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© Wikipedia Commons: Paintings of Canticle of the sun by Laurentius Ulrich Englisch
© Wikipedia Commons: Paintings of Canticle of the sun by Laurentius Ulrich Englisch

Franz von Assisi im Heute: Glauben draußen erlebbar machen

Leonie Jedicke möchte Menschen mitten in der Natur mit dem Glauben in Berührung bringen. Die Dekanatsreferentin im Dekanat Waldeck sieht in der Schöpfungspastoral eine große Chance. Ein Beitrag unserer Serie "800 Jahre Franz von Assisi".

Man kann durchaus sagen: Leonie Jedicke lebt vieles von dem, was Franz von Assisi ein Anliegen war. Sein Wirken prägt ihre Gegenwart. Auf ihrem Schreibtisch im Büro liegt eine an vielen Seiten mit kleinen Post-it-Zetteln versehene Ausgabe von Laudato si’, der Enzyklika von Papst Franziskus. Zu Hause bleibt das Bilderbuch „Franziskus und der Wolf“ im Bücherregal sichtbar, auch wenn die drei Kinder nun erwachsen sind.

Vor allem der „Sonnengesang“ des Franz von Assisi inspiriert Leonie Jedicke. Ihn hat sie schon gesungen und mit Kindern getanzt. „Im Sonnengesang sind Sonne, Mond, Wasser, Feuer und Erde unsere Geschwister und unsere Mutter, ganz unabhängig von ihrem Nutzen. Franziskus lobt Gott gemeinsam mit der Schöpfung. Wir sind Teil von ihr und nicht allein ihre Gestalter. Da hat sich spätestens mit Papst Franziskus ein Wandel zum holistischen, ganzheitlichen Verständnis auch im Glauben und in der Kirche vollzogen. Wir sind nicht Herrscher, sondern Teil der Schöpfung. Es geht um Respekt, Wertschätzung, Dankbarkeit und Ehrfurcht“, betont die Dekanatsreferentin und ergänzt: „Damit hat alles einen Wert aus sich heraus: jede Pflanze, jedes Tier, die Erde, der Boden, die Steine.“

Sonnengesang: Bruder Feuer und Schwester Wasser

© Wikipedia Commons: Paintings of Canticle of the sun by Laurentius Ulrich Englisch

Wie Schöpfungspastoral neue Zugänge zum Glauben schafft

Gleich zu Beginn heißt es in Laudato si‘: „Unser gemeinsames Haus ist wie eine Schwester, mit der wir das Leben teilen, und wie eine schöne Mutter, die uns in ihre Arme nimmt.“ Warum also im kirchlichen Alltag nicht mehr draußen sein, inmitten in der Schöpfung? Leonie Jedicke ist überzeugt: Nach einer Bürowoche möchten viele nur noch hinaus, auch zum Beten. Gottesdienste im Freien seien gerade auch für Familien entspannter. Und: Sie könnten im Winter ja kürzer sein… „Es ist ein Wunsch im Bistumsprozess: Was passiert, soll passgenauer für die Zielgruppen sein. Wer Interesse an der Natur hat, kann in der Schöpfungspastoral spirituell gut an uns andocken. Hier möchte ich mir ein Team aufbauen. Ich glaube, auch viele junge Menschen können angesprochen werden.“ Und sie sprudelt nur so vor Ideen: „Im Naturpark Kellerwald-Waldeck haben wir den Knorreichenstieg, den Edersee, Waldecker Berge… denkbar sind Gottesdienste beim Wandern, mit Laufrad oder E-Bike, spirituelle Gassi-Gänge oder Tiersegnungen mit ,Bruder Hund‘. Gerade wenn ich sehe, wie wichtig Menschen ihre Haustiere sind, wäre das doch ein schönes Angebot.“

Es geht um Respekt statt um Dogmen. Um Demut, direkt übersetzt als ,Mut zu dienen‘. Zu wissen: Die Erde bräuchte mich nicht, zugleich trägt mich der Boden. Ich muss mich nicht als Krone der Schöpfung sehen. Ich muss hinnehmen, dass es wochenlang nicht regnet oder eine Flut im Ahrtal gibt. Ich bin klein, dann nehme ich Rücksicht und speichere Wasser, gehe anders mit der Ressource um.

