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Laden, Büro, Seelsorgeort – das Pilgerbüro in Werl

Eigentlich war es nur als Zwischenlösung gedacht, jetzt ist es eine feste Institution in der Werler Fußgängerzone: das Pilgerbüro. Was passiert an diesem besonderen Seelsorgeort?
Das Pilgerbüro in der Fußgängerzone in Werl© Cornelius Stiegemann / Erzbistum Paderborn
Unser Glaube
23. Juni 2022
Werl

Laden, Büro, Seelsorgeort – das Pilgerbüro in Werl

Eigentlich war es nur als Zwischenlösung gedacht, jetzt ist es eine feste Institution in der Werler Fußgängerzone: das Pilgerbüro. Was passiert an diesem besonderen Seelsorgeort?

Es gebe immer etwas zu tun, sagt Barbara Obertrifter. Auch wenn gerade keine Besucherinnen und Besucher kämen. Als wollten sie diese Aussage bekräftigen, schneiden zwei große silberne Papierscheren geräuschvoll durch DIN-A4-Bögen. „Aufkleber auseinanderschneiden“, sagt Obertrifter und schaut zu Magdalena Blome und Schwester Hildegard Löher, die die Scheren führen. „Oder Engel aus alten Gotteslobseiten falten, Fingerrosenkränze knüpfen und zu Mariä Himmelfahrt Sträußchen binden.“ Da klingelt das Telefon und Obertrifter muss rangehen. Die Scheren zerkleinern weiter ratschend die Aufkleberbögen, auf denen 24-mal „Marienwallfahrt Werl“ steht.

Während Obertrifter telefoniert, schweift der Blick durch den Raum. Auf dem Boden: grauer Teppich mit dunkelgrauem Muster. Vorne neben dem Eingang: ein Verkaufstresen. An allen Wänden: Bücherregale aus nachgedunkeltem Holz mit einer Spiegelfläche am oberen Ende. Handschriftlich sind darauf Worte wie „Wallfahrt Werl“, „Pilgern“ oder „Garten“ geschrieben. Der Raum atmet noch viel von seiner Buchladenvergangenheit. Wer das erste Mal durch die Glastür tritt, könnte meinen, dass es hier immer still und ein bisschen verschlafen zugeht. Doch der Schein trügt.

Ein untypischer Mittwoch

Wobei er an diesem Mittwoch ein bisschen weniger trügt. Draußen strahlt die Sonne von einem marienblauen Himmel, nur hier und da ein Schleierwölkchen. Um zehn Uhr morgens war die Außengastronomie der Konditorei und Confiserie direkt gegenüber der Wallfahrtsbasilika schon besser besucht als das Gotteshaus selbst. Das Wetter sei einfach zu gut, sind sich die drei Frauen einig. Da verirrt sich niemand ins Pilgerbüro neben der alten Wallfahrtskirche. Ganz untypisch für einen Mittwoch, beteuern die drei. Aber so sei das hier eben, man könne nicht vorhersagen, was hier passiere.

Was in den Monaten von Mai bis November normalerweise passiert, ist, dass Menschen aus den verschiedensten Ecken des Landes und aus den verschiedensten Gründen nach Werl kommen. Als Gruppe oder allein, zu Fuß, per Fahrrad oder motorisiert, zum ersten Mal oder schon seit Jahrzehnten: Menschen kommen nach Werl zur Trösterin der Betrübten, dem hier verehrten Gnadenbild. Und 170 Jahre lang wurden sie vor Ort von Franziskanern in Empfang genommen. Der Orden kümmerte sich traditionell um die Wallfahrtsseelsorge.

Bruder Vitus – eine Werler Institution

Ihr Kloster lag direkt neben der Basilika mit ihrer charakteristischen Doppelturmfassade. Und wer eine Messe für einen verstorbenen Menschen lesen lassen wollte, nach langer Pilgerschaft eine Unterkunft suchte oder schlicht einen Rosenkranz brauchte, der meldete sich an der Klosterpforte. Einmal klingeln, dann öffnete sich das Schiebefenster in der Wand und das freundliche Gesicht von Bruder Vitus erschien. Bruder Vitus war in Werl eine Institution. Fast 20 Jahre lang besetzte er die Pforte und war dabei vor allem eines: ansprechbar.

Die Franziskaner verließen Werl 2019 und das Erzbistum Paderborn übernahm die Seelsorge in der Wallfahrtsstadt. Doch von Anfang an war klar: So etwas wie Bruder Vitus an der Pforte musste es weiterhin geben. Aber wie sollte das aussehen? Einfach jemand anderes auf Bruder Vitus‘ Stuhl zu setzen, ging nicht, denn das Kloster musste renoviert werden.

