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© Sonja Funke / Erzbistum Paderborn
© Sonja Funke / Erzbistum Paderborn

Wie Kruzifixe mit uns sprechen

Von Angesicht zu Angesicht mit dem Gekreuzigten: Der Paderborner Theologe Prof. em. Dr. Bernhard Sill erzählt Geschichten über besondere Begegnungen mit Kruzifixen. Und setzt sich damit gegen „Kreuzvergessenheit“ ein.

Mitten im Alltag – beim Entsorgen von eigenem Sperrmüll auf dem Wertstoffhof – ging es los: In einem Berg aus Abfall entdeckte Bernhard Sill: ein Kreuz. Sein erster Impuls: „So etwas kann man doch nicht wegwerfen!“ Ein städtischer Angestellter des Wertstoffhofs stimmt Sill zu und nimmt das entsorgte Kreuz an sich. Von hier an lässt Prof. em. Dr. Bernhard Sill, der lange Zeit in Eichstätt als Moraltheologe lehrte und vor ein paar Jahren in seine Heimat Paderborn zurückgezogen ist, die Frage nach Kreuzen, ihrer Verwertung und letztlich ihrem Sinn und ihrer Botschaft nicht mehr los. „Erzählenswert sind Geschichten, die von Kreuzen und Menschen handeln, allemal. Die vier Geschichten, die ich erzähle, habe ich nicht gesucht. Sie haben mich gesucht und gefunden. Ich bin über sie, wie es so heißt, ,gestolpert‘“, erklärt Sill. Sein Artikel mit diesen Geschichten ist in Gesamtlänge im Juli 2026 bayerischen Klerusblatt erschienen.

 

 

Beginn beim „Kreuzkümmerer“ in Bigge

Was bedeutet uns die Kreuze? Was bewegt uns, wenn wir sie nicht einfach wegwerfen können? Was genau lässt uns zögern? Auch das Bigger Kreuzzimmer in der Pfarrkirche St. Martin, in dem hunderte Kruzifixe an den Wänden hängen und über das auf der Homepage des Erzbistums Paderborn berichtet wurde, hat sich Professor Sill angeschaut.

„Sich im Kreuzzimmer aufhalten (…)  heißt nicht zuletzt: aushalten, was sich da an zum Innehalten einladenden Einblicken und Eindrücken vor Ort vermittelt. Die Welt, die sich oben im Turmzimmer auftut, ist »eine andere Welt…“, schreibt der Autor. Und weiter: „Diese Welt ist die einer Andacht der Kreuzbetrachtung, einer Kreuzesfrömmigkeit – und sei es auch nur für eine kleine Weile.“ Das Kreuzzimmer ist eine „spirituelle Schatzkammer“, die auch einen „Kreuzkümmerer“ hat: den Hausmeister Gerhard Götte.

Vom Kreuzzimmer in Bigge zur Krypta in Berlin

Wir springen zur Sankt-Hedwigs-Kathedrale nach Berlin, wo Sill die nächste ganz außergewöhnliche Kreuzesbegegnung hatte. In der Krypta entdeckt er die Wandinstallation „crossfit“ von Hermann Glettler, Bischof der Diözese Innsbruck. Die Geschichte dieses Denkmals begann in der Stadt Granz, wo Glettler Begräbnispriester war. Er bekam im Krematorium mit, dass die auf den Särgen angebrachten Kruzifixe in einer Abfalltonne landeten. Der Kunststoff, aus dem sie Figuren des gekreuzigten Jesu stammten, durfte nicht mitverbrannt werden.

Rund 300 der 21 Zentimeter langen Skulpturen in Bronze- Gold- und Messing-Farben – verband Hermann Glettler zu einem Kunstwerk. Sie berühren sich an den Händen und den Füßen – keine ist allein – und kommen tanzend in Bewegung. Bernhard Sill ist fasziniert: „Sie bilden ein filigranes Geflecht, so dass sich das Kunstwerk jetzt als ein Netzwerk präsentiert.“ Das bringe Bewegung in unser Denken.