 

Leonie Jedicke

Wie Naturerlebnisse Glauben erfahrbar machen

Wer früh Natur erlebt, engagiert sich später eher, weiß die Dekanatsreferentin aus eigener Erfahrung. „Deshalb gehört Schöpfungspastoral zur Familienpastoral!“ Sie erlebte es selbst als ehrenamtlich Engagierte: „Mit Messdienerinnen und Messdienern stellten wir Molchfallen auf. Wenn Kinder einen Molch auf der Hand spüren, macht das etwas mit ihnen.“ Auf Wanderungen nimmt sie stets einen Feuersalamander aus Plüsch mit. Ein passendes Gedicht wie „Der Feuersalamander“ von Ricarda Huch macht deutlich: Auch das kleinste Wesen ist von Gott gewollt. „Ein Bibeltext, drei Lieder und zwei Gebete reichen. Mit Bruder Molch auf der Hand berührt ein Gebet unmittelbarer als entfremdende liturgische Sprache.“

Sonnengesang: Wir gehen durch Feuer und Wasser

© Wikipedia Commons: Paintings of Canticle of the sun by Laurentius Ulrich Englisch

Wie Naturerfahrungen die eigene Spiritualität prägen

Franziskus verständlich und praxisorientiert zu vermitteln, das ist ihr Leitmotiv. „Beim Anblick einer schlüpfenden Libelle oder eines trinkenden Jungtiers empfinde ich Glück und Ehrfurcht. Wer Schöpfungsspiritualität sucht, ist mit Franziskus verbunden“, sagt die 61-Jährige. Auf Schöpfungswanderungen reagierten Menschen positiv und aufgeschlossen. Mitwandernden zeigt sie etwa, warum ein Dunghaufen auf der Wiese überlebenswichtig ist. „In Kuhfladen leben Käfer, von denen sich Vögel und Wiesenbrüter ernähren. Parasitenmittel gefährden diese Nahrungskette. Und wenn ich da mit ihnen stehe an der Kuhweide, wird ein anderes Bewusstsein geschaffen. Wer das sieht, fragt beim Einkauf nach der Tierhaltung. Naturerfahrung und Wissen fördern franziskanisches Verhalten.“ Letztlich gebe die Natur vor, wie was zu halten sei. „Früher weideten Tiere nur auf Flächen, wo Menschen keinen Ackerbau für das Brotgetreide betreiben konnten. Natur gibt uns vor, wo was zu passieren hat und in welchem Umfang.“ Wenn weniger Vieh auf steinigem Grund grast, ist automatisch auch weniger Fleisch vorhanden.

Schöpfungsverantwortung reicht über Aktionstage hinaus.

Leonie Jedicke

Für Leonie Jedicke könnte sich eine franziskanische Haltung auch auf den eigenen Alltag und in kirchlichen Einrichtungen mehr auswirken. „Franziskanisch zu leben, kann heißen, weniger zu fliegen oder kein Fleisch aus Massentierhaltung zu essen. Kirche muss fragen, ob Billigschnitzel und Würstchen beim Pfarrfest zur eigenen Botschaft passen. Und ob nicht nachhaltigeres Büromaterial möglich wäre. Lange fühlte ich mich als grüne Außenseiterin, heute wird darüber diskutiert.“ Sie weiß aber auch: „Das bleibt ein Lernprozess.“  Bewusstseinswandel brauche Zeit, weil es zutiefst menschlich sei, wider besseres Wissen zu handeln, siehe Rauchen, zu viel Alkohol trinken, sich nicht bewegen. „Auch ich bin so. In anderen Bereichen müssen mir andere sagen, wie ich es anders machen kann.“

