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© Besim Mazhiqi
© Besim Mazhiqi

Jeder Mensch hat einen Engel

Bei aller Vereinnahmung durch den Kommerz: Im Kern sind Schutzengel christliche Figuren! Daran erinnert die Archivalie des Monats zum Gedenktag der heiligen Schutzengel am heutigen 2. Oktober.

Auf einmal war da Bauernglatteis. Auf der schmierigen Straße gab es kein Halten mehr. Das Heck brach aus, dann begann das Auto, wilde Pirouetten zu drehen, bis der Wagen urplötzlich zum Stillstand kam, keine Handbreit vor der Leitplanke. Kreidebleich krabbelten die Insassen aus dem Auto und waren sich sicher: Es war die Hand eines Engels, die den Wagen angehalten hatte.

Oder die jungen Leute, die anstatt des gesuchten Bärlauchs fröhlich hochgiftige Maiglöckchen abernteten. War der ältere Herr, der sie eindringlich vor dem Verzehr warnte, wirklich nur ein kräuterkundiger Mensch oder war er nicht doch ein Engel in Menschengestalt?

Und wie war das bei dem Tornado, der am 20. Mai 2022 über Paderborn hinwegfegte, hundertjährige Baumriesen entwurzelte und eine Spur der Zerstörung hinterließ? Nicht wenige sind felsenfest davon überzeugt, dass bei der Naturkatastrophe die Schutzengel in Stärke einer himmlischen Legion unterwegs waren, um die Stadt und die Menschen vor Schlimmerem zu bewahren.

Tatsächlich ist der Glaube an Schutzengel weit verbreitet. Einer bereits aus dem Jahr 2005 stammenden und trotz ihres Alters häufig zitierten Forsa-Umfrage zufolge sind 66 Prozent der Deutschen von der Existenz von Schutzengeln überzeugt, während nur 64 Prozent an die Existenz Gottes glauben. Bestätigt wird diese Umfrage durch eine Erhebung von YouGov aus dem Jahr 2016, nach der 58 Prozent der Frauen und 41 Prozent der Männer an Schutzengel glauben.

Die Schulstartaktion des Erzbistums nutzt Engelsfiguren

Ein Grund für die Popularität der Schutzengel ist ihre Zugänglichkeit. Während Gott in seiner Absolutheit schwer zu fassen ist, lassen Engelsfiguren viel Raum für eigene Interpretationen. Auch das Erzbistum Paderborn macht sich die Beliebtheit der geflügelten Himmelsboten zunutze, etwa bei der unter der Schirmherrschaft des Erzbischofs Dr. Udo Markus Bentz stehenden, überaus erfolgreichen Schulstartaktion „Jedes Kind braucht einen Engel“. Gemeint sind damit nicht ausschließlich geflügelte Himmelsboten. Die Aktion ist vielmehr auch als ein Appell an Engel aus Fleisch und Blut zu verstehen. Eltern und Großeltern, Lehrpersonen und größere Schüler, die sich als „Pausenengel“ um die Kleinen kümmern, dazu die Verkehrspolizistin und der Busfahrer, die Schulsozialarbeiterin, das Hausmeister-Ehepaar, der Pfarrer: Alle können in die Rolle eines Schutzengels schlüpfen und ihren Beitrag leisten, den Kindern den Schulstart zu erleichtern.

Diese Botschaft kommt im Übrigen nicht nur bei Kindern aus christlichen Elternhäusern an. Engel gibt es auch im Judentum und im Islam. Außerdem sind die geflügelten Wesen ein weit verbreitetes und grundsätzlich positiv besetztes Phänomen in der Populärkultur. Selbst Kinder aus atheistischen Familien haben daher eine Vorstellung von Schutzengeln.

Eigener Gedenktag am 2. Oktober

Eine besondere Bedeutung haben die Schutzengel jedoch für die katholische Kirche. In früheren Zeiten wurde das Schutzengelfest am Tag der Erzengel am 29. September mitgefeiert. Mit der Festlegung eines eigenen Gedenktages am 2. Oktober durch Papst Pius X. erfuhren die heiligen Schutzengel Anfang des 20. Jahrhunderts eine deutliche Aufwertung. Dabei gibt es nicht einmal eine offizielle kirchliche Lehre von den Schutzengeln. Der Katechismus zitiert lediglich den heiligen Basilius mit der Aussage: „Jedem Gläubigen steht ein Engel als Beschützer und Hirte zur Seite, um ihn zum Leben zu führen“.

In der Heiligen Schrift hingegen finden sich viele Engelsfiguren, auch gibt es dezidierte Aussagen über Schutzengel. Häufig zitiert wird in diesem Zusammenhang ein Jesuswort aus dem Evangelium nach Matthäus: „Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters.“ (Matthäus 18,10-11) Ebenfalls häufig angeführt wird eine Textstelle aus Psalm 91. Darin heißt es: „Dir begegnet kein Unheil, deinem Zelt naht keine Plage. Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.“ (Psalm 91,10-11)

Archivalie des Monats: Ein Buch mit einem Register der Engel

Der durch Papst Pius X. eingeführte Gedenktag der heiligen Schutzengel am 2. Oktober ist kirchengeschichtlich eine jüngere Entwicklung. Dass Gott durch seine Engel seine schützende Hand über die Menschen legt, ist hingegen eine Vorstellung, die das Christentum in allen Zeiten prägte. Von der Popularität der Engel zeugt auch die Archivalie des Monats Oktober 2026 aus den Beständen des Erzbistumsarchivs.

