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© Sonja Funke / Erzbistum Paderborn
© Sonja Funke / Erzbistum Paderborn

Päpstliche Bulle „De salute animarum“ wie sehr Glaube Heimat ist

Wie sehr Glaube Heimat prägt und anders herum, das stand dieses Jahr im Fokus des Tags der Archive mit dem Motto „Alte Heimat, neue Heimat“. Ganz unterschiedliche Archivalien des Erzbistums belegen eindrucksvoll, wie Glaube den Alltag strukturiert und wie wiederum der Alltag das Ausleben des Glaubens mitbestimmt. Ein Dokument mit historischer Tragweite dazu ist die päpstliche Bulle (besiegelte Verfügung) „De salute animarum. Über das Heil der Seelen“ aus dem Jahr 1821.

Die Bulle als Ausgangspunkt von Heimat

Zum Tag der Archive lag die Bulle ebenso aus wie Literatur zum Thema. Es ging um die Integration polnischer Neubürger und Dokumente belegten die Not der Vertriebenen, die persönlich an den Bischof schrieben.

Mit der Bulle „De salute animarum. Über das Heil der Seelen“ ordnete Papst Pius VII. die katholische Kirchenstruktur im Königreich Preußen neu. Ziel war es, staatliche und kirchliche Grenzen in Einklang zu bringen. Für das heutige Erzbistum Paderborn bedeutete das eine grundlegende Neuvermessung kirchlicher Heimat.

Aus vormals eigenständigen Territorien entstand ein neues, großes Bistum. Sauerland, Siegerland, Teile des Ruhrgebiets, das ehemalige Bistum Corvey, die Mindener Pfarreien sowie Rietberg und Wiedenbrück und die in der Reformation untergegangenen Bistümer Halberstadt, Magdeburg, Merseburg, Naumburg-Zeitz und Teilgebiete von Brandenburg, Havelberg und Meißen wurden Paderborn zugeordnet. Bis heute prägen diese Grenzziehungen die kirchliche Landschaft. Doch was auf dem Papier eindeutig wirkt, war für die Menschen vor Ort oft eine Herausforderung. Die Kirchenhistorikerin Yvonne Püttmann, die beim Tag der Archive am Ort der Recherchen zu ihrer Masterarbeit zu Besuch war, beschreibt diese Spannung so: „Eigentlich ein sehr formaler Akt, aber dann ging es darum, was bedeutet es für die Leute in den Gemeinden.“

Wenn Grenzen Identität verändern oder: Wie mitten in der Erntezeit zu Libori pilgern?

Die Neuordnung griff tief in gewachsene Identitäten ein. Leute aus dem Kurkölnischen hatten teils große Probleme damit, dass sie auf einmal zum Bistum Paderborn gehörten. Heimat war nicht nur eine Frage von Verwaltung, sondern von Zugehörigkeit, Tradition und religiöser Praxis. Selbst scheinbar kleine Fragen wurden plötzlich existenziell:
„Welchen Diözesanpatron feiern wir jetzt eigentlich?“ Und: „Wie zu Libori, mitten in der Erntezeit im Juli, nach Paderborn pilgern?“ Der Staat schritt ein. In den Diözesankalender wurden des lieben Friedens wegen einige Patrone des Alt-Bistums aufgenommen, in Köln wie in Paderborn.  Ein Beispiel: Der Hl. Anno, gestorben 1075, einst Erzbischof in Köln. Diese Angelegenheit war alles andere als unerheblich: Früher waren Namenstage von Patronen auch Stichtage, zum Beispiel zur Auszahlung von Geldern.

Kurzum: Die Umsetzung der Bulle zog sich über Jahre hin. Fünf Jahre Übergangszeit waren vorgesehen, doch auch danach blieb vieles in Bewegung. Praktische Probleme machten Anpassungen notwendig: Wege zur Kirche wurden länger oder veränderten sich. Gewohnte Pilgerziele lagen plötzlich in einem anderen Bistum, gewachsene Beziehungen mussten neu organisiert werden. Immer wieder wurde nachgebessert, teilweise über Jahrzehnte hinweg.

