Laden...

logocontainer-upper
logocontainer-lower
© fongbeerredhot / Shutterstock.com
© fongbeerredhot / Shutterstock.com

Studientagung Gefängnisseelsorge: Wie gehen wir mit Tätern um?

"Zur Freiheit berufen: Grenzen und Möglichkeiten im Vollzug“ - unter diesem Motto steht das Treffen vom 5. bis 9. Oktober 2026 im Liborianum. Im Interview hebt Referent Pater Christoph Wrembek SJ hervor, was Zuwendung bewirken kann.

Eingeladen zur Studientagung der Gefängnisseelsorge sind alle in der Gefängnisseelsorge Tätige, über 50 Teilnehmende aus allen deutschen Bistümern werden erwartet zu Gesprächen, Weiterbildung und einer politischen sowie kirchlichen Positionierung. In diesem Jahr übernimmt das Erzbistum Paderborn als gastgebendes Bistum die Organisation der geistlichen Angebote und die Gestaltung des Kulturprogramms am Donnerstag. Ein besonderer Programmpunkt wird die Vesper mit Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz am Donnerstagabend im Dom sein.

Pater Christoph Wrembek SJ ist langjährig tätiger Priesterseelsorger, Exerzitienbegleiter und Autor zahlreicher Bücher. In seiner theologisch-biblischen und seelsorglichen Arbeit widmet er sich menschlichem Scheitern und göttlicher Vergebung sowie der Frage nach einem Neuanfang. Als Referent bei der Jahrestagung stellt er sich in einem Workshop der Frage, wie wir aus christlicher Sicht mit Tätern umgehen sollten.

Seelsorger haben den Auftrag, die Botschaft, die Person Jesu selbst zu den Menschen zu tragen. Wir brauchen Heilige der Straße, denen die Menschen überall begegnen können, weil sie in schwierige Situationen hineingehen.“

Pater Christoph Wrembek SJ zur Aufgabe der Gefängnisseelsorgerinnen und -seelsorger
Redaktion

Pater Wrembek, an welcher Stelle Ihrer Biografie hatten Sie selbst Kontakt zur Gefängnisseelsorge?

Pater Wrembek

Schon während meiner Arbeit als Studentenseelsorger vor 50 Jahren in West-Berlin hatte ich einzelne Einsätze in Haftanstalten und habe erstmals Gefängnisgeruch geschnuppert. In meiner Zeit in Estland bin ich dann als Seelsorger durch einen Freund, der neun Jahre im Gefängnis verbracht hat, mehrfach in Strafvollzugsanstalten gewesen; ich habe auch Erfahrungen aus russischen Haftanstalten zu Ohren bekommen. In solchen Gefängnissen herrschen unvorstellbar grausame Zustände. Unsere Strafanstalten in West-Europa erscheinen dagegen wie Hotels mit Vollpension.

Redaktion

Welche Ziele verfolgen Strafvollzug und Gefängnisseelsorge?

Pater Wrembek

Strafe ist zunächst mal ein Ernstnehmen unserer menschlichen Freiheit und damit unserer eigenen Person. Jedes Handeln mündet in Konsequenzen. Jeder Mensch muss die Verantwortung für sein Handeln, die ihm wie uns allen aus Freiheit zukommt, übernehmen. Der Mensch soll erkennen, dass er verantwortlich ist, dass er Ursache war und sich schuldig gemacht hat, und deswegen auch an sich arbeiten sollte.

Es geht in der Gefängnisseelsorge vielleicht weniger darum, den Gefangenen zu „retten“, als diesen Menschen zu besuchen, ihm ein freundliches, zugewandtes Gesicht zu zeigen, also darum, ihn seine Menschenwürde und Gottes Barmherzigkeit erfahren zu lassen. So scheint es Jesus in den sieben Werken der Barmherzigkeiten zu formulieren: „Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.“

Die Gefängnisseelsorge will den Menschen zu sich selbst zurückführen und ihn, wenn möglich, langfristig in heile Gemeinschaften integrieren, in denen er nach dem Strafvollzug hoffentlich aufgefangen wird. Auf dem Grund jeder Seele liegt ein Verlangen nach Gott, auch wenn das nicht immer bewusst ist oder ausgesprochen werden kann. Die Aufgabe der Seelsorge ist es hier, dem Gefangenen – der Mensch ist wie wir alle – die tröstenden, vergebenden Worte Jesu aufzuschließen und mit ihm die Hoffnung zu teilen, dass Gott auch über unseren Tod hinaus an unserer Rettung arbeitet – wie Jesus es im Gleichnis vom Reichen Prasser und dem armen Lazarus dargestellt hat: Der egoistische Reiche beginnt, sich im Feuer der Liebe des guten Gottes wandeln zu lassen.

