Laden...

logocontainer-upper
logocontainer-lower
© ESB Professional / Shutterstock.com
© ESB Professional / Shutterstock.com

Wie ist es, den Glauben in Minderheit zu leben?

Interview mit Msgr. Dr. Bredeck, Msgr. Austen und Prof. Loffeld vor dem Werkstattgespräch „Kirche ohne Illusionen“

Wenn eine neue Herausforderung ansteht, gibt es viele Möglichkeiten damit umzugehen. Resignieren. Grübeln. Aufbrechen. Es kann helfen, sich mit Menschen, die vor derselben Herausforderung stehen, auszutauschen. Und mit Menschen, die den Weg schon gegangen sind.

Um die neue Situation anzunehmen, als Christen in Deutschland in der Minderheit zu sein, bietet das Erzbistum Paderborn in Kooperation mit dem Bonifatiuswerk ein Werkstattgespräch an: „Kirche ohne Illusionen. Christentum in der Minderheit“. Bei der Tagung am 25. und 26. November im Liborianum in Paderborn wechseln sich wissenschaftliche Vorträge und Erzählwerkstätten mit Profis aus der Pastoral ab. Dabei sind noch einige wenige Plätze für Teilnehmende frei.

Einen der Vorträge hält Jan Loffeld, Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät in Utrecht. Er stellt die Frage: Welche Minderheit wollen wir werden? Um eine Antwort darauf zu finden, sprechen wir mit ihm und den beiden Initiatoren der Veranstaltung: Diözesanadministrator Msgr. Dr. Michael Bredeck und Msgr. Georg Austen, Generalsekretär des Bonifatiuswerkes.

„Das, was uns verbindet, ist immer größer als das, was uns trennt.“

Diözesanadministrator Msgr. Dr. Michael Bredeck hat sich am Tag des Pastoralen Personals am 27. Oktober in Dortmund mit Gedanken und Perspektiven für die Zeit der Sedisvakanz an die hauptberuflichen Mitarbeitenden gewandt. Der Tag stand unter dem Thema „Endlich wieder wir. Christsein in der Gesellschaft.“ Msgr. Bredeck rief dazu auf, „Gott mit den Menschen und Menschen untereinander zu verbinden“.

Redaktion

Wir schalten uns per Videokonferenz zusammen. Aus welchen Welten kommen Sie gerade hier an?

Msgr. Dr. Michael Bredeck

Ich komme aus verschiedenen Telefonaten, die sich um Themen der Theologischen Fakultät drehen.

Msgr. Georg Austen

Beim Bonifatiuswerk planen wir gerade die große Vergabesitzung des Bonifatiusrates. Da stellen sich Fragen wie: Wie planen wir, in die Zukunft zu gehen? Wo wollen wir Akzente setzen? Wo wollen wir Personalstellen unterstützen?

Prof. Dr. Jan Loffeld

Ich hatte gestern einen Masterkursus an der Fakultät in Utrecht. Ich bin sehr begeistert vom Referat eines Studierenden, der christliche Spuren in Heavy-Metal-Songs gefunden hat. Es war genial, wie er seine Mitstudierenden immer wieder gefragt hat: Ist das Gnade? Erzählen Menschen davon, dass sie Gnade erleben?

Prof. Dr. Jan Loffeld

 

„Im Westen der Niederlande, wo sich 80 Prozent der Menschen als nicht religiös bezeichnen, sind Pionierorte entstanden. Die Pionierorte sind Initiativen, die Menschen neben der klassischen Gemeinde gegründet haben. Jeder Pionierort ist anders“, sagt Loffeld und findet: Auch scheitern gehört zu neuen Formen von Kirche dazu, denn das ist auch ein Weg, um neue Wege zu finden.

 

Redaktion

Und: War das Gnade?

Loffeld

Das war unsere Diskussion: Wer entscheidet das, ob das Gnade ist? Kann Kirche das entscheiden? Der einzelne selbst? Überlassen wir das Gott?

Redaktion

Da sind wir bei unserem Thema. Wenn Christen in der Minderheit sind, stellt sich auch die Frage: Wer kann christliche Botschaften erkennen und verstehen?

Loffeld

Unsere Diskussion drehte sich eher um die Frage, was es bedeutet, dass Kirche keine Normen mehr setzen kann. Was sie sagt, wird nicht mehr einfach so akzeptiert. Deshalb muss Kirche eine neue Rolle in der Gesellschaft einnehmen.

Redaktion

Was könnte diese neue Rolle ausmachen?

Loffeld

Sich nicht zurückzuziehen, sondern konstruktiv zu sein. Sich zu fragen: Was ist in dieser Situation der Auftrag Gottes an uns? Es geht darum, die christliche Sendung in einer völlig anderen Gesellschaft zu leben.

Bredeck

Gleichzeitig erlebe ich auch, dass es widersprüchliche Erwartungen gibt. Am Samstag hat der Sozialwissenschaftliche Arbeitskreis getagt. Der berät den Erzbischof. Darin sind katholische Professoren und Juristen. Ihre Message war: Die Kirche muss viel stärker in die gesellschaftlich vorhanden Kanäle und Strukturen hinein. Man würde nach wie vor von der Kirche eine gewisse Orientierung erwarten.

Msgr. Georg Austen

 

„Es gibt verschiedene Gesichter von Diaspora. Wir sehen nicht nur eine zahlenmäßige Diaspora, sondern auch eine Glaubensdiaspora in traditionell katholisch geprägten Gebieten. Menschen, die glauben und den Glauben in Gemeinschaft erleben, haben schon von Anfang an die Erfahrung gemacht, in der Minderheit zu sein.“

 

Redaktion

Wie kann die Tagung „Kirche ohne Illusion“ da Orientierung bieten?

