Bonn (KNA) Der Judaist Christian Rutishauser dringt auf mehr religiöse Bildung. Jeder Einzelne müsse lernen, selbst in seiner Religion verwurzelt zu sein, sagte der diesjährige Träger der Buber-Rosenzweig-Medaille am Freitag in Bonn und plädierte für "Bildung, Bildung, Bildung". Für ein g ...
Bonn (KNA) Der Judaist Christian Rutishauser dringt auf mehr religiöse Bildung. Jeder Einzelne müsse lernen, selbst in seiner Religion verwurzelt zu sein, sagte der diesjährige Träger der Buber-Rosenzweig-Medaille am Freitag in Bonn und plädierte für "Bildung, Bildung, Bildung".
Für ein gelingendes Zusammenleben der Religionen und auch in der Gesellschaft müssten Menschen sich gegenseitig wertschätzen, eine "ganz konkrete Form des Respekts" einüben und verstehen, dass man auf andere verwiesen sei. Dialog sei eine Alternative zur Gewalt, betonte der Jesuit aus der Schweiz.
Der islamische Theologe Mouhanad Khorchide sagte, Religion sei dann eine Ressource, wenn man sie so verstehe, dass Gott auf das Zutun der Menschen und ihr Verständnis von der Verantwortung in der Welt angewiesen sei. Ein Islam, der einen Absolutheitsanspruch vertrete, werde keine Ressource sein können.
Es müsse gelingen zu zeigen, warum Religion eine Bereicherung für die Gesellschaft sein könne, sagte Khorchide. Er wünsche sich, dass die Anhänger der drei abrahamitischen Religionen Islam, Judentum und Christentum Verantwortung füreinander übernähmen.
Rutishauser und Khorchide, künftiger Dekan der geplanten bundesweit ersten islamisch-theologischen Fakultät an einer staatlichen Hochschule in Münster, äußerten sich auf einer Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.
Bis Samstag geht es dabei um das Heilige Land, den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland und den Beitrag von Christen, Juden und Muslimen dafür. Hintergrund ist die Situation seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem folgenden Gazakrieg.
In der Folge war der Antisemitismus auch in Deutschland stark angewachsen: Das Bundeskriminalamt verzeichnete bei den antisemitisch motivierten Straftaten im Jahr 2024 hierzulande einen Höchststand mit rund 6.200 Delikten. 2023 waren es etwa 5.200. So beklagte Rabbinerin Alisa Bach eine Aggressivität des Antisemitismus und ein nachlassendes Sicherheitsgefühl.
Torsten Lattki, Studienleiter beim Deutschen Koordinierungsrat, beklagte, dass es häufig ein Schwarz-Weiß-Denken und Unkenntnis gebe. Die Ereignisse in der Nahost-Region gefährdeten jüdisches Leben etwa in Deutschland.
Jüdinnen und Juden gerieten kollektiv unter Generalverdacht und Rechtfertigungsdruck für Entscheidungen der israelischen Politik und Geschehnisse in Nahost. Insgesamt müsse wieder differenzierter gesprochen werden, forderte Lattki.
Rutishauser betonte, dass es weder auf der jüdisch-israelischen noch auf der arabischen beziehungsweise palästinensischen Seite "einheitliche Blöcke" gebe. Jüdinnen und Juden sowie der Staat Israel würden mit "unheimlich vielen Klischees" überzogen - sowohl mit positiven als auch mit negativen. Dieser Umstand schaffe Räume, die von der Realität abgekoppelt seien.