Großraumbüro mit Kundenkontakt

Der Ort, an dem heute telefoniert und auseinandergeschnitten wird, sollte eigentlich nur eine Übergangslösung sein. Ursula Altehenger aus dem Seelsorgeteam sitzt im hinteren Teil des „Ladens“, wie sie das Pilgerbüro weiterhin nennen, an einem runden schwarzen Tisch mit bequemen, ebenso schwarzen Stühlen. Altehenger schaut am Kaffeevollautomaten vorbei und erzählt von den Anfängen.

Früher war das Pilgerbüro die Buchhandlung, nach der es immer noch aussieht. Die Inhaberin gab den Laden irgendwann auf. Der Laden stand leer. Bis das neue Seelsorgeteam darauf aufmerksam wurde. „Für uns war das optimal, direkt neben der Kirche diese Räumlichkeiten nutzen zu können“, sagt Altehenger. Sie war die erste, die hier untergebracht wurde. Dann kamen Barbara Obertrifter und Pastor Mockenhaupt hinzu. „Frau Obertrifter saß am Anfang hinter dem Tresen. Pastor Mockenhaupts Tisch stand hier in der Ecke und mein Tisch stand da, wo jetzt der Eine-Welt-Laden ist.“ Im Februar 2020 kommt Markus Ende hinzu. Noch ein Schreibtisch mehr. Die ehemalige Buchhandlung wird zum Großraumbüro.

Warum der „Laden“ bleibt

„Fürs Arbeiten war das schwierig. Wenn ich konzentriert einen Gottesdienst vorbereiten wollte, musste ich das Zuhause machen.“ Doch das Arrangement hatte einen unschlagbaren Vorteil: „Die Menschen mussten nur durch die Tür kommen und hatten gleich alle Ansprechpersonen, die sie brauchten.“ Das Pilgerbüro sei das Pendant zum Pfarrbüro. Wallfahrende wie Werler kämen hierher, wenn sie Fragen zur Wallfahrt hätten, für Verstorbene eine Messe lesen lassen wollen oder einen Segen brauchten. „Uns war klar: Wir müssen den Laden offenhalten. Dieser Publikumsverkehr muss sein.“

„Man fällt hier so rein“, sagt auch Obertrifter in einer Telefonpause. Der Laden liegt nicht nur neben der Basilika, sondern auch direkt in der Werler Fußgängerzone. Anders als das Kloster. „Das ist zu abgelegen“, stimmt Schwester Hildegard zu. Räumlichkeiten gäbe es im mittlerweile renovierten Kloster genug und an sich seien es ja auch nur ein paar Schritte. Aber vielleicht sind das eben ein paar Schritte zu viel. Deshalb sagt Schwester Hildegard: „Gut, dass es das Pilgerbüro gibt. Und gut, dass es das hier gibt.“ So sähen das laut Altehenger auch die Menschen, die das Pilgerbüro besuchten. Von Anfang an hätten sie gesagt: „Ihr dürft den Laden nicht wieder zumachen!“

Altehenger und ihre Kollegen sind mittlerweile in Einzelbüros im Pilgerkloster umgezogen. Den Laden gibt es aber immer noch. Er ist vieles: der einzige Ort in Werl, wo man einen Rosenkranz kaufen kann, Verkaufsfläche für Eine-Welt-Produkte, Information für Pilgerinnen und Pilger und Schaltzentrale der Werler Wallfahrt – was der Grund ist, weswegen Obertrifter so viel telefoniert. Sie ist maßgeblich für das Management der Gruppen und Einzelpilger zuständig. Gerade geht es darum, dass sich eine Gruppe angekündigt hat, für die Verpflegung organisiert werden muss. Aber das Pilgerbüro ist zusätzlich noch etwas anderes: ein Seelsorgeort.

 

„In meiner Arbeit sehe ich viele Pastorale Räume, die sich Gedanken darüber machen, wie sie wieder mehr mit Menschen in Kontakt kommen können und sich dafür dann Projekte überlegen. Und hier in Werl hat sich das einfach so ergeben. Das Projekt hat sich von selbst entwickelt, wir haben das weder geplant noch geahnt. Wir haben unsere Erfahrungen damit gemacht und unser Angebot immer weiterentwickelt. So ist dieser Laden ein pastoraler Ort geworden.“

Ursula Altehenger, Wallfahrtsseelsorgerin in Werl

 

Ein offenes Ohr haben

Magdalena Blome ist eine der Ehrenamtlichen der ersten Stunde. Schwester Hildegard Löher kam nach dem Umzug der Ursulinen ins Pilgerkloster zum Team dazu. Sie und die anderen Engagierten rund um das Pilgerbüro mussten sich am Anfang erst daran gewöhnen, dass Menschen nicht nur nach Pilgerführern oder Marienplaketten fragten. „Man musste sich schon wundern, was für Leute einen hier ansprechen und was sie einem erzählen“, sagt sie. Obertrifter stimmt zu: „Wenn hier zwei junge Menschen durch die Glastür kommen und sagen: ‚Unser Freund ist schwer erkrankt‘, da muss man erst einmal schlucken.“ Und das ist kein Einzelfall. Immer wieder kämen Menschen ins Pilgerbüro, die ein Buch oder auch nur einen Handschmeichler kaufen wollten. Und die dann anfangen würden, zu erzählen. „Man nimmt heute ja gar nicht mehr wahr, wie viele Menschen von Schicksalsschlägen getroffen werden“, sagt Obertrifter. Und die dann Trost suchen. Bei der Trösterin der Betrübten. Und bei den Ehrenamtlichen und Seelsorgenden im „Laden“.

