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„In der Marienverehrung geht es immer um ganz tiefe Gefühle“

Themenspecial Maria: Dekanatskirchenmusikerin Barbara Grundhoff über Maria in der Musik
Von Orgel eingerahmtes Kirchenfenster. Das Fenster zeigt Maria.© Bill Perry / shutterstock.com
Unser Glaube
10. Mai 2022

„In der Marienverehrung geht es immer um ganz tiefe Gefühle“

Themenspecial Maria: Dekanatskirchenmusikerin Barbara Grundhoff über Maria in der Musik

Barbara Grundhoff, Dekanatskirchenmusikerin im Dekanat Hochsauerland-Mitte, erinnert sich immer noch gerne an eine Konzertreise nach Polen während ihrer Studienzeit. „Das war im Jahr 1985, die Mauer stand also noch und es herrschte der Kalte Krieg“, erzählt sie. „Die Konzerte fanden in voll besetzten Kathedralkirchen statt. Immer, wenn das ‚Ave Maria‘ von Anton Bruckner gesungen wurde, standen alle Zuhörerinnen und Zuhörer auf, mucksmäuschenstill, und hörten dem Gesang andächtig zu. Und wenn ich in die Augen der Menschen sah, hatte ich das Gefühl, als würde in diesem Augenblick alles Leid, alle Not und Traurigkeit der Welt der Gottesmutter an die Hand gegeben, um es Christus vorzutragen.“

Kirchliche Marienverehrung hat Musik stark beeinflusst

Nicht zuletzt aufgrund dieser unvergesslichen Konzerte ist für Barbara Grundhoff das „Ave Maria“ von Anton Bruckner (1824-1896) eine ganz besondere Komposition. „Die siebenstimmige Motette ist ein herrliches Chorwerk, das mich beim Zuhören immer wieder tief berührt“, sagt sie. „Die Innigkeit dieser Musik lässt mir als Zuhörerin die geheimnisvolle Begegnung zwischen dem Erzengel Gabriel und Maria aus dem Lukasevangelium ganz nahe kommen.“

Barbara Grundhoff ist überzeugt davon, dass die Musik noch stärker von der kirchlichen Marienverehrung beeinflusst wurde als die bildende Kunst. „Mithilfe von Musik lassen sich Gefühle besonders gut ausdrücken“, sagt sie. „Und in der Marienverehrung geht es immer um ganz tiefe Gefühle. Meistens um große Sorgen und große Angst.“

Maria blieb menschlich nah

Warum die Marienverehrung so gefühlsbetont ist, erklärt sie mit einem Blick in die frühe Geschichte des Christentums: „Das Konzil von Ephesus im Jahr 431 nach Christus hat festgelegt, dass Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Die starke Betonung der Göttlichkeit Jesu hatte zur Folge, dass er für die Menschen in weite Ferne rückte. Im Gegensatz dazu fanden die Menschen zu Maria leichteren Zugang. Sie blieb menschlich nah. Als Mutter Gottes, Heilige Frau, Jungfrau, Unbefleckte, Himmelskönigin, Gnadenmutter und Schmerzensmutter teilt sie die Sorgen der Menschen und trägt sie vor ihren Sohn, vor Christus.“

Besteht bei so tiefen Gefühlen nicht die Gefahr, dass musikalische Marienverehrung auch kitschig werden kann? „Für die geistliche Musik würde ich das verneinen“, sagt Barbara Grundhoff. „Es gibt keine Komposition, die ich als kitschig empfinden würde. Zwar gibt es manche Texte, die uns heute nicht mehr so leicht über die Lippen gehen. Aber letztlich müssen die großen marianischen Kompositionen immer aus der Zeit gesehen werden.“

Franz Schuberts „Ave Maria“

Als Beispiel nennt Grundhoff das „Ave Maria“ von Franz Schubert (1797-1828), das gerne bei Trauungen, Silber- und Goldhochzeiten gesungen werde. „Schubert hat sich dafür nicht des festgelegten liturgischen Textes bedient, sondern der deutschen Übersetzung eines heute fast unerträglich kitschigen Gedichtes von Walter Scott mit dem Titel ‚Gebet einer Jungfrau‘.“ Weil man wohl gespürt habe, dass dieser Text nur schwer zu ertragen sei, habe man ihn gegen den lateinischen liturgischen Text des ‚Ave Maria‘ getauscht. „So ist Schuberts Werk heute nur selten in deutscher Sprache zu hören und bleibt ein großartiges Kunstwerk, das nicht kaputtzukriegen ist.“