Es handelt sich dabei um ein Frontispiz und die Titelseite des 1694 in Augsburg erschienenen Buchs „Biblisches Engel- u. KunstWerck“ des Kupferstechers, Zeichners und Verlegers Johann Ulrich Krauss (1655–1719). Krauss veröffentlichte insgesamt vier Bücher mit Bibelillustrationen. Sein Buch der Engel sollte der religiösen Erbauung (zur „Unterhaltung gottseliger Gedanken“), den Kunstliebhabern zur „Ergötzung der Augen und des Gemüts“ und Künstlern als nützliche Vorlagensammlung dienen. Auf zwei Frontispiz-Kupferstiche, das Titelblatt und mehrere Vorreden an den Leser und Käufer der Bücher folgen 30 Tafeln. Den Abschluss bildet ein zwölfseitiges Engel-Register.

Der erhaltene Frontispiz-Kupferstich (ein weiterer ist verloren gegangen) zeigt über der von Engeln getragenen Weltkugel die Heiligste Dreifaltigkeit in einem Lichtkreis. Gott Vater wird mit Zepter, Gott Sohn mit dem Kreuz dargestellt, darüber befindet sich der Heilige Geist in Gestalt einer Taube. Die Szene umschwirren unzählige Putten.

Unter der Weltkugel befinden sich sieben Engel, erkennbar an ihren Attributen wie der Lilie, der Posaune, einem Buch und einem Weihrauchfass. In der Mitte befindet sich der Erzengel Michael in Rüstung mit einem Kreuzstab. Der Engel mit einer Lilie steht für den Erzengel Gabriel, der Maria von Nazareth die Botschaft bringt, dass sie den Sohn Gottes empfangen und zur Welt bringen wird. Der Engel mit der Posaune wird zum Jüngsten Gericht rufen. Der Engel mit dem Buch wird beim Jüngsten Gericht das Buch der Taten aufschlagen. Der Engel mit dem Weihrauchfass steht für die Engel, die Gott unablässig anbeten. Nicht spezifisch erkennbar ist der Erzengel Rafael, dem die Begleitung und der Schutz der Pilgernden und Reisenden aufgetragen ist.

Zierschleifen um die Buchstaben werden zum bildnerischen Element

Die Titelseite des Buches zeigt keine Bilder, sondern schlägt das Thema Ornament in Form der Kalligraphie an. An die Buchstaben gliedern sich Zierschleifen in Rundformen und geschwungenen Linien an, die zum bildnerischen Element werden und den Text umgeben. So werden die Ebenen in wechselseitigen Bezug zueinander gestellt: In Schriftform wird bildnerische Gestaltung erläutert, die ihrerseits die Textpassagen ornamental ansprechend strukturiert. Auf diese Weise deuten sich in dem langen Buchtitel bereits die Besonderheiten in der ornamentalen Konzeption an: Zu den Bildern auf den folgenden Tafeln gibt es ausführliche Texte und detailreich ausgearbeitete Rahmen. Johann Ulrich Kraus inszeniert auf diese Weise seine Publikation mit einem hohen Anspruch, um durch gestalterische Mittel das Interesse des Lesers zu wecken.

Die Titelseite im Wortlaut

Biblisches Engel- u. KunstWerck, alles das jenige, was in Heiliger Göttlicher Schrifft Altes und Neuen Testaments, von den Heiligen Engeln Gottes dero Erscheinungen, Verrichtungen, Bottschafften, Gesandtschafften, Auf mancherley Art und Weise auß Göttlicher Verordnung zu finden ist, Also, daß auch, was von deß Engels deß Bundes und Grossen Raths Jesu Christi, deß Sohns Gottes, unsers Herrn und Heylands, in Englischer Gestalt und Erscheinung, Thaten, Worten und Wercken gemeldet wird.

So dann, was die erschaffenen Erzengel u. Engel in dem Geist-Weltlichen u. Hauß Stand, zu Unterweisung, Leistung u. Beschirmung, im Leben, Leiden u. Sterben der Gottseligen, wider Gottes u. ihre Feinde, die böse Geister und böse Menschen gutes erwisen. In zierlichen Kupffern, mit beygefügten Teutschen Erklärungs und Andachts Reimen vorstellend: Mit Fleiß zusammen getragen, in Kupffer gestochen und verlegt von Johann Ulrich Krausen, Bürger und Kupfer-Stechern in Augspurg. Anno CIϽ IϽ CXCIV. Mit Röm: Kaiserl: Majest: Allergnädigst ertheiltem Privilegio.

Transkription durch das Erzbistumsarchiv Paderborn

Anmerkung: Die eigentümliche und teilweise spiegelverkehrte Schreibweise der römischen Zahlen zur Angabe des Erscheinungsjahrs, die als MDCXCIV (= 1694) zu lesen sind, galt im 16. und 17. Jahrhundert als modern.

Fotos Erzbistumsarchiv Paderborn
Signatur EBAP, EBAP-AKZ-2026/27 (Depositum aus dem Pfarrarchiv Istrup)
Entstehungszeit 1694
Provenienz FCVM 1780 (= ? Friedrich Christian von Mengersen), Pfarrarchiv St. Bartholomäus, Istrup
Autoren Hans Pöllmann, freier Autor

Domvikar Hans Jürgen Rade, Erzbistumsarchivar

Ein Beitrag von:
© Jürgen Hinterleithner
freier Autor

Hans Pöllmann

© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
Leiter des Erzbistumsarchivs

Hans Jürgen Rade

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