Alle Dokumente zu diesen langwierigen Verhandlungen -stets zwischen Staat, Kirche und Vatikan, birgt das Erzbistumsarchiv in seinen Akten. Neben Urkunden und Handschriften machen sie den wertvollen Bestand des Archivs aus.

Glaube als gelebte Heimat und Polnisch-Unterricht für Priester

Viele weitere Archivalien aus ganz unterschiedlichen Begebenheiten zeigten beim Tag der Archive „Alte Heimat – neue Heimat“ deutlich: Heimat entsteht nicht allein durch Grenzen, sondern auch durch gelebten Glauben. Besonders sichtbar wird das in Zeiten von Umbruch und Migration. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert kamen viele katholische Arbeitskräfte aus Polen ins Ruhrgebiet. Für sie wurde Seelsorge zur Brücke in eine neue Heimat. Sprache spielte dabei eine zentrale Rolle. „Seelsorge läuft doch primär über die Muttersprache“, sagt Domvikar Hans Jürgen Rade, Leiter des Erzbistumsarchivs. So wurde Polnisch zeitweise verpflichtender Bestandteil der Priesterausbildung. Gottesdienste, Predigt, Beichte und Gesang in der eigenen Sprache halfen, Vertrautheit und Zugehörigkeit zu schaffen. Passende Dokumente dazu: Ausschreibungen für die Priesteramtsanwärter aus den Akten des Archivs.

Heimat in der Not: „Ich brauche dringend einen Ofen“

Ebenso spannend: die Akte „Flüchtlinge“ aus dem Zentralregister des Generalviktariats. Sehr eindrücklich wird die Verbindung von Glaube und Heimat in den Dokumenten zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. In den Akten finden sich zahlreiche Hilferufe von Vertriebenen und Flüchtlingen, die sich direkt an das Generalvikariat und den Erzbischof wandten, und zwar in Briefform und ganz konkret: „Es ist so bitterkalt und ich brauche dringend einen Ofen.“

Diese Schreiben belegen, wie existenziell die Rolle der Kirche war. Es ging nicht nur um spirituelle Begleitung, sondern um konkrete Hilfe. „Es reicht ja nicht zu sagen: Geh, wärme dich, kleide dich. Sondern derjenige, der leidet, muss versorgt werden bzw. in die Lage versetzt, sich selbst zu versorgen, vorher kann es gar keine Seelsorge geben. So steht es schon in der Bibel“, sagt Domvikar Rade. Glaube wird hier als gelebte Verantwortung sichtbar. Heimat entsteht dort, wo Menschen Unterstützung erfahren.

Besucherin Anne Buschmüller möchte allen mitgeben, dass das Archiv kein „closed shop“ ist, sondern täglich zu den Öffnungszeiten seine Türen geöffnet hat. Sie ist erstaunt, was sie beim „Tag der Archive“ alles entdeckt hat: „Es sind all diese alltäglichen Dinge, die spannend sind nachzulesen. Da sucht zum Beispiel jemand aus dem damals zugehörigen Bistum Magdeburg eine Schreibmaschine und es ist spannend nachzulesen, wie man sie in das ehemalige Ostdeutschland rüber bekommen hat. Oder ich habe etwas gefunden zur Frage, ob es Probleme mit Zugezogenen aus dem britischen Sektor gab bzw. zur Ökumene, wenn man sich Örtlichkeiten teilte.“ Dieser Satz dazu hat ihr imponiert: „Das Verhältnis zum anderen christlichen Bekenntnis: friedlich.“

