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Maria sieht mich

Themenspecial Maria: Was hat die Gottesmutter mit dem Mai zu tun? Und welche Relevanz hat sie für die Menschen heute? Antworten gibt ein Besuch im Marienwallfahrtsort Werl – kurz vor Beginn der Wallfahrtssaison
Das Gnadenbild in Werl© Cornelius Stiegemann / Erzbistum Paderborn
Unser Glaube
03. Mai 2022
Werl

Maria sieht mich

Themenspecial Maria: Was hat die Gottesmutter mit dem Mai zu tun? Und welche Relevanz hat sie für die Menschen heute? Antworten gibt ein Besuch im Marienwallfahrtsort Werl – kurz vor Beginn der Wallfahrtssaison

Seit dem 17. Jahrhundert wird die Gottesmutter Maria im Mai besonders verehrt. Die Wallfahrtssaison beginnt und Menschen machen sich auf, zu den Marienwallfahrtsorten im Erzbistum zu pilgern. Grund genug, sich in einem Themenspecial dieser wichtigsten aller Heiligen zu widmen. Wer ist Maria? Wie wird sie im Erzbistum Paderborn verehrt? Warum hat sie so eine besondere Stellung unter den Heiligen? Und was verbinden die Menschen im 21. Jahrhundert mit ihr? Diesen und weiteren Fragen gehen wir in diesem Monat nach.

Maria sieht mich – Ein Besuch in Werl

Werl an einem frühen Nachmittag Ende April. Aus grauen Wolken geht ein leichter Regen nieder. In der Wallfahrtsbasilika Mariä Heimsuchung scheint es dadurch noch ein wenig dämmriger und stiller als sonst. Der große Raum ist fast menschenleer. Nur in einer Bank weiter vorne sitzt ein Mann in heller Jacke. Die Hände gefaltet, ist er in Betrachtung vertieft. Sein Blick hängt an der kleinen, goldenen Figur links neben dem Altar: dem Gnadenbild von Werl, das sie hier Trösterin der Betrübten nennen.

Maria und der Mai

Dass die Gottesmutter nur einen Besucher hat, ändert sich bald. In den nächsten Tagen wird die neue Wallfahrtssaison eröffnet. Von Mai bis Oktober kommen dann wieder Menschen aus Nah und Fern, zu Fuß oder mit dem Fahrrad, Bus oder Motorrad. Am meisten wird wohl direkt in den ersten vier Wochen los sein. Denn der Mai gilt vielen als Marienmonat schlechthin. Dabei ist die große Marienverehrung in diesem Monat noch gar nicht so alt – zumindest verglichen mit den beiden anderen Monaten im Jahr, die eine Verbindung zu Maria aufweisen.

Der Oktober steht im Zeichen des Rosenkranzes – einer Gebetsform, mit der man das Leben Christi durch die Augen der Gottesmutter Maria betrachtet. Im September liegen die uralten Gedenktage Mariä Geburt, Mariä Namen und Mariä Schmerzen. Warum also der Mai? „Der Mai ist im Jahresverlauf der Monat, in dem die Schöpfung endgültig wieder zu blühen, zu wachsen und zu gedeihen beginnt“, sagt Pastor Dr. Gerhard Best, der Wallfahrtsleiter von Werl. Das knospende und aufblühende neue Leben in der Natur wurde von den frühen Christinnen und Christen aufgegriffen und auf Maria übertragen. „Denn sie ist diejenige, die Christus geboren hat, der das neue Leben bringt.“

Religionshistorisch hat hier zudem eine Art „Taufe“ stattgefunden: In vorchristlicher Zeit war der Monat Fruchtbarkeitsgottheiten, wie der römischen Maia, zugeordnet. Die Kirche hat diese Feiertage verchristlicht, indem sie sie an Maria überschrieb – eine große Rolle spielten die im Verlauf des Mittelalters aber nicht. Erst in der Zeit des Barock änderte sich das. Die Verehrung der Gottesmutter nahm zu und anstatt einzelner Feste wird ihr der Mai gleich als ganzer Monat zum Geschenk gemacht. In der Romantik des 19. Jahrhunderts verstärkte sich die Verehrung noch einmal. In seinem Lied „Maria Maienkönigin“ von 1842 zieht der Dichter Guido Görres ganz deutlich die Verbindung zwischen der Gottesmutter und dem Frühling: „Maria dir empfehlen wir, was grünt und blüht auf Erden. O lass es eine Himmelszier in Gottes Garten werden.“