 

Zur Person

Leonie Jedicke hat gemeinsam mit ihrem Ehemann drei erwachsene Kinder. Sie studierte ursprünglich Chemie, Mineralogie und Geologie und arbeitete anschließend 22 Jahre lang als Redaktionsassistentin bei der Zeitschrift „Naturschutz und Landschaftsplanung“. Später folgte der Fernkurs Theologie in Würzburg mit Pädagogik und Praktikum.

Über Flüchtlingsarbeit und Caritas-Ehrenamt kam sie zum Diözesan-Caritasverband, wo sie zwölf Jahre lang als Referentin für Kompetenz- und Profilbildung arbeitete, Führungskräfteseminare, Angebote zur christlichen Unternehmenskultur, Einkehrtage und Wanderexerzitien gestaltete.

Sie engagiert sich ehrenamtlich in St. Johannes Baptist in Bad Arolsen. Ein Wadenbeinbruch und ihr 60. Geburtstag 2025 gaben den Anstoß, Kirche vor Ort auch hauptberuflich neu mitgestalten zu wollen. Seit Oktober 2025 ist sie Dekanatsreferentin im Dekanat Waldeck.

Das ist mein Hauptantrieb. Mit Menschen unterwegs zu sein und im Draußen zu vermitteln, dass sie geliebt sind, unendlich geliebt.

Leonie Jedicke

Gelobt seist du, mein Herr

© Wikipedia Commons: Paintings of Canticle of the sun by Laurentius Ulrich Englisch

Unterwegs vermitteln: Du bist geliebt

So sehr der Heilige Franziskus auch Jedickes Handeln prägt, Jesus als Vorbild steht noch über ihm: „Er hat uns ja unter Beweis gestellt, dass die Liebe allen Menschen gilt und besonders den Menschen am Rande. Oder den Menschen, die sich vielleicht gerade nicht so wertvoll fühlen. Ich wünsche mir Kirche ohne Vorbedingungen, offen, vielfaltssensibel und inklusiv.“ Deshalb engagiert sie sich seit Jahren im Arbeitskreis queersensible Pastoral.

Was das Wichtigste für Leonie Jedicke ist? Sie überlegt einen Moment und sagt entschlossen: „Und dennoch, so wichtig mir dies alles ist, Bewahrung der Schöpfung und Nachhaltigkeit und Gleichberechtigung: Wenn ich wählen müsste, was als erstes geschehen muss, würde ich immer ein Ende der Kriege priorisieren. Ja, auf jeden Fall Frieden!“

Serie „800 Jahre Franz von Assisi sein Vermächtnis für heute“

Vor 800 Jahren, am 3. Oktober 1226, starb der Heilige Franz von Assisi. Die katholische Kirche begeht dieses Datum weltweit mit einem Jubiläumsjahr (10. Januar 2026 bis 10. Januar 2027). Für uns ist das Franziskus-Jubiläum ein Anlass, dem Heiligen auf dieser Seite eine Beitragsreihe zu widmen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Franziskus uns heute inspirieren kann: mit seinem Glauben, seinen Haltungen, seinem Tun.

 

Serie "800 Jahre Franziskus - sein Vermächtnis für heute"

Leonie Jedicke mit der Enzyklika Laudato Si' © Sonja Funke / Erzbistum Paderborn
Leonie Jedicke mit der Enzyklika Laudato Si'
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Franz von Assisi im Heute: Glauben draußen erlebbar machen

Leonie Jedicke möchte Menschen mitten in der Natur mit dem Glauben in Berührung bringen. Die Dekanatsreferentin im Dekanat Waldeck sieht in der Schöpfungspastoral eine große Chance. Ein Beitrag unserer Serie "800 Jahre Franz von Assisi".
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