Berlin (KNA) Der Intensivmediziner Uwe Janssens geht davon aus, dass viel mehr Menschen in Folge der Hitze sterben als bisher geschätzt. Er halte die Schätzung des Robert-Koch-Instituts zu hitzebedingter Sterblichkeit in diesem Sommer für zu niedrig. Er gehe davon aus, dass die Schätzung von ...
Berlin (KNA) Der Intensivmediziner Uwe Janssens geht davon aus, dass viel mehr Menschen in Folge der Hitze sterben als bisher geschätzt. Er halte die Schätzung des Robert-Koch-Instituts zu hitzebedingter Sterblichkeit in diesem Sommer für zu niedrig. Er gehe davon aus, dass die Schätzung von rund 12.500 Hitzetoten in diesem Jahr "nicht die gesamte Dramatik abbilden", sagte der Intensivmediziner den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Es sind sicherlich mehrere Tausend Todesfälle mehr."
"Alte Menschen haben kein richtiges Durstempfinden mehr. Sie merken nicht, dass sie Flüssigkeit verlieren und gegensteuern müssen", sagte der medizinische Geschäftsführer der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Mit fehlender Flüssigkeit verändere sich dann die Konzentration der Körpersalze.
"Die Menschen schlafen ein und werden einfach nicht mehr wach", sagt Janssens, der auch Direktor der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital Eschweiler ist. "In der Regel versagt die Niere, weil die Menschen austrocknen." Ein 85-Jähriger beispielsweise, der allein zu Hause wohne, eine Nieren- und eine Herzschwäche habe, "stirbt dann einfach unbemerkt", erklärte Janssens. "Und auf dem Totenschein steht Organversagen, aber die Hitze hatte einen klaren Einfluss."
Janssens sieht die Politik in der Verantwortung, mehr zu tun, um verletzliche Gruppen zu schützen. "Ich bin, auch als Bürger, extrem verstört über die Tatenlosigkeit der Bundes- und Landesregierungen", sagte er den Zeitungen. "Wir brauchen einen verbindlichen nationalen Hitzeschutzplan, wir brauchen eine sinnvolle Zusammenarbeit von Bund und Ländern, und wir brauchen Geld." Kaum eine Notaufnahme sei klimatisiert, die Kosten für die entsprechende Ausstattung eines Zimmers lägen bei 15.000 bis 20.000 Euro. "Wenn man das hochrechnet auf das ganze Gebäude, kann das keine Klinik allein stemmen", sagte er. "Das ist wirklich eine Katastrophe."
Neben einer besseren Ausstattung von Kliniken würden auch mehr Nachbarschaftshilfe, mehr psychosoziale Unterstützung und Netzwerke helfen, um Menschen zu Hause frühzeitig zu schützen, fügte der Intensivmediziner hinzu. Als Vorbild sieht Janssens Frankreich, wo Kommunen vulnerable Menschen in Hitzeperioden aktiv kontaktieren. "Bei uns", sagt er, "sterben Menschen nicht nur an der Hitze, sondern letztlich auch an gesellschaftlicher Vernachlässigung."