logocontainer-upper
Erzbistum Paderborn
logocontainer-lower

Arme-Leute-Kapelle in einem Arme-Leute-Land

Erzbistumskalender 2023: Wer zuzuhören vermag, dem erzählt die Brinkkapelle in Stukenbrock regionale Sozialgeschichte aus der Senne
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
Unser Glaube
16. Januar 2023
Stukenbrock

Arme-Leute-Kapelle in einem Arme-Leute-Land

Erzbistumskalender 2023: Wer zuzuhören vermag, dem erzählt die Brinkkapelle in Stukenbrock regionale Sozialgeschichte aus der Senne

Zittriger Lobgesang

Ein junger Mann fährt gen Mitternacht mit dem Fahrrad über die Landstraße von Hövelhof nach Stukenbrock. Erhellt wird die Düsternis nur von der Karbidfunzel an seinem Rad. Auf Höhe der Brinkkapelle am Ortseingang von Stukenbrock hört der Mann ein gar schauderhaftes Ächzen und Krächzen. Angstvoll tritt er in die Pedale. Nur weg von hier! Kein Wunder, in seiner Kindheit hatte er viele Spukgeschichten gehört. Zu Hause angekommen, mischt sich in den Schauer eine andere Angst: Hat da ein verunglückter Mensch gelegen, den er in seiner Angst im Stich gelassen hat? Anderentags löst sich das Rätsel in Wohlgefallen auf. Das Ächzen kam weder von Nachtmahren noch von Unglücksopfern. Ein paar ältere Damen hatten sich zur Mitternachtsandacht in der Brinkkapelle verabredet. Was sich der junge Mann in seinem Kopf als den Jammer von Spukgestalten zusammengereimt hatte, war zittriger Lobgesang.

Aberglaube und Volksfrömmigkeit

Wann genau sich das Ereignis zugetragen hat, ist nicht mehr rekonstruierbar. Es war um 1910 herum, jedenfalls noch vor dem Ersten Weltkrieg. „Der junge Mann aber ist eindeutig identifizierbar“, sagt Heinz Renerig. „Das war mein Großvater.“ Die Geschichte erzählt der ehemalige Kirchenvorstand und Stadtführer in Schloß Holte-Stukenbrock mit Vorliebe. Zum einen fesselt er damit sein Publikum, zum anderen bietet die Erzählung die ideale Überleitung zur Sozial- und Glaubensgeschichte. Die Erzählung belegt, wie weit verbreitet noch Anfang des 20. Jahrhunderts der Aberglaube war und wie tief die Volksfrömmigkeit reichte. Immerhin trafen ältere Frauen mitten in der Nacht selbst organisiert zu Andacht und Gebet zusammen.

Eine Hofkapelle?

Auch die Erbauung der Brinkkapelle ist auf besondere Weise von der örtlichen Sozialgeschichte beeinflusst. Errichtet wurde die Kapelle um das Jahr 1730 am Mittweg, einer seit dem Mittelalter beschrittenen Route durch die Senne. Ihren Namen hat die Kapelle wohl vom Brinkhof, einem Gehöft in unmittelbarer Nachbarschaft. Den heutigen Besitzern Marlies und Meinolf Benteler liegt, wie deren Vorfahren und den Erbauern, die Kapelle sehr am Herzen. „Es ist historisch nicht belegbar, aber recht plausibel, dass die Kapelle eine Hofkapelle war“, erklärt Stadtführer Renerig. Solche Hofkapellen gibt es in der Senne öfter. Ihr Hintergrund: In früheren Zeiten gingen die Mägde und Knechte täglich zur Kirche, um dort ihr Gebet zu verrichten. Lag das Gehöft abseits, ging auf dem Weg viel Zeit verloren. Daher entschlossen sich manche Großbauern, selbst eine Kapelle zu bauen. Im Gegenzug zur einmaligen Investition kamen sie dauerhaft zu mehr Arbeitszeit des Gesindes. „Das heißt aber nicht, dass die Bauern früher schlimme Geizkragen gewesen wären“, erklärt Heinz Renerig. „Vielmehr war die Senne mit ihrer Trockenheit und ihren mageren Böden eine Arme-Leute-Gegend. Hier mussten alle strampeln, um am Leben zu bleiben.“ Besser wurden die Lebensumstände erst mit der Industrialisierung, die in der Senne um 1850 einsetzte.

