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© Ralf Bittner / Erzbistum Paderborn
© Ralf Bittner / Erzbistum Paderborn

„Der Weg zur solidarischen Gesellschaft ist noch weit“

„Auf eine Kaffeelänge mit …“ Wolfgang Bauch, Vorsitzender der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) St. Ansgar Minden. Für Bauch gehören Kirche und Einsatz für gerechte Arbeitsbedingungen zusammen.

Innerhalb unserer Reihe „Auf eine Kaffeelänge mit …“ treffen wir uns regelmäßig mit einer Person aus dem Erzbistum Paderborn, um die Vielfalt der engagierten Menschen abzubilden. Denn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie ehrenamtlich tätigen Menschen zählen zu den 1000 guten Gründen für den Glauben und die katholische Kirche. Indem  wir  von ihnen erzählen, bringen wir das Gute zur Sprache und machen sichtbar, wie lebenswert und vielfältig das katholische Glaubensleben ist. „1000 gute Gründe“ – lernen Sie auf eine Kaffeelänge die hauptberuflich und ehrenamtlich Engagierten im Erzbistum Paderborn näher kennen. Diesmal haben wir uns mit Wolfgang Bauch getroffen, dem Vorsitzenden der KAB St. Ansgar Minden. Die Katholische Arbeitnehmerbewegung versteht sich als Interessenvertretung für Arbeitnehmer, Frauen und Familien, ältere und sozial benachteiligte Menschen.

„Gerechte Löhne, ein Aus der Sonntagsarbeit, Grundeinkommen oder prekäre Beschäftigungsverhältnisse sind alles Themen, die eng mit dem Christentum und der katholischen Kirche verbunden sind“, sagt Wolfgang Bauch (69), Vorsitzender der KAB St. Ansgar Minden. 2018 feierte die Gruppe ihr 50-Jähriges Bestehen. „Die Gründungsinitiative ging 1968 vom Pfarrer Berthold Hennek aus“, sagt Bauch. Bis zum 30. September 2010 war Hennek Seelsorger der Gemeinde, die seither zum Pastoralverbund Mindener Land gehört. „Für Hennek gehörten Gruppen und Verbände wie Altenclub, Caritas, Chor und eben die KAB zu seiner Vorstellung von einer lebendigen Gemeinde. Die Initiative zur Gründung der KAB hatte er aus seiner vorherigen Gemeinde mitgebracht“, sagt Bauch. Unterstützung im Vorfeld der Gründung kam aus der Nachbarschaft: Mitglieder des Bezirksverbandes OWL der KAB sprachen rund 300 Familien an. 43 Männer kamen zur Gründungsversammlung.

Das jüngste Mitglied ist Mitte 50

„Diesen Einsatz bekämen wir heute gar nicht mehr hin“, sagt Bauch. „Das jüngste Mitglied ist Mitte 50, der Großteil unserer Mitglieder ist längst im Ruhestand.“ Zwar habe die katholische Kirche auch heute noch viel zu gerechten Arbeitsbedingungen und anderen sozialen Themen zu sagen, doch es werde immer schwerer, die Menschen erreichen. „Wenn die Menschen ‚katholisch‘ hören, denken die an Missbrauchsskandale und Täterschützer“, sagt Bauch.

Außerdem habe die Gründung der Pastoralverbünde die Distanz zwischen Basis und Kirche vergrößert. Statt fünf Gemeinden mit eigenen Pfarrern gebe es nur noch drei Pfarrer und die hätten nur noch Zeit, sich um mehr als die Seelsorge zu kümmern. Ihnen fehle schlicht die Zeit, die Arbeit der Verbände zu stützen. „Außerdem rotieren sie oft und sind wieder weg, bevor sie mit den Bedingungen der einzelnen Gemeinden überhaupt vertraut sind“, sagt Bauch. Es gebe auch viel weniger Gottesdienste und damit auch weniger Gelegenheiten, Menschen anzutreffen. Das Problem habe Corona noch einmal verschärft.

Viele KAB-Mitglieder ehemalige Eisenbahner

Bauch ist in und mit der Gemeinde St. Ansgar aufgewachsen, machte in Minden seinen Realschlussabschluss mit anschließender Lehre bei der Bahn, bei der er bis zur Pensionierung in Minden blieb. „Damals waren viele Kollegen in der Gewerkschaft und in der KAB“, sagt er. Bis heute seien viele KAB-Mitglieder in Minden ehemalige Eisenbahner. Auch diese Ortsgebundenheit gebe es nicht mehr. „Die jungen Leute gehen zum Studium weg und kommen nicht wieder“, sagt er.  „Heute erfahren wir leider oft erst nach Monaten, wenn Menschen neu in unsere Gemeinde ziehen, weil das Pfarrbüro beim Dom angesiedelt ist. So können wir Menschen erst sehr spät ansprechen – wenn überhaupt“, sagt er.

St. Ansgar war die einzige Gemeinde im heutigen Pastoralverbund mit einer KAB-Ortsgruppe. „In anderen Gemeinden waren Caritas oder Kolping aktiv“, sagt Bauch. „Wir haben immer zusammengearbeitet und tun das bis heute. Vielleicht war es ein Fehler, sich als KAB ausschließlich auf St. Ansgar zu konzentrieren“, sinniert er.

Kleines, aber engagiertes Vorstandsteam

Bauch wird von einem kleinen, aber engagierten Vorstandsteam unterstützt. Gemeinsam organisieren sie Ausflüge und Informationsveranstaltungen, etwa über Leben und Wirken des Theologen Hans Küng oder zur Pflege im Alter. „Wir mussten das Programm aber schon anpassen. Tagesfahrten sind nicht mehr so gefragt, eher mal ein Nachmittag mit Kaffeetrinken oder ein Ausflug zum Weihnachtsmarkt“, sagt er.

Überalterung sei aber nicht nur ein Problem bei den Aktivitäten. „Wenn kaum noch ein Mitglied im Arbeitsleben steht, wird es schwierig mit dem Begriff Arbeitnehmerbewegung“, sagt Bauch. Wenn nicht ein Wunder geschehe, werde er wohl derjenige sein, der irgendwann den Schlüssel umdreht: „Das wäre schade, denn die KAB hat als Selbsthilfe-, Bildungs- und Lobbyverband der Arbeitnehmer zwar Einiges erreicht, aber wir sind noch weit von einer solidarischen Gesellschaft in Deutschland und der Welt entfernt.“

Autor: Ralf Bittner

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