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© Tanja Esser / Shutterstock.com
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Der Hüter hunderter Kreuze

Im Kirchturm von St. Martinus in Bigge gibt es ein besonderes Zimmer: Hunderte Kreuze bedecken hier jeden Quadratzentimeter der Wände. Was steckt hinter dem Werk von Gerhard Götte?

Ihn als „Hüter der Kreuze“ zu bezeichnen ist mehr als angemessen. Ob nun kleine aus dem Rosenkranz oder riesige für die Wand: An die 1000 Kreuze sind es, die Gerhard Götte im Turmzimmer der Bigger St.-Martinus-Kirche aufgehängt hat. Schenkungen, die von Menschen vorbeigebracht oder in die Kirche gelegt wurden, um ihnen ein gutes neues Zuhause zu geben. Immer wieder musste er sie umhängen, um mehr Platz zu schaffen. Jeder Hammerschlag ist praktizierter Glaube und spiegelt pure Nächstenliebe.

Seit Gerhard Götte im Jahr 2019 – mit einem „Mach das doch!“ motiviert von der eigenen Ehefrau – beschlossen und verkündet hat, er will ein Kreuzzimmer schaffen, lässt den Hausmeister der Bigger Kirche diese Mission nicht mehr los. Im Team mit dem damaligen Pfarrer Richard Steilmann und dem ehemaligen Küster Gerhard Kieseheuer begann er. Mittlerweile handelt Gerhard Götte alleinverantwortlich, aber immer unterstützt von Pfarrer Klaus Engel und sämtlichen Kirchengremien, die wissen, welchen vor allem auch spirituellen Schatz er hegt.

Der Raum – ein Gesamtkunstwerk, das sprachlos macht

Wo einst ein Messdienerraum entstehen sollte, im bald 1000 Jahre alten Turm, ist nun das Kreuzzimmer nicht mehr wegzudenken. Ein erster Aufruf an die Kirchengemeinde reichte, um die Mund-zu-Mund-Propaganda in Fahrt zu setzen, der Taten folgten. Kreuz um Kreuz wurden hinten in der Kirche abgelegt oder vorbeigebracht. Es sind inzwischen so viele, dass er schon einige in Kartons packen musste. „Der Pfarrer hat dann auch mal in einer Predigt ein bisschen an die Einzelnen appelliert, eigene Verantwortung für die Kreuze zu übernehmen“, sagt Gerhard Götte.

Ein ganzer Raum voller Kreuze, wie sieht das aus? „Kommen Sie mit!“, sagt Gerhard Götte und holt den Schlüssel zum Turm. „Hier fängt das Geheimnis an“, sagt er beim Aufschließen. Die kleine Holztür hinten in der Kirche, links vor der Nische mit der Marienfigur, ist schön, aber unscheinbar. Ein größerer Mensch muss sich ducken, um durchzugehen. Durch 1,40 Meter dicke Gemäuer und über hohe hölzerne Stufen schlängelt man sich hoch bis zu einer nächsten Tür. Der Bigger öffnet sie langsam und: emotionaler Blitzeinschlag!

Innehalten und Hingucken

Anders ist der Moment nicht zu beschreiben, in dem die Augen das Kreuzzimmer zu erfassen versuchen. Es verschlägt der Reporterin regelrecht die Sprache. Zuletzt war sie vor mehr als fünf Jahren hier, damals hingen noch Ikonen zwischen den Kruzifixen und es war noch Platz dazwischen. Und jetzt: Kreuze überall, kleine und große, an den steinernen Wänden. Sogar sind schon kleine aus Metall auf einem großen aus Holz drapiert. Das Werk ist komplett. Was allerdings auch heißt: „Es ist passiert.“ So sagt es Gerhard Götte. Mehr geht hier nicht.

Dem Bigger ist ein Kunststück geglückt. Selbst die Tür, durch die es weiter den Turm hinauf geht, verzieren jede Menge Kreuze. „Wenn ich eines wegnehme, dann muss genau da eins wieder hinpassen und ich kann auch nicht überall in die Steine Nägel schlagen. Ich hänge ein Neues hin und muss dafür fünf wegnehmen“, beschreibt er sein Tun. Unzählige Male hat er hier einfach nur hier gesessen und geschaut, was ginge noch. Und nur so, durch Innehalten und Hingucken, kann auch die Betrachterin, die immer noch im Eingang steht, überhaupt den Raum auf sich wirken lassen.

„Wahnsinn, oder!“

Gerhard Götte verweilt zwischendurch immer wieder mal selbst einfach hier. Das Kreuzzimmer ist auch sein persönlicher Rückzugsraum. Und mehr noch: „Ja, doch, das hat schon auch ein bisschen mit dem Glauben zu tun, dass ich das mache und nichts anderes“, sagt der Bigger, als die Reporterin nachfragt. „Das ist doch alles gesegnet und das bedeutet doch etwas!“ Schnell wird klar: Jedes einzelne Kreuz ist ihm vertraut und in jeder Geste, jedem Wort dazu, drückt er seinen Glauben mit aus.

Vorsichtig nimmt er eines von der Wand und gibt es der Reporterin in die Hand. „Dieses Material, Wahnsinn, oder!“ Und schon geht der Blick zum nächsten: „Schauen Sie mal, das ist komplett aus Stroh! Und das dahinten ist ganz alt, weit über 100 Jahre!“ Er präsentiert riesige Nägel, eckig, weil handgefertigt, mit denen manche der Exponate befestigt waren. Die Nägel passen nicht in die Mauern des Turms, aber er kann sie auch nicht wegtun. Gut, dass es Nischen genug im Kreuzzimmer gibt.

