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Maria, Schwester im Glauben

Ein Glaubensgespräch mit Dr. Gerhard Best über die Bedeutung Marias

"Ich predige am liebsten über Maria, die Schwester im Glauben."

Das Hochfest Mariä Himmelfahrt, das am 15. August 2019 gefeiert wird, zählt zu den bedeutendsten Marienfesten im Jahreskreis. Für uns ist das Anlass zur Nachfrage, welche Bedeutung Maria und ihre Verehrung für den Glauben hat. Ein Glaubensgespräch mit Dr. Gerhard Best, der am 1. September die Leitung der Marienwallfahrt in Werl übernimmt.

Redaktion

Sie sind in Werl geboren und aufgewachsen. Wie sehr hat die Verehrung der Gottesmutter, die in Ihrem Geburtsort seit Jahrhunderten praktiziert wird, Ihren persönlichen Glauben geprägt?

Dechant Dr. Best

Dr. Gerhard Best

Dr. Gerhard Best.

In Werl unterscheidet man zwischen „propstei“-katholisch und „paters“-katholisch. Paters-katholisch meint die Franziskanerkirche mit der Marienwallfahrt. Damit habe ich in meiner Kindheit und Jugend nur wenig zu tun gehabt. Sondern ich war in der Kinder- und Jugendarbeit der Propstei-Pfarrei, war dort Messdiener… Gleichwohl ist es so, dass man immer wieder mit der Muttergottes und der Wallfahrt in Berührung kommt. Der richtige Bezug kam in den Siebziger Jahren, als ich in der Wallfahrtskirche viel Orgel gespielt und so einen engeren Bezug zur Marienverehrung bekommen habe. Interessanterweise ging das über den Weg des Gottesdienstes und des Gebetes, was ich sehr intensiv erlebt habe. Marienverehrung ist ja etwas sehr emotionales, und es hat mir gut getan, nicht nur in verkopfter Form zu glauben, sondern auch emotional.

Redaktion

In Werl wird ein Gnadenbild verehrt, das Maria als „Trösterin der Betrübten“ zeigt. Was bedeutet dieser Marientitel für Sie persönlich?

Dechant Dr. Gerhard Best

Trost heißt ja nicht, dass mit einem Schlag alles in Ordnung ist. Trost heißt, mit Problemen, mit Herausforderungen umgehen können und zu wissen: da ist eine an meiner Seite, die hat in ihrem Leben ähnliches erfahren und ähnlich schwere Situationen durchgemacht wie ich oder wie die Menschen, die nach Werl kommen – und sie hat diese Situationen aus dem Glauben heraus gemeistert. Ich finde das sehr realistisch. Es wäre ja eigenartig, wenn man nach Werl käme, dort betet, und dann wäre alles in Ordnung, wäre heile Welt. Wir wissen ja auch als Christen: Es wird nicht heile Welt sein, zumindest nicht auf Erden. Sondern es geht darum, auch mit Problemen, mit Fragen leben und wirken zu können. Trost ist dafür genau der richtige Begleiter. Maria geht mit, tröstet und hilft weiter.

Redaktion

Abgesehen von dem Gnadenbild der „Trösterin der Betrübten“ in Werl – gibt es Mariendarstellungen, die Sie besonders berühren?

Dechant Dr. Best

Für mich ist das die Darstellung Marias als Pietà, also Maria als Mitleidende. In Telgte gibt es zum Beispiel ein wunderschönes mittelalterliches Gnadenbild der schmerzhaften Mutter. Ich war jetzt zum Hospitieren in Kevelaer, und da wird ein winzig kleines Andachtsbildchen der Mutter Gottes von Luxemburg verehrt. Also gar kein Kunstwerk, sondern ein kleiner, bedruckter Zettel. Das macht auch deutlich: Ein Gnadenbild ist etwas anderes als ein Kunstwerk. Man hat zu einem Gnadenbild eine viel persönlichere Verbindung.

Redaktion

Mit welchen Worten würden Sie Fernstehende, Zweifelnde einladen, zur Trösterin der Betrübten zu kommen?

Dechant Dr. Gerhard Best

Da haben wir in unserem Team viel überlegt, und wir unterscheiden sehr bewusst zwei Begrifflichkeiten: Wallfahren und Pilgern. Wallfahrt ist die klassische Form: dass hunderttausend Menschen nach Werl kommen, um Maria zu besuchen und zu verehren. Pilgern ist ein weiterer Begriff. Pilgern ist die Haltung des auf der Suche Seins, die Haltung, Fragen oder Probleme zu haben. Der Weg ist beim Pilgern wesentlicher als das Ziel. Es gibt Pilgerwege ohne Ziel, Menschen ohne Ziel. Das ist die Gruppe, die wir neu einladen wollen, indem wir sagen: Kommt mit euren Fragen, kommt mit eurem Ärger – auch mit dem Ärger an der Kirche. Wir möchten helfen und als Gesprächspartner zur Verfügung stehen.

Redaktion

Und Maria?

Dechant Dr. Gerhard Best
Gnadenbild Trösterin der Betrübten in Werl

Das Gnadenbild der “Trösterin der Betrübten”, das in Werl verehrt wird.

Ich glaube, wenn man auf die biblische Maria schaut, kann man auch fernstehenden oder zweifelnden Menschen einen Zugang vermitteln. Die biblische Maria ist eine sehr imponierende Frau. Sie stellt zum Beispiel sehr klare Fragen. In der biblischen Verkündigungsszene fragt sie den Engel Gabriel sinngemäß: „Du kannst mir jetzt viel erzählen. Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll, ich lebe in keiner Beziehung.“ Sie ist auch eine Frau, die mit dem Magnificat politisch Position bezieht. „Er stürzt die Mächtigen vom Thron“, heißt es da zum Beispiel. Sie ist eine Frau, die aushalten kann, denn sie hat ja unterm Kreuz gestanden. Und was mich sehr beeindruckt: Maria denkt nach, erwägt Dinge im Herzen. Um Lebensfragen lösen zu können, muss man manchmal auch einfach still sein und darüber nachdenken.

Redaktion

Haben Sie eine bevorzugte „Marien-Bibelstelle“?

Dechant Dr. Gerhard Best

Für einen Werler Wallfahrtsleiter ist das natürlich Maria Heimsuchung – also der Besuch Marias bei Elisabeth. Das ist eine Stelle, die mir persönlich gut gefällt. Eine andere steht am Anfang der Apostelgeschichte: Maria und die Frauen im Kreis der Apostel im Gebet. Das ist auch ein wunderbares Bild dafür, wie wir Kirche sein könnten. In der sehr berechtigten Diskussion um Maria 2.0, die wir jetzt erleben, kann Maria ein wichtiges Zeichen sein. Maria ist ja nicht nur die schweigende – sie schweigt, um nachzudenken. Aber sie ist genauso gut die Handelnde. Das fand ich in der Diskussion um Maria 2.0 zu verkürzt. Man wird dieser Frau nicht gerecht, wenn man ein “Hausmütterchen” aus ihr macht.

Redaktion

Wie erklären Sie sich, dass Maria im katholischen Glauben eigentlich zu allen Zeiten eine große Rolle gespielt hat?

Dechant Dr. Gerhard Best

Einmal wegen der Nähe zu Christus. Aber für mich gibt es noch eine andere Erklärung: In einer Kirche, die ja aus ihrer Entstehungszeit nachvollziehbar männlich dominiert war, ist Maria immer der weibliche Akzent gewesen, der emotionale Akzent. Das ist für mich ein ganz wichtiger Grund, warum die Verehrung von Anfang an so ausgeprägt war.

Redaktion

Schon vor Maria 2.0 gab es innerhalb der Kirche Kritik daran, was über Maria gelehrt und wie sie dargestellt wurde. Können Sie diese Kritik verstehen?

Dechant Dr. Gerhard Best
Wallfahrtskirche Werl Gruppe

Jahr für Jahr pilgern hunderttausende Menschen nach Werl. Im Bild eine Gruppe aus Olpe.

Wenn man die Dogmen verkürzt darstellt, kann ich die Kritik verstehen. Das Dogma von der Aufnahme Mariens in den Himmel, das erst 1950 verkündet wurde, kann man zum Beispiel verkürzt als Vergöttlichung Mariens verstehen. Aber das ist nicht damit gemeint. Gemeint ist der exemplarische Mensch für uns alle. Ich kann mir das sehr gut vorstellen, wie 1950 das Bedürfnis bestand, den Wert des einzelnen Menschen und die Berufung jedes Menschen zum Leben zu betonen – das war ja eine Zeit, in der die Erinnerung an totalitäre Regime wie den Nationalsozialismus noch sehr nah war. Das Dogma von der Aufnahme Marias in den Himmel ist für mich eine ganz intensive Betonung der menschlichen Würde.

Zu den Dogmen grundsätzlich: Ich glaube, dass alle Glaubenssätze nach wie vor richtig und wahr sind. Aber sie müssen nicht immer gleich relevant sein. Es gibt natürlich die Begriffe „Maria Jungfrau“, „Maria Königin“ – alles Namen, die richtig und wahr sind und in ihrer zeitlichen Entstehungsgeschichte nachvollziehbar. Heute predige ich am liebsten über „Maria, die Schwester“. Durch diesen Akzent – die Schwester im Glauben, die mitgeht – werden ja andere Titel nicht “ungültig”. Sie haben aber eine andere Relevanz. Gerade mit Blick auf Menschen, die wir wiedergewinnen wollen, ist das Bild einer Schwester im Glauben etwas, was man gut nachvollziehen kann. Das wertet andere Begriffe dann überhaupt nicht ab.

Redaktion

Muss sich an der Art und Weise, wie in der Kirche über Maria gesprochen wird, etwas ändern?

Dechant Dr. Gerhard Best

Ich weiß aus meiner eigenen Lebensgeschichte, dass sich immer etwas ändert. Es gab einen Wallfahrtsleiter in Werl, Pater Hartwig, ein ganz lieber und überzeugender Mann. Er beendete fast jede Predigt in der Wallfahrtskirche mit dem wunderbaren Satz: „Denn bei der Mutter ist man immer gern.“ Das ist richtig, so würde ich heute aber nicht mehr predigen. Wichtig ist, dass wir uns eine große Bandbreite bewahren. Das Leitwort in meiner pastoralen Arbeit war immer: „Einheit in Vielfalt“. Und das halte ich auch in der Marienverehrung für ganz wichtig. Was unserer Kirche nicht gut tut, ist die Polarisierung, die wir derzeit erleben. Und dass man dem anderen abspricht, richtig zu glauben. Bei der Weite, die wir brauchen, sind wir schnell wieder bei Maria. Die hat es ausgehalten im Kollegium der Apostel, bei den Typen, die so unterschiedlich waren, wie man es sich kaum vorstellen kann! Sie war und ist sicher eine Frau mit Weite im Herzen.

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