„Wir schauen die Kruzifixe in ihrer Verbund-Gestalt an. Dann dauert es eine Weile, und sie schauen uns an. Und in dem Moment, wo sie das tun, sprechen sie uns an, beginnt zwischen ihnen und uns das ,Sprachspiel‘ aus Wort und Antwort.“

Bernhard Sill

Ein Christus ohne Arme

In zeitlicher Nähe zu dieser Erfahrung begegnet Bernhard Sill einem weiteren Kreuz, das ihn nicht loslassen will, dieses Mal als Postkartenmotiv. Es zeigt den Torso eines Kruzifixes. Dem Gekreuzigten fehlen beide Arme. Welche Geschichte hat nun dieses Fragment, das, so findet Sill schnell heraus, in der Kapelle des Generalats der Missionarinnen Christi in München aufbewahrt wird? Es bleibt ein Rätsel, wer es geschaffen hat.

Doch Sill erfährt, was einst mit diesem Kruzifix passiert ist. Gefunden wurde die versehrte Skulptur in Trümmern einer Kirche in Draginici (Kroatien), die 1950 durch Partisanen gesprengt wurde. Der Bischof von Zagreb schenkte sie den Schwestern später als Dank für einen Arbeitseinsatz in Draginici.

Auf ihrer Homepage erklären die Missionarinnen Christi, warum sie ganz bewusst darauf verzichtet haben, den Korpus restaurieren zu lassen: „Dass die Christusfigur keine Arme hat, ist für uns Missionarinnen Christi Sinnbild unseres missionarischen Dienstes: Durch unsere Hände wirkt Christus in unserer Welt. Andererseits spricht auch die Ohnmacht des Gekreuzigten zu uns: Wie oft fühlen wir uns selbst ohnmächtig.“

Das Kreuz wolle uns sagen, dass Christus unsere Arme und Hände braucht, deutet Bernhard Sill die Botschaft weiter.

Wir solidarisieren uns mit den Ohnmächtigen dieser Welt.

Missionarinnen Christi

Ein Recyclingkreuz aus Ghana

Und schließlich erreicht den Autor über die Bistumszeitung „Der Dom“ eine letzte Kreuzesgeschichte. Im Mittelpunkt: das aus Messing geschmiedete Recycling-Kreuz des ghanaischen Künstlers Salifu Idrris, mit dem das Internationale katholische Hilfswerk missio auf den Kreislauf alter Handys, Tablets und Elektrogeräte aufmerksam machen will. Es ist besonderes Messing, denn es stammt von einer Elektroschrotthalde in Accra (Ghana), der größten Halde dieser Art in Afrika. Papst Leo XIV. hat das Kreuz im Jahr 2025 gesegnet. Es kann bei missio zur Gestaltung von Gottesdiensten ausgeliehen werden.

Das Kreuz steht für Jesus Christus, der uns die große Lehre der Nächstenliebe gegeben hat, und mit dieser Idee haben wir etwas, was uns daran erinnern soll, dass wir füreinander einstehen müssen, der Stärkere dem Schwächeren hilft, ein menschenwürdiges Leben führen zu können.

Till-Martin Köster, Künstler

Der deutsche Künstler Till-Martin Köster hat das Kunstwerk um alte Handys mit Bildern aus der Demokratischen Republik Kongo erweitert. Es zeigt Bilder von Menschen und deren schwerer Arbeit im Coltan-Abbau, jener Rohstoff für Handys, die schließlich ausgemustert in Ghana landen.

 

Was fehlt, wenn Kruzifixe verschwinden?

Vier Kreuzesgeschichten und doch ganz ähnliche Botschaften: Passt auf euch und die Welt auf! Achtet und seht einander! Bernhard Sill stellt die weitergehende Frage: Was würde fehlen, wenn Kreuze fehlen? Wenn sie einfach verschwänden? „Diese Fragen stehen wie Fragezeichen über dem Kreuzzeichen. Christliche Theologie sollte es da nicht als eine ,Crux‘ empfinden, einer Kreuzvergessenheit zu wehren. Wehrhafte Gedanken mit ,anstößigem‘ Charakter wären ein echter Beitrag zur aktuellen Debattenkultur.“

Ein herzliches Dankeschön an den Klerusverband e.V. für die Genehmigung, den gesamten Text hier zu veröffentlichen!

 

 

Ein Beitrag von:
Sonja Funke
Redakteurin

Sonja Funke

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