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© Markus Nowak / Bonifatiuswerk
© Markus Nowak / Bonifatiuswerk

Hier wird am Leben gebaut

Mit ihrer Firmung setzen junge Menschen im Erzbistum Paderborn ein Zeichen gelebter Nächstenliebe. Im Rahmen der Firmaktion des Bonifatiuswerkes engagieren sich Firmbewerber unter dem Leitwort „#BaustelleLeben“ für Gleichaltrige in schwierigen Lebenssituationen.

Was dieses Engagement konkret bewirkt, zeigt die folgende Reportage exemplarisch am Caritas Kinder- und Jugendhaus St. Vinzenz in Erfurt: Hier wird erfahrbar, wie Spenden Perspektiven eröffnen, Halt geben und jungen Menschen helfen, ihr Leben Schritt für Schritt neu aufzubauen.

Ein Sofa, ein Sessel, davor ein kleiner Tisch mit Fernseher. Eine Gruppe Jugendlicher sitzt auf engem Raum beisammen und spielt ein Gesellschaftsspiel. Das Wohnzimmer der “Jugendgruppe 2” ist eigentlich ein Flur. Ein Durchgang, umfunktioniert zum Treffpunkt. Es wirkt wie ein Provisorium – weil es eins ist.

Dennoch wird hier auf engem Raum gequatscht, gespielt, manchmal gestritten, oft auch versöhnt. Viel Platz gibt es nicht, aber dafür Nähe. Im Dachstuhl eines alten Gebäudes vom beginnenden 20. Jahrhundert leben sechs Jugendliche, im gesamten Haus in der Erfurter Regierungsstraße gibt es 24 Plätze für Kinder und Jugendliche. Sie alle verbindet eins: Ihr Zuhause war kein Ort, wo sie bleiben konnten oder wollten. Das Caritas Kinder- und Jugendhaus St. Vinzenz in Erfurt ist für sie mehr als eine Bleibe auf Zeit, sondern ein neues Zuhause, wie auch für Kevin.

Kevin und Joel im St. Vinzenz

“Ich wohne hier jetzt seit fast vier Jahren”, sagt der 18-Jährige. “Am Anfang war es schwierig. Ich habe mich das erste halbe Jahr echt schwergetan. Aber jetzt? Ich wüsste gar nicht, wo ich sonst hinsollte”, sagt er. “Jetzt ist das mein Zuhause.” Kevins Geschichte beginnt nicht hier, aber im St. Vinzenz nimmt sie eine neue Richtung.

Der 16-Jährige Joel wohnt seit einem Jahr im St. Vinzenz: seit dem “ersten Tag, an dem ich hier geschlafen habe, da konnte ich mich gut eingewöhnen.” Damals packte er seine Sachen aus, räumte sie in den Schrank, als wäre es selbstverständlich, erinnert er sich. Mittlerweile hängen in seinem Zimmer unter Dachschrägen Basketballplakate, auf dem Regal stehen dutzende Anime-Figuren, die er gesammelt oder beim Einzug mitgebracht hat.

Mit Rucksack und Lebensbaustellen

„Alle Kinder und Jugendlichen bringen ihren Rucksack mit. Manche sind kleiner, andere schwerer“, sagt Andre Oschmann, Leiter des St.-Vinzenz-Hauses. Er meint weniger persönliche Gegenstände, sondern seelischen Ballast. “Aber keiner ist leer. Nicht ohne Grund ist man hier.”, sagt er weiter.

Der “Rucksack” steht für die teils sehr schlechten Erfahrungen, die die jungen Bewohnerinnen und Bewohner von St. Vinzenz in ihrem kurzen Leben bereits machen mussten. Oftmals erfuhren sie Gewalt oder wurden auch schon als Jugendliche kriminell. Im St. Vinzenz finden sie Obhut, Schutz und eine Perspektive. “Wir arbeiten gemeinsam mit den Kindern daran, ihnen so ein normales Leben zu ermöglichen”, sagt Oschmann. “Wir sind rund um die Uhr für die Kinder da, zum leiblichen und seelischen Wohl der Bewohner und zur Erziehung und zur Entwicklung.”

