Berlin (KNA) Rund drei Viertel der Obdach- und Wohnungslosen haben laut Einschätzung eines Forschers eine psychische Erkrankung. "Die Menschen werden meistens erst psychisch krank, verlieren dann ihre Wohnung und leben in der Folge auf der Straße", erklärte Stefan Gutwinski, Professor an der ...
Berlin (KNA) Rund drei Viertel der Obdach- und Wohnungslosen haben laut Einschätzung eines Forschers eine psychische Erkrankung. "Die Menschen werden meistens erst psychisch krank, verlieren dann ihre Wohnung und leben in der Folge auf der Straße", erklärte Stefan Gutwinski, Professor an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Umgekehrt gebe es auch Psychosen, Angst- und Suchterkrankungen oder Traumata, die etwa in 40 Prozent der Fälle erst dann aufträten, wenn Menschen schon länger auf der Straße lebten. "Aber vor allem die schweren psychiatrischen Erkrankungen entstehen meistens schon vor der Wohnungslosigkeit", erklärte Gutwinski.
Oftmals seien sie gekoppelt mit anderen Belastungen. Studien hätten etwa gezeigt, dass rund ein Viertel der Obdach-und Wohnungslosen keinen Schulabschluss haben oder aus Pflege- oder Adoptionsfamilien stammen. "Die Menschen, die auf der Straße leben, sind häufig einem Hilfesystem wie etwa dem Jugendamt schon vorher bekannt gewesen", sagte Gutwinski.
Er plädierte für weitergehende Unterstützung. "Wenn man diese Menschen gut versorgen will, muss man sich auch darüber im Klaren sein, dass die Verfügungsstellung von Nahrung, Essen und einer Wohnung manchmal eben nicht ausreichen. Es sollte gekoppelt werden mit sozialarbeiterischen, psychotherapeutischen und psychiatrischen Angeboten."
Krankenhäuser könnten obdachlose Patienten, die psychiatrisch versorgt werden müssten, nicht unbegrenzt aufnehmen. "Es muss für sie eine Pflichtversorgung in der ambulanten Versorgung geben", forderte der Experte. "Wir haben Patienten, die eine chronische Psychose oder eine chronische Depression haben, und können die auch behandeln. Aber niemand ist im ambulanten Bereich verpflichtet, diese Menschen anschließend zu betreuen, sodass einige Personen nicht in Einrichtungen ankommen, sondern auf der Straße leben."
Dieses Problem werde zur Zeit eher größer. "Wir müssen mittlerweile Patienten in die Obdachlosigkeit entlassen; wir erleben, dass Patienten die Behandlung abbrechen, die keine Wohnung mehr haben. Und auch dass Patienten, die sich schwer tun, Regeln einzuhalten, immer häufiger ihre Wohnung verlieren", so Gutwinski.
Daher bedürfe es mehr staatlicher Anstrengung, um mehr Sozialwohnungen bereitzustellen. "Deutschland hatte mal vier Millionen Sozialwohnungen, jetzt sind es weniger als eine Million", mahnte Gutwinski. "Der Staat sollte Lösungen finden, oder wollen wir Zustände akzeptieren, dass diese Menschen alle auf den Straßen leben?"
Ohne Lösung im Wohnungsbereich werde es immer mehr obdachlose Menschen mit psychischen Problemen geben, warnte Gutwinski. "Situationen, wie wir sie an den großen S- und U-Bahnhöfen bereits haben in Berlin, wird es in den nächsten zehn Jahren öfter geben."
Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 die Obdachlosigkeit hierzulande zu überwinden. Laut Schätzungen leben 50.000 Menschen auf der Straße, mindestens 600.000 sind verdeckt wohnungslos: Sie haben eine vorübergehende Bleibe, leben etwa bei Freunden oder Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe.