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© Erzbistumsarchiv Paderborn
© Erzbistumsarchiv Paderborn

„So ist auf westfälischem Boden noch kein Fürst gefeiert worden …“

Thema der Archivalie des Monats: 3000 Fackeln für Nuntius Pacelli als gefeierter Ehrengast des Liborifestes 1926

Mit Kirche, Kultur und Kirmes zieht Libori seit jeher Menschen aus nah und fern an. Regelmäßig besuchen auch hohe Geistliche das Fest. Vor exakt 100 Jahren allerdings kam es zu einem wahrhaftigen Jahrhundertereignis. Libori 1926 herrschte in Paderborn große Freude über den Besuch des päpstlichen Nuntius Eugenio Pacelli (1876–1958), der 1939 als Papst Pius XII. zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gewählt wurde. In den Beständen des Erzbistumsarchiv ist der hohe Besuch in Wort und Bild umfassend dokumentiert. Eine besonders gelungene Fotografie bildet die Archivalie des Monats Juni 2026.

Tageszeitung zieht Parallele zu Treffen zwischen Frankenkönig Karl und Papst Leo III.

In den Archivbelegen schlummert einige prophetische Kraft. Nuntius Pacelli wurde in Paderborn empfangen und bejubelt, als wäre er bereits Papst. Nicht von ungefähr zog das traditionell katholisch geprägte Westfälische Volksblatt am 24. Juli 1926, das ihm eine ganze Seite mit einer Porträtaufnahme widmete – eine damals noch ungewöhnliche und deswegen besondere Hommage –, Parallelen zum historischen Treffen des Frankenkönigs Karl mit Papst Leo III. im Jahr 799. Während das Reich Karls des Großen jedoch längst untergegangen sei, so heißt es im Beitrag, zeige die „heilige Kirche, die von Christus auf den Felsen, auf Petrus und seine Nachfolger, erbaut ist“ unvermindert ihre Lebendigkeit, denn: „Geblieben ist der gleiche heilige Glaube, der damals die Paderborner zur Begeisterung für den Stellvertreter Christi fortriß. Geblieben ist aber auch die gleiche Liebe und Treue der Paderborner katholischen Bürgerschaft zum Heiligen Vater in Rom, auf den Gott die höchste Würde und geistliche Vaterschaft gelegt, indem er ihm die Schlüssel des Himmelreiches übertragen hat.“

Was ist ein Nuntius?

Der Nuntius (lateinisch für Gesandter) ist der Botschafter des Papstes in einem bestimmten Land und nimmt damit eine Doppelfunktion ein. Gegenüber dem Staat ist er diplomatischer Vertreter des Heiligen Stuhls, gegenüber den Ortskirchen im Land repräsentiert er den Papst. Besonders wichtig wird der Nuntius bei der Wahl von Bischöfen.

Apostolische Nuntiaturen als ständige Vertretungen des Papstes gibt es im Hinblick auf das Territorium Deutschlands seit dem 16. Jahrhundert: zunächst am Kaiserhof in Wien (Vincenzo Pimpinella:1529–1531), dann in Köln (Giovanni Francesco Bonomi:1585–1587) und in München, wo am 7. Juni 1784 Cesare Zoglio akkreditiert wurde. Die Münchener Nuntiatur gab es bis 1934. Aktueller Sitz der Nuntiatur in Deutschland ist Berlin.

Nuntius in Deutschland ist seit 2026 Erzbischof Dr. Hubertus Matheus Maria van Megen

Die Nuntiatur ist auch die Anlaufstelle für an den Papst gerichtete Briefe und Bitten um Päpstlichen Segen. Ein Apostolischer Segen durch den Apostolischen Nuntius wird gewährt zu den meisten Sakramenten, Weihen, Gelübden, Jubiläen und Geburtstagen (Institutionen und Einzelpersonen) sowie Kirchweihe.

Weitere Informationen unter www.nuntiatur.de

Der Nuntius reist per Bahn und mit Verspätung an

Der Römer Eugenio Pacelli wurde 1917 diplomatischer Vertreter des Papstes für das Königreich Bayern in München. 1920 wurde Pacelli für das Deutsche Reich akkreditiert, zog aber erst 1925 nach Berlin. Bei seinem Besuch in Paderborn folgte der deutschsprechende Nuntius einer Einladung des Paderborner Bischofs Dr. Caspar Klein (1865–1941). Am 16. Juli 1926 wurde seine Zusage im Paderborner Anzeiger offiziell bekanntgegeben. Am Liborisamstag (24. Juli) 1926 reiste der Fünfzigjährige mit dem Zug aus Berlin nach Bielefeld, wo er mit über zwanzigminütiger Verspätung eintraf. Manche Dinge ändern sich nie.