Maria und die Menschen heute

Dass Marienfeste einmal pagane Maifeiern abgelöst haben, spielt heute keine Rolle mehr. Der Mann in der hellen Jacke ist aus anderen Gründen hier. Welche könnten das sein? Gerhard Best fallen direkt drei mögliche ein. Da wäre die Grundfrage: Wie gestalte ich mein Leben mit Gott? Im Lukasevangelium wird von der Verkündigung an Maria durch den Engel berichtet (Lk 1,26-38). „Da ist Maria eine, die hört – aber nicht sofort Ja sagt, sondern überlegt: Wie soll das geschehen? Schließlich stimmt sie vertrauensvoll in Gottes Plan ein“, sagt Best. Solch einen Plan habe Gott für jeden Menschen. Die Frage ist: „Gelingt es mir, Gottes Plan in meinem Leben zu erkennen – und ihm zuzustimmen?“

Vor seiner Priesterweihe habe Best oft im Gebet gesagt: „Ich möchte so auf Gott hören können, wie du, Maria, auf Gott gehört hast“. Er lerne von ihr, wie er sein Leben mit Gott gestalten könne. Und wie er für andere da sein könne. Das ist der zweite Punkt. „Maria ist eine, die sehr konkret die Nöte anderer sieht.“ Selbst schwanger macht sie sich auf den Weg zu ihrer schwangeren Verwandten Elisabeth, die als ältere Frau ihre Hilfe braucht (Lk 1,39-56). Der Evangelist Lukas schreibt, dass sie drei Monate bei ihr bleibt. Eine andere Episode ist die Hochzeit von Kana (Joh 2,1). „Die größte Peinlichkeit ist passiert“, sagt Best, „die Gäste haben nichts mehr zu trinken. Maria hat offene Augen und ein offenes Herz für die Menschen und bittet ihren Sohn um Hilfe.“

Anbeten oder Verehren?

Der Unterschied zwischen Anbetung und Verehrung sei so alt wie die Kirche, sagt Gerhard Best. Schon der heilige Augustinus habe sich mit der Frage beschäftigt. „Anbetung gebührt nur Gott. Verehrung ist ein dankbarer Blick auf einen Menschen, der in Verbindung zu Gott steht.“

Dieser dankbare Blick hat zwei Ausprägungen: Die heilige Person kann ein Vorbild sein. Dann fragt man sie: Was kann ich von dir lernen? Der zweite Aspekt hat mit einer Grundüberzeugung des Christentums zu tun: „Wenn wir Christen ernsthaft glauben, dass es ein ewiges Leben gibt, dann sind Maria und die Heiligen bereits in dieser Wirklichkeit bei Gott“, sagt Best. Da kommt dann der Gedanke der Fürbitte ins Spiel: Denk an mich, wenn du bei Gott bist, dann wird ER auch an mich denken.

Das macht Verehrung aus – und zu einer ganz anderen Form der Zuwendung als die Anbetung, die nur Gott gebührt.

Nach Werl kommen auch Menschen in Krisensituationen. In den seelsorglichen Gesprächen, die Gerhard Best führt, geht es teils um schwerwiegende Probleme. Auch da kann der Blick auf Maria helfen. In Bethlehem bringt sie in Bedürftigkeit und Not ihr Kind zur Welt (Lk 2,1-21). „Wenn ich heute in die Ukraine schaue, wo Frauen ihre Kinder in U-Bahn-Schächten zur Welt bringen, kann ich keine größere Nähe zu dieser jungen Frau empfinden“, sagt Best. Dann steht sie unter dem Kreuz, an dem ihr Sohn stirbt: „In dieser absoluten Krise sind alle weggelaufen, nur die Gottesmutter und Johannes haben durchgehalten. Das gibt vielen Menschen, die unter ihren persönlichen Kreuzen stehen, Kraft. Wenn sie auf Maria schauen und sagen: Du hast durchgehalten, sei jetzt bitte auch in meiner Lebenskrise bei mir.“

Marienwallfahrt in Werl

Maria bietet Anknüpfungspunkte für grundlegende und existenzielle Themen. Das macht sie bis heute aktuell. Und das zieht viele Menschen an. Frauen wie Männer, Jung und Alt kommen nach Werl. „Wir sind kein Wallfahrtsort, an dem große Wunder geschehen“, sagt Best. „Darum geht es bei uns auch gar nicht.“ Vor dem Werler Gnadenbild könnten Menschen Kraft tanken, damit „sie danach ihren Lebensweg froh und dankbar weitergehen können“. Das wichtige dabei: der Blick der Gottesmutter. Selbst in einer vollbesetzten Wallfahrtskirche scheine das Gnadenbild den Einzelnen noch direkt anzusehen. „Maria sieht mich. Ich spüre, mit all meinen Sorgen bin ich hier aufgenommen.“ Dass Menschen, mit denen er gesprochen habe, „hier den Mut gefunden haben, weiterzugehen und nicht alles hinzuschmeißen“, sei in seinen Augen Wunder genug. Maria habe ein offenes Ohr für die, die zu ihr kommen.

