Libori-Motto 2026: Nur so bleibt Kirche „mittendrin“
Das Libori-Motto 2026 lautet „Mittendrin“. Was bedeutet dieses Motto für Sie persönlich?
Wenn ich hier in meinem Hauptbüro sitze, schaue ich direkt auf den Dom, dann bin ich im Herzen der Stadt. Mehr mittendrin als hier kann man in Paderborn eigentlich gar nicht sein. Weil ich auch privat direkt nebenan wohne, gibt es für mich nur noch Libori von morgens bis abends, neun Tage lang.
Wird Ihnen das manchmal zu viel?
Eigentlich nicht. Ich mag es total gerne, wenn hier etwas los ist. Ich weiß ja, dass es zeitlich begrenzt ist. Aber wenn die neun Tage dann vorbei sind, brauche ich auch eine Pause.
Was soll denn das Libori-Motto 2026 inhaltlich bedeuten?
Ich finde, es passt ganz gut zu Libori. „Mittendrin“ drückt genau das aus, was das Fest ausmacht: Kirche ist bei allem dabei, ob es der Seniorennachmittag am Festzelt ist oder ein Treffen mit Wirtschaftsleuten. Genau diese Verschränkungen zwischen Kirche und Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur – das macht Libori aus. Und das Zentrum bildet der Dom. Er öffnet die Tür zur Ebene darüber und stellt sie optisch in unsere Mitte.
In einer säkularen Gesellschaft rückt die Kirche immer weiter an den Rand. Was braucht es, damit die Kirche wieder „mittendrin“ im Leben der Menschen stattfindet?
Die Kirche darf nicht zu einer völlig losgelösten Monade werden, die unverbunden im Raum schwebt und nur für sich selbst agiert. Ich verstehe die Aufgabe – um es mit einem biblischen Wort zu sagen – darin, die Gesellschaft wie einen Sauerteig zu durchziehen. Wir Christen sind mittendrin. Wir setzen Akzente, die die Menschen zusammenbringen. Allerdings haben wir durch die Veröffentlichung der Missbrauchsstudie ein Stück weit Vertrauen nach innen und außen verloren. Jetzt müssen wir mühsam und vermutlich kleinschrittig das Vertrauen in uns selbst und das Vertrauen der anderen zurückgewinnen.
Nicht nur rund um die Missbrauchsstudie gibt es viel Bewegung, sondern auch bei anderen innerkirchlichen Themen. Was braucht es, damit der Bistumsprozess gelingt?
Reden, reden, reden. Wir brauchen offene und ehrliche Kommunikation, Gespräche und auch Diskussion – mit Gemeindemitgliedern, Gremien und Ehrenamtlichen. Und das größte Problem im Moment ist: Wir haben neben dem Tagesgeschäft oft gar keine Zeit dafür. Ich glaube, es gibt eine Bring- und eine Holschuld. Wenn jeder beide Seiten wahrnimmt und wir alle an einem Strang ziehen, kann der Bistumsprozess gelingen. Nur so bleibt Kirche mittendrin.
Das Libori-Motto 2026 „Mittendrin“ kann auch heißen, Verantwortung zu übernehmen. Wo sehen Sie Christinnen und Christen heute besonders gefragt, die Gesellschaft aktiv mitzugestalten?
Aktuell gibt es in der Welt Entwicklungen, die Lügen und infame Unterstellungen im Grunde gesellschaftsfähig machen. Da muss man sich gerade als Christ überlegen, welche Vertreter des Staates wählbar sind. Was man beispielsweise in den Pateiprogrammen der AfD nachliest, ist bedenklich. Aber auch ein amerikanischer Präsident, der ohne Rücksicht auf Verluste seinen eigenen Launen nachgeht, das ist mit einem christlichen Menschenbild unvereinbar. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir vor Ort das tun, was wir jahrhundertelang getan haben: Nämlich zu versuchen, immer die Werte des Menschseins – so wie wir sie verstehen, vom Evangelium her – mitten in die Gesellschaft hineinzutragen.
Um diese Werte in die Gesellschaft tragen zu können, müssen wir unser Leben auf das Evangelium ausrichten. Als Dechant haben Sie alle Hände voll zu tun. Wie sorgen Sie dafür, dass Jesus Christus mittendrin in Ihrem Leben ist?
Das ist eine tägliche Herausforderung. Mir hilft ein bestimmter Tagesablauf. Ich beginne meinen Tag nicht mit einem Blick auf das Handy, um die Mails zu checken, sondern ganz in Ruhe. Dann mache ich mir bewusst, dass ich diesen Tag zusammen mit Jesus Christus beginne. So habe ich am Morgen bereits einen wichtigen Impuls gesetzt, der sich durch den ganzen Tag hindurchzieht. Abends denke ich noch einmal über den Tag nach: Wie ist der Tag gewesen? Alles, was gut oder weniger gut gelaufen ist, kann ich dann in die Hände Gottes legen.
Wie gelingt es, dass Jesus Christus mittendrin im Liborifest präsent ist?
Ich glaube, das ist sowieso schon gegeben. Unsere Grundauffassung ist: Gott ist immer da. Er bietet sich an, drängt sich aber nicht auf. So halten wir es auch beim Liborifest. Wir machen unseren Türen auf, bieten viele verschiedene Gottesdienste an, zum Beispiel die Prozession zu Beginn von Libori, ein Gottesdienst zum Segnen von Paaren im Dom, ein Schaustellergottesdienst in der Liborikapelle auf dem Liboriberg und viele mehr. Diese Angebote finden mittendrin auf Libori statt und laden dazu sein, sich darüber bewusst zu werden, dass wir nicht allein unterwegs sind. Wer sich darauf einlässt, liegt nicht in unserer Hand.
Worauf freue Sie sich in den nächsten Tagen am meisten?
Die Liturgie im Dom ist natürlich immer etwas Besonderes. Davon ausgehend ergießt sich das Fest in die Stadt hinein. Und dann bieten diese Tage einfach die Möglichkeit, mit unzählig vielen Menschen ins Gespräch zu kommen. Das macht Libori für mich aus. Aber ich freue mich auch besonders auf die Veranstaltungsreihe „Der Klang Gottes“ in der Gaukirche. Dort gibt es jeden Tag einen Mittagsimpuls und von mittags bis abends musikalische Auftritte von verschiedenen christlichen Künstlerinnen und Künstlern.
Was wünschen Sie sich, dass die Menschen von den Libori-Tagen mit nach Hause nehmen?
Wir haben Kirche sympathisch erlebt. Wenn das bei den Besucherinnen und Besuchern ankommt, würde ich mich freuen.