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© S.Borisov / Shutterstock.com
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Wo niemand vergessen wird Leben auf dem Mehrgenerationenhof

Im Alter fühlen sich viele Menschen einsam. Auf dem Hof von Andrea und Theo Müller bleiben sie Teil einer familiären Gemeinschaft – das macht Hoffnung!

Da ist die ältere Dame, die dabei hilft, die Schafe großzuziehen, sie mistet und versorgt. Da sind die beiden älteren Herren: Der eine, der jeden Morgen die Eier im Hühnerstall sammelt und an die Gemeinschaft verteilt. Und der andere, der eine intensive Schachpartnerschaft mit dem jungen Mann pflegt … „Das ist alles Hoffnung“, sagt Andrea Müller, Ideengeberin, Initiatorin und – zusammen mit ihrem Mann Theo – Inhaberin eines Mehrgenerationenhofes im kleinen Ort Radlinghausen unweit von Brilon im Sauerland.

Andrea Müller ist in Gelsenkirchen geboren. Schon als kleines Mädchen hatte sie den Wunsch, auf dem Land zu leben, auf einem Bauernhof, in einer Großfamilie. In einem Urlaub in Brilon lernte sie ihren Mann, einen Landwirt, kennen – und blieb. „Manche Dinge passen einfach im Leben. Oder werden gesteuert. Ich weiß es nicht“, sagt die heute 61-Jährige.

Einsamkeit kann im Alter eine Belastung sein

Der Anlass, einen Mehrgenerationenhof aufzubauen, war ein Krankenhausaufenthalt vor mehr als 20 Jahren. Andrea Müller lernte eine Seniorin kennen. Die beiden Frauen kamen ins Gespräch. Über Gott und die Welt und über die Einsamkeit im Alter. „Wir hatten in unserem Haus eine Wohnung frei und der Gedanke, darin eine Senioren-WG zu gründen, ließ mich nicht mehr los“, erzählt Andrea Müller. Aus dem Gedanken wurde ein Plan und schließlich gaben die Müllers eine Zeitungsanzeige auf. Schlicht gehalten, nur ein paar Sätze. Mehr als 40 Anfragen kamen zurück.

Heute leben auf dem Hof 24 Menschen im Alter zwischen 23 und 90 Jahren, die meisten davon Senioren über 60 – dazu und mittendrin Andrea und Theo Müller mit ihren inzwischen erwachsenen Kindern, den Schwiegerkindern und der Oma und ganz vielen Tieren. Neben Schafen und Hühnern auch Ziegen, Katzen, Hunde, Pferde, Alpakas und Esel. Die Esel gehören Andrea Müller ganz allein. Sie besucht sie jeden Morgen und jeden Abend. „Sie geben mir das, was ich brauche“, sagt sie. Und das sei – neben Mut – die innere Ruhe, aus der sie ihre Hoffnung zieht, um ins Handeln zu kommen. „Sonst gäbe es die WG heute nicht“, sagt sie.

Wo Leben Wurzeln schlägt, wächst Hoffnung

In einer Gesellschaft, die immer individueller wird, die vom Tempo des Alltags bestimmt wird, drohen gerade die älteren Menschen zurückzubleiben. Da ist das Gefühl von Verlassenheit, die Angst, keine Rolle mehr zu spielen und von Bindungen abgeschnitten zu sein, an den Rand gedrängt und vergessen zu werden. Und gleichzeitig die Sorge, zur Last zu fallen.

„Wir sind hier ein tolles Team. Ich bin so happy“, sagt Andrea Müller über ihre große Hof-Familie. Natürlich reichte das eigene Grundstück irgendwann nicht mehr aus. Die Müllers kauften den Nachbarhof, bauten ihn um. Dazu gibt es noch ein paar Außenwohngruppen in dem 130-Seelen-Ort Radlinghausen.

