Berlin (KNA) Die politische Lage in Deutschland wird sich nach Ansicht des Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk weiter verschärfen. "Wir stehen an der Schwelle zu einem autoritären Zeitalter", sagte er im ARD-Interview der Woche in Berlin. Er geht von einer zunehmenden Radikalisierung der AfD und ...
Berlin (KNA) Die politische Lage in Deutschland wird sich nach Ansicht des Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk weiter verschärfen. "Wir stehen an der Schwelle zu einem autoritären Zeitalter", sagte er im ARD-Interview der Woche in Berlin. Er geht von einer zunehmenden Radikalisierung der AfD und ihrer Anhängerschaft aus. "Das ist meines Erachtens unaufhaltsam", so der ostdeutsche Publizist, von dem jüngst das Buch "Faschismus ist keine Meinung. Stabil bleiben in autoritären Zeiten" erschien.
Mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern befürchtet Kowalczuk: "Egal, wie auch immer diese Wahlen ausgehen - die Situation wird nicht besser werden, unsere Demokratie wird nicht weniger gefährdet sein. Und ich fürchte - egal, wie es ausgeht, dass die Radikalisierung der Extremisten anschließend erst recht voranschreiten wird." In Sachsen-Anhalt gilt die AfD offiziell als gesichert rechtsextrem. In Mecklenburg-Vorpommern hat der Verfassungsschutz diese Einstufung bislang nicht vorgenommen.
Wenn die AfD an die Macht komme, wonach es aus seiner Sicht aktuell aber nicht aussieht, könne die Partei nicht alle Wahlversprechen umsetzen, so Kowalczuk: "Und das werden sie dann immer - das ist Teil der faschistischen Strategie - damit erklären, dass Berlin, dass Europa, dass der Mars, wer auch immer, dass irgendwelche Gegner und Feinde sie daran hindern, das umzusetzen." Dies trage zur Radikalisierung der Anhängerschaft bei.
Für wahrscheinlicher hält Kowalczuk sowohl in Sachsen-Anhalt wie in Mecklenburg-Vorpommern das Szenario, dass es keine AfD-Regierungsbeteiligung geben werde: "Dann werden wir die Situation eines Landtages ohne demokratische Opposition haben, weil alle anderen in der Regierung sind. Und das wird automatisch zu einer extremen Radikalisierung sowohl der AfD wie ihrer Anhängerschaft führen."
Verlust- und Zukunftsängste sowie eine digitale Revolution mit unbekannten Folgen kommen Kowalczuk zufolge extremistischen Kräften entgegen, die einfache Antworten und die Rückkehr in eine vermeintlich gute alte Zeit versprächen. "Da greifen viele Menschen gerne nach Strohhalmen, und das erleben wir gerade in Ostdeutschland massiv. Aber Ostdeutschland ist nur ein Seismograph für das, was wir in der gesamten westlichen Welt beobachten müssen", erklärte der 59-Jährige, zu dessen Forschungsschwerpunkten die DDR-Geschichte sowie die Folgen der Wiedervereinigung gehören.