Würzburg (KNA) Der katholische Bischof von Speyer, Karl-Heinz Wiesemann (65), hat sich offen zu seiner Depressions-Erkrankung bekannt. Diese Erfahrung habe auch seinen Glauben verändert und seinen Blick stärker auf die Bruchstellen des menschlichen Lebens gelenkt, sagte der Bischof am Donners ...
Würzburg (KNA) Der katholische Bischof von Speyer, Karl-Heinz Wiesemann (65), hat sich offen zu seiner Depressions-Erkrankung bekannt. Diese Erfahrung habe auch seinen Glauben verändert und seinen Blick stärker auf die Bruchstellen des menschlichen Lebens gelenkt, sagte der Bischof am Donnerstagabend in Würzburg.
Wiesemann äußerte sich bei einem Forum des Deutschen Katholikentags, das für den NDR-Podcast "Raus aus der Depression" aufgezeichnet wurde. Der Wissenschafts-Podcast wird seit 2021 vom Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Ulrich Hegerl, und vom Entertainer Harald Schmidt produziert, um über Depressionen aufzuklären. Bislang gibt es mehr als 40 Folgen. Der Talkmaster ist Schirmherr der Stiftung.
Im Februar 2021 hatte der Speyerer Bischof aus gesundheitlichen Gründen eine sieben Monate dauernde Auszeit genommen, inklusive zwei Monaten Klinikaufenthalt. Als Grund nannte Wiesemann damals, dass er "schon längere Zeit die Grenzen meiner körperlichen und psychischen Belastbarkeit immer mehr gespürt habe und mir die großen Anforderungen an das Bischofsamt angesichts der enormen Umbruchsituation, in der wir als Kirche wie auch als Gesellschaft stehen, immer mehr zur Last geworden sind".
In Würzburg betonte der Theologe, der seit 2007 Bischof von Speyer ist, dass die Erkrankung einen langen Vorlauf gehabt habe. Schon länger habe er gemerkt, dass ihm die Krise der Kirche und das Verschwinden der traditionellen Kirchlichkeit zugesetzt hätten. Auslöser seiner Erkrankung seien auch ein hohes Ideal als Priester und Bischof und eine ständige Überforderung gewesen, so Wiesemann.
Er sei mit großer Begeisterung und auch Naivität Priester geworden; die Realität in Kirche, Gemeinden und bei den katholischen Familien habe dann vielfach anders ausgesehen. Finanzprobleme und Änderungsprozesse im Bistum sowie vor allem der Missbrauchsskandal in der Kirche seien ihm dann so sehr an die Nieren gegangen, dass er krank geworden sei.
In der Depression habe er Ohnmachtsgefühle, tiefe Hoffnungslosigkeit und die Brüchigkeit des eigenen Glaubens gespürt. "Ich habe gelernt, mit Ohnmachtserfahrungen umzugehen, Hilfe anzunehmen und mich auf das Positive, auf das Schöne in der Welt zu konzentrieren", sagte der Geistliche mit Blick auf seine Auszeit. Es gehe nicht darum, immer besser zu funktionieren, sondern man müsse auch seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche wahrnehmen.
"Es war eine Zeit, die für mich nicht einfach, aber notwendig war", sagte der Bischof. Während der Krankheitsphase seien ihm seine Schwächen und Grenzen, aber auch seine Stärken und Kraftquellen wieder deutlicher bewusst geworden. Zu den Kraftquellen zählten der Glaube, aber auch das Gefühl, von anderen Menschen getragen zu werden. "Ich glaube, dass der liebe Gott über viele Kanäle arbeitet."
Wiesemann kritisierte, sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft herrsche ein Drang zu Perfektionierung und Selbstoptimierung. Kirche könne aber mit ihrem Gottesbild dazu beitragen, dass die Menschen Begrenztheiten und Endlichkeit annehmen könnten.
Hegerl, der Professor für Psychiatrie an der Uni Frankfurt ist, erklärte, es sei keine Schwäche, sich in einer beginnenden Depression möglichst schnell Hilfe von außen zu holen. "Depressionen sind eigenständige, schwere Erkrankungen und mehr als eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände."
In Deutschland erkrankt etwa jede fünfte Person mindestens einmal in ihrem Leben an einer Depression. Innerhalb eines Jahres sind das nach Schätzungen um die 6,2 Millionen Menschen. Experten gehen aber von einer hohen Dunkelziffer aus.