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© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
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Die Kirche muss den Menschen etwas geben

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Zittriger Lobgesang

Ein junger Mann fährt gen Mitternacht mit dem Fahrrad über die Landstraße von Hövelhof nach Stukenbrock. Erhellt wird die Düsternis nur von der Karbidfunzel an seinem Rad. Auf Höhe der Brinkkapelle am Ortseingang von Stukenbrock hört der Mann ein gar schauderhaftes Ächzen und Krächzen. Angstvoll tritt er in die Pedale. Nur weg von hier! Kein Wunder, in seiner Kindheit hatte er viele Spukgeschichten gehört. Zu Hause angekommen, mischt sich in den Schauer eine andere Angst: Hat da ein verunglückter Mensch gelegen, den er in seiner Angst im Stich gelassen hat? Anderentags löst sich das Rätsel in Wohlgefallen auf. Das Ächzen kam weder von Nachtmahren noch von Unglücksopfern. Ein paar ältere Damen hatten sich zur Mitternachtsandacht in der Brinkkapelle verabredet. Was sich der junge Mann in seinem Kopf als den Jammer von Spukgestalten zusammengereimt hatte, war zittriger Lobgesang.

Aberglaube und Volksfrömmigkeit

Wann genau sich das Ereignis zugetragen hat, ist nicht mehr rekonstruierbar. Es war um 1910 herum, jedenfalls noch vor dem Ersten Weltkrieg. „Der junge Mann aber ist eindeutig identifizierbar“, sagt Heinz Renerig. „Das war mein Großvater.“ Die Geschichte erzählt der ehemalige Kirchenvorstand und Stadtführer in Schloß Holte-Stukenbrock mit Vorliebe. Zum einen fesselt er damit sein Publikum, zum anderen bietet die Erzählung die ideale Überleitung zur Sozial- und Glaubensgeschichte. Die Erzählung belegt, wie weit verbreitet noch Anfang des 20. Jahrhunderts der Aberglaube war und wie tief die Volksfrömmigkeit reichte. Immerhin trafen ältere Frauen mitten in der Nacht selbst organisiert zu Andacht und Gebet zusammen.

Eine Hofkapelle?

Auch die Erbauung der Brinkkapelle ist auf besondere Weise von der örtlichen Sozialgeschichte beeinflusst. Errichtet wurde die Kapelle um das Jahr 1730 am Mittweg, einer seit dem Mittelalter beschrittenen Route durch die Senne. Ihren Namen hat die Kapelle wohl vom Brinkhof, einem Gehöft in unmittelbarer Nachbarschaft. Den heutigen Besitzern Marlies und Meinolf Benteler liegt, wie deren Vorfahren und den Erbauern, die Kapelle sehr am Herzen. „Es ist historisch nicht belegbar, aber recht plausibel, dass die Kapelle eine Hofkapelle war“, erklärt Stadtführer Renerig. Solche Hofkapellen gibt es in der Senne öfter. Ihr Hintergrund: In früheren Zeiten gingen die Mägde und Knechte täglich zur Kirche, um dort ihr Gebet zu verrichten. Lag das Gehöft abseits, ging auf dem Weg viel Zeit verloren. Daher entschlossen sich manche Großbauern, selbst eine Kapelle zu bauen. Im Gegenzug zur einmaligen Investition kamen sie dauerhaft zu mehr Arbeitszeit des Gesindes. „Das heißt aber nicht, dass die Bauern früher schlimme Geizkragen gewesen wären“, erklärt Heinz Renerig. „Vielmehr war die Senne mit ihrer Trockenheit und ihren mageren Böden eine Arme-Leute-Gegend. Hier mussten alle strampeln, um am Leben zu bleiben.“ Besser wurden die Lebensumstände erst mit der Industrialisierung, die in der Senne um 1850 einsetzte.

Ein Kleinod und ein Glaubensort

Während ringsum der Wohlstand wuchs, ging es mit der Brinkkapelle bergab. Anfang der 1980er-Jahre war das Gebäude beinahe verfallen. Die von 1983 bis 1985 währende Renovierung kam gerade noch rechtzeitig. „Seither ist die Kapelle wieder ein Kleinod und ein Glaubensort“, freut sich Heinz Renerig. Bis 2017 wurde dort wöchentlich eine Messe gelesen. Heutzutage wird die Kapelle für Festtagsgottesdienste herausgeputzt, wenn es zum Beispiel in der Nachbarschaft einen runden Geburtstag oder eine Goldene Hochzeit zu feiern gibt. Um Mitternacht sollte Ruhe herrschen. Wer verdächtige Töne vernimmt, ruft besser die Polizei.

Brinkkapelle in Stukenbrock

Hier finden Sie weitere Informationen über diesen besonderen Ort.

Brinkkapelle in Stukenbrock

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