© Ralf Litera / Erzbistum Paderborn
Ein Handschlag bei der Gefangenenwallfahrt in Werl: An diesem Tag begegnen sich Gefangene, Bedienstete und Seelsorgende in einer Atmosphäre, in der Menschen nicht auf ihre Rolle reduziert werden.
Redaktion

Welche Rolle spielt Barmherzigkeit in unserem Umgang mit Tätern?

Pater Wrembek

Gott ist ein mütterlicher Vater voll schenkender Zuwendung für alle. Seine Barmherzigkeit steht immer über menschlichen Gesetzen, oft auch denen der Kirche. Gerechtigkeit gibt dem Menschen, was er verdient hat – Barmherzigkeit gibt ihm, was er braucht. Und unser Umgang mit Menschen, die alle Kinder Gottes sind, ob Straftäter oder nicht, sollte grundsätzlich von Zuwendung geprägt sein. „Mit meinem Gott kann ich Mauern überspringen“, sagt der Psalmist.

Redaktion

Wie können wir in unserem Umgang mit Tätern von Jesus lernen?

Pater Wrembek

Es gibt im Neuen Testament zahlreiche Überlieferungen von Jesus im Kontakt mit Menschen, die ausgestoßen sind oder sich schuldig gemacht haben. Was auffällt: Jesus wendet sich diesen Menschen, wo es nur geht, auch einzeln zu, um unter vier Augen mit ihnen zu sprechen. So etwa mit der Samaritanerin am Brunnen von Sychar oder mit der Frau, die sie vom Ehebruch vor ihn gezerrt haben. Er führt sie aus Menschenmengen und ihren Dorfgemeinschaften heraus, um sie persönlich zu gewinnen. Und er will sie davor bewahren, wieder in ihre sozialen Gefüge zurückzufallen, damit erhalten bleibt, was sie in der Begegnung mit ihm erfahren haben.

Als Anforderung an die Gefängnisseelsorge ergibt sich daraus die Erkenntnis: Wenn du einen Menschen gewinnen willst, wende dich ihm möglichst einzeln zu. Wir schulden den Gefangenen ein freundliches Gesicht, tröstende Worte, persönliche, ehrliche Gespräche, in denen wir uns auf sie einstellen. Im Einzelgespräch können wir verstehen, welches Problem jemand mitbringt, können ihn erreichen und ihn vielleicht sogar zum Grund seiner Seele führen. Der Schächer neben Jesus am Kreuz erhält sogar höchste Zusage.

Das Foto zeigt Kerzen in einem Becken mit Sand und Hände von Menschen, die Kerzen anzünden. © Ralf Litera / Erzbistum Paderborn
Gefangene entzünden in der Werler Basilika Kerzen am Gnadenbild Mariens. Die Kerze der Gefangenenwallfahrt wurde in diesem Jahr in der JVA Brackwede gestaltet und wanderte zuvor durch alle beteiligten JVAs.
Redaktion

Was braucht es, damit Menschen sich heute noch der christlichen Botschaft öffnen können?

Pater Wrembek

Seelsorger haben den Auftrag, die Botschaft, ja, die Person Jesu selbst zu den Menschen zu tragen. Diese Botschaft muss zuvor in ihnen selber lebendig sein. Sie sollen also danach streben, in die „Persona Christi“, des rettenden Messias, hineinzuwachsen. Denn unser Glaube ist Person! Lebendige Geschichten vom Wirken Jesu von Heiligen unserer Straßen bringen die froh machende Botschaft mehr zu Menschen als Katechismus und Dogmatik. Wir brauchen Heilige der Straße, denen die Menschen überall begegnen können, weil sie in schwierige Situationen hineingehen. Weil sie an Orten Präsenz zeigen, wo sich der Alltag der Menschen abspielt, also eher an Allerweltsorten als in Kirchen. Dann können sie auch durch ihr eigenes Leben Christus ganz anders verkünden und Religion neu entdecken.

Redaktion

Und wie sollten Gefängnisseelsorgende damit umgehen, wenn ihre Bemühungen nicht zum gewünschten Erfolg führen, wenn Täter uneinsichtig sind oder rückfällig werden?

Das ist ein Problem, das im Leben aller Menschen begegnet: Nicht nur Täter, auch Seelsorgende, Priester und Bischöfe sind davon nicht ausgeschlossen, auch sie erleben Situationen des Scheiterns, des Versagens. Wenn wir um einen menschenwürdigen Vollzug gegen staatliche Sicherheitsmaßnahmen kämpfen, ringen gegen zerstörende Triebe im Menschen, können wir unsere christlichen Werte dabei nur selten eins zu ein umsetzen – dann brauchen wir selber umso mehr unsere Verwurzelung im lebendigen Gott. Wenn wir sehen, dass einzelne Gefangene trotz großer Sorge um sie nicht aus Teufelskreisen wie Süchten oder Minderwertigkeitsängsten herausfinden, oder wenn wir angesichts manch grausamer Straftat am Liebesgebot gegenüber dem Nächsten verzweifeln – dann muss der Seelsorger selber umso mehr mit Dem verbunden sein, in dem wir alle leben, uns bewegen und sind. Dabei müssen wir unsere eigenen Grenzen akzeptieren und eingestehen, dass es Probleme gibt, die wir mit irdischen Mitteln nicht lösen können.

Seelsorgende laufen Gefahr, durch Erfolglosigkeit in ihrem Bemühen selber in Depression zu verfallen. Auch die zunehmende Bedeutungslosigkeit unserer Kirche in der Mitte der Bevölkerung macht vielen von uns zu schaffen. Wir erleben diesen Bedeutungsverlust nicht nur in der politischen, sondern eben auch in der kirchlichen Gesellschaft. Die Extreme an den Rändern werden stärker. Aber hier erst recht sollten wir uns auf den Messias Jesus fokussieren, der das Gefühl des Versagens durchaus selber kannte. So zog er sich etwa, nachdem er vom Tod seines Freundes, Johannes des Täufers, erfuhr, zurück, um allein zu sein. Ganz allein. Aber er verzweifelte nicht und versank nicht in der Tiefe des Abgrunds. Er tat das, was für alle Menschen in solch einer Situation ganz wichtig ist: Er stieg hinauf auf einen Berg, begab sich also in die Nähe Gottes – und der schickte ihn, getragen von Seiner Liebe, wieder zurück zu den Menschen.

Gott ist mitten unter uns. Er allein kann alle Not und Dunkelheit erhellen, auch für Straftäter und Seelsorgende, durch seine Gegenwart, die jeden hält.

Ein Beitrag von:
Dr. Carina Middel, freie Autorin, schreibt Texte für Print und Online im Erzbistum Paderborn. © Carina Middel/Erzbistum Paderborn
Freie Autorin Dr. Carina Middel
Freie Autorin

Dr. Carina Middel

Weitere Einträge

© Tobias Schulte / Erzbistum Paderborn

Unser Glaube Es geht ums Teilen

Ein Brötchen gegen eine Spende: Bei der Aktion Minibrot der KLJB unterstützen junge Menschen Projekte weltweit. Luisa und Luis erzählen, was das mit ihrem Glauben zu tun hat.
© Besim Mazhiqi

Unser Glaube Jeder Mensch hat einen Engel

Bei aller Vereinnahmung durch den Kommerz: Im Kern sind Schutzengel christliche Figuren! Daran erinnert die Archivalie des Monats zum Gedenktag der heiligen Schutzengel am heutigen 2. Oktober.
© Reinhard Goette

Unser Glaube Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen

In der tausendjährigen Geschichte von St. Petrus in Padberg wurde die Kirche von den Menschen „durchgebetet“
Kontakt
| |
generalvikariat@erzbistum-paderborn.de
+49 (0)5251 125-0