Berlin (KNA) Historisch schlechte Ergebnisse deutscher Schüler in der aktuellen Pisa-Studie lassen Rufe nach mehr Anstrengungen in der Bildungspolitik laut werden. Nach der am Dienstag in Berlin vorgestellten jüngsten Ausgabe der internationalen Vergleichsstudie liegen die Leistungen in Deutsc ...
Berlin (KNA) Historisch schlechte Ergebnisse deutscher Schüler in der aktuellen Pisa-Studie lassen Rufe nach mehr Anstrengungen in der Bildungspolitik laut werden. Nach der am Dienstag in Berlin vorgestellten jüngsten Ausgabe der internationalen Vergleichsstudie liegen die Leistungen in Deutschland noch unter dem Niveau von 2000, dem Jahr des sogenannten Pisa-Schocks. Auch hängt der Bildungserfolg nach wie vor stärker vom familiären Hintergrund ab als in den meisten anderen Ländern. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) sprach von einem "dramatischen Ergebnis".
Mit Werten von 486 Punkten in Naturwissenschaften, 465 Punkten beim Lesen und 464 Punkten in Mathematik lag Deutschland in etwa im Durchschnitt der Länder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Allerdings lagen die Leistungen von Schülern mit einem förderlichen familiären Hintergrund in den Naturwissenschaften um 125 Punkte über denen benachteiligter Schüler. Dieser Abstand war deutlich größer als im OECD-Schnitt von 85 Punkten.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte ein "radikales Umsteuern". "Es ist ein handfester Skandal, dass wir in Deutschland nach wie vor solche Probleme mit Chancenungleichheit und Bildungsungerechtigkeit haben", sagte GEW-Vorstandsmitglied Anja Bensinger-Stolze. Sie schlägt einen "Masterplan gegen Bildungsarmut und soziale Ungerechtigkeit" vor.
Der Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, Jörg F. Maas, erklärte, Deutschland habe bei der Bildung kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. "Wir wissen längst, was wirkt. Jetzt brauchen wir eine verbindliche Förderkette, die in der Familie beginnt und über Kita, Grundschule und weiterführende Schule hinweg nicht abreißt", sagte Maas der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Eltern müssten früh und niedrigschwellig erreicht werden: "Mit mehrsprachigen Informationen, Buchgeschenken und der klaren Botschaft, dass zehn Minuten Vorlesen am Tag so selbstverständlich zum Familienalltag gehören sollten wie das Zähneputzen", so Maas.
Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, verwies auf rückläufige Buchkäufe unter Jugendlichen: "Viele junge Menschen in Deutschland erreichen beim Lesen nicht das Kompetenzniveau, das sie für eine selbstbestimmte Teilhabe an Bildung und Gesellschaft benötigen."
Der Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks, Holger Hofmann, sagte, erfolgreiche Pisa-Länder investierten ihre Ressourcen vor allem in Kinder und Schulen mit schwierigen Rahmenbedingungen.
Ministerin Prien sagte, es sei außerordentlich beunruhigend, dass Pisa zeige, dass die soziale Schere weiter aufgehe. Bildung müsse zu einer Top-Priorität werden, auch in den Familien. Bereits umgesetzte Schritte wie das Startchancen-Programm für Schulen mit vielen benachteiligten Schülern oder der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in Grundschulen bräuchten jedoch Zeit, bis sie wirkten. Auch frühkindliche Bildung nehme man stärker in den Blick.
Die Präsidentin der Bildungsministerkonferenz, Anna Stolz, sagte, Bund und Länder würden mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung reagieren. Im Herbst 2027 starte etwa das Programm "Stars" an Grundschulen zur gezielten Förderung in den ersten beiden Klassen. Auch müsse man das Thema Lehrkräftebildung angehen, so die bayerische Kultusministerin von den Freien Wählern.
OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher blickte auf andere Staaten. Deutschland könne zum Beispiel von Kanada die Integration von Schülern mit Migrationshintergrund lernen, sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" von Mittwoch. "In Kanada können Sie innerhalb von zwei Jahren diesen Hintergrund kaum noch erkennen. Grund dafür sind intensive Förderprogramme. In Deutschland fallen einfach zu viele junge Menschen durch das Raster. In Kanada würde so etwas durch datengestützte Instrumente sofort auffallen."
Der Verband Bildung und Erziehung erklärte, die Pisa-Ergebnisse seien eine Quittung für gesellschaftliche Entwicklungen. "Das Aufwachsen in einer digitalen Umgebung, das damit einhergehende Umgehen mit Texten und künstlicher Intelligenz und die sinkenden Möglichkeiten familiärer Unterstützung wirken in die Schule", sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft, Tomi Neckov.
Er warnte vor einem weltweit zu beobachtenden Rückgang der Lesekompetenz: "Wo das Bewerten, Verknüpfen und Reflektieren nicht mehr gelingt, haben Fake News leichtes Spiel. Das ist eine Gefahr für unser Zusammenleben und die Demokratie."
Die Schüler Union Deutschlands sieht die Bundesländer in der Pflicht. Sie forderte die Länder auf, Grundkompetenzen wieder konsequent zum Maßstab von Bildungspolitik zu machen. "Dazu gehören verbindliche und regelmäßige Lernstandskontrollen bereits in der Grundschule, eine frühzeitige und gezielte Förderung leistungsschwacher Schülerinnen und Schüler sowie eine stärkere Konzentration auf Unterrichtsqualität und Basiskompetenzen."