Auf die, die kommen, wird sich lange vorbereitet. Während der Mann in der hellen Jacke noch allein im Halbdunkel des Kirchenraumes sitzt, werden wenige Türen weiter bischöfliche Gäste eingeladen, neue blau-weiße Fahnen bestellt und Konzepte ausgetüftelt. „In der Sakristei habe ich einen Zettel gesehen, da hatte sich der Küster notiert: Hostien bestellen!“ Auch im Garten stehe noch einiges an, sagt Best. Der Umbau des ehemaligen Franziskanerklosters hinter der Wallfahrtsbasilika zum Pilgerkloster ist vor wenigen Tagen pünktlich fertig geworden. Erzbischof Hans-Josef Becker hatte die Räumlichkeiten, die zur Unterbringung von Pilgern, aber auch für Veranstaltungen und der Verwaltung dienen, am 18. April eingeweiht.

Gerhard Best hofft, dass nach zwei Jahren Pandemie nun endlich wieder mehr Menschen zur Gottesmutter nach Werl kommen. Es hätten sich schon mehrere Gruppen bei ihm gemeldet: „Wir kommen wieder!“ Er freue sich auf die Begegnungen mit den Menschen, ob altbekannt oder zum ersten Mal. Bei der Eröffnung der Wallfahrtssaison am 1. Mai werden alle Lichter der Wallfahrtsbasilika strahlen. Bis dahin ist es hier noch still und dämmrig. Der Mann in der hellen Jacke ist mittlerweile gegangen. An seiner statt sitzt nun ganz hinten eine ältere Frau mit Hut. Auch über die Entfernung hinweg scheint der sanfte Blick der Gottesmutter auf ihr zu ruhen. Und lädt sie zum gemeinsamen Gebet ein.

Das Gnadenbild von Werl

Das Werler Gnadenbild ist eine Holzfigur vom Typus einer Ringpfostenmadonna und stammt aus dem 12. Jahrhundert. Ursprünglich wurde sie in Soest verehrt und kam erst 1661 nach Werl. Dort entwickelte sich bald eine rege Verehrung. Die führte dazu, dass zunächst die barocke Wallfahrtskirche und Anfang des 20. Jahrhunderts die Wallfahrtsbasilika Mariä Heimsuchung erbaut wurden. Bis heute finden traditionsreiche Fußwallfahrten zur „Trösterin der Betrübten“ – eine Übersetzung des lateinischen „Consolatrix afflictorum“, eines Marientitels aus der Lauretanischen Litanei – statt. Die Figur ist kunsthistorisch und theologisch bedeutsam, hier drei besonders interessante Aspekte:

  • Maria verweist auf Christus: In dem alten Marienlied „Salve Regina“ heißt es: Zeige uns Jesus. Und genau das tut das Werler Gnadenbild, indem die Gottesmutter quasi der Thron für den Gottessohn ist.
  • Der besondere Blick: Im 14. Jahrhundert wurde ein besonderer Teil der Statue umgearbeitet: das Gesicht. Der strenge Blick, der für Ringpfostenmadonnen typisch ist, wich einem freundlichen Antlitz. Ein besonderes Detail: Ein Auge schaut geradeaus, das andere leicht nach oben. „Maria schaut in die Welt und sieht uns. Ist ganz bei uns. Gleichzeitig vergisst sie nie den Blick nach oben“, sagt Gerhard Best dazu.
  • Die Figur hält ihre Hände mit den Handflächen nach vorne. Das soll mitnichten abweisend wirken, im Gegenteil. Es handelt sich um die sogenannte Orantenhaltung, die alte Gebetshaltung der Kirche. „Maria betet mit uns. Wir sind hier nicht allein, sondern beten gemeinsam mit der Gottesmutter“, sagt Best.
Ein Beitrag von:
Redaktion

Cornelius Stiegemann

 
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