Das „Ave Maria“ von Franz Schubert ist auch Beispiel für eine grundlegende Veränderung im Verlauf der Jahrhunderte. „Zunächst war es so, dass marianische Kompositionen fast immer in einem liturgischen Kontext gestanden haben“, so Barbara Grundhoff. „Sie haben ihren Platz im Stundengebet, in der Andacht, bei der Wallfahrt oder in der Messe. Aber seit dem Ende des 19. Jahrhunderts sind viele Kompositionen nicht mehr an die Liturgie gebunden und auch gar nicht für die Liturgie geschrieben.“

Ein weiteres herausragendes Beispiel für eine solche nicht-liturgische Marienkomposition sei das „Salve Regina“ aus der Oper „Dialogues des Carmélites“ von Françis Poulenc (1899 – 1963). „Darin geht es um das Schicksal eines Frauenklosters zur Zeit der Französischen Revolution“, erklärt Barbara Grundhoff. „In der Schlussszene dieser Oper besteigen die Nonnen das Schafott unter dem Gesang des „Salve Regina“, dessen Klänge – von den Schlägen des Fallbeils dumpf begleitet – immer leiser und zugleich immer eindringlicher werden. Das ist sehr eindrucksvoll und geht unter die Haut.“

Das Ave Maria wurde am häufigsten vertont

Blickt man in die Geschichte musikalischer Marienverehrung, sei allerdings das „Ave Maria“ jenes Mariengebet, das eindeutig am häufigsten vertont worden sei, so Barbara Grundhoff. „Im Laufe der Jahrhunderte bis zur Reformation hat nahezu jeder Komponist und danach jeder katholische Komponist mindestens eine Ave-Maria-Komposition geschrieben“.

Erste Vertonungen habe es schon im 8./9. Jahrhundert nach Christus gegeben. Während manche marienverehrende Musikformen spätestens im 18. Jh. weitgehend versiegten, zähle das „Ave Maria“ zu jenen Traditionen, die weiterlebten und im 19. Jh. sogar richtig aufblühten. „Die Liste der Ave-Maria-Komponisten ist lang“, weiß Barbara Grundhoff. „Sie enthält so berühmte Namen wie Franz Liszt, Anton Bruckner, Max Bruch, George Bizet, Giuseppe Verdi, Anton Dvorak, Giacomo Rossini, Engelbert Humperdinck oder Igor Strawinski.“

Heute ist das Magnificat beliebter

In jüngster Zeit sei jedoch ein anderes Gebet beliebter geworden als das „Ave Maria“: das Magnificat, jener Lobgesang Marias, den diese bei ihrer Begegnung mit Elisabet spricht (Lk 1,39-56). „Ich glaube, dass dies für unsere Zeit besser zu vermitteln ist“, vermutet Barbara Grundhoff als Grund. „Diese Maria erscheint wie die Schwester im Glauben, als jemand, der gegen die Mächtigen aufbegehrt.“ Das Magnificat von Alan Wilson und das Magnificat von Jürgen Essl erfreuten sich gerade bei jungen Chören besonderer Beliebtheit.

Generell sei es jedoch so, dass die Marienverehrung im kirchenmusikalischen „Alltag“ eine immer geringere Rolle spiele. Corona habe diese Entwicklung noch beschleunigt. „Marienandachten sind faktisch ganz verschwunden, Hochfeste werden nur noch selten von den Chören musikalisch gestaltet“, sagt Barbara Grundhoff. „Oft wird noch in den Monaten Mai und Oktober am Ende der Messe ein Marienlied gesungen.“ Aber auch dies sei nicht mehr selbstverständlich. „Aber letztlich hängt die Pflege der Marienfrömmigkeit immer davon ab, in wieweit sie Tradition einer Gemeinde ist.“

