logocontainer-upper
logocontainer-lower
© Omar Ishak / Lateinisches Patriarchat von Jerusalem
© Omar Ishak / Lateinisches Patriarchat von Jerusalem

An erster Stelle steht das Menschsein

Im vergangenen Jahr hat das Erzbistum Paderborn 500.000 Euro für die humanitäre Hilfe im Gaza-Streifen gespendet. Die Hälfte erhielt Malteser International zum Aufbau und Einsatz eines mobilen Hospitals. Nun haben wir mit dem medizinischen Leiter der Klinik, Dr. Ali Ibrahim Al-Musaddar, gesprochen.

Gewalt, Not und Hunger. Seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel herrscht erneut Krieg im Nahen Osten. Unbeschreibliches Leid ist über die entführten Geiseln, ihre Familien und die Bewohner des Gaza-Streifens hereingebrochen. Besserung oder gar ein Ende dieser humanitären Katastrophe scheinen derzeit nicht absehbar.
Dem zahllosen Leid und der scheinbaren Ausweglosigkeit gegenüber steht das Motto des Heiligen Jahres 2025: „Pilger der Hoffnung“. Das heißt selbst die Hoffnung des christlichen Glaubens erleben, aber auch Bote und Spender der grenzenlosen Hoffnung Gottes zu sein. Dazu gehört auch diese Hoffnung dort zu spenden, wo es scheinbar keine mehr gibt.

Zeichen der Hoffnung

Im Zeichen dieser Botschaft hat das Erzbistum Paderborn im vergangenen Herbst mit 500.000 Euro aus dem Katastrophenfonds die humanitäre Hilfe für notleidende Menschen in Gaza unterstützt. Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz sagte damals: „Als Kirche ist unser Platz an der Seite derer, die unter den Folgen der Gewalt leiden – gleich welchem Volk, gleich welcher Religion diese Menschen angehören. Als Kirche sind wir Anwalt der Würde aller Menschen.“

250.000 Euro gingen dabei an das Hilfswerk Malteser International für den Aufbau und Einsatz eines mobilen Hospitals. Auch wenn die aktuellen politischen Restriktionen und die Kriegshandlungen momentan noch keinen Betrieb der Klinik zulassen, laufen die Vorbereitungen in Gaza auf Hochtouren. Zum Einsatz des Hospitals und der aktuellen Lage haben wir mit Dr. Ali Ibrahim Al-Musaddar gesprochen. Er ist medizinischer Leiter des neu errichtenden Mar-Youssef-Hospitals (St.-Josef-Krankenhaus) im Gaza-Streifen.

Dr. Ali Ibrahim Al-Musaddar im Interview

Redaktion

Dr. Ali Ibrahim Al-Musaddar, in Gaza ist die medizinische Infrastruktur durch den Krieg und die Blockade massiv eingeschränkt. Viele Leserinnen und Leser können sich kaum vorstellen, wie ein Krankenhaus unter solchen Bedingungen funktioniert.
Wie unterscheidet sich der Einsatz des Hospitals der Malteser International von einem typischen Krankenhaus, wie wir es etwa in Deutschland kennen?

Dr. Ali Ibrahim Al-Musaddar

Die Situation, wie wir sie derzeit in Gaza erleben, lässt sich aus meiner Perspektive nicht mit der in anderen Ländern vergleichen. Es gibt derzeit keine funktionierenden staatlichen Strukturen und somit keine Institutionen, Gesetze und Mechanismen zur Rechtsdurchsetzung. Hinzu kommen der andauernde Krieg und die anhaltende Blockade des Gazastreifens, die die Versorgung mit normaler medizinischer Hilfe für die Behandlung von Patienten unterbrochen hat.
Vor allem aber kämpfen die Krankenhäuser in Gaza nicht nur mit minimalen Ressourcen um die Versorgung der Patienten, sondern auch mit der ständigen Gefahr, angegriffen zu werden. Malteser International nutzt die gut etablierten und von der Bevölkerung akzeptierten kirchlichen Partnerstrukturen, um Sicherheit der Menschen sicherzustellen.

Redaktion

Das Erzbistum Paderborn hat im vergangenen Herbst eine halbe Million Euro für humanitäre Hilfe in Gaza bereitgestellt. Hilfe, die so dringend nötig ist, um der humanitären Katastrophe entgegenzuwirken.
Wie wird das Geld konkret eingesetzt, und welche Möglichkeiten schafft es für Ihre Arbeit?

