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© Erzbistumsarchiv Paderborn
© Erzbistumsarchiv Paderborn

Reliquienreise mit Hindernissen: Wie der heilige Liborius nach München kam

Seit über 1000 Jahren ein „iconic duo“: Liborius und Paderborn. Doch erstaunlicherweise findet man unseren Bistumspatron auch in München. Wie ist er da hingekommen?

Wer heute „Liborius München“ googelt, bekommt von der Google-KI den freundlichen Hinweis, dass der Name Liborius eng mit der Stadt Paderborn verbunden ist. Schließlich ist der Heilige Patron von Stadt und Erzbistum. „Es gibt kein Ereignis oder Person namens ‚Liborius‘ in München, das eine vergleichbare Bedeutung hat.“ Hach, so ein Satz geht einem gebürtigen Paderborner natürlich runter wie geschmolzenes Softeis auf dem Pottmarkt. Aber auch als Paderborner hat man – fast drei Jahre nach Einführung von ChatGPT – gelernt: Glaube der KI nichts und überprüfe alles! Und tatsächlich stimmt die Aussage der KI nicht ganz. Denn den heiligen Liborius gibt es sehr wohl auch in München.

Die Connection Paderborn-München

Wer durch die Münchner Altstadt geht, findet ihn in der Kirche Alt St. Peter unter der Nummer acht: Hinter der Katakombenheiligen Munditia, die in ihrem gläsernen Schneewittchensarg ruht, hängt Liborius an der Wand. Auf dem barocken Gemälde von Johann Baptist Zimmermann (1680-1758) ist er klar als Bischof zu erkennen. Ein Engel zeigt auf einem Teller die kleinen Steine – Symbol für die Nieren- und Gallensteinleiden, bei denen der Heilige als Fürsprecher angerufen wird. Der Altar diente einst der Liboriusbruderschaft als Ort für ihre Gottesdienste. Und beherbergte Reliquien des Heiligen.

Doch wie kam es dazu? Darüber gibt ein im Paderborner Erzbistumsarchiv verwahrtes Dokument Aufschluss. Es trägt das in schwarzen Lack gedrückte Siegel und die Unterschrift des Fürstbischofs Clemens August von Bayern. Der war Erzbischof und Kurfürst von Köln sowie Fürstbischof von vier weiteren Bistümern, darunter Paderborn. Aber er war auch ein Spross der Wittelsbacher, die die bayerischen Landesherren und zwei Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation stellten. Das ist also Clemens Augusts München-Connection.

Ein Fürstbischof, ein Schrein kein Schlüssel!

Und als sich 1745 – nach Paderborner Vorbild von 1736 – an Alt St. Peter eine Liboriusbruderschaft gründete, wandte sie sich selbstverständlich an Clemens August, mit der Bitte, eine Reliquie des von ihnen verehrten Heiligen zu erhalten. Der wollte dem Wunsch gerne nachkommen – biss jedoch in Paderborn auf Granit. Oder besser gesagt: auf vergoldetes Silber.

Denn Clemens Augusts Vorvorgänger, Hermann Werner von Wolff-Metternich zur Gracht, hatte den Schlüssel zum Liborischrein zerstört. Aus Sorge, es könne bald nichts mehr vom Heiligen übrig sein. Denn Reliquien werden oft geteilt – damals wie heute. Es ist Brauch, Reliquien in Altäre von Kirchen einzusetzen (jüngst geschehen bei der Weihe des neuen Altars in St. Johannes Enthauptung in Salzkotten). Auch um eine Verehrung fern des Grabes des oder der jeweiligen Heiligen zu ermöglichen, werden heilige Überreste – Knochen oder Textilien, Holzsplitter des Kreuzes oder Gebrauchsgegenstände eines oder einer Heiligen – immer mal wieder „angeschnitten“ beziehungsweise aufgeteilt. Das war auch mit den Liboriusreliquien gemacht worden. Aber in einem Maße, dass man in Paderborn fürchtete, über kurz oder lang selbst nichts mehr von ihm zu haben. Deshalb hatte der damalige Fürstbischof den Schlüssel zum Schrein zerbrochen. Die Reliquien darin waren unerreichbar eingeschlossen.

Ein Kaiser, der einen Heiligen verliert

Schon 1736 musste Clemens August daher ausweichen, als er seinem älteren Bruder, Karl Albrecht, eine Reliquie des heiligen Liborius zukommen lassen wollte. Der litt nämlich sehr an Nierensteinen. So notiert Karl Albrecht sogar am Abend seiner Krönung zum deutschen Kaiser (amt. 1742-1745) in sein Tagebuch: „alle richteten die Augen auf mich, der ich zum einen die Herrlichkeit der Kaiserwürde, zum anderen aber die lange Zeremonie und die schmerzhaften Nierensteine zu tragen hatte.“ Hier sollte Liborius helfen – doch der Schrein war zu. Daher entnahm man einem anderen Reliquiar einige Teile und sandte sie nach München.

Weil der kaiserliche Bruder die Liboriusreliquien verschlürt hatte (wie auch immer man es schafft, ein Reliquiar zu verlieren…), musste man das genauso nochmal machen: Clemens August schrieb 1746 dem Paderborner Domkapitel, ein Reliquienteilchen „zur Ehr des allerhöchsten Gottes und seines wunderthätigen Heiligen Liborii“ nicht aus dem „verschlossenen Kasten“, damit war der Liborischrein gemeint, zu entnehmen. Stattdessen aus einer Statue des Domschatzes, in die man in früheren Jahrhunderten schon Reliquien eingesetzt hatte.

