Vor 800 Jahren, am 3. Oktober 1226, starb der Heilige Franz von Assisi. Die katholische Kirche begeht dieses Datum weltweit mit einem Jubiläumsjahr (10. Januar 2026 bis 10. Januar 2027). Auch das Erzbistum Paderborn beteiligt sich daran: mit einem großen Franziskus-Fest am 12. September 2026 in Dortmund. Für uns ist das Franziskus-Jubiläum ein Anlass, dem Heiligen auf dieser Seite eine Beitragsreihe zu widmen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Franziskus uns heute inspirieren kann: mit seinem Glauben, seinen Haltungen, seinem Tun.
„Wer nicht einmal am Tag in sich geht, ist ständig außer sich“
Missionar und Einsiedler
Er ist kein Franziskaner. Sein Ordenskürzel SVD für Societas Verbi Divini verrät, dass Pater Norbert Cuypers den Steyler Missionaren angehört. Missionarisch ist er auch tätig, obwohl er seit nunmehr sechs Jahren als Einsiedler auf der Dörnschlade in Wenden im südlichen Sauerland lebt. Die Außenwelt kommt zu ihm. Seine Klause liegt neben einer vielbesuchten Wallfahrtskapelle, viele Gläubige suchen das Gespräch mit dem Seelsorger. Aber auch eine für einen Einsiedler erstaunliche Medienpräsenz sorgt dafür, dass sich die Menschen zu ihm auf den Weg machen.
Ein Kernpunkt der Regeln des Franziskus ist die freiwillige Armut. Franziskanerinnen und Franziskaner sollen weder persönlich noch gemeinschaftlich Eigentum besitzen. Sie vertrauen auf Gottes Vorsehung und leben von ihrer Arbeit oder von Almosen – hieran orientiert sich Pater Norbert Cuypers in seinem Lebensstil. Im Interview spricht er über Geldvermögen und echten Reichtum, über den Egoismus in der Gesellschaft, über das Führen eines Tagebuchs, übers Tanzen und ein nachhaltiges Leben
Pater Cuypers, Sie leben asketisch zurückgezogen in einer Klause. Sind Sie arm?
Nein. Ich habe mehr als genug zum Leben. Ich habe ein Dach über dem Kopf und immer etwas zu essen. Ich bin sozial abgesichert. Falls ich krank werden würde oder ein Pflegefall, stünde meine Ordensgemeinschaft hinter mir. Ich habe keine Existenzängste. In meiner Zeit als Missionar in Papua-Neuguinea oder auch in Berlin habe ich echte Armut kennengelernt. Davon bin ich weit entfernt.
Wenn Sie nicht arm sind: Sind Sie reich?
Nicht im herkömmlichen, also im materiellen Sinn. Ich habe kein Vermögen und besitze nur wenige Gegenstände. Dafür habe ich einen anderen Reichtum. Mit über 60 habe ich den Reichtum der Lebenserfahrung. Ich durfte für meinen Orden an interessanten Orten arbeiten, in der Südsee, in Österreich und im hippen Berlin. Nun darf ich hier in meiner Klause sein und ein Leben als Einsiedler führen. Auch noch in dieser Einsiedelei bin ich keineswegs einsam. Ich habe soziale Kontakte, erfahre viel freundschaftliche Zuwendung. Meinen Tagesablauf habe ich so gestaltet, dass ich hier missionarisch arbeite und zugleich in der Stille meinen Glauben und meine Gottesbeziehung auf eine besonders tiefe Weise leben kann. Ich bin vom Leben reich beschenkt.
Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?
Ich stehe auf, richte mich für den Tag und sperre um halb acht Uhr früh die Wallfahrtskapelle auf. Danach gehe ich eine Schweigestunde lang in meine Gebetsmeditation. Erst gegen Mittag gehe ich online. Ich muss ja auf Besuchsanfragen reagieren und den Menschen antworten, die nach einem seelsorglichen Gespräch in Kontakt mit mir bleiben möchten. Dann kommen je nach Jahreszeit und Witterung unterschiedlich viele Menschen auf Wallfahrt zur Kapelle und zu mir, zum Einsiedler. Zwischendrin schmeiße ich meinen Haushalt. Und ich führe Tagebuch. So füllen sich die Tage.
Was schreibt ein Eremit in sein Tagebuch? Kommt da unser Gespräch auch mit rein?
Vielleicht, ja. Hauptsächlich schreibe ich meine Gedanken aus der Gebetsmeditation auf. Interessant wird es beim Wiederlesen des Tagebuchs. Wenn ich feststelle, dass es Gedanken oder Fragen gibt, die mich über längere Zeit beschäftigen. Dann weiß ich, dass diese Fragestellung etwas bedeutet, dass ich diesem Gedanken auf den Grund gehen möchte. Es geht im Tagebuch also mehr um die Innenwelt als die Außenwelt, wobei diese Sphären natürlich in Wechselwirkung zueinanderstehen.