Zum Nachhören: Herausragende Beispiele musikalischer Marienverehrung

Anton Bruckner, Ave Maria, siebenstimmige Motette

„Der zarte Beginn mit dem englischen Gruß „Sancta Maria“, viermal im Wechsel und mit wachsender Intensität von Frauen- und Männerstimmen gesungen und mündend in ein Fortissimo, dann das abrupte Piano bei den Worten „ora pro nobis peccatoribus, nunc et in hora mortis nostrae“, beibehalten bis zum Schluss mit kleinen Crescendi und Decrescendi, die zarten leisen Klänge und die seufzerartigen Bindungen in den Frauenstimmen bei den Worten „ora nobis peccatoribus“, rühren mich jedes Mal beim Hören dieser Motette an.“ (Barbara Grundhoff)

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Franz Schubert, Ave Maria

Der im Video zu hörenden Fassung liegt das Gedicht von Walter Scott mit dem Titel „Gebet einer Jungfrau“ zugrunde. Oft wird Schuberts Musik auch mit dem lateinischen Originaltext des Ave-Maria unterlegt.

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Claudio Monteverdi (1567-1643), Marienvesper

„Die Marienvesper war zu ihrer damaligen Zeit ein bahnbrechendes Meisterwerk einer neuen Musikgattung. Monteverdi zeigt sich hier als Komponist, der die Breite seiner musikalischen Formensprache voll und ganz beherrscht und sowohl „konservativ“ polyphon als auch „modern“ monodisch ein geistliches Werk komponieren kann. Er komponierte diese Vesper wahrscheinlich für das Fest Mariä Verkündigung.“ (Barbara Grundhoff)

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Giovanni Battista Pergolesi (1710–1736): Stabat Mater

Dieses Werk war bereits im 18. Jahrhundert berühmt und wird bis heute oft aufgeführt. Diese Komposition hat den Leipziger Thomaskantor Johann Sebastian Bach so überzeugt, dass er die gesamte Komposition zu einer deutschen Kirchenkantate mit dem Titel „Tilge, Höchster, meine Sünden“ umgearbeitet hat.

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Johann Sebastian Bach (1685-1750), Magnificat

„Natürlich ist das von großer Festlichkeit, Erhabenheit und gleichzeitig tiefer Innigkeit geprägte Bach’sche Magnificat nicht zu vergessen. Johann Sebastian Bach schuf es in seinem ersten Amtsjahr als Leipziger Thomaskantor und es gehört neben der H-Moll-Messe und den Lutherischen Messen zu seinen einzigen Werken in lateinischer Sprache. Man vermutet, dass Bach es für das Fest Mariä Heimsuchung am 2. Juli 1723 geschrieben hat. Später erklang es erneut, mit weihnachtlichen Einlagesätzen angereichert, in der Weihnachtsvesper 1723.“ (Barbara Grundhoff)

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Rosenkranz-Sonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704)

Ein berühmtes Werk marianischer Instrumentalmusik stellen die „Rosenkranz-Sonaten“ für Violine und Basso Continuo von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704) dar, die auch „Mysteriensonaten“ genannt werden. Die 15 marianischen Meditationen sind teilweise überaus virtuos und stellen höchste spieltechnische Anforderungen an den Geiger. Sie sind eingeteilt in drei Zyklen: die Geheimnisse des Freudenreichen, des Schmerzhaften und des Glorreichen Rosenkranzes. Sie beinhalten jeweils fünf Sonaten, die 5 Gesätze.

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Ein Blick in die Geschichte musikalischer Marienverehrung

von Barbara Grundhoff

Die Marienverehrung begann bereits im frühen Christentum. Damals entstanden eine Reihe liturgischer Musikformen, die durch einen immer gleich bleibenden lateinischen Text gekennzeichnet waren und die in der geistlichen Musik vielfach vertont wurden. Zu nennen wären da die „Marianischen Antiphonen“, die Sequenz „Stabat mater“, das Magnificat (Lobgesang Mariens) und das „Ave Maria“, das sich bei Komponisten großer Beliebtheit erfreute.

Zunächst als einstimmige gregorianische Gesänge in lateinischer Sprache vorhanden, erklangen sie dann später in der Renaissance und im Barock als prachtvolle Motetten für kleine und große Chöre, als Kantate oder Gesangstück für Singstimme und Basso Continuo oder auch – besonders das Magnificat – als Orgelwerke, in dem die ursprüngliche lateinische Melodie verarbeitet wurde.