Dr. Ali Ibrahim Al-Musaddar

Gerade so großzügige Spenden wie die des Erzbistums Paderborn ermöglichen es uns, flexibel und schnell zu handeln, sobald sich sichere und genehmigte Zugangswege öffnen. Aktuell werden mit den Geldern vorbereitende Maßnahmen getroffen, zum Beispiel die Beschaffung von dringend benötigten Medikamenten, und weitere medizinische Materialien (Verbandmaterial, Desinfektionsmittel, Erste-Hilfe-Kits) sowie die Finanzierung von Transport und Logistik. So stellen wir sicher, dass wir keine Zeit verlieren, sobald wieder Hilfe vor Ort geleistet werden kann.
Wie viele andere internationale Hilfsorganisationen (INGOs) hoffen auch wir auf einen baldigen humanitären Waffenstillstand und eine Wiederöffnung der Grenzübergänge, um Hilfslieferungen umfassender und sicherer leisten zu können. Gemeinsam mit unserem lokalen Partner sind wir in ständigem Austausch.

Dr. Ali Ibrahim Al-Musaddar ist der medizinische Leiter des Mar-Youssef-Hospitals der Malteser International im Gaza-Streifen. Der 40-jährige Mediziner ist spezialisiert auf Herz-Thorax-Chirurgie. Nach seinem Medizinstudium in Kairo und Arbeit als Facharzt in der dortigen Universitätsklinik kehrte er 2020 aus familiären Gründen in seine Heimat nach Gaza zurück. Dort war er in den vergangenen Monat am Aufbau des mobilen Hospitals maßgeblich beteiligt.
Er sagt: „Die Eröffnung einer primären Gesundheitseinrichtung für Malteser International ist eine Vollzeitaufgabe. Wir sind derzeit mit allen notwendigen Vorbereitungen beschäftigt, darunter auch die wichtige Aufgabe der Personalrekrutierung. Unsere Priorität ist es, den Betrieb aufzunehmen, sobald die Bedingungen und die Behörden dies zulassen, um sicherzustellen, dass wir sowohl unseren Patienten als auch unseren engagierten Mitarbeitern die sicherste und würdigste Versorgung bieten können.“

Redaktion

Immer wieder hören wir von zerstörten Kliniken, fehlender Ausrüstung und Ärzten, die an ihre Grenzen stoßen. Was benötigen Sie im Moment am dringendsten – und wie würden Sie die aktuelle Versorgungslage im Gazastreifen beschreiben?

Dr. Ali Ibrahim Al-Musaddar

Die Gesundheitsstruktur im Gazastreifen ist fast vollständig zusammengebrochen. Die Infrastruktur der Krankenhäuser ist weitgehend zerstört. Von den 36 Krankenhäusern, die vor dem Krieg in Betrieb waren, sind nur noch 18 teilweise funktionsfähig. Nur ein Krankenhaus bietet nahezu den vollen Leistungsumfang an: das Nasser-Krankenhaus in Khan Yunis. Es sei darauf hingewiesen, dass das European Hospital in Khan Yunis das einzige Krankenhaus im Gazastreifen war, das nach der Schließung des Al-Shifa-Krankenhauses Dienstleistungen wie offene Herzoperationen bei Erwachsenen, Herzkatheteruntersuchungen und Neurochirurgie anbot. Das European Hospital wurde im Mai letzten Jahres aufgrund eines israelischen Angriffs auf Hamas-Kämpfer, die sich unter der Notaufnahme des Krankenhauses versteckt hatten, geschlossen.

Seit Beginn dieses Krieges werden Gesundheitseinrichtungen für militärische und Sicherheitszwecke sowie als Lagerhäuser für gestohlene Hilfsgüter genutzt. Als Arzt, der sich der Hilfe für Patientinnen und Patienten verschrieben hat, und als medizinischer Direktor, der sich für ein sicheres Arbeitsumfeld für das Personal einsetzt, macht mir dies große Sorgen. Es ist für uns gerade jetzt wichtig, dass die Menschen auch jetzt für die Arbeit in Gaza spenden, damit wir die Strukturen aufbauen können, die es uns erlauben, direkt den Menschen vor Ort Hilfe zu leisten.

Redaktion

Neben Ihrer Aufgabe für Malteser International helfen Sie auch privat mit minimalen Mitteln. Das klingt nach einem unglaublichen Kraftakt. Wie und womit können Sie den Menschen in Gaza derzeit persönlich helfen?

Dr. Ali Ibrahim Al-Musaddar

Seit Beginn dieses Krieges arbeite ich, neben meiner Tätigkeit für Malteser International, ehrenamtlich und behandle Menschen kostenlos. Mit einfachen Geräten wie einem Stethoskop, einem Blutdruckmessgerät und einigen chirurgischen Instrumenten und Nahtmaterial habe ich viele Fälle untersucht, diagnostiziert, behandelt und überwiesen.

