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© Besim Mazhiqi

Jesus würde Fahrrad fahren

Den Akku und die Seele aufladen: St. Josef in Fröndenberg-Westick ist seit 2021 eine Fahrradkirche

In der an Libori 2022 gestarteten 1000-Gute-Gründe-Initiative des Erzbistums Paderborn lautet der Grund 240: „Jesus würde Fahrrad fahren.“ Das ist ein Hingucker und genau so muss es sein. Damit die Initiative funktioniert, muss sie auffallen. Aber mit einem lockeren Spruchauf einem Plakat ist es nicht getan. Eine Botschaft wirkt erst so richtig durch ihren Gehalt.

Inhaltlich kann Grund 240 ebenfalls überzeugen. Natürlich geht es dabei um Schöpfungsverantwortung, um einen achtsamen und nachhaltigen Umgang mit der Natur. Auch sonst ist die Aussage stimmig, bis hin zur Zahl 240, die auf die Länge des Ruhrtalradwegs in Kilometern anspielt. Wie aber darf man sich den Fahrrad fahrenden Jesus vorstellen? Führt er im Gelben Trikot das Feld seiner Jünger an? Fährt er gemächlich ein Hollandrad? Oder hat er im Repair Café eigenhändig mit Gebrauchtteilen ein Fundrad wieder flottgemacht? Würde er heute gar auf einem Drahtesel anstatt auf einer Eselin in Jerusalem einziehen – oder gehört sich so ein Gedanke nicht?

Etappenziel am Ruhrtalradweg

„Wie auch immer man sich Jesus auf dem Fahrrad vorstellt, an unserer Fahrradkirche St. Josef hätte er sich bestimmt gefreut“, sagt Mona Schomers. Als Gemeindereferentin im Pastoralen Raum Unna-Fröndenberg-Holzwickede ist sie für die Fahrradkirche in Fröndenberg zuständig und kümmert sich dabei vor allem um das Organisatorische. Die Arbeit vor Ort übernimmt ein Team ehrenamtlich engagierter Christinnen und Christen.

Es gibt in und um St. Josef vieles zu tun. Doch die Bereitschaft, sich einzubringen, ist mindestens so groß wie die Aufgaben. Dies liegt daran, dass das neue Angebot von vielen Menschen angenommen wird. Seit dem Start der Fahrradkirche im vergangenen Jahr hat sie sich zu einem Hotspot am Ruhrtalradweg entwickelt. Ständig herrscht Betrieb, zu allen Uhr- und Jahreszeiten und bei jeder Witterung steuern Menschen per Rad die Kirche an. Für die meisten ist sie ein Zwischenstopp auf der Vier-Sterne-Qualitätsradroute von der Quelle am Ruhrkopf bei Winterberg bis zur Mündung in Duisburg. Manche brechen sogar eigens zur Radtour auf, um St. Josef zu besuchen.

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Volk Gottes auf dem Radweg

Dort wartet auf die Radelnden eine einzigartige Kombination aus nützlichen Angeboten und spirituellen Impulsen. Außerhalb der Kirche liegt alles Profane. Es gibt Ladestationen für die Akkus der E-Bikes, Schattenplätzchen für sonnige Tage und einen überdachten Unterstand bei Regenwetter, einen Reparaturplatz mit Werkzeug und Luftpumpen sowie eine Toilettenanlage. Die WCs beschreibt Mona Schomers als „alt, aber sauber und funktional“. Dennoch hofft sie, bald das Geld für die Sanierung auftreiben zu können. Die 50.000 Euro als Förderung aus dem Zukunftsfonds des Erzbistums waren nicht für bauliche Maßnahmen bestimmt und die mehrfach höheren Eigenmittel steckte die Gemeinde bei der Umwidmung ihrer Pfarrkirche in vordringlichere Projekte.

Dazu zählen die Umgestaltungen und Neuerungen im Inneren der Kirche. Hier riecht es nach Sonnenmilch und nach Weihrauch, Menschen in kurzen Hosen und quietschbunten Trikots gehen aus und ein. Zugleich bleibt spürbar, dass es sich um einen sakralen Raum handelt. Während draußen der E-Bike- Akku lädt, laden die Menschen im Kirchengebäude ihren inneren Akku. Über ein Touchpad lassen sich Musikstücke, stille Illuminationen und multimediale Andachten abspielen. Gebetet wird nicht nur auf Kirchenbänken. Gern ziehen sich die Gläubigen zu dem mit Granitsteinen eingefassten Sandkreuz zurück, vor dem sie Kerzchen entzünden und auf Baumstümpfen sitzend zur inneren Einkehr kommen.

