München (KNA) Der Ethiker Peter Dabrock hält es für gefährlich, Künstliche Intelligenz (KI) religiös zu überhöhen. "Nicht eine göttliche Superintelligenz bedroht Freiheit und Demokratie, sondern eine irdische Machtkonzentration", schreibt der evangelische Theologe aus Erlangen in einem ...
München (KNA) Der Ethiker Peter Dabrock hält es für gefährlich, Künstliche Intelligenz (KI) religiös zu überhöhen. "Nicht eine göttliche Superintelligenz bedroht Freiheit und Demokratie, sondern eine irdische Machtkonzentration", schreibt der evangelische Theologe aus Erlangen in einem Gastbeitrag für die Evangelische Akademie im bayerischen Tutzing.
Konkret nennt Dabrock die Verbindung von Tech-Konzernen, Finanzmacht, Sicherheitsinteressen und Politik. "KI ist kein metaphysisches Rätsel. Sie ist ein Machtverstärker." Sie falle nicht vom Himmel, sondern sei eingebettet in Rechenzentren, Plattformen, Datenökonomien, militärische Strategien, geopolitische Konkurrenz, Finanzmacht und politische Programme.
Wenn KI-Systeme Muster erkennen, Prognosen erzeugen und Entscheidungen vorbereiten, kann dies in der Medizin lebensrettend sein, wie Dabrock einräumt. Sie könnten Verwaltungsprozesse vereinfachen, den Verkehrsfluss verbessern und Erträge in der Landwirtschaft steigern. Dieselbe Logik könne aber auch Menschen klassifizieren, Verhalten manipulieren, Risiken zuschreiben, Aufmerksamkeit lenken, Öffentlichkeit verzerren oder militärische Gewalt automatisieren.
Die Ambivalenz liege nicht am Rand, sondern im Zentrum der Technologie, erklärt der Ethiker. KI könne aber auch nur scheinbare Beweise erzeugen, Vorurteile automatisieren, Zukunft nach Mustern der Vergangenheit vorwegnehmen. Hier berühre KI eine theologische Tiefenschicht, denn sie wirke wie eine Art göttliche Vorsehung. Christlich verstanden sei Vorsehung aber nicht kalte Totalberechnung, sondern die Hoffnung, dass die Welt von Gott gehalten werde.
KI als solche kenne dagegen kein Wohlwollen - es sei denn, dies sei vorher einprogrammiert worden, gibt Dabrock zu bedenken. "Sie begleitet nicht. Sie vergibt nicht. Sie erlöst nicht. Sie rechnet." Wo KI als Heilsversprechen auftrete, sei Entzauberung geboten. So müsse etwa gefragt werden, wer den Nutzen habe und wer den Preis zahle.
Die meisten Menschen nutzten KI, ohne über ihre Bedingungen zu verfügen, so der Theologe. "Sie liefern Daten, kontrollieren aber nicht die Modelle. Sie erzeugen Trainingsmaterial, besitzen aber nicht die Plattformen. Sie werden bewertet, kennen aber nicht die Kriterien. Sie sollen vertrauen, können aber kaum prüfen." Darin liege ein Machtgefälle.
KI sei weder Gott noch der neue Mensch, betont Dabrock. Sie sei vielmehr ein hochgradig zweischneidiger Machtverstärker. Im Umgang mit ihr entscheide sich nicht nur, was Technik könne, sondern ob demokratische Gesellschaften noch fähig seien, ihre Zukunft demokratisch, rechtsstaatlich und auf Basis der Menschenwürde zu gestalten.