Archive bewahren Heimat: Delbrücker Besucher mit Erfolgserlebnis

Dass solche Geschichten heute erzählt werden können, ist auch der Arbeit der Archive zu verdanken. Sie bewahren, was Menschen bewegt hat. So zum Beispiel auch die Kirchenbücher, die inzwischen alle digitalisiert sind. „Kirchenbücher zeichnen die Einmaligkeit eines Menschen aus. Wann getauft, wann geheiratet, wann gestorben, das gibt es so nicht noch mal“, sagt Domvikar Rade. Alle Dokumente, ob Urkunden, Handschriften oder Akten machen sichtbar, wie eng Glaube und Alltag miteinander verbunden sind und heute noch bewegt. Ein besonderes Beispiel brachte eine Besuchergruppe aus Delbrück mit: Sie erinnerte an die vielen Wegkreuze und die besondere Kreuzverehrung in ihrer Heimat. Und: Sie fand hier auch kommunale Dokumente, bewahrt vor der Zerstörung des Krieges. Dies freute insbesondere Nicole Fornefeld, Mitarbeiterin im Stadtarchiv Delbrück.  Sie hatte einen Teil der Dokumente in Münster und nicht in Paderborn gewähnt. „Das Findbuch aus dem 17. Jahrhundert liegt hier, das ist für mich sehr interessant!“

So zeigt die hochoffizielle Bulle genauso wie der Eintrag im Kirchenbuch etwas, das heute in der kollektiven Wahrnehmung nicht mehr so präsent ist: Glauben verbindet, er gab Menschen über Jahrhunderte Orientierung, Halt und Gemeinschaft. Diese Kraft hat er. Wie und ob sie auch in schwierigen Zeiten ganz neu entdeckt wurde, wird demnächst und in 100 Jahren in Akten, Urkunden und Handschriften nachzulesen sein.  Wo? Im Archiv!

Foto Sonja Funke
Signatur EBAP, C031 (Domkapitel 1270-1821), Nr. 171, Bl. 11-20.
Entstehungsdatum 16. Juli 1821
Provenienz

Erzbischöfliches Generalvikariat

Kulturhistorische Bedeutung Neuumschreibung der Bistumsgrenzen in den Territorien des Königreichs Preußen (Bistümer Pa-derborn, Erzbistum Köln, Bistümer Breslau, Münster und Trier); Paderborn wurde zum zweitgrößten Bistum in Preußen
Vorgeschichte 1803: Aufhebung des Fürstbistums Paderborn, 1815 Neuordnung des nachnapoleonischen Euro-pas auf dem Wiener Kongress
Ziel Deckungsgleichheit von staatlichen und kirchlichen Grenzen
Literaturangaben Yvonne Püttmann, Die Umsetzung der Zirkumskriptionsbulle ”De salute animarum" im Bistum Pa-derborn von 1821 bis 1844, in: Westfälische Zeitschrift 171 (2021), S. 323-358.

Die Archivalie des Monats

Das Erzbistumsarchiv ist das Gedächtnis unserer Erzdiözese. Es sichert und erschließt die schriftliche Überlieferung und macht Geschichte allgemein zugänglich. Und das sogar kostenlos. Selbst die wertvollsten Archivstücke können Sie sich werktäglich zu den Öffnungszeiten des Erzbistumsarchivs ansehen. Darunter sind selbstverständlich auch die Stücke, die wir Ihnen in unserer Reihe „Die Archivalie des Monats“ vorstellen.

Besucheradresse:

Erzbistumsarchiv Paderborn
Domplatz 15 (Konrad-Martin-Haus)
33098 Paderborn
Tel.: (0 52 51) 1 25-12 52
E-Mail: archiv@erzbistum-paderborn.de
Geöffnet Montag-Donnerstag, 9.00 Uhr bis 16.00 Uhr

Ein Hinweis für alle genealogisch Interessierten: Die digitalisierten Kirchenbücher des Erzbistums Paderborn finden Sie auf

Matricula

Ein Beitrag von:
Sonja Funke
Redakteurin

Sonja Funke

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