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Ein veganes Paradies?

Die christliche Theologie trägt zum Leid der Tiere bei, findet Tiertheologin Dr. Simone Horstmann
Unser Glaube
19. September 2020

Ein veganes Paradies?

Die christliche Theologie trägt zum Leid der Tiere bei, findet Tiertheologin Dr. Simone Horstmann

Themenspecial “Kirche & Land(wirtschaft)”: Theologie der Tiere

Die christliche Theologie trägt zum Leid der Tiere bei, findet Tiertheologin Dr. Simone Horstmann

Bevor die erste Frage gestellt ist, erzählt Dr. Simone Horstmann eine persönliche Geschichte. Sie zeigt Bilder von dürren, fast federlosen Legehennen, die Hühnerpullover tragen (siehe Headerbild). Sie hat die Tiere über den Verein „Rettet das Huhn e.V.“ bei sich aufgenommen. Mit Ernst in der Stimme erzählt Horstmann, dass die Hühner, knapp anderthalb Jahre alt, zusammen mit 3.000 Artgenossen in einem Stall, groß wie zwei Garagen gelebt hätten. Es seien „normale Zustände in der sogenannten Bodenhaltung“, sagt Horstmann, manche Tiere hätten leblos auf dem Boden gelegen.

Als Horstmann sechs dieser Tiere im Dezember 2018 bei sich aufgenommen hat, wären sie eigentlich zum Schlachthof gebracht worden. „Da können sich ganz tolle Tiere draus entwickeln“, sagt die 36-Jährige. Drei Hennen hätten es bis heute geschafft. „Die haben wieder volles Gefieder und meckern morgens, wenn ich sie nicht früh genug aus dem Stall lasse. Die Tiere so lebendig zu erleben, das ist ein kleines bisschen (wie im) Paradies“, sagt Horstmann – als Privatperson und als Theologin am Lehrstuhl für Systematische Theologie an der TU Dortmund.

Als Tiertheologin und Veganerin zieht sie Schlüsse, die auch wirklichkeitsfremd wirken können. Doch diese Sicht wahrzunehmen und sich damit auseinanderzusetzen, kann durchaus bereichernd sein – zumal die Debatte um den Umgang mit Tieren in der Landwirtschaft gesellschaftlich aufgeladen ist.

Redaktion

Frau Dr. Horstmann, sie haben gerade ein Buch veröffentlicht, unter dem Titel: „Was fehlt uns, wenn die Tiere fehlen? Eine theologische Spurensuche“. Was würde denn fehlen?

Dr. Simone Horstmann

Uns würde die Erfahrung fehlen, dass es etwas anderes gibt, dass uns zugleich sehr ähnlich ist und zeigt, dass wir nicht allein in dieser Welt sind. Angesichts der ökologischen Krise rückt ja ein Szenario näher, in dem der Mensch eine der wenigen Spezies ist, die noch (auf dieser Welt) leben kann. Das macht mir Angst.

Redaktion

Wie versuchen Sie, da gegenzusteuern?

Horstmann

Indem ich den Finger in die Wunde lege. Verschiedene Theologien haben dazu beigetragen, Gewalt an Tieren zu legitimieren. Das Christentum zum Beispiel spricht den Tieren die Bedeutung ab, indem die traditionelle Dogmatik davon ausgeht, dass Tiere keine Seele haben. Tiere kämen demnach im Jenseits nicht vor.

Außerdem wird in der christlichen Gnadenlehre unterschieden, dass die Natur des Menschen auf die göttliche Gnade angelegt sei, das Tier sei hingegen reine Natur. Daraus folgt, dass Tiere nicht erlösungsbedürftig sind. Diese zwei Stellschrauben haben weitgehend dafür gesorgt, dass man den Tieren so begegnet, wie es bei meinen Hühnern der Fall war.

Das ist ja weder rituelle Gewalt noch ein böswilliger Akt. Da hat sich Gewalt so normalisiert, dass wir nicht genau sagen können, was da schiefläuft. Genauso, wie wir davon ausgehen, dass es normal ist, Tiere zu essen. Für mich ist das alles andere als normal.

Redaktion

Sie sprechen von Gewalt, die durch bestimmte Haltungsformen normal geworden ist. Wie viel Nutzen darf denn bei Nutztieren in der Landwirtschaft sein?

Horstmann

Nutzen muss immer gegenseitiger Nutzen sein, keine Seite darf ausgenutzt werden – das wäre ein mögliches Kriterium. Wobei die Einteilung in Nutztier und Haustier an sich ja eine künstliche Kategorisierung ist. Meine Hühner haben genau diese Grenze überschritten.

Redaktion

Wozu sind ihre Hühner dann da? Für sich selbst?

Horstmann

Ja, aber nicht nur. Mir ist der Gedanke der Interaktion sehr wichtig. Wir sehen ja, dass sich die lateinischen Worte für Seele (anima) und Tier (animal) ähneln. Ich verstehe die Seele als ein Beziehungsgeschehen – als Interaktion der Kreaturen mit Gottund untereinander.

Der Kontakt zu meinen Hühnern, Hunden und Katzen hat auch etwas von einer familiären Erfahrung. Mein Doktorvater Prof. Thomas Ruster sagt manchmal scherzhaft zu mir: „Dein Hund ist nur ein schlechter Kinderersatz“. Das stimmt – aber nur zur Hälfte. Er ist kein Ersatz. Und einer meiner Hunde ist mittlerweile so alt, dass die Beziehung mehr ein Verhältnis von Großvater zu Enkelin ähnelt.

Eine der aufgenommenen Legehennen im Garten von Simone Horstmann im Mai 2020.
Redaktion

Ist denn die Beziehung zum Tier gleichwertig wie die zu einem anderen Menschen?