Die Kreuze und der Glaube: „Da steckt doch was dahinter“

Gerhard Göttes Tun ist pure Wertschätzung für das, was Menschen ihm teils schweren Herzens anvertraut haben, was ihnen Jahre lang im eigenen Heim oder auch unterwegs viel Zuversicht und Trost schenkte. Weiter geht es ihm um den Gegenstand selbst, ob Kreuz, Bild oder Statue – denn auch diese wurden abgegeben – und mehr noch um die Geschichte dahinter. Manche Kreuze stammen aus Kriegszeiten, andere wurden vielleicht in einer persönlichen Krise erworben. Lange nicht jeder möchte die Geschichte zum Kreuz erzählen, auch diese Erfahrung hat er gemacht.

Doch eines weiß er sicher: „Egal, wie teuer und wann wer so ein Kreuz gekauft hat, der hat sich doch was dabei gedacht. Und ein Glaube, der 2000 Jahre und mehr andauert, gegen alle Widerstände, da steckt doch was dahinter!“ Noch etwas hat er beobachtet: „Jeder, der hier hochkommt, ist begeistert, ob gläubig oder nicht. Da fragt man sich doch: Warum ist das so?“ Tatsächlich kann die Intensität, die von den vielen Kreuzen ausgeht, auch schwer auszuhalten sein. „Ein Besucher hat gesagt, hier würde ich nicht alleine bleiben!“

Ehrfurcht und Herzenssache

Gerhard Götte indes ist gern allein hier. Das Kreuzzimmer zeigt ihm, dass er gut gesorgt hat. Andere haben ihm die Kreuze anvertraut, es ist seine Aufgabe, sie nun zu verwahren. Oder sie weiterzugeben, wenn Bedarf da war und er das Gefühl hatte, sie gehen in gute Hände. „Eine Frau stand hier mit Tränen in den Augen und sage, sie müsse sich trennen, solange sie es noch selbst könne. Ich habe versprochen, das mir Anvertraute zu schützen und dabei bleibe ich auch!“

In Marsberg-Giershagen „mit der ganzen Härte der Verwandtschaft im Rücken, die sofort mitbekam, wenn ich mal in der Bank gelacht habe“, aufgewachsen, war er immer gläubig, aber nicht immer Kirchgänger, gibt er zu. Heute ist er das auf jeden Fall. Mehr noch: Er übernimmt die Kollekte, hilft als Sargträger mit. Und wenn es um das Kreuzzimmer geht, spricht Gerhard Götte von Ehrfurcht und Herzenssache. „Nun, jeder glaubt auf seine Weise, das ist schwer zu erklären. Aber auf jeden Fall gibt das Kreuzzimmer dem Ganzen noch mal einen anderen Ausdruck. Es ist richtig schön, dass wir das in Bigge haben. Es hat mir auf jeden Fall auch ein Stück Heimat gegeben!“

Wie geht’s weiter?

Jetzt, wo das Kreuzzimmer voll ist, hat Gerhard Götte bereits einige der neuen, ihm anvertrauten Kreuze sorgfältig in Papier verpackt und in eine Kiste gepackt. Aber vorher schaut er sie noch einmal in Ruhe an. „Erst dann geht das!“ So viele Kisten sind es bis dato noch nicht, die im Keller stehen. Aber der Gedanke, was mit weiteren Schützlingen passieren soll, die im anvertraut werden, nun, da das Kreuzzimmer voll ist, beschäftigt ihn schon.

Aufs Osterfeuer – ist das eine Lösung? „Das hat man in der Vergangenheit so gemacht“, wurde Gerhard Götte von einigen Seiten bestätigt. Wirklich glücklich sieht er bei dem Gedanken aber nicht aus. Schon allein die Entscheidung, was verbrannt werden soll, was nicht… Eine andere Möglichkeit wäre, Kruzifixe mit ins Grab zu legen – wie ebenfalls schon in früheren Zeiten so gehandhabt. Das hat er selbst als Sargträger in der Gemeinde schon gemacht und vorgeschlagen, „das ist aber nicht immer erwünscht“.

In Marsberg-Giershagen, wo Gerhard Götte herkommt, überlegt nun sein Neffe, auch ein Kreuzzimmer einzurichten, das freut ihn sehr. Es wird anders, weil die Kirche und die Wände ganz andere sind, aber dass ein junger Mensch sich für die Kreuze begeistert, gibt ihm Hoffnung. Und auch, dass eine Besucherin, Witwe eines bekannten Kirchenkünstlers, ihm gesagt hat, sie sei fest überzeugt, dass bald eine Zeit käme, in der die Kreuze wieder gefragt seien.

Und Gerhard Götte hätte eine Idee, die aber noch ausgearbeitet werden muss, auch, was mögliche Termine angeht: „Führungen durchs Kreuzzimmer, das wäre was!“ Es würden keine wissenschaftlichen Rundgänge, er will Eindrücke sprechen lassen – und ein paar Geschichten, die ihm erzählt wurden. „Man braucht doch gar nicht viel.“ Sogar Hintergrundmusik wäre schnell organisiert – die Musikanlage praktisch versteckt hinter den dicken Mauern.

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Ein Beitrag von:
Sonja Funke
Redakteurin

Sonja Funke

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