Berlin (KNA) Papst Leo XIV. liefert aus Sicht des Theologen und Ethikers Daniel Bogner ein Gegenmodell zur wachsenden Polarisierung und Durchsetzung von Eigeninteressen. Das Kirchenoberhaupt scheine "seine Rolle darin zu finden, als Moderator einer hochgradig fragmentierten Weltgesellschaft zu s ...
Berlin (KNA) Papst Leo XIV. liefert aus Sicht des Theologen und Ethikers Daniel Bogner ein Gegenmodell zur wachsenden Polarisierung und Durchsetzung von Eigeninteressen. Das Kirchenoberhaupt scheine "seine Rolle darin zu finden, als Moderator einer hochgradig fragmentierten Weltgesellschaft zu sprechen", schreibt Bogner in einem Beitrag für die "Welt".
Angesichts des Zerfalls regelbasierter Ordnung und einer Rehabilitierung des Rechts des Stärkeren in der Geopolitik gebe Leo XIV. dem Papsttum "seine klassische Funktion als Instanz moralischer und kultureller Integration" wieder.
"Leo XIV. verkörpert eine Form religiöser Führung, die in einer polarisierten Welt beinahe altmodisch wirkt", schreibt Bogner, der im schweizerischen Fribourg mit dem Schwerpunkt politische Ethik lehrt. Er stehe für die "Überzeugung, dass heterogene Welten besser zusammengehalten als gegeneinander ausgespielt werden sollten. Die Idee einer Vermittlung von Einheit und Vielfalt findet in seinem Rollenskript plötzlich wieder eine weltpolitische Repräsentation."
Auch im ersten großen Lehrschreiben "Magnifica humanitas" zu Künstlicher Intelligenz sieht Bogner eine Zeitansage: "Der Papst signalisiert, dass die Frage nach dem Menschen unter den Bedingungen technologischer Herrschaft kein Spezialthema für Informatiker, Ökonomen oder Sicherheitsexperten ist, sondern zur zentralen kulturellen und politischen Frage der Gegenwart geworden ist."
Leo XIV. interessiere "zwar auch, was Maschinen künftig können, vor allem aber das, was Menschen niemals an Maschinen abgeben dürfen. Eine humane Gesellschaft erkennt sich daran, dass sie Urteilskraft, Gewissen, Verantwortung und Freiheit nicht delegiert - weil eben darin die eigentliche Würde des Menschen liegt."
Skeptisch stimmt Bogner die "hierzulande beinahe übertriebene Begeisterung" über die Enzyklika. "Es ist offenkundig, dass Leo XIV. lieber über andere Dinge spricht als über jene, die große Teile der deutschen Kirchenöffentlichkeit seit Jahren beschäftigen", so der Theologe.
"Leo XIV. präsentiert sich nicht als revolutionärer Reformpapst, aber auch nicht als restaurativer Gegenspieler." Auch wenn er an Themen seines Vorgängers Franziskus anknüpfe, versuche er vor allem, "die Kirche in einer zunehmend zersplitterten Welt zusammenzuhalten, ohne sich vollständig den Erwartungen einzelner Milieus zu unterwerfen".