Horstmann

Ihre Frage läuft auf eine Dilemma-Situation hinaus: Wen würde ich im Zweifel über Bord schmeißen? Doch in der Realität läuft es selten auf ein Entweder-Oder hinaus.

Redaktion

Was haben Sie eben zu Mittag gegessen?

Horstmann

Nicht viel, ein Vollkornbrot mit veganem Käse.

Redaktion

Sie leben vegan – was war der Auslöser dafür?

Horstmann

Ich bin ganz früh als Kind, mit 7 Jahren, Vegetarierin geworden. Später als Studentin habe ich im StudiVZ eine Gruppe gesehen, die das Thema vegane Ernährung starkgemacht hat. Daraufhin habe ich mir Gedanken vor allem über meinen Milchkonsum gemacht.

Ich denke: Es gibt keinen vernünftigen Grund, Milch zu trinken. Damit wir Milch trinken können, muss eine Kuh permanent schwanger gehalten werden und man nimmt ihr ihre Kinder weg. Da wurde mir klar, wie unselbstverständlich die Selbstverständlichkeiten sind, die unser Leben gestalten. Am besten wäre es natürlich, gar nichts zu essen.

Redaktion

Das geht doch nicht.

Horstmann

Viele Heilige haben in Askese gelebt. Sie haben den Gedanken verfolgt, dass Ernährung an sich etwas Schönes sein kann, aber immer mit Vernichtung einhergeht. Das eine kann nur leben, wenn das andere stirbt – das ist eine Grundtragik unseres Lebens.

Redaktion

Hat das Leben, auch von Nutztieren, nicht schon an sich einen Wert? Ohne die Landwirtschaft würden in Deutschland gar nicht so viele Tiere leben…

Horstmann

Ich glaube, dass man Leben nicht quantitativ erfassen kann. Ich sehe, dass der Nutzen der Nutztiere in keinem Vergleich zu den realen ökologischen Kosten und den nicht zu rechtfertigenden ethischen Problemen steht. Es gibt keine Notwendigkeit, Tiere zu essen, zumindest in unsere Breiten. Ich habe mittlerweile schon Bedenken, wenn ich in meinem Gemüsebeet einen Salatkopf abschneide.

Redaktion

Aber warum? Sie haben den Salat doch selbst gesät, ihm sozusagen das Leben geschenkt und irgendwann ist das Leben des Salats auch auf natürlich Weise vorüber. Warum dann nicht ernten, wenn es für uns gut ist?

Horstmann

Das „für uns gut“ ist genau das Problem. Es vermittelt, dass unsere Ziele am wichtigsten sind. In einer Dogmatik aus dem 19. Jahrhundert steht: „Das Ziel der Tiere ist der Mensch“. Wir sehen heute an allen Ecken und Enden, wohin uns das gebracht hat.

„Die Eucharistie funktioniert genau umgekehrt als diese Logik des Fressens und gefressen Werdens, sie ist das Modell einer umgekehrten Nahrungskette: Nicht ich vereinnahme, was ich esse, sondern ich werde zu dem verwandelt, was ich esse.”

 

Dr. Simone Horstmann

Redaktion

Was wäre Ihr theologischer Gegenentwurf?

Horstmann

Die Frage ist zunächst, was das Alleinstellungsmerkmal einer christlichen Ethik gegenüber profanen Ethiken sein kann. Für mich ist da eine Stelle des Philipperhymnus entscheidend. Über Jesus wird gesagt: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich“ (Phil 2,6-7).

Dieses Entäußern, die Fähigkeit, die Seite zu wechseln, könnte ein unglaubliches Gewicht entfalten. In diesem Fall, indem ich nicht von meiner Perspektive ausgehe, dass es normal ist, Fleisch zu essen, sondern, indem ich ans Äußerste meiner Selbst gehe: das Tier.

Das führt auch zu der Frage, ob eigentlich das Tier oder der Salat für uns da sind – oder wir als Menschen für die anderen da sind. Es ist ja ein starker christlicher Gedanke, dass wir uns selbst kleinmachen.

Redaktion

Wie mache ich mich für Salat klein?

Horstmann

Indem ich die Selbstverständlichkeit verliere, dass alles nur für mich da ist.

Redaktion

Hat ihre Entscheidung, vegan zu leben, etwas mit Gott zu tun?

Horstmann

Ich denke, dass bei mir eine früh feststehende Überzeugung mit theologischen Gründen angereichert wurde. Spannend ist zum Beispiel, dass das Paradies, das eine stark normative Wirkung auf das Handeln in dieser Welt haben könnte, als veganes Paradies geschildert wird. Dort ist die Logik des „Fressens und gefressen Werdens“ ausgesetzt.

Die Eucharistie funktioniert auch genau umgekehrt als diese Logik des Fressens und gefressen Werdens, sie ist das Modell einer umgekehrten Nahrungskette: Nicht ich vereinnahme, was ich esse, sondern ich werde zu dem verwandelt, was ich esse.

Redaktion

Was denken Sie, was in Landwirten vorgeht, die dieses Interview lesen?

Horstmann

Meine Kritik wirkt vielleicht weltfremd. Ich weiß, dass viele Landwirte darunter leiden, dass sie so oft infrage gestellt werden. Eine Lösung könnte darin bestehen, den Weg der landwirtschaftlichen Produktion über das Tier zu sparen und eine biovegane Landwirtschaft anzustreben. Jedes Jahr wandert mehr als die Hälfte aller geernteten Nahrungsmittel als Futter in die Nutztierhaltung…
Übrigens: Ich habe früher so gern Kuhmilch getrunken, das schmeckt mir mittlerweile gar nicht mehr.

Redaktion

Frau Dr. Horstmann, vielen Dank für das Gespräch.

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