Berlin (KNA) Der Philosoph Jürgen Habermas ist mit 96 Jahren in Starnberg gestorben. Die Spitzen des Staates würdigen ihn einhellig als bedeutenden Philosophen der Gegenwart und als einflussreichen Intellektuellen. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nannte Habermas einen "Meisterdenker und Ph ...
Berlin (KNA) Der Philosoph Jürgen Habermas ist mit 96 Jahren in Starnberg gestorben. Die Spitzen des Staates würdigen ihn einhellig als bedeutenden Philosophen der Gegenwart und als einflussreichen Intellektuellen. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nannte Habermas einen "Meisterdenker und Philosophen der Bundesrepublik".
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schrieb an Habermas' Kinder: "Ich weiß, die politischen Entwicklungen in Deutschland und Europa haben ihn bedrückt und zweifeln lassen, zumal er bei nachlassenden Kräften den Anspruch hatte, sein Wort gegen Gewalt und Unrecht zu stellen." Deutschland verliere mit Habermas "einen großen Aufklärer, der die Widersprüche der Moderne durchmessen hat". Er habe "uns das Ethos des demokratischen Diskurses gelehrt und die Emanzipation des Menschen als unaufgebbares Ziel begründet".
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sprach von einem der bedeutendsten Denker unserer Zeit und einem "Leuchtfeuer in tosender See", Bundestagspräsidentin Julia Klöckner von einem der bedeutendsten Intellektuellen der Gegenwart. Sein Werk erinnere uns daran, dass Demokratie mehr ist als Mehrheiten, sondern "die gemeinsame Suche nach besseren Gründen".
Der Linken-Politiker Gregor Gysi würdigte Habermas' messerscharfe Analyse, der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, die Weite seines Denkens und seine visionäre Kraft. Kulturstaatsminister Weimer sagte, Habermas habe die geistigen Grundlagen unserer Demokratie geprägt. Mit seiner Diskurstheorie habe er "ein Gehäuse für den offenen Meinungsstreit und Toleranz" geschaffen. Deutschland werde seine Stimme vermissen.
Geboren wurde Habermas am 18. Juni 1929 in Düsseldorf. Er studierte Philosophie, Geschichte, Psychologie, Deutsche Literatur und Ökonomie in Göttingen, Zürich und Bonn. Dort erlangte er 1954 die Doktorwürde. Auf Einladung von Theodor Adorno begann er in den 1950er Jahren als Assistent am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Habermas war einer der bekanntesten Vertreter der Kritischen Theorie der Gesellschaft, die aus der "Frankfurter Schule" hervorgegangen war.
Als Universitätsprofessor für Philosophie beziehungsweise Soziologie lehrte Habermas in den 1960er und 1970er Jahren erst in Heidelberg und dann in Frankfurt am Main. Als Wissenschaftler wurde er im Zuge der Studentenbewegung einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.
Von 1971 bis 1983 war er Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg. 1983 kehrte er wieder als Philosophieprofessor an die Frankfurter Universität zurück.
Neben zahlreichen Auszeichnungen - darunter der Heine-Preis - und Ehrendoktorwürden im In- und Ausland erhielt Habermas 2001 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die Jury würdigte, er habe vor allem in den 70er Jahren "innovative Diskussionen" in den Sozialwissenschaften gefördert.
Allerdings nahm Habermas nicht alle Auszeichnungen an: 2021 lehnte er den Zayed Book Award der Vereinigten Arabischen Emirate ab. Als Begründung führte er die sehr engen Verbindungen der preisverleihenden Institution mit dem politischen System in den Emiraten an.
Habermas äußerte sich nicht nur zu gesellschaftlichen Fragen wie 2017 mit seiner Ablehnung einer Leitkultur oder 2022 zum Ukraine-Krieg, sondern auch zu religiösen Themen. Der Bischofskonferenz-Vorsitzende Wilmer erklärte, unvergessen sei Habermas' Dialog mit Kardinal Joseph Ratzinger 2004, "der gezeigt hat, dass die Theologie nicht ohne die Philosophie und die Philosophie nicht ohne die Theologie bestehen kann". Ratzinger wurde im Jahr darauf Papst.