Berlin (KNA) Die SPD-Fraktion will der geplanten Pflegereform von Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) im Bundestag nicht zustimmen - und löst mit dieser Ankündigung eine erneute Debatte über die Pflege aus. Linnemann sagte am Sonntagabend im "Bericht aus Berlin"/ARD-Hauptstadtstudio, ...
Berlin (KNA) Die SPD-Fraktion will der geplanten Pflegereform von Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) im Bundestag nicht zustimmen - und löst mit dieser Ankündigung eine erneute Debatte über die Pflege aus. Linnemann sagte am Sonntagabend im "Bericht aus Berlin"/ARD-Hauptstadtstudio, niemand wolle Kürzungen. "Man kann kürzen, man kann aber auch sagen, wir schaffen Bilanzwahrheit."
SPD-Fraktionschef Matthias Miersch sagte der "Bild am Sonntag", der aktuelle Vorschlag aus dem Gesundheitsministerium sei vor allem ein Kürzungspaket: "Die notwendigen Strukturreformen fehlen bislang." Nichts hindere das Ministerium daran, sie jetzt vorzulegen. "Ein reines Kürzungspaket macht die SPD-Bundestagsfraktion so nicht mit."
Pflege bezeichnete Miersch als eine Aufgabe der ganzen Gesellschaft. "Deshalb müssen dazu auch Privatversicherte ihren gerechten Beitrag leisten. Hier erwarte ich konkrete Vorschläge aus dem Gesundheitsministerium."
Nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios übermittelte der saarländische Gesundheitsminister Magnus Jung (SPD) seinen Ressortkolleginnen und -kollegen in den Ländern ein Konzept für einen Pflegedeckel. Die SPD wolle sich diesen Vorschlag zu eigen machen.
Nach ARD-Angaben setzt der Pflegedeckel, den zuvor schon die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) angeregt hatte, beim sogenannten einrichtungseinheitlichen Eigenanteil an. In einer ersten Stufe wolle die Partei diesen Anteil auf maximal 1.500 Euro begrenzen. Das könne die persönlichen Kosten im ersten Jahr des Aufenthalts um rund 275 Euro pro Monat verringern. In späteren Jahren würde der Deckel kaum noch Einsparungen bringen, weil dann der Anteil wächst, den die Pflegeversicherung beisteuert.
Linnemann sagte, der Staat habe "faktisch in die Pflegekasse gegriffen, während Corona, die Pflegeversicherung hat fünf Milliarden dem Staat aus guten Gründen geliehen". Es habe damals die Zusage gegeben, dass das Geld zurückkomme. "Wenn das Geld jetzt aus dem Finanzministerium beispielsweise zurückkommt, hätten wir mehr Spielraum, als wir heute haben."
Zum Pflegedeckel sagte Linnemann: "Die Wahrheit ist, man würde 300 Euro sparen, denn die 1.500 Euro werden angesetzt von den Pflegekosten, von den pflegebedingten Kosten, das sind: 1.800 minus 1.500 sind 300. Der Eigenanteil würde aber irgendwo zwischen 3.000 und 4.000 Euro liegen, egal wo in Deutschland oder je nachdem, wo sie in Deutschland in der stationären Pflege sind." Linneman möchte Ende Oktober eine Kommission einrichten, "die strukturell die Pflegeversicherung fit machen soll für die 30er Jahre".
Bereits am Freitag hatte SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf auf Instagram erklärt, seine Partei akzeptiere "keine Leistungskürzungen auf dem Rücken der Menschen". Pflege dürfe nicht zum finanziellen Risiko für Pflegebedürftige und ihre Familien werden.
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz begrüßt die Vorstöße. "Es ist gut, dass die SPD bei der geplanten Pflegegesetzgebung jetzt die Reißleine zieht", sagte Vorstand Eugen Brysch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Eine zukunftssichere und generationengerechte Finanzierung müsse Berechenbarkeit schaffen: "Hier sind der Eigenanteil für die reine Pflege zu deckeln und die Versicherungszuschüsse für die Hilfsbedürftigen daheim parallel zur Kostenentwicklung anzupassen."
Die Vorständin des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Ramona Pop, sagte der "Rheinischen Post" von Sonntag, online: "Leistungen zu kürzen, Kosten auf Pflegebedürftige und Angehörige abzuwälzen und zentrale Versprechen aus dem Koalitionsvertrag hinauszuzögern, wie die Begrenzung der Eigenanteile für Pflegeheimbewohner, sind der falsche Weg."
Der durchschnittliche Eigenanteil für einen Platz im Pflegeheim liegt nach Angaben des Verbands der Ersatzkassen (vdek) bundesweit im ersten Jahr durchschnittlich bei 3.364 Euro im Monat. Weil immer mehr Pflegeheimbewohner das nicht zahlen können, rutschen sie in die Sozialhilfe. Das belastet wiederum die Kommunen stark.
Die gesetzliche Pflegeversicherung deckt nur einen Teil der Kosten der Pflegebedürftigkeit ab. Der Eigenanteil der Heimbewohner setzt sich zusammen aus pflegebedingten Kosten, darunter auch Personalkosten, den Kosten für Unterkunft und Verpflegung sowie einem Anteil an den Investitionskosten.