Was nüchtern klingt, bedeutet Verlässlichkeit im Alltag wie auch in Krisen. Für viele Bewohner, die hier leben, hat das Leben keine glatte Fahrbahn, sondern ist ein holpriger Weg mit Schlaglöchern und Umleitungen, Baustellen. Die Metapher der “Baustelle” nutzt auch Oschmann, wenn er sagt, dass viele der Kinder und Jugendlichen hier an ihren kleinen Lebensbaustellen arbeiten. Sei es das Durchkommen in der Schule oder bei der Verselbstständigung.

“Wir versuchen, die Baustellen mit den Jugendlichen gemeinsam anzugehen”

Andre Oschmann - Einrichtungsleiter

Kleine Schritte in Richtung Selbstständigkeit

So auch mit Kevin, er sagt offen: “Ich bin wahrscheinlich nicht unbedingt die größtselbstständigste Person. Manchmal vergesse ich Termine und so.” Struktur fällt ihm schwer. “Mein Lebensrhythmus ist jetzt nicht komplett schlecht, aber auch nicht der beste. Da ist noch Luft nach oben.” Sein Leben sei eine “kleine Baustelle, die mal größer war”, sagt der 18-Jährige und berichtet, wie er früher durch Schulschwänzen 131 Fehlstunden im Jahr angehäuft hatte. Einen Realschulabschluss hat er dennoch geschafft und ist nun in einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme.

Auch sein Mitbewohner Joel, der eine geistige Beeinträchtigung hat, kennt Baustellen im Leben. Für ihn liegt die größte nicht in Mathe, sondern beim Schreiben. “Lesen kann ich sehr gut”, sagt er. “Aber schnell schreiben ist das Problem.” In seiner Schule wird daran gearbeitet, langsam, aber beständig. Vielleicht braucht er das ohnehin nicht, denn später einmal will er Basketballer werden, sagt der hochgewachsene Junge. Schon jetzt geht er einmal die Woche zum Training.

Platz schaffen, um zu wachsen

„Zuhause ist kein Ort, sondern ein Gefühl“, steht in einer der Wohngruppen an der Wand geschrieben. Ein Zuhause für Heranwachsende ist das St. Vinzenz schon seit mehreren Jahrhunderten. Ein erstes Waisenhaus wurde an der Stelle bereits 1664 gebaut. Das heutige Gebäude stammt von 1896 und noch immer steht “Katholisches Waisenhaus” in großen Buchstaben auf der Backstein-Fassade. Da kümmerten sich bereits Ordensschwestern des Heiligen Vinzenz in Erfurt um Kinder ohne Eltern. 2019 zogen die letzten beiden Schwestern aus Altersgründen aus.

Heute leben hier keine Ordensfrauen mehr, dafür gibt es nun unter dem Dach eine Kita für 70 Kinder und das Kinder- und Jugendhaus, das inzwischen aus allen Nähten platzt. So ist das enge Wohnzimmer der Wohngruppe 2 zu einer Notlösung geworden. “Für die Möglichkeiten, die wir haben, haben wir es uns da oben gemütlich gemacht”, sagt Isabell Viehweg, die Betreuerin der Gruppe. “Aber es bleibt ein Flur, der umfunktioniert wurde. Und ich freue mich, wenn der Ausbau gegenüber bald losgeht und wir einmal wirklich so einen richtig schönen, großen Wohn- und Essbereich haben.”

Die Villa Schönborn als neue Baustelle

Bald soll die “Villa Schönborn”, ein derzeit leerstehendes Gebäude gegenüber dem Haupthaus für die Wohngruppe 2 zu einer Wohnung ausgebaut werden. Eine Baustelle, die aber dringend nötig ist und symbolisch für das steht, was das Caritas Kinder- und Jugendhaus ausmacht: Platz schaffen, um zu wachsen; Raum geben, um das Leben neu aufzubauen. So wird die Villa Schönborn nicht nur saniert, sondern zu einem Ort, an dem Jugendliche ihre eigenen Baustellen weiter bearbeiten können, um am Ende neue Wege einzuschlagen.

"Hier wurde mir geholfen, weil ich ziemlich am Boden war"

Taucht mit dem 16-jährigen Ian ein in eine Geschichte über Selbstbestimmung, Respekt und Zusammenhalt. Erfahrt mehr über einen Ort, an dem junge Menschen ihren Weg ins Leben suchen, denn für sie ist eine unbekümmerte Kindheit keine Selbstverständlichkeit. Ein bewegender Film über Hoffnung, Vertrauen und die Kraft der Gemeinschaft.

Ein Beitrag von:
Bonifatiuswerk

Markus Nowak

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