Musikalische Marienverehrung auch in den Klöstern

Auch in den Klöstern wurde die Marienverehrung gepflegt: Am Ende der Komplet, des Nachtgebets der Kirche, hatte eine Marianische Antiphon ihren Platz und aus den frühesten Handschriften liturgischer Gesänge aus dem 7./8. Jh. wissen wir sowohl von Marienhymnen für die Laudes oder Vesper zu Marienfesten („O gloriosa Domina“ – O große Herrin, schönste Frau“ 7./8. Jh. oder „Ave, maris stella“ um 1100) als auch von Antiphonen (Ave-Maria-Antiphonen oder „Sub tuum praesidium confugimus, sancta Genitrix“ – „Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, heilige Gottesgebärerin“) zu den Psalmen.

Von der Renaissance bis in den Barock

In der Renaissance finden sich dann auch schon Marienvespern als Gesamtkomposition, etwa die Marienvesper von Claudio Monteverdi oder die Vesper zum Fest Mariä Himmelfahrt von Orlando di Lasso (1532-1594). Auch Vertonungen von Heiligen Messen zu Ehren der Gottesmutter lassen sich schon früh belegen, etwa von Guillaume de Machaut (um 1300-1377), einem der bedeutendsten Komponisten des Mittelalters. Seine Messe de Nostre Dame (um 1360/65) gilt als die erste vollständige vierstimmige Vertonung der Ordinariumsteile als ein Zyklus. Weitere Mess-Vertonungen zu Ehren der Gottesmutter folgen in der Renaissance von Josquin Deprez (1450/55-1521) und Giovanni Pierluigi da Palestrina.

Mess-Kompositionen zu Ehren der Gottesmutter lassen sich dann auch im Barock (Marc-Antoine Charpentier: „Missa assumpta est Maria“, Messe zur Aufnahme Mariens in den Himmel) und besonders in der Klassik bei Joseph Haydn finden (Missa Cellensis in honorem Beatissimae Virginis Mariae, No. 5 in Es-Dur, auch bekannt als die Grosse Orgelmesse (Große Orgelmesse) (H. 22/4) (1766); Missa Cellensis in honorem  Beatissimae Virginis Mariae Nr. 3 in C-Dur (H. 22/5)).

Ein Aufblühen im 19. Jahrhundert

Während viele marienverehrende Musikformen bis ins 18. Jh. weitgehend versiegten, lebten das „Salve Regina“, das „Stabat mater“ und das „Ave Maria“ weiter fort. Dieses und das Stabat mater blühten im 19. Jh. sogar richtig auf.

Nicht wenige Komponisten ließen sich durch die Worte des Stabat Mater inspirieren und legten häufig auch ihre eigene Marienfrömmigkeit in das Werk hinein: Franz Liszt, Gabriel Rheinberger, Antonin Dvorak und Gioacchino Rossini bis zu neueren Werken, etwa von Francis Poulenc, Arvo Pärt oder Wolfgang Rihm, Knut Nystedt und den noch lebenden slowakischen Komponisten Vladimir Godar (geboren 1956) und Krzystof Penderecki (1933-2020). Dessen „Stabat mater“ gilt als Beginn einer Periode, in der Penderecki den strengen Avantgarde-Satz aufgibt und versucht, eine gewisse Verbindung zwischen Moderne (12-Ton-Musik) und Tradition (gregorianischer Choral, Palestrinas Musik und die Werke Bachs) zu entwickeln.

Auch die Liste der Salve-Regina-Kompositionen führt namhafte Komponisten aus dem 19. und 20. Jahrhundert: Als da wären Franz Liszt (1811–1886) und Josef Gabriel Rheinberger (1839–1901). Herausragend im 20. Jahrhundert sind die Vertonungen von Petr Eben (1929-2007) und Francis Poulenc (1899–1963).

Ein nicht liturgisches aber doch bedeutendes Werk der Moderne und der Marienverehrung sollte hier nicht vergessen werden: das „Marienleben“ von Paul Hindemith (1875-1926), eine Vertonung des gleichnamigen Gedichtzyklus von Rainer Maria Rilke. (1875-1926).

Ein Beitrag von:
Redaktion

Dr. Claudia Nieser

 
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