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Erzbistum Paderborn
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Maria hat Redebedarf

Themenspecial Maria: Geistlicher Blick von Pastor Stephan Mockenhaupt auf Maria und Elisabet
© Besim Mazhiqi
Unser Glaube
24. Mai 2022
Werl

Maria hat Redebedarf

Themenspecial Maria: Geistlicher Blick von Pastor Stephan Mockenhaupt auf Maria und Elisabet

Was ist das schön, sich wieder einander begegnen zu können! Nicht per Videokonferenz, sondern ganz real: von Angesicht zu Angesicht. Die Pandemiezeit mit ihren Abstandsregelungen und Lockdowns, mit den Kontaktbeschränkungen oder -verboten hat vielen Menschen von jung bis alt nicht gutgetan – weder körperlich noch seelisch.

Der Mensch ist auf Beziehung angewiesen. Er lebt von der Begegnung. Wir brauchen ein Gegenüber, dem wir unser Herz ausschütten können, wenn uns etwas bedrückt. Ebenso ist es mit den Momenten, die uns mit Freude erfüllen. Uns mitzuteilen, mit jemanden etwas teilen, tut unserer Seele gut. Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude.

Maria hat Redebedarf

Der Evangelist Lukas erzählt von einer solch wohltuenden Begegnung, die mir in der Arbeit als (Wallfahrts-)Seelsorger sehr hilfreich und wichtig geworden ist. Es ist die Begegnung zwischen Maria und ihrer Verwandten Elisabet (Lk 1,39-56).

Beide Frauen sind schwanger und befinden sich dadurch in einer jeweiligen Ausnahmesituation. Maria ist eine Jugendliche, als ihr ein Engel namens Gabriel mitteilt, dass sie Mutter des Sohnes Gottes werden soll.

Diese sehr außergewöhnliche Begegnung, die zunächst für einen Schrecken verursacht, und eine Schwangerschaft, die für Gesprächsstoff sorgen wird, weil der Verlobte, Josef, nicht der Vater ist, lässt Maria aufbrechen. Sie hat es sogar eilig (vgl. Lk 1,39).

Maria hat Redebedarf. Sie will verstehen und begreifen. Da braucht es jemanden, der in einer ähnlichen Situation ist wie sie; jemanden, zu dem sie Vertrauen hat. Es ist ihre Verwandte Elisabet, die bereits im sechsten Monat schwanger ist.

Zwei Frauen in Ausnahmesituationen

Elisabets Ausnahmesituation ist eine ähnliche: Auch hier wirkt Gott. Allerdings verkündet ein Engel nicht ihr, sondern ihrem Mann Zacharias, dass sie Mutter wird. Für das Paar erfüllt sich der langersehnte Wunsch nach einem Kind. Elisabet galt als unfruchtbar (vgl Lk 1,7), doch nun wurden ihre Gebete erhört.

Bei aller Freude wird sie auch eine Angst und Sorge um die Zukunft begleiten. Elisabet ist in einem fortgeschrittenen Alter. Bei ihr würden wir heute von einer Risikoschwangerschaft sprechen.

Dass Elisabet in einer Stadt im Bergland von Judäa wohnt, das ungefähr drei bis vier Tagesetappen von Nazareth entfernt liegt, ist für Maria kein Hindernis. Sie wird zu einer Pilgerin mit ihrem persönlich gepackten Rucksack.

„Gesegnet bist du“

Die Begegnung von Maria und Elisabet wird zu einer großen Freude, die von Fülle, von Annahme, von Segen und Lobpreis getragen ist. Es begegnen sich nicht nur sichtbar beide Frauen, die froh sind, einander wiederzusehen, sondern auch die werdenden Söhne im Mutterbauch: Johannes der Täufer, der vor Freude hüpft (vgl Lk 1,44) und Jesus, der Sohn Gottes.

Die Begrüßung ist im wahrsten Sinne des Wortes so herzlich, dass Elisabet aus tiefstem Herzen die bedeutendste Segenszusage spricht, mit der wir bis heute die Gottesmutter im „Ave Maria“ grüßen: „Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.“ (Lk 1,42)

Diese äußere und innere Begegnung wird zu einer erfüllenden Freude. Sie mündet in den berühmten Lobgesang Marias, das Magnificat, in dem das Unbegreifliche für sie begreiflich wird (vgl. Lk 1,46-55).

Wie aktuell das Evangelium ist

Etwa drei Monate wird Maria bei Elisabet bleiben (vgl. Lk 1,56). Über diese Zeit erfahren wir nichts. Die Vermutung liegt nahe, dass Maria der werdenden Mutter Beistand geleistet und sie in den täglichen Aufgaben unterstützt hat.

Sie werden mit Sicherheit gute Gespräche über Gott und die Welt geführt haben. Vielleicht wird Maria auch bei der Geburt dabei gewesen sein um anschließend mit großem Gottvertrauen gestärkt in ihre Heimat zurückzukehren.

Mich fasziniert, wie aktuell das Evangelium ist. Auch heute brechen viele Menschen zum Pilgern auf. Sie werden angetrieben von Fragen nach dem Sinn des Lebens, von der Suche nach Gott. Von einer Lebenskrise, Beziehungsbrüchen, Schicksalsschlägen, beruflichen Umbrüchen und vielem mehr.

Auf der Suche

Pilgern ist Suche nach Antworten, der Wunsch nach Klärung, die Sehnsucht nach seelischem Heil. Begegnung auf dem Weg oder am Ziel spielt eine wichtige Rolle: eine vertraute Person in der Nähe; eine oder mehrere Personen, die mich ein Stück des Weges begleiten, ein besonderer (Wallfahrts-)Ort, zu dem ich mich aufmache.

Maria ist für mich selbst eine hilfreiche Pilgerbegleiterin, weil sie uns durch ihre Lebenserfahrung mit all den Höhen und Tiefen sehr nahe ist.

Gleichzeitig wird auch in diesem Evangelium wieder deutlich, dass in allen Aufbrüchen, in allem Suchen schon längst Gott mit auf unseren Wegen ist – als unsichtbarer Weggefährte, als Hörender. Wohltuende Begegnungen sind ein Segen. Mögen wir wie Maria darin ein Zeichen seiner liebenden Nähe zu uns erkennen.

Pastor Stephan Mockenhaupt arbeitet als Wallfahrtsseelsorger in Werl. Dort wird seit 1661 das Gnadenbild der Trösterin der Betrübten verehrt.

 
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