In Bielefeld wurde Nuntius Pacelli von Bischof Klein, Dompropst Prof. Dr. Johannes Linneborn (1867–1933), dem Paderborner Oberbürgermeister Philipp Haerten (1869–1942) und dem Klerus des Dekanats Bielefeld begrüßt. Mit einem Automobil ging es nach Paderborn. Tags zuvor waren die Menschen in Brackwede, Stukenbrock, Hövelhof, Klausheide, Sennelager und Schloß Neuhaus in einem Aufruf im Westfälischen Volksblatt dazu angehalten worden, ihre Häuser entlang der Wegstrecke zu beflaggen.

Der Nuntius? Ist mittendrin!

Am Westerntor, wo der hohe Besuch – mit weiterer Verspätung – gegen 15 Uhr ankam, erwarteten ihn von Josef Dominicus (1885–1973) entworfene Ehrensäulen in den päpstlichen Farben. Und natürlich eine große Menschenmenge. Das Motto des diesjährigen Liborifestes „mittendrin“ galt schon vor 100 Jahren. Am Westerntor stieg Nunitius Pacelli begleitet vom Bischof Klein in eine prächtige offene vierspännige Kutsche des Fuhrwerksunternehmers Diehl, mit der die beiden Bischöfe zunächst zum bischöflichen Palais fuhren. Die Straßen wurden von Kindern und Erwachsenen dicht gesäumt, die dem segnenden Gast „lebhaft zuwinkten“, wie es in Zeitungsberichten heißt. Die Häuser waren festlich geflaggt und geschmückt. Im überfüllten Dom, in dem die Schützen Spalier standen, nahm der Nuntius unter den Klängen des von der Kapelle des Gesellenvereins geblasenen Liboritusches an der feierlichen Erhebung des Liborischreins teil, reichte dem Bischof und dem Kapitel eine Reliquienmonstranz mit einer Reliquie des heiligen Liborius zur Verehrung und stand anschließend der ersten Vesper des Liborifestes vor, deren gregorianischen Gesang er ausdrücklich lobte. Auf dem Rückweg vom Dom zum Bischofspalais begleiteten ihn wie schon auf dem Hinweg zahlreiche Ovationen der Bevölkerung.

Zum Abend hin folgte ein Empfang im Rathaus, bei dem Nuntius Pacelli die politischen Vertreter der Paderborner Bürgerschaft kennenlernte. Wie der Paderborner Anzeiger vom 20. Juli 1926 belegt, hatte die Stadtverordnetenversammlung dem Magistrat eigens einen Kredit bewilligt, um den städtischen Empfang finanzieren zu können.

3000 Fackelträger machen Eindruck

Damit waren die Feierlichkeiten keinesfalls abgeschlossen. Um 21.15 Uhr gab ein Böllerschuss den an der Bahnhof- und der Riemekestraße, der Friedrichspromenade und der Wilhelmstraße versammelten Gruppen das Zeichen, ihre Fackeln zu entzünden und sich über das Westerntor in Richtung Rathaus in Bewegung zu setzen. Das ganze katholische Paderborn muss auf den Beinen gewesen sein, denn am Fackelzug beteiligten sich das Zupforchester Edelweiß, die Musikkapellen der Freiwilligen Feuerwehr, des Katholischen Gesellenvereins, des Piusarbeiterbundes und des Paderborner Bürgerschützenvereins und deren Gruppen wie auch die Oberrealschule, das Gymnasium, das Leokonvikt, die Johannes- und die anderen Katholischen Sodalitäten, der Katholische Meisterverein, der Katholische Kaufmännische Verein und der Katholische Beamtenverein. Während die Mitglieder der Feuerwehr und des Schützenvereins mit Wachsfackeln ausgerüstet waren, trugen die Mitglieder der anderen Vereine Papierlaternen. Das Rathaus und die Jesuitenkirche wurden wie alle Gebäude am Rathausplatz angestrahlt, denn er sollte in einem „wahren Lichtermeer erstrahlen“.

Nach dem Aufmarsch der 3000 Fackelträger, die ein „zauberhaftes, unvergeßliches Bild“ boten, begrüßte der Paderborns Oberbürgermeister Philipp Haerten den Ehrengast auf einer eigens neben dem Rathaus errichteten Tribüne als „warmherzigen Freund des deutschen Volkes“, als „wahren aufrichtigen Helfer“ in den schwersten Nöten und Bedrängnissen am Ende des Ersten Weltkriegs und der Nachkriegszeit.

