Frankfurt (KNA) Bei der Aufarbeitung und Bekämpfung von sexuellem Missbrauch haben zwei Juristen neue Forschungsperspektiven angemahnt. Staat und Wissenschaft müssten sich stärker mit "Unrechtsnetzwerken" auseinandersetzen, die sexualisierte Gewalt begünstigten und in einigen Situationen üb ...
Frankfurt (KNA) Bei der Aufarbeitung und Bekämpfung von sexuellem Missbrauch haben zwei Juristen neue Forschungsperspektiven angemahnt. Staat und Wissenschaft müssten sich stärker mit "Unrechtsnetzwerken" auseinandersetzen, die sexualisierte Gewalt begünstigten und in einigen Situationen überhaupt erst in größerem Ausmaß ermöglichten, schreiben der Staatsrechtler Stephan Rixen und der Rechtsanwalt Ulrich Wastl in einem am Montag veröffentlichten Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Sie plädieren insbesondere für neue Kooperationsstrukturen zwischen Behörden, Forschung und Präventionsarbeit.
Rixen und Wastl würdigen Aufarbeitungsbemühungen und Studien, die seit der Enthüllung der Missbrauchsfälle am katholischen Berliner Canisius-Kolleg 2010 in Gang gebracht wurden. Dabei sei es zwar zentral gewesen, dass in erster Linie die Betroffenen in den Blick genommen worden seien. Zugleich hätte durch Aufarbeitung aber auch Präventionsarbeit angestoßen werden können.
Kaum beachtet wurden aus Sicht der Juristen Täternetzwerke. Es sei jedoch wichtig, diese stärker zu erforschen. In Netzwerken potenziere sich die Gefährlichkeit von Einzeltätern, und es zeige sich, wie sie unbemerkt agieren könnten. "Dass international operierende Netzwerke existieren, die sexuellen Missbrauch Minderjähriger organisieren, haben in jüngerer Zeit nicht zuletzt die bis nach Europa reichenden Ereignisse verdeutlicht, die mit den Namen Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell verbunden sind", mahnen die Autoren. "Der Blick auf die Netzwerke richtet das Licht daher nicht nur auf die Täter, sondern auch auf die Menschen, die in einer Organisation Taten ermöglichen, weil sie (potentielle) Täter schützen oder gewähren lassen."
Um solche Strukturen wirksamer zu bekämpfen, verlangen Rixen und Wastl konkrete Schritte. Sie fordern einen neuen, von Bund und Ländern organisierten Runden Tisch zum Thema Missbrauchsnetzwerke. Er solle von der Unabhängigen Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch moderiert werden und Vertreter von Justiz, Polizei, Prävention, Betroffenenberatung, Aufarbeitung und Forschung zusammenbringen. Außerdem sprechen sich die Autoren für eine verstärkte Förderung der Forschung aus. Insbesondere interdisziplinäre Studien zu Netzwerken sexualisierter Gewalt benötigten mehr Ressourcen.
Darüber hinaus müsse sich auch die Wissenschaft kritisch mit ihrer eigenen Rolle auseinandersetzen. In der Vergangenheit hätten einzelne wissenschaftliche Diskurse oder Ansätze missbräuchliche Praktiken indirekt begünstigt. Schließlich dürfe sich die Forschung nicht allein auf Täter und Unterstützer konzentrieren, sondern müsse vor allem die Betroffenenperspektive einnehmen. "Was Täter und andere Akteure, die im 'Lager' der Täter stehen, tun, hat oft lebenslange Auswirkungen auf Betroffene. Die Folgen der Tat werden sich nur differenziert benennen lassen, wenn den Betroffenen und ihrer Darstellung des Geschehens Raum gegeben wird."
Die Autoren zählen zu den bekanntesten Juristen im Umgang mit sexuellem Missbrauch in Deutschland. Der Kölner Staatsrechtler Rixen ist Mitglied der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Der Rechtsanwalt Wastl gehört zur Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW), die für mehrere kirchliche Missbrauchsgutachten verantwortlich zeichnet.