Einer der Behandlungsräume im neuen mobilen Containerhospital der Malteser International in Gaza. © Malteser International
Einer der Behandlungsräume im neuen mobilen Containerhospital der Malteser International in Gaza.
Redaktion

Ihr Alltag ist von Gefahr, Knappheit und Unsicherheit geprägt. Dennoch bleiben Sie in Gaza und stellen sich dieser Aufgabe. Was motiviert Sie, Ihre Arbeit an einem solch gefährlichen Ort fortzuführen?

Dr. Ali Ibrahim Al-Musaddar

Zuerst das Menschsein. Der höchste Wert der Menschheit besteht darin, Gutes zu tun und Menschen in Not zu helfen, insbesondere wenn sie krank sind. Diese kranken Menschen sind keine Zahlen, sondern Seelen in Not. Und als Arzt an zweiter Stelle: Ich weiß, was es für einen Menschen bedeutet, zu leiden. Krankheit bedeutet Hilflosigkeit und Beeinträchtigung. Es ist meine Pflicht, dies zumindest so gut es geht zu lindern. Was in Gaza geschehen ist und geschieht, ist eine beispiellose Tragödie in diesem Jahrhundert, und wir wollen helfen, diese Tragödie zumindest im Gesundheitswesen zu lindern. Neben der großzügigen Unterstützung durch Malteser International, aller Mitarbeitenden, die ich kennenlernen durfte, und anderen Organisationen bei der Linderung der Krise im Gesundheitswesen motivieren mich vor allem die freudigen und zufriedenen Gesichter der Patienten, die Wertschätzung und der Respekt, die mir entgegengebracht werden, sowie das unterstützende Arbeitsumfeld und die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten.

Redaktion

Trotz allem scheint bei Ihnen Hoffnung durch – ein Wort, das jede Katholikin und jeden Katholiken das gesamte Jahr 2025 hindurch begleitet. Aber auch ein Wort, das inmitten von Krieg und Leid beinahe schon schwer auszuhalten ist. Was gibt Ihnen in dieser Situation persönlich Hoffnung?

Dr. Ali Ibrahim Al-Musaddar

Kriege haben nichts Gutes außer ihrem Ende. Hermann Hesse sagte: „Alle Kriege, wie groß ihre Ursachen auch sein mögen, beginnen mit einem einfachen Irrtum im Selbstverständnis eines Menschen.“ Es gibt in diesem Moment keinen größeren, ehrenvolleren oder aufrichtigeren Wunsch oder keine größere Hoffnung, als dass der Krieg aufhört, dass das Töten aufhört, und dass die Tränen der Mütter, Väter und Kinder versiegen.
Meiner Meinung nach gibt es immer Hoffnung, und selbst wenn es sie nicht gibt, müssen wir an ihr festhalten. Auf persönlicher, humanitärer, moralischer und nationaler Ebene bedeutet mir die christliche Präsenz in Gaza sehr viel. Sie sind ein integraler und tief verwurzelter Teil unserer Identität und Geschichte. Ihre Zahl ist von 3.500 im Jahr 2007 auf heute etwa 700 zurückgegangen. Wir hoffen, dass Sie wirksame Wege finden werden, um sie in unserem gemeinsamen Land und der Heimat zu halten.

Redaktion

Vielen Dank für das Gespräch.

Ein Beitrag von:
© Besim Mazhiqi
Redaktionsvolontär

Moritz Kröner

Weitere Einträge

Unser Glaube Unterwegs für die Würde des Menschen: Die Hungertuchwallfahrt ist gestartet

Insgesamt 40 Pilgerinnen und Pilger aus dem Erzbistum sind am heutigen Veilchendienstag zur 31. Hungertuchwallfahrt gestartet. Warum es sich lohnt, aufzubrechen. Gerade an Karneval. Und gerade bei Schnee und Regen.
© Oleg Elkov / Shutterstock.com

Unser Glaube Verleih uns Frieden

Helau im Sauerland. Eine Stadt ohne Rosenmontagszug und mit einer Geschichte, die nachhallt. Zwischen Konfetti und Krieg steht ein Narr und hält den Spiegel hin. Dirk Lankowski erzählt im WDR von Lachen mit Haltung und warum Frieden manchmal mit einem Witz beginnt.
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

Unser Glaube „Lasst die Kinder zu mir kommen: hindert sie nicht daran!“

St. Antonius Bad Wünnenberg ist beides: ein altehrwürdiges Gotteshaus und ein Ort des lebendigen Glaubens
Kontakt
| |
generalvikariat@erzbistum-paderborn.de
+49 (0)5251 125-0