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© Thaspol Sangsee / Shutterstock.com
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Franziskus im Heute: Ist Friedfertigkeit die richtige Antwort auf Hass bei Social Media?

Derbe Kommentare und immer schärfere Diskussionen prägen soziale Medien. Wie lässt sich ihnen im Sinne des heiligen Franziskus begegnen? Thomas Kuhr berichtet aus der Praxis, Franziskanerin Schwester M. Lucia Liebenau kommentiert.

Vor 800 Jahren, am 3. Oktober 1226, starb der Heilige Franz von Assisi. Die katholische Kirche begeht dieses Datum weltweit mit einem Jubiläumsjahr (10. Januar 2026 bis 10. Januar 2027). Auch das Erzbistum Paderborn beteiligt sich daran: mit einem großen Franziskus-Fest am 12. September 2026 in Dortmund.  Für uns ist das Franziskus-Jubiläum ein Anlass, dem Heiligen auf dieser Seite eine Beitragsreihe zu widmen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Franziskus uns heute inspirieren kann: mit seinem Glauben, seinen Haltungen, seinem Tun.

Eine franziskanische Antwort auf Hassrede im Netz

Verschwörungserzählungen, Beschimpfungen, blanke Wut. All das kann sich in den Kommentaren zu Posts auf Social Media finden. Was würde der heilige Franziskus dazu sagen? Er lebte in einer Welt voller Gewalt und Grausamkeit. Als Soldat seiner papsttreuen Heimatstadt Assisi zog er ins Gefecht gegen das kaiserliche Perugia und erlebte am eigenen Leib Krieg und Kriegsgefangenschaft. Dabei bekriegten sich die Gegner nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch mit Mitteln der Propaganda. Man kann annehmen: Franziskus wusste, was Fake News sind, auch wenn es damals noch keinen Begriff dafür gab. Sein Leben und sein Glaube, vor allem eine radikale Christusnachfolge, brachte ihn zu einer Haltung, die für den heutigen Umgang mit Hate Speech helfen kann. Dargelegt ist sie in einer älteren und nicht-bullierten Fassung der franziskanischen Ordensregel:

 

Und wenn wir sehen und hören, wie man Böses sagt oder tut oder Gott lästert, dann wollen wir Gutes sagen und Gutes tun und Gott loben, der gepriesen ist in Ewigkeit.

 

Könnte dies ein Rezept sein, um mit Hate Speech im Internet umzugehen? Wir fragen Schwester M. Lucia Liebenau und Thomas Kuhr. Schwester Lucia ist Franziskanerin und selbst social-media-affin. Als Social-Media-Manager betreut Thomas Kuhr die Kanäle des Erzbistums Paderborn und kommt in seiner Aufgabe praktisch täglich mit Hate Speech in Berührung.

Redaktion

Thomas, welche Social-Media-Kanäle unterhält das Erzbistum Paderborn und was wird wie kommentiert?

Thomas Kuhr

Wir sind mit unseren Kanälen auf Facebook, Instagram, Youtube und Tiktok unterwegs. Wir erleben eine zweigeteilte Entwicklung. Viele engagierte Christinnen und Christen kommentieren überaus wohlwollend und freundlich, teilweise ellenlang und sehr differenziert, auch zu theologischen Fachfragen. Gleichzeitig erleben wir aber auch eine rauere Sprache und weniger Diskursbereitschaft. Häufig stehen sich zwei Meinungen mit Absolutheitsanspruch gegenüber, was Kompromisse von vorneherein ausschließt. Viele Kommentare sind unflätig und werden mit der Absicht verfasst, die Gefühle anderer Menschen zu verletzen.

Kommentar Schwester Lucia:

Wir hatten auf unserem Kanal des Geistlichen Zentrums Salzkotten noch keine Trolle, die uns mit Hate Speech angesprochen hätten.

Aber wenn ich Kommentare auf anderen Kanälen lese, bin ich doch ziemlich erschrocken, wie hart die Menschen teilweise miteinander umgehen, wie hart sie kommunizieren.

 

Redaktion

Unflätig und mit der Absicht verfasst, die Gefühle anderer Menschen zu verletzen – hast du mit dieser Beschreibung schon eine Definition von Hassrede geliefert?

Thomas Kuhr

Ja, schon, das kommt inhaltlich hin. Es geht bei Hassrede in erster Linie nicht um strafrechtlich relevante Dinge. Es geht um die Absicht, andere herabzuwürdigen, andere zu beschmutzen und letztlich Kommunikation unmöglich zu machen. Typisch ist dann: Der ursprüngliche Sachverhalt ist längst vergessen, der falsche Vorwurf dagegen bleibt bestehen und wird mit jeder Umdrehung stärker.

