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© Maksym Fesenko / Shutterstock.com

Wie die Füße das Beten lernten: Die Geschichte des Pilgerns

Warum pilgern Menschen? Was unterscheidet Pilgern von Wallfahren? Hier erfahren Sie alles zu Ursprung und Bedeutung des Pilgerns

Vom Pilgern ist heute viel die Rede. Während die eine da gedanklich mit der Muschel am Rucksack durch Nordspanien zieht, erinnert sich der Nächste an die jährliche Motorradtour zum Marien-Gnadenbild in Werl oder die Busreise nach Rom. Wieder einer geht am Sonntagnachmittag für zwei Stündchen auf dem benachbarten Wanderweg auf Pilgerschaft. Ganz schön vielfältig, was hinter dem so klar daherkommenden Begriff steckt. Was aber meint das eigentlich genau: pilgern?

 

Praxis mit langer Tradition

Alle großen Weltreligionen blicken auf eine lange Pilger-Tradition zurück. Als spirituelle Praxis hat es im Christentum einen besonderen Stellenwert. Bereits in der Bibel finden sich viele Textpassagen, die das Unterwegssein zum Thema haben. So bricht Abraham in das verheißene Land Kanaan auf und erlebt im Rahmen der Wanderschaft seine tiefe Verbindung zu Gott. Immer wieder ist im Alten Testament von Wallfahrten die Rede, in den fünf Büchern Mose oder den sogenannten Wallfahrtspsalmen (Ps 120-134). Auch Jesus bricht als jüdischer Pilger zum Pessachfest nach Jerusalem auf.

Mit der Ausbreitung des Christentums entwickelte sich die Tradition, aus Gründen des Glaubens in die Ferne zu ziehen – um auf diesem Weg etwa um Heilung zu bitten, Buße zu tun, ein Gelübde zu erfüllen, Dank zu sagen oder sich geistig zu vertiefen. Pilgerstätten im Heiligen Land, allen voran Jesu Grab in Jerusalem, sowie Rom mit der vermutlichen Grabstätte von Petrus und Paulus waren früh begehrte Ziele. Ab dem 9. Jahrhundert pilgerten immer mehr Christen auch nach Santiago de Compostela, wo der Apostel Jakobus begraben sein soll. Ein ausgezeichnetes Herbergen-Netz macht den Jakobsweg bis heute zu einem der führenden Pilgerwege Europas.

Zu Fuß oder auf zwei Rädern unterwegs

Im Mittelalter erlebte das Pilgerwesen einen enormen Aufschwung. Zahlreiche Pilgernde waren neben Reisenden und Händlern auf den großen europäischen Fernwegen unterwegs, meist zu Fuß. Das Pilgern hielt schließlich sogar Einzug in die Strafkataloge weltlicher Gerichte. Und man konnte Berufspilger beauftragen, die beschwerliche Reise stellvertretend aufzunehmen. Vorstellungen, die mit dem heutigen Pilgern, bei dem es viel um freiwillige Selbsterfahrung geht, nur schwer zusammengehen.

In den letzten Jahrhunderten nahm außerdem die Bedeutung von Marienwallfahrten zu, etwa nach Lourdes oder Fátima. Auch die Werler Wallfahrt zum Marienbild der „Trösterin der Betrübten“ hat eine über 360-jährige Geschichte. Was die Wahl der Verkehrsmittel angeht, gibt es heute ganz unterschiedliche Möglichkeiten, unterwegs zu sein: von traditionellen Weitwanderungen zu Fuß über Fahrrad- und Motorrad-Wallfahrten bis zur Fernreise mit dem Flieger oder dem bequemen Reisebus.

Pilgern und Wallfahren – Wortherkunft

Was schon beim Blick in die Geschichte auffällt: Mal ist in den Quellen von Pilgern, mal von Wallfahrern die Rede. Nicht selten werden die Begriffe synonym genutzt. Fragt sich: Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen den Praktiken? In den bereisten heiligen Stätten oder auf den Wegen dorthin, in der Art der Fortbewegung, der inneren Haltung – ob man allein oder in Gruppen aufbricht?

Etymologisch geht das Wort „Pilger“ über althochdeutsch „piligrim“ auf das lateinische „peregre“ zurück, das „aus der, in der, in die Ferne“ bedeutet. Ursprünglich kommt es von „per ager“, „über den Acker“, also über den eigenen Acker, das eigene Siedlungsgebiet hinausgehend. Ein Pilger ist demnach erst einmal jemand, der das Heimische verlässt und in die Fremde zieht.

Der „Wallfahrer“ hat sich aus dem mittelhochdeutschen „wallen“ für „wandern, umherziehen“ entwickelt. Historisch bergen beide Begriffe die Idee der Bewegung und des Unterwegsseins in sich. Ihre spirituelle Dimension hat sich mit der Entwicklung der religiösen Praktiken ausgebildet.

Ist Pilgern und Wallfahren das gleiche?

In der modernen Pilger-Literatur werden „pilgern“ und „wallfahren“ gerne durch die damit verbundene Haltung unterschieden: Sind beide Reiseformen als Praktiken des Glaubens religiös motiviert, so sei der Fokus ein anderer, heißt es dort. Während die Wallfahrt vor allem auf das Ziel, einen Ort mit besonderer religiöser Bedeutung, ausgerichtet sei, oft auch in Gruppen unternommen werde, stünden beim Pilgern der Weg dorthin, mithin die eigenen Erlebnisse unterwegs und die Selbsterfahrung im Mittelpunkt. Was viel Raum für individuelle Spiritualität lässt und die metaphorischen Dimensionen des Begriffs eröffnet, in denen man Gott weiß wohin pilgern kann.

Ob diese Unterscheidung immer so aufgeht, bleibt fragwürdig. So wird mancher Wallfahrer innerlich die achtsame und selbstreflektierte Haltung eines Pilgers einnehmen. Und wer etwa auf dem Jakobsweg unterwegs ist, merkt schnell, dass Pilgern eindeutig eine Erfahrung von Gemeinschaft und Begegnung ist. Das entspricht auch der Beobachtung von Markus Ende, der als Seelsorger die Wallfahrt Werl betreut: „90 Prozent der Menschen, die an der Marienwallfahrt teilnehmen, bezeichnen sich selbst auch als Pilger.“ Vielleicht auch, weil das Pilgern und mit ihm der Begriff – spätestens seit Hape Kerkelings Bestseller – als moderner gilt.

Auf spiritueller Wanderschaft

Apropos Modernität: Im Trend liegt seit einigen Jahren noch eine andere Bewegungsart mit langer Tradition: das Wandern. Das allerdings ist, bei allem damit verbundenen Naturgenuss, in erster Linie sportlich motiviert. „Beim Pilgern dagegen läuft eine spirituelle Komponente mit“, so Markus Ende. „Als Pilger gehst du Wege anders. Vorfreudig und aufgeschlossen für intensive Begegnungen. Gelassener, auch wenn du stärker aus deiner Komfortzone ausbrechen musst. Auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen.“ Nicht umsonst gilt Pilgern als Beten mit den Füßen. Eine körperlich wie geistig höchst intensive Erfahrung, der es vor allem um die authentische Präsenz des Selbst, Gottes und seiner Schöpfung geht. Eine Praxis der Vergegenwärtigung und der Gegenwärtigkeit, für die Begriffsgeschichten und historische Auswüchse der eigenen Tradition eher Nebensache sind.

© Julian Lopez Gonzalez / Shutterstock.com
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