Ein Gegenentwurf zu Vereinzelung und Vergessen-Werden

„Die Menschen, die hier leben, finden Gemeinschaft und Gemeinsamkeit. Fühlen sich zugehörig und wertgeschätzt, mit all ihren Fragen und Bedenken, Wünschen und Erfahrungen. Mehr als ich es mir erträumt habe.“ Was sie damit meint: Der Hof ist mehr als ein Platz zum Wohnen, er ist ein Gegenentwurf zu Vereinzelung und Vergessen-Werden. Ein Zeichen dafür, dass man einander braucht, dass ein erfülltes Dasein nicht vom Alter abhängt, sondern von der Art, wie man miteinander umgeht.

Anfangs, erzählt Andrea Müller, sei sie der Mittelpunkt des Geschehens gewesen: Andrea macht, Andrea tut, Andrea weiß …. „Heute ist das anders. Unsere Mitbewohnerinnen und Mitbewohner finden selbst zusammen, organisieren sich, helfen und stützen einander. Das Wissen, Teil einer Großfamilie zu sein und angenommen zu werden, so wie man ist, und dabei selbstbestimmt leben zu dürfen, trägt. Und bei uns darf man bleiben, bis zum Schluss.“

Im Alter selbstverständlich sein dürfen – erleben, mitgestalten, dazugehören

Als die Müllers 2004 den Mehrgenerationenhof gründeten, war er der erste seiner Art in ganz Nordrhein-Westfalen und vielleicht auch darüber hinaus. Um Services wie Wäschewaschen und Mahlzeiten anbieten zu können, gründeten sie ein Dienstleistungsunternehmen. Heute halten sie Vorträge an Hochschulen und für die Landwirtschaftskammer, denn das Konzept bietet sich an. Weil immer mehr Menschen sich ein gemeinschaftliches Leben auf dem Land wünschen und gleichzeitig immer mehr Betriebe die Landwirtschaft aufgeben.

Gleichwohl, für Andrea und Theo Müller, ist der Mehrgenerationenhof viel mehr als ein Konzept, es ist eine bewusst gewählte Lebensform, ein bewusstes Füreinander. „Die Menschen wahrzunehmen und zu schauen, was sie brauchen, Lösungen zu finden und zu motivieren und sie dabei machen lassen, darum geht es. Das ist meine christliche Einstellung“, erklärt Andrea Müller. Dabei, sagt sie, seien es oftmals die scheinbar kleinen Dinge, die wichtig sind. „Heute früh war ich schnell unterwegs, habe nicht richtig ‚Guten Morgen‘ gesagt. Das habe ich dann nachgeholt.“

Weiter Teil des Lebens sein

Was sie immer wieder beobachtet: Wieviel Kraft jeder Einzelne aus dem gemeinschaftlichen Leben auf dem Hof zieht. Aus der Gewissheit, selbst sein zu dürfen und trotzdem nicht allein zu sein. Und aus der Erkenntnis, auch im Alter seinen Platz in der Gesellschaft zu haben und anderen etwas geben zu können. „Im Alter Anerkennung zu erfahren und zu wissen, was man kann, das ist Hoffnung“, sagt Andrea Müller. Ihr Hof ist eben kein Rückzugsort vor dem Leben, er ist ein Ort, an dem man Teil davon ist. „Hier sitzt keiner seine Jahre ab, hier leben alle, und zwar richtig, sind aktiv und unterwegs.“

Brilon: Ort der Hoffnung im Monat August

Das Heilige Jahr 2025 steht unter dem Motto „Pilger der Hoffnung“. Und so vielfältig die Menschen sind, so vielfältig sind ihre Hoffnungen. Deshalb gibt es in diesem Jahr zwölf „Orte der Hoffnung“ im Erzbistum Paderborn. Jeder dieser Orte ist einem spezifischen Thema und einer Zielgruppe gewidmet, um die verschiedenen Facetten der Hoffnung unter den Menschen und im christlichen Glauben erlebbar zu machen. Im Monat August ist es der Ort Brilon mit dem Thema „Hoffnung für die ältere Generation“.

Erfahren Sie auf unserer Themenseite mehr über die Orte sowie die Themen und Zielgruppen, die ihnen zugeordnet sind.

© Hans Blossey / luftbild-blossey.de
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Ein Beitrag von:
Freie Journalistin

Birgit Engel

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