Redaktion

Kannst Du Dich auf mögliche Kommentare vorbereiten?

Thomas Kuhr

Im Bereich Social Media gibt es nichts, was es nicht gibt. Menschen, die beispielsweise das Privateste vor einem ausbreiten. Medizinische Befunde beispielsweise. Hilferufe in schwierigen persönlichen Lagen. Das kommt spontan, darauf kann man sich nicht vorbereiten, das muss man situativ gut lösen. In Bezug auf Hassrede allerdings ist vieles berechenbar. Leider. Wann immer wir uns als Kirche zu Migrationsthemen äußern oder unser Erzbischof auf die Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz hinweist, nach der völkischer Nationalismus und das Christentum unvereinbar sind, prasseln grenzwertige, teils offen rassistische Kommentare auf uns ein. Ich muss mich mit oft benutzten Symbolen auskennen oder auch gängige Verschwörungserzählungen kennen, um angemessen reagieren zu können.

© Besim Mazhiqi/Erzbistum Paderborn
Thomas Kuhr, Social-Media-Manager des Erzbistums Paderborn.
Redaktion

Klammert ihr bestimmte Themen aus, um einen Shitstorm zu vermeiden?

Thomas Kuhr

Nein. Wenn ein Thema wichtig ist, äußern wir uns als Kirche dazu. Wir zeigen unseren Glauben, unsere Haltung und unsere Überzeugung, auch wenn uns dafür Kritik blüht.

Redaktion

Was macht es mit dir, wenn du fast täglich Beschimpfungen erlebst? Spürst du die Angriffe persönlich?

Thomas Kuhr

Vielleicht hilft zum Verständnis eine Analogie, ein Bild. Ich verstehe unsere Social-Media-Kanäle als Glaubensorte. Meine Rolle an diesen Orten ist die des Küsters. Wenn jemand im Kirchengebäude mit Worten oder Taten randaliert, greift der Küster ein. Er ermahnt die Person und wenn er sieht, dass die Ermahnung nichts bewirkt, sorgt er dafür, dass dieser Mensch seine Taten nicht wiederholen kann.

Genau dasselbe mache ich auf unseren Social-Media-Kanälen. Schmähkritik stellt eine Störung dar, die alle anderen Nutzerinnen und Nutzer mitbekommen und die den Austausch beeinträchtigt. Also putze ich das unappetitliche Zeug weg, indem ich die Kommentare lösche oder verberge, die gegen unsere Nettiquette und die Community-Richtlinien verstoßen. Damit sich das nicht wiederholt, schließe ich Accounts, deren Ziel eindeutig die Verbreitung von Hassrede ist, aus, indem ich sie sperre oder blockiere. Das ist eine unangenehme Arbeit, aber die Anfeindungen nehme ich nicht persönlich. Die Menschen die kommentieren, meinen ja nicht mich. Allen, die Social Media in einem kirchlichen Kontext machen, kann ich nur dazu raten, professionelle Distanz zu wahren. Je nach Thema gelingt mir das glücklicherweise gut.

Kommentar Schwester Lucia:

Professionelle Distanz und die Sache nicht persönlich nehmen – das ist auch mein Rezept und mein Ratschlag. Wenn uns etwas verletzt, sollten wir zuallererst uns selbst gut versorgen. Und wir sollten uns klarmachen, dass die verletzenden Aussagen eines anderen mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit nichts mit uns als Person zu tun haben. Ich kenne wenige Beispiele für Beschimpfungen im Internet, aber dafür Situationen aus dem richtigen Leben. Durch unsere Kleidung sind wir Ordensschwestern klar erkennbar. Wir werden zu öffentlichen Personen im katholischen Kontext. Viele Menschen projizieren unglaublich viele Dinge auf diese Kleidung. Manche sprechen mich an, ob ich für sie beten kann. Ich erlebe auch, dass manche Menschen extrem fromm auf mich reagieren, sich vor mir bekreuzigen und niederknien, was ich jedes Mal als sehr schwierig empfinde. Und leider mache ich auch immer wieder die Erfahrung, dass Menschen mich sehr verächtlich anschauen oder mir schlimme Sachen hinterherrufen. Bei alledem gucke ich immer sehr auf mich und sage mir: Die meinen jetzt nicht mich, die Lucia. Es hat nichts mit mir persönlich zu tun. Es hat etwas mit meiner Lebensweise zu tun, mit meiner Ordenskleidung und mit den Beziehungen der Menschen zur Kirche und zu kirchlichen Vertretern. In dem Augenblick, in dem es nicht mehr um mich persönlich geht, sondern um die Ordensschwester, kann ich auch aus der Position der Ordensschwester heraus agieren. Und ich kann mich in jeder Situation auf meinen Glauben beziehen. Für mich der wesentliche Punkt ist, zu wissen, dass Gott mich liebt, so wie ich bin. Die Liebe ist immer da und auch der Mensch, der gerade eben noch etwas Negatives an mich herangetragen hat, ist von Gott in dieser Liebe geborgen. Ist mir dieser Gedanke gelungen, muss ich auf Kränkungen nicht mit einer Gegenkränkung antworten. Ich kann erstens klare Grenzen ziehen – ich will nicht, dass so mit mir umgegangen oder so mit mir geredet wird. Und zweitens kann ich dem Negativen etwas Positives und Wohlwollendes entgegensetzen.

