wir nicht überall zugleich sein und wirken können. Ich wollte mich entscheiden: Wo kann ich zuhause sein und mit anderen in Freiheit und mit viel Sinn mein Christsein leben? Denn nach außen kann ich nur geben, wenn ich innen lebendig verwurzelt bin.“

Die Stabilitas loci, die Ortsgebundenheit, wie sie in benediktinischen Klöstern seit Jahrhunderten gepflegt wird, war für Sr. Johanna Voraussetzung für die geistliche Verwurzelung in ihrer Gemeinschaft. Und zugleich Aufgabe: nicht gleich ausweichen zu können, wenn es Konflikte gibt, sondern zu bleiben. So ist ihr die Abtei immer mehr zur Heimat geworden, war es auch, als sie zum Studium und zur Promotion im fernen Rom war und mit Benediktinerinnen aus der ganzen Welt zusammenlebte. „Wer im Innern verwurzelt ist, kann Unsicherheiten im Außen aushalten – so wie Bäume tiefe Wurzeln brauchen, damit ihre Kronen in die Weite wachsen können.“

Dem Glauben Raum geben

Dabei spielen feste Plätze und physische Räume in ihrer besonderen Atmosphäre und Symbolik im Christentum wie in vielen Religionen eine besondere Rolle für den Glauben. Klöster und Kirchen sind Orte der Einkehr, der Erinnerung, der Kommunikation mit Gott, die durch ihre Gestaltung selbst Einfluss haben auf das, was an ihnen passiert. „Unsere große Abteikirche etwa ist selbst eine Verkündigung: Gott schenkt uns einen weiten Raum. Außerdem gibt es hier kleine Räume der Geborgenheit wie unsere Krypta und geschützte Räume zur Beratung, die hell und luftig sind“, so Sr. Johanna. Nicht ohne Grund seien Klöster oft mit viel Sinn für Ästhetik gestaltet. „Es ist diese Ästhetik, die mich erst fragen lässt. Und die Freude, Schmerz und tiefen Gesprächen Raum gibt.“

Was passiert also, wenn private Veränderungen oder diözesane Transformationen dazu führen, dass Gemeinden verlassen oder Kirchen geschlossen werden – wenn spirituelle Heimat verloren geht? Verwundert beobachtet die Benediktinerin, wer sich derzeit für den Erhalt einzelner Gebäude stark macht. Menschen, die nur noch selten den Gottesdienst besuchen, erheben ihre Stimme für alte Kirchen. Personen, deren Erinnerungen vielleicht an diesen konkreten Gebäuden hängen, auch wenn sie nur noch eine lose Verbindung zur Gemeinde pflegen. „Ich möchte da fragen: Wofür streiten Sie wirklich? Für den Kirchenraum als Immobilie – oder den sakralen Raum als spirituelle Heimat, an der Sie Gott nahe sein und Kirche lebendig erleben können?“

Wie jeder Pilgerweg eine Bank hat, braucht auch der Glaube verlässliche Orte, an denen Menschen einkehren können und sich angenommen fühlen.

Sr. Johanna Buschmann

Sich auf die Suche nach Heimat machen

Auch Br. Chi Thien spürt die Verunsicherung in den Gemeinden, vor allem in älteren Generationen. Auch er weiß: Glaube braucht Räume: Jugendliche einen konkreten Treffpunkt, um sich zu entfalten, Gemeinden einen Ort, um den Glauben zu feiern. „Aber was die Menschen heute eigentlich suchen, ist nicht ein Ort für den, sondern ein Ort im Glauben, an dem wir sie abholen.“ Seinem franziskanischen Gemüt entsprechend ruft er darum zum Aufbruch auf: „Wenn wir unsere Angst überwinden, mit Risikofreude und frohem Mut über Grenzen hinweg aufeinander zugehen, werden positive Energien aufkommen, die dazu führen, dass Neues entsteht.“ Warum nicht mal die Nachbarn zum Gottesdienst in den eigenen Garten einladen? Warum nicht zu den Menschen gehen, um gemeinsam mit ihnen spirituell unterwegs zu sein? Von festen Orten und Gebäuden abrücken, sich der spirituellen Praxis und neuen Formen der Gemeinschaft zuwenden.

„Ich denke, wir brauchen heute zwei Arten von Kirche“, so Sr. Johanna. „Menschen, die mit offenem Herzen dahin gehen, wo Kirche noch nicht ist. Und verlässliche Orte, wo ich weiß: Hier sind weite Räume, in denen ich immer willkommen und angenommen bin.“ Denn Glaube braucht Heimat. Und er schenkt Heimat. Aber was diese Heimat überhaupt ist, das erspürt nur, wer sich spirituell auf den Weg macht. In einem Garten im Nachbardorf. In einer Abteikirche. In Stille. Oder im lebendigen Miteinander.

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Ein Beitrag von:
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