Bredeck

Indem wir über die Situation reden, in der sich Kirche faktisch wiederfindet: Christen sind in der Minderheit in der deutschen Gesellschaft.

Austen

Und das kommt auch nicht erst auf uns zu. Da sind wir mittendrin.

Loffeld

Die vermeintliche Zukunft ist schon Gegenwart.

Bredeck

Die Frage ist: Welche Gestaltungspotentiale liegen darin? Diese Frage bereden wir bei der Tagung mit Menschen, die schon länger in dieser Minderheitensituation sind. Sie müssen sich nicht erst mühsam aneignen, als Christ in der Minderheit zu leben. Sie kennen das schon.

Redaktion

Ist der christliche Auftrag nicht derselbe, egal ob in Deutschland 20 Millionen oder 200.000 Katholiken leben?

Bredeck

Das ist natürlich so. Es geht darum, aus der Kraft des Evangeliums zu leben und sich in der Gesellschaft einzusetzen. Das sagt das Zielbild für das Erzbistum Paderborn. Aber: Das Entscheidende ist ja, ob ich es als befreiend oder belastend erlebe, in der Minderheit zu sein.

Redaktion

Und?

Austen

Die Diaspora-Situation ist weder Schreckgespenst noch Wunschvorstellung. Sie ist Wirklichkeit. Es gibt verschiedene Gesichter von Diaspora. Wir sehen nicht nur eine zahlenmäßige Diaspora, sondern auch eine Glaubensdiaspora in traditionell katholisch geprägten Gebieten. Menschen, die glauben und den Glauben in Gemeinschaft erleben, haben schon von Anfang an die Erfahrung gemacht, in der Minderheit zu sein.

Bredeck

Die Tagung kann helfen, die derzeitige Situation als Gestaltungsmöglichkeit zu sehen – und nicht primär als Verlust, der die Gestaltung erschwert. Weil das nicht so einfach ist, sind positive Beispiele aus der Diaspora so wichtig. Erfahrungen, wie es auch gehen kann.

© William Perugini / Shutterstock.com
Die Woche für das Leben nimmt 2023 die Menschen zwischen 15 und 30 in den Blick. Auf diese Generation wirken viele Probleme ein, die sie bewältigen müssen.
Redaktion

Wo finden Sie diese Beispiele?

Loffeld

Im Westen der Niederlande, wo sich 80 Prozent der Menschen als nicht religiös bezeichnen, sind Pionierorte entstanden. Die Pionierorte sind Initiativen, die Menschen neben der klassischen Gemeinde gegründet haben. Jeder Pionierort ist anders. Manche arbeiten integrativ, andere setzen sich in der Nachbarschaftshilfe ein. Sie bieten auch Religiöses an wie Bibelkreise und Bibelteilen. Interessant ist, dass sie sehr realistische Visionen haben. Sie rechnen das Scheitern schon mit ein, haben sich aus manchen Stadtteilen auch zurückgezogen. Von daher sind die Pionierorte nicht nur Erfolgsgeschichten, sie reden nicht nur vom Wachsen. Sie nehmen die Krise wahr und schauen, wie sie das Neue darin sehen können. Auf diesen Erzählraum bin ich selbst sehr gespannt.

Austen

Ich bin sehr berührt von den Lazarusdiensten aus Stralsund, wo sich nicht nur kirchlich Gebundene engagieren. Sie begleiten sterbende und kranke Menschen und ihre Familien. Eltern, deren Kind stirbt. Das finde ich eine ganz berührende und wertvolle Arbeit. Egal ob sie Christen sind oder nicht – sie leisten einen Grundvollzug des Glaubens. Und: Bei den Situationen, die sie erleben, kommen die Ehrenamtlichen auch immer wieder über Fragen von Glauben und Leben ins Gespräch.

Bredeck

Ich bin berührt von dem Beispiel, wie Pfarrer Ansgar Schocke und sein Team den Menschen im Dortmunder Norden helfen. Ich habe Pfarrer Schocke beim Tag des Pastoralen Personals in Dortmund erlebt. Mich hat berührt, wie er uns den Kirchenraum und die Umgebung erschlossen hat. Da spüre ich: Da ist jemand, der den Menschen, die da leben, etwas Gutes tut. Aus einer Zuversicht, Hoffnung, Glaubensüberzeugung heraus.

Redaktion

Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Einträge

© Tobias Schulte / Erzbistum Paderborn

Unser Glaube Es geht ums Teilen

Ein Brötchen gegen eine Spende: Bei der Aktion Minibrot der KLJB unterstützen junge Menschen Projekte weltweit. Luisa und Luis erzählen, was das mit ihrem Glauben zu tun hat.
© Besim Mazhiqi

Unser Glaube Jeder Mensch hat einen Engel

Bei aller Vereinnahmung durch den Kommerz: Im Kern sind Schutzengel christliche Figuren! Daran erinnert die Archivalie des Monats zum Gedenktag der heiligen Schutzengel am heutigen 2. Oktober.
© Reinhard Goette

Unser Glaube Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen

In der tausendjährigen Geschichte von St. Petrus in Padberg wurde die Kirche von den Menschen „durchgebetet“
Kontakt
| |
generalvikariat@erzbistum-paderborn.de
+49 (0)5251 125-0