Ein Kleinod und ein Glaubensort

Während ringsum der Wohlstand wuchs, ging es mit der Brinkkapelle bergab. Anfang der 1980er-Jahre war das Gebäude beinahe verfallen. Die von 1983 bis 1985 währende Renovierung kam gerade noch rechtzeitig. „Seither ist die Kapelle wieder ein Kleinod und ein Glaubensort“, freut sich Heinz Renerig. Bis 2017 wurde dort wöchentlich eine Messe gelesen. Heutzutage wird die Kapelle für Festtagsgottesdienste herausgeputzt, wenn es zum Beispiel in der Nachbarschaft einen runden Geburtstag oder eine Goldene Hochzeit zu feiern gibt. Um Mitternacht sollte Ruhe herrschen. Wer verdächtige Töne vernimmt, ruft besser die Polizei.

Brinkkapelle in Stukenbrock

Hier finden Sie weitere Informationen über diesen besonderen Ort.

Brinkkapelle in Stukenbrock

Das Kalenderbild

© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

Bistumskalender 2023: Auf dem Weg im Erzbistum Paderborn

Der diesjährige Bistumskalender nimmt uns mit auf eine Reise durch das Erzbistum Paderborn und macht jeden Monat Halt an zwei besonderen Orten: an zahlreichen Kapellen oder Kreuzwegen, die jeweils Zeugen einer interessanten Entstehungsgeschichte sind. Darüber hinaus erzählt der Kalender faszinierende Geschichten von Menschen, die mit diesen Orten verbunden sind – manchmal nicht nur über viele Jahre, sondern sogar über weite Entfernungen hinweg. Wir stellen Ihnen hier alle zwei Wochen das neueste Kalenderblatt vor.

Die weiteren Kalender-Einträge

© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
Unser Glaube | 01. Februar 2023

Den Zeitstil kühn übersteigert

Erzbistumskalender 2023: St. Nikolaus in Cobbenrode ist Teil der „Straße der Moderne“, eine Auszeichnung für sakrale Architektur aus den vergangenen 100 Jahren
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
Unser Glaube | 16. Januar 2023

Arme-Leute-Kapelle in einem Arme-Leute-Land

Erzbistumskalender 2023: Wer zuzuhören vermag, dem erzählt die Brinkkapelle in Stukenbrock regionale Sozialgeschichte aus der Senne
© Besim Mazhiqi / Erzbistumskalender
Unser Glaube | 02. Januar 2023

Wach geküsst aus dem Dornröschenschlaf

Erzbistumskalender 2023: Ehrenamtlichem Engagement ist es zu verdanken, dass es Jahr für Jahr wieder Tausende Menschen zur Annenkapelle bei Lichtenau zieht
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
Unser Glaube | 01. Januar 2023

Ein fast mystisches Leuchten

Erzbistumskalender 2023: Durch seine Glasfenster ist St. Jodokus in Bielefeld ein Ort besonderer Spiritualität
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
Unser Glaube | 16. Dezember 2022

Wenn oben der Turm leuchtet, ist es Weihnachten!

Erzbistumskalender 2022: Von einer bestimmten Gasse aus lässt sich der Hohe Dom im Advent besonders eindrucksvoll ablichten
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
Unser Glaube | 01. Dezember 2022

Krippe mit Hirtin

Erzbistumskalender 2022: In St. Johannes Baptist in Schwaney, einem Ortsteil der Gemeinde Altenbeken im Kreis Paderborn, werden zwei Krippen im jährlichen Wechsel aufgestellt
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
Unser Glaube | 16. November 2022

Spanische Trompeten machen ordentlich Lärm!

Erzbistumskalender 2022: Die Orgel in St. Marien in Schwerte ist zugleich romantisch und barock gestimmt
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
Unser Glaube | 01. November 2022

Zum Licht und zur Ruhe kommen

Erzbistumskalender 2022: In der Marienkapelle der Abtei Königsmünster in Meschede brennen neben echten auch virtuelle Kerzen
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
Unser Glaube | 16. Oktober 2022

Alte Menschen sind offen für Neues

Erzbistumskalender 2022: Die Kapelle im Seniorenzentrum St. Engelbert in Brilon ist ein Ort der Teilhabe, der Gemeinschaft und Geborgenheit
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
Unser Glaube | 01. Oktober 2022

Die Kirche muss den Menschen etwas geben

Erzbistumskalender 2022: St. Meinolf in Hagen ist eine moderne Kirche – nicht nur in Sachen Architektur
 
| |
generalvikariat@erzbistum-paderborn.de
+49 (0)5251 125-0
Barrierefreiheit