Nuntius Pacelli bedankte sich in seiner Erwiderung, in der er an den bodenständigen Charakter und die Treue der Bevölkerung Paderborns zum Glauben durch die Geschichte und an die pastoralen Herausforderungen der großen Diözese im Blick auf die wachsende Industriearbeiterschaft im Ruhrgebiet und die riesigen Diasporagebiete im Osten erinnerte. Nach dem Segen und dem gemeinsam gesungenen Lied „Großer Gott, wir loben Dich“ begab sich der Gast vom Rathaus zum Kamp. Auf der Treppe des Erzbischöflichen Palais verfolgte er den beeindrucken einstündigen, ihn zu Ehren organisierten Fackelzug, der mit immer neuen

Den feierlichsten, herzlichsten und angenehmsten Empfang erhalten

Zwei Tage nach seiner Rückkehr nach Berlin erstellte Eugenio Pacelli für den Kardinalstaatsekretär Pietro Gasparri (1852–1934) einen ausführlichen Bericht über den Verlauf seiner Reise und seine Eindrücke von Paderborn, die er als eine hübsche („graziosa“) Stadt bezeichnete. Erhalten und online abrufbar ist der Text in der Kritischen Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917–1929). Vor Reiseantritt, so heißt es darin, sei ihm von vielen Seiten angetragen worden, er solle sich angesichts des Charakters der Bevölkerung nicht wundern, wenn es nicht zu lautstarken Kundgebungen wie in anderen Städten kommen sollte. Doch habe er den feierlichsten, herzlichsten und angenehmsten Empfang erhalten. Vor allem habe ihn die ehrfürchtige und andächtige Haltung der Gläubigen erbaut. Er hoffte, mit seinem Besuch dazu beigetragen zu haben, beim Klerus und Volk die Bindung an den Apostolischen Stuhl zu festigen und eine vertrauensvollere Liebe zum Heiligen Vater zu wecken.

Wiederum einen Tag später betont Nuntius Pacelli in einem Dankschreiben an Bischof Klein und das ganze Paderborner Volk seinen tiefempfundenen Dank für „den glänzenden und begeisterten Empfang und die nicht endenwollenden Beweise aufrichtigster Verehrung und treuester Ergebung“. Ihm werden die Stunden, die er als Gast des Bischofs und inmitten der „geliebten Diözesanen“ verbringen durfte, „für immer unvergeßlich sein“. Dieser Brief wiederum hat sich im Erzbistumsarchiv erhalten.

Treu dem Papste, treu der Kirche, treu zu Christus

Am Sonntagmorgen nahm Eugenio Pacelli an der Liboriprozession, die wegen des Regens nur durch den Kreuzgang ziehen konnte, teil und feierte anschließend das Pontifikalamt im überfüllten Dom, nach dessen Abschluss Bischof Klein die Predigt „Treu dem Papste, treu der Kirche, treu zu Christus“ hielt, wie das Westfälische Volksblatt vom 26. Juli 1926 berichtete. Am Montagmorgen begleiteten Bischof Klein und städtische Vertreter den bischöflichen Gast nach einem Abstecher zur Schule des Michaelsklosters zum geschmückten Paderborner Bahnhof, wo ihn ein roter Teppich erwartete und ihm wieder mehrere hundert Menschen begeistert zujubelten. Dem Westfälischen Volksblatt vom 27. Juli 1926 zufolge fuhr der D-Zug um 11.29 Uhr ab, lange winkte der Nuntius aus dem Fenster zurück.

Ein Besuch mit Folgen

Der Besuch war demnach ein großer Erfolg für den Nuntius wie für die Ortskirche in Paderborn. Die Paderborner Glaubensdemonstration und die nachdrückliche Bekundung der Treue zur römischen Kirche und zum Papst wird dem Nuntius lebhaft vor Augen gestanden haben, als er sich im Zuge der Verhandlungen zum Abschluss des Preußen-Konkordats 1929 den Vorschlag von Dompropst Prof. Dr. Johannes Linneborn, mit dem er seit 1920 zusammenarbeitete, zu eigen machte und sich für die Bildung einer mitteldeutschen Kirchenprovinz mit Paderborn als Erzbistum aussprach. Beim Herbstliborifest 1930, also vier Jahre nach dem Besuch des Nuntius, konnte Paderborn die Erhebung zum Erzbistum feiern.

Fotos Erzbistumsarchiv Paderborn
Archivnummer Abb. 1: Erzbistumsarchiv Paderborn, C034 - Akten Metropolitankapitel 1945-1981, Nr. 18,3

Abb. 2: Erzbistumsarchiv Paderborn, C034 - Akten Metropolitankapitel 1945-1981, Nr. 18,2

Abb. 3: Erzbistumsarchiv, S02 - Sammlungen, Fotosammlung, Album Uhle

Abb. 4: Archiv der Maspern-Kompagnie; Foto: Ulrich Stohldreier

Abb. 5: Erzbistumsarchiv Paderborn, C034 - Akten Metropolitankapitel 1945-1981, Nr. 18,1

Abb. 6: Erzbistumsarchiv Paderborn, C034 - Akten Metropolitankapitel 1945-1981, Nr. 18,5

Entstehungsdatum Libori 1926
Literaturangabe Wilhelm Grabe, Prominente Liborigäste, in: Andreas Gaidt / Wilhelm Grabe / Hans Jürgen Rade (Hg.), 500 Jahre Libori, Paderborn 2023, S. 76-83.
Ein Beitrag von:
© Jürgen Hinterleithner
freier Autor

Hans Pöllmann

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