 

Liborius in München – bis heute?

Das Ganze sollte durch einen Weihbischof gemacht und ordentlich beurkundet werden, damit kein Zweifel an der Echtheit der Reliquien aufkommen konnte. Clemens August selbst leitete sie dann weiter an die Münchner Bruderschaft. „Ihr werdet dadurch dem in seinen Heiligen gepriesenen Gott einen Dienst und uns dabey eine Gefälligkeit bezeigen, welche Wir in Begebenheiten (= bei Gelegenheit) zu erkennen unvergessen seyn werden.“, versicherte der Landesherr dem Domkapitel.

So kam der heilige Liborius also nach München. In Alt St. Peter setzte man die Reliquien in ein Reliquiar aus vergoldetem Kupfer mit Silberschmiedearbeiten ein. Während der Messen der Bruderschaft am Liborius-Altar wurde es von den Gläubigen verehrt. Doch das währt nicht lange: Die Liboriusbruderschaft an Alt St. Peter löste sich nach nur 40 Jahren wieder auf. Ihr war das Geld ausgegangen. Das Altarbild hängt nach wie vor in der Seitenkapelle. Aber was ist mit den Reliquien geschehen?

Sei gegrüßet oder Grüß Gott, Liborius

In Paderborn weiß das keiner mehr. Daher: Anruf in München. Und tatsächlich kann Peter Anton Zobel, seines Zeichens Münchner Stadtpfarrmesner, weiterhelfen: „Das Reliquiar befindet sich bis heute in der Schatzkammer von St. Peter.“ Früher wurde zu Ehren des heiligen Liborius auch noch eine Messe gelesen, das belegen alte Messbücher. Das ist heute nicht mehr so, weil der Gedenktag des in Süddeutschland eher unbekannten Heiligen mit dem der heiligen Birgitta von Schweden zusammenfällt. Und da werde der Patronin Europas der Vorzug gelassen, so Zobel.

Eine eigene, ausgeprägte Liborius-Verehrung gebe es in München derzeit nicht, sagt Zobel. Aber durchaus ein gewisses Interesse. „Ich darf noch erwähnen, dass wir dieses Jahr mit 14 Personen, inklusive Pfarrer Daniel Lerch, am Libori-Fest in Paderborn teilnehmen.“ Liborius, du Brückenbauer – auch zwischen München und Paderborn!

Ein schönes Libori-Fest allen Gästen aus München, aus Le Mans und aller Welt und natürlich auch allen Paderbornerinnen und Paderbornern!

Foto Erzbistumsarchiv Paderborn
Signatur EBAP, I 1.01 Domkapitel Paderborn, A 220 Verschenkung von Reliquien des heiligen Liborius 1644-1792, fol. 393r-393v
Entstehungsdatum 3. Januar 1746
Provenienz Metropolitankapitel Paderborn
Literaturangaben Mertens, Conrad: Der heilige Liborius. Sein Leben, seine Verehrung und seine Reliquien, Paderborn 1873, S. 185-188.
Steiner, Peter B. und Germann-Bauer, Peter: Schatzstücke der Münchner Peterskirche. Vorgestellt im Ignaz-Günther-Haus, Regensburg 1985, S. 14.

Clemens August Ein Fürstbischof zwischen Feiern und Frömmigkeit

war eine typische Erscheinung der Barockzeit. Schon mit 19 Jahren wurde der Spross aus bayerischem Hochadel Fürstbischof von Paderborn und Münster, ab 1723 war er Erzbischof von Köln und damit Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches. Später zog er noch weitere geistliche und weltliche Ämter auf sich und ist damit ein typisches Beispiel für die Pfründenhäufung, die eigentlich bereits durch das Tridentinische Konzil (1545–1563) eingedämmt werden sollte.

Darstellen ließ sich Clemens August häufig in Rüstung und auch sonst war er weltlichen Dingen nicht abgeneigt. Dass er häufig mit seinen Schlössern, mit Festen, Feuerwerken, der Jagd und anderen Freuden des höfischen Lebens in Verbindung gebracht wird, ist sicher nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig. In diesem Urteil spiegelt sich auch die Denkweise des 19. Jahrhunderts wider, in dem preußische Sparsamkeit als Ideal galt. Allseits bestätigt wird Clemens August seine tiefe Frömmigkeit, die im Barock nicht zwingend in Widerspruch zu seinem Lebenswandel stand.

Die Archivalie des Monats

Das Erzbistumsarchiv ist das Gedächtnis unserer Erzdiözese. Es sichert und erschließt die schriftliche Überlieferung und macht Geschichte allgemein zugänglich. Und das sogar kostenlos. Selbst die wertvollsten Archivstücke können Sie sich werktäglich zu den Öffnungszeiten des Erzbistumsarchivs ansehen. Darunter sind selbstverständlich auch die Stücke, die wir Ihnen in unserer Reihe „Die Archivalie des Monats“ vorstellen.

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Domplatz 15 (Konrad-Martin-Haus)
33098 Paderborn
Tel.: (0 52 51) 1 25-12 52
E-Mail: archiv@erzbistum-paderborn.de
Geöffnet Montag-Donnerstag, 9.00 Uhr bis 16.00 Uhr

Ein Hinweis für alle genealogisch Interessierten: Die digitalisierten Kirchenbücher des Erzbistums Paderborn finden Sie auf

Matricula

Ein Beitrag von:
Redakteur

Cornelius Stiegemann

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