Wenn Sie auf die Außenwelt blicken, was sehen Sie dann?
Viel Äußerlichkeit. Ich sehe Zwänge und Druck. Den Zwang, schön zu sein, erfolgreich zu sein, Status zu erlangen und diesen Status demonstrativ zeigen zu müssen. Durch die sozialen Medien beginnen die Selbstdarstellung und die Selbstoptimierung doch schon bei Kindern.
Aber sind Sie in Ihrem Einsiedlerdasein nicht selbst ein Selbstoptimierer? Sie optimieren ja Ihre Spiritualität …
Darüber lohnt es sich nachzudenken. Ich denke, ich hoffe, da gibt es Unterschiede. Die äußerliche Selbstoptimierung braucht Bestätigung von außen. Sie ist ein Zeichen von Egoismus. Meine Existenz als Einsiedler braucht diese Bestätigung nicht. Ich mache das nicht, um vor der Welt, vor mir selbst oder vor Gott besser dazustehen. Im Gegenteil. Durch das Leben als Einsiedler soll mein Egoismus absterben. Mein Ego soll buchstäblich zugrunde gehen, damit mein wahres Ich den wirklichen Dingen auf den Grund gehen kann.
Egoismen, die zugrunde gehen sollen, das sind drastische Worte …
In der Tat. Wir könnten es umschreiben, die Egoismen vielleicht zum Verschwinden bringen. Aber im Kern geht es tatsächlich darum, dass sie absterben.
Sehen Sie sich in einer Vorbildfunktion für uns Nicht-Einsiedler? Sollten wir alle Einsiedler werden, um unsere Egoismen loszuwerden?
Gott bewahre! Wenn alle Einsiedler werden, stirbt die Menschheit aus. Aber jeder von uns sollte im übertragenen Sinn eine kleine Einsiedelei besitzen, in die er sich von Zeit zu Zeit zurückziehen kann. Einen Ort der inneren Einkehr. So eine imaginierte Einsiedelei kostet keinen Pfennig.
Die besten Dinge im Leben kosten nichts – das erinnert mich an „The Best Things in Life Are Free“ von Janet Jackson und Luther Vandross, einen Song aus den Neunzigern. Wie steht es mit Singen und Tanzen in der Einsiedelei?
Warum nicht? Singen ist umsonst, Tanzen ist umsonst! Beides macht das Leben reich. Der heilige Franziskus hat sein größtes und wichtigstes Gebet, den Sonnengesang, als Lied geschrieben.
Ich selbst kann nicht gut tanzen, aber ich tanze gern. Vom heiligen Augustinus ist der Satz überliefert: „Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel mit dir nichts anzufangen.“ Dem gilt es vorzubauen.
Das Medieninteresse an Ihrer Person zeigt, dass Ihre Lebensweise bei den Menschen ankommt. Überhaupt geht es heutzutage viel um bewussten Konsum, um Verzicht, um Nachhaltigkeit. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung? Ist Nachhaltigkeit ein Modebegriff oder steht mehr dahinter?
Ich versuche, ein nachhaltiges Leben zu führen. Mein Auto habe ich abgegeben. Ich brauche nicht mit der Mode zu gehen und trage meine Kleidung auf. Wenn ich einkaufe, gehe ich zu Fuß vier Kilometer ins Dorf, und ärgere mich regelmäßig darüber, wie viel Plastikmüll ich mit nach Hause bringe. Als Ein-Personen-Haushalt kaufe ich natürlich Kleinmengen ein, da ist vieles abgepackt. In Berlin habe ich gern in Unverpackt-Läden eingekauft, die gibt es hier noch nicht. Auf Überflüssiges verzichten, Ballast abwerfen, das macht frei. Auch meine schöne Filmsammlung auf DVD habe ich abgegeben, als ich hierherkam. Das fiel mir anfangs schwer, aber eigentlich brauche ich die Filme nicht, ich habe die Erinnerungen. Mir geht es bei Nachhaltigkeit aber nicht allein um den Konsum. Auch meine sozialen Beziehungen sollen nachhaltig sein. Vor allem deute ich Nachhaltigkeit spirituell. Meine Gottesbeziehung trägt nachhaltig mein Leben.
Serie "800 Jahre Franziskus - sein Vermächtnis für heute"
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Franziskus im Heute: Ist Friedfertigkeit die richtige Antwort auf Hass bei Social Media?
Franz von Assisi: 800 Jahre einfach leben