Vielleicht ist einer der Gründe, warum manche Menschen gerade im Pilgerbüro ins Erzählen kommen, dass vor ihnen kein Geistlicher sitzt. „Es gibt natürlich die, die den direkten Kontakt zum Seelsorger brauchen. Aber viele haben Hemmungen, mit ihrem Anliegen direkt zu einem Priester zu gehen. Und die kommen dann hier rein und sehen die ganz normalen Leute, die hier sitzen und denken sich: Denen kannst du das ja mal erzählen.“ Und die Ehrenamtlichen hören zu.

„Ich glaube, dass vielen Menschen eine Ansprechperson fehlt, gerade die Älteren sind häufig einsam“, sagt Schwester Hildegard. „Kann ich einfach mal was loswerden?“ Mit dieser Frage beginnen hier viele Gespräche. Und nachher sagten die Menschen dann: „Jetzt geht es mir ein bisschen besser.“ Schwester Hildegard ist überzeugt: „Einfach ein offenes Ohr haben ist so wichtig. Mehr braucht man oftmals gar nicht tun.“ Zuhören, den Menschen Zeit schenken und vielleicht gemeinsam ein Gebet sprechen. Am Anfang auch für Obertrifter schwierig. Aber mittlerweile sagt sie: „Dafür sind wir da.“

Ein Seelsorgeort, der von allein entstanden ist

„In meiner Arbeit sehe ich Pastorale Räume, die sich aktuell viele Gedanken machen, wie sie wieder mit Menschen in Kontakt kommen können und die sich dann Projekte überlegen“, sagt Ursula Altehenger. „Und hier hat sich das Projekt einfach von selbst entwickelt, wir haben das nicht geahnt.“ Die Menschen seien einfach gekommen, mit ihren Anliegen. Und da hätte das Team gemerkt: „Hier ist Kirche ganz nah bei den Menschen. Wir kommen mit den Menschen über ihre Lebensthemen in Kontakt.“

Freilich müssen Altehenger und ihre Kollegen jetzt einen Spagat aufführen, zwischen ihren Büros im Pilgerkloster und den festen Sprechzeiten am schwarzen runden Tisch im Pilgerbüro. Aber das Ziel ist klar: „Wir wollen mit den Menschen in Kontakt treten“, sagt sie. Das Pilgerbüro sei eine Brücke dafür. Und auch wenn das Seelsorgeteam nicht mehr im Großraumbüro sitze, sei man weiter ansprechbar. Für die Menschen aus Werl und alle, die zur Trösterin der Betrübten kommen.

Irgendwann sind genug Aufkleber ausgeschnitten. Die Scheren verstummen. Magdalena Blome und Schwester Hildegard sammeln die ausgeschnittenen Sticker in einem kleinen Weidenkörbchen. Das wird auf den großen Tisch im Zentrum des Pilgerbüros – dem einzigen aus Bürotagen hier verbliebenen – gestellt. Für die Pilgerinnen und Pilger, die Menschen, die heute nicht da waren, aber vielleicht schon morgen wieder durch die Glastür kommen. Im Gepäck ihre kleinen und großen Geschichten. Und im Pilgerbüro wird jemand sitzen, der ihnen zuhört.

Das Pilgerbüro in Werl

Bei Fragen rund um die Wallfahrt, zu Gottesdiensten oder zu Beichtzeiten erhalten Sie hier Auskunft.

Montag – Freitag:
9.30 Uhr – 12.00 Uhr und 15.00 Uhr – 18.00 Uhr
Und in der Wallfahrtszeit vom 01.05. – 01.11. zusätzlich am
Samstag 10.30 Uhr – 13.00 Uhr

Adresse:
Pilgerbüro Marienwallfahrt Werl
Walburgisstraße 41
59457 Werl

Ihre Ansprechperson im Pilgerbüro:
Barbara Obertrifter
Telefon: 02922 9820
E-Mail: pilgerbuero@wallfahrt-werl.de

Weitere Informationen finden Sie hier

© Cornelius Stiegemann / Erzbistum Paderborn
© Cornelius Stiegemann / Erzbistum Paderborn

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