Marbach am Neckar (KNA) Die ostdeutsche Schriftstellerin Helga Schubert hat in ihrer Schillerrede zu Selbstvertrauen und eigenständigem Denken ermutigt. Schubert, die in der DDR als Psychotherapeutin und freie Schriftstellerin arbeitete und von 1975 bis 1989 von der Stasi beobachtet wurde, sagt ...
Marbach am Neckar (KNA) Die ostdeutsche Schriftstellerin Helga Schubert hat in ihrer Schillerrede zu Selbstvertrauen und eigenständigem Denken ermutigt. Schubert, die in der DDR als Psychotherapeutin und freie Schriftstellerin arbeitete und von 1975 bis 1989 von der Stasi beobachtet wurde, sagte am Sonntag im Deutschen Literaturarchiv in Marbach: "Ich bin eine Spottdrossel, eine freie Spottdrossel". Sie gehöre niemandem, betonte die 86-jährige Autorin.
Baden-Württembergs Kunstministerin Petra Olschowski (Grüne) würdigte Schubert als eine Schriftstellerin, die in der DDR persönlich erfahren habe, "was Zensur, Überwachung und Einschränkung der Meinungsfreiheit bedeutet". Sie sei immer wieder mit Veröffentlichungsverboten belegt worden. Von Dezember 1989 bis März 1990 war sie Pressesprecherin des Zentralen Runden Tisches in Ostberlin und bereitete die ersten freien Wahlen mit vor.
Mit Blick auf die DDR sagte Schubert: "Diese damals über uns Herrschenden, die uns im wahrsten Sinne des Wortes eingemauert hatten, obwohl genau genommen nur Westberlin von ihnen eingemauert worden war, fühlten sich von vielem bedroht: Darum gab es keine freien Wahlen, keine wirklich anderen Parteien, möglichst keine Christen an den Universitäten."
Das Literaturarchiv bezeichnete Schubert als nüchterne Chronistin des ostdeutschen Alltags, die es verstehe, auf einzigartige Weise vom Widerstand und der Sehnsucht nach Freiheit zu erzählen. Mit der Schillerrede wird jährlich an den am 10. November 1759 in Marbach geborenen Dichter Friedrich Schiller erinnert.
Darin würdigte Schubert den 1805 in Weimar gestorbenen Dichter teils anerkennend, teils kritisch distanziert - und sprach ihn etwa mit "Sehr verehrter Herr Professor von Schiller" an: "Sie zeigten die Abgründe der Menschen in aller Nacktheit, ihre Intrigen, ihre Mordlust. Sie hatten nicht vor, andere Menschen in ihrer Not zu ermutigen. Eigentlich sind Sie ein schonungsloser Realist." Sie aber sei "eine Frau, die Ermutigung braucht".
Schubert sagte: "Manchmal, Friedrich Schiller, ist es nämlich keine Lösung, auf Hindernisse und Tyrannen nur aufmerksam zu machen und sie zu töten, es braucht Ermutigung, Ermutigung für sich selbst und für andere Menschen, Vertrauen in die eigene Kraft", so Schubert. "So war das mit unserer friedlichen Revolution vor 37 Jahren im Osten."
Schubert sagte, sie sei Schiller in der Zeit seiner "wilden Jugend" am nächsten, während sie sich im zweiten Teil seines Lebens - "verheiratet, sesshaft, als Goethes Freund, als Weimarer Klassiker, Vertreter des Idealismus" - von ihm entfernt habe. "Es ist mein Diktaturschaden, dass ich Pathos nicht ertrage."