Eine kränkelnde Kirche wiederbelebt

Dass sich St. Josef derart positiv entwickelt hat, grenzt an ein Wunder. In den Jahren vor der Umwidmung war der Gottesdienstbesuch immer stärker zurückgegangen. Sonntags wurden schon lange keine Messen mehr gelesen, zur Dienstagsmesse fand sich nur noch eine kleine Schar an Gläubigen zusammen. Mit der Schaffung des Pastoralen Raums Unna-Fröndenberg-Holzwickede war die Betonkirche aus den 1960er-Jahren „irgendwie über“, spricht Mona Schomers Klartext. „Und leider entpuppte sich das Kirchengebäude unter energetischen Gesichtspunkten als Problemimmobilie.“ Das hohe Zeltdach ist zwar ein weithin sichtbares Erkennungszeichen, aber auch ein Energiefresser. „In Betrieb“ war St. Josef zuletzt nur noch als unbeheizte Sommerkirche.

Angesichts dieser Einflussfaktoren war die Zukunft der Josefskirche ungewiss. Die erste Idee für eine anderweitige Nutzung ging in Richtung Jugendkirche. „Das ist der Strohhalm, an den sich alle klammern, wenn ihre Pfarrkirche nicht mehr funktioniert“, erklärt Mona Schomers. „Unbeantwortet bleibt meist das Rätsel, woher all die Jugendlichen kommen sollen. Hier in Westick jedenfalls hätte eine Jugendkirche nicht funktioniert.“ Ein Mitglied aus dem Team der Ehrenamtlichen stellte dann die entscheidenden Fragen: Wenn schon der Ruhrtalradweg direkt an St. Josef vorbeiführt – lässt sich daraus etwas machen? Und: Ist unsere Kirche schon reif für eine Fahrradkirche?

Umsichtige Weiterentwicklung

Wie der Erfolg zeigt: Beide Fragen ließen sich mit einem eindeutigen Ja beantworten. Auch unter den Mitgliedern der Westicker Kirchengemeinde stieß die Idee einer Fahrradkirche auf Zustimmung. Niemand verlor etwas, aber alle konnten etwas hinzugewinnen. Es bleibt bei der traditionellen Wochenmesse am Dienstagabend, an den Sonntagen gibt es nun zusätzlich Wortgottesdienste mit Austeilung der Kommunion. „Die Menschen in der Gemeinde freuen sich, dass ihre Kirche wieder so gut angenommen wird“, berichtet Gemeindereferentin Schomers. „Deswegen hat das ehrenamtliche Engagement seit der Umgestaltung zur Fahrradkirche auch eher zu- als abgenommen.“

Die weitere Entwicklung wollen Mona Schomers und das Ehrenamtsteam umsichtig angehen. Kunstausstellungen, die es heute schon gibt, sollen künftig ausgebaut werden, an den Segnungsgottesdiensten für Räder und Radelnde wird festgehalten. Auch gab es bereits Kooperationen mit Aktionen wie dem Stadtradeln in Unna. Dabei verteilten Ehrenamtliche Festivalbändchen und machten so auf die Fahrradkirche aufmerksam. „Unsere Ehrenamtlichen beobachten genau, was sich in der regionalen Rad-Szene tut“, erklärt Mona Schomers. „Wir wollen aber nicht um jeden Preis Etappenziel einer großen Radrundfahrt werden. Es muss passen: zum Konzept, zum Umfeld und zu dem, was unsere Kirche zu einem besonderen Ort macht.“

Offene Fahrradkirche St. Josef

Die Fahrradkirche St. Josef in Fröndenberg-Westick liegt direkt am Ruhrtalradweg und bietet Möglichkeit zur inneren und äußeren Einkehr. Im Außenbereich befinden sich Picknickplätze, Ladestationen für E-Bikes und Mobiltelefone, eine Reparaturstation mit Luftpumpen und Werkzeug, ein Erste-Hilfe-Kasten und eine Toilettenanlage. Mobiltelefone können auch im Innenbereich geladen werden. In der Kirche darf die Seele auftanken, zum Beispiel mit Andachten, die sich über ein Touchpad abspielen lassen.

Fahrradkirche St. Josef, Graf-Adolf-Straße 64, 58730 Fröndenberg/Ruhr

Täglich geöffnet von 9 bis 19 Uhr (im Winter bis zum Einbruch der Dunkelheit)

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