Essen/Stuttgart (KNA) Seit Mitte Oktober gilt an Deutschlands Bahnhöfen ein Alkoholverbot: Suchtprobleme lösen sich damit aber nicht, mahnt Jeanette Pohl. Die Sozialarbeiterin und Suchtberaterin im Strafvollzug forscht im Bereich Sozialwissenschaften und äußerte sich beim Fachkongress Sucht ...
Essen/Stuttgart (KNA) Seit Mitte Oktober gilt an Deutschlands Bahnhöfen ein Alkoholverbot: Suchtprobleme lösen sich damit aber nicht, mahnt Jeanette Pohl. Die Sozialarbeiterin und Suchtberaterin im Strafvollzug forscht im Bereich Sozialwissenschaften und äußerte sich beim Fachkongress Sucht in Essen. In punkto Sauberkeit finde sie das Verbot in Ordnung, doch wohnungslose Menschen verlören in vielen Fällen einen "witterungsgeschützten Treffpunkt. Sozialstaatlich versorgt sind sie damit noch lange nicht."
In der nahenden Advents- und Weihnachtszeit hätten zudem viele (ehemals) suchtkranke Menschen zu kämpfen. Sie fragten sich etwa, ob sie auf betrieblichen Weihnachtsfeiern - bei denen Alkohol oft dazugehört - etwas trinken könnten. "Aus einem Menschen mit einer Suchterkrankung wird 'der oder die Süchtige': Die Person verschwindet hinter der Zuschreibung." Pohl vergleicht das mit Schauspielerinnen und Schauspielern, die als Kind berühmt und ewig mit dieser Rolle verbunden werden.
Wenn jemand befürchten müsse, immer auf ein einziges Merkmal reduziert zu werden, stelle sich verstärkt die Frage, wem man von einer Erfahrung überhaupt erzählt. Das reicht laut der Expertin bis zur Überlegung, was ein neuer Arzt wirklich wissen muss.
Sie fordert einen Perspektivwechsel: Bei Bildern vom Oktoberfest dächten viele Menschen beispielsweise an Geselligkeit, Tradition, eine ausgelassene Stimmung. Ein anderer Fokus sei der auf medizinische Notfälle oder sexualisierte Übergriffe, die zuletzt häufig thematisiert wurden. "Eine dritte Möglichkeit wäre die Frage, welcher Alkoholkonsum wann und wo als völlig in Ordnung gilt - und wann als unangemessen."
Sucht entwickle sich häufig aus einer Suche nach Halt, wenn Menschen etwa trotz Arbeitslosigkeit oder einer Trennung handlungsfähig bleiben wollten. Pohl: "Es reicht nicht, ihnen zu sagen, dass sie diesen Halt loslassen sollen." Bestehende Angebote zur Suchthilfe müssten unkompliziert zugänglich sein, könnten aber nicht alle sozialen Probleme lösen, etwa bezahlbaren Wohnraum oder eine diskriminierungsfreie Arbeitswelt schaffen.
Gesellschaftlich forderte die Forscherin, einer rein negativen Sichtbarkeit von Sucht entgegenzuwirken. "Menschen können aus dem Blick verschwinden", sagte sie, "ihre Schwierigkeiten verschwinden dadurch nicht."