Redaktion

Wann gerätst du an deine Grenzen?

Thomas Kuhr

Natürlich gibt es Themen, die mich persönlich mehr emotionalisieren und beschäftigen als andere. Häufig kriegen sich auch Menschen ob persönlicher Standpunkte in die Wolle. Die Messe im Alten Ritus ist zum Beispiel ein besonderes Reizthema bei uns. Dann geht es heiß her, mitunter wird es verletzend. Ich denke mir dann immer: Leute, leben und leben lassen! In unserer katholischen, allumfassenden Kirche ist Platz für viele unterschiedliche Formen der Spiritualität. Wir versuchen dann den Diskurs zu moderieren und die Wogen zu glätten, ohne dass wir inhaltlich Partei ergreifen.

Redaktion

Hat deine Tätigkeit als Social-Media-Manager ein besonderes christliches Element?

Thomas Kuhr

Als Kirche nehmen wir alles wahr. Selbst für Menschen, die uns aufs Bitterste beleidigen, die uns mit pauschalen Vorwürfen überziehen oder uns mit blasphemischen und zynischen Provokationen kommen, sind wir immer noch die Kirche. Bei uns wird deshalb jeder Kommentar, wird jede Nachricht gelesen. Wir machen uns zu jedem Kommentar und jeder Nachricht ein Bild. Dann entscheiden wir aus einer christlichen Haltung heraus, wie wir damit umgehen. Lässt der Kommentar trotz seiner vielleicht abweisenden Sprache eine Dialogbereitschaft erkennen, werden wir in den offenen Dialog gehen.

Kommentar Schwester Lucia:

Wie würde der heilige Franziskus heute mit Social Media umgehen? Das ist ein interessantes Gedankenexperiment. Ich denke, er wäre auf den sozialen Medien sehr aktiv. Und ich bin sicher, er würde alle Menschen mit ins Gebet nehmen, denen er im Internet begegnet. Nicht nur diejenigen, die ihm zujubeln, sondern vor allem diejenigen, die ihn kritisieren. Gleichzeitig glaube ich, dass er sich in den sozialen Netzwerken für einen guten Umgang miteinander einsetzen würde. Zu seinen Lebzeiten musste er Spott, Ablehnung und Kränkungen ertragen.

Dabei ist er immer seinem Weg treu geblieben. Vor allen Dingen aber ist er seiner Beziehung zu Gott treu geblieben. Das hat er auch anderen gegenüber so geäußert: Das ist mein Weg, den ich mit Gott gehe. Diese Klarheit können wir von ihm lernen.

Redaktion

Und diese Dialogbereitschaft unterscheidet eure Arbeit von der anderer Social-Media-Teams?

Thomas Kuhr

Ich glaube schon. Es ist Teil unserer Fortbildung, uns mit anderen Social-Media-Teams auszutauschen. Wir sprechen mit Kolleginnen und Kollegen der anderen Bistümer und Erzbistümer in Deutschland, aber auch mit den Social-Media-Verantwortlichen anderer Institutionen. Besonders spannend war der Austausch mit der Deutschen Bahn oder dem SC Paderborn. Und gleichzeitig hinkt der direkte Vergleich mit anderen. Warum? Weil die Erwartungshaltung der Menschen an uns als Teil der Kirche moralisch gesehen wahrscheinlich viel höher ist als bei anderen Institutionen.

Serie "800 Jahre Franziskus - sein Vermächtnis für heute"

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