Starke Frau – Starke Werte
Das Gespräch mit Schwester Petra Kappius findet als Videoanruf per Messenger statt. Das hat zwei Gründe. Zum einen belastet das anderthalbstündige Gespräch mit Übersee nicht die Telefonrechnung. Zum anderen kann man sich dabei in die Augen sehen. Schwester Petra ist eine Frau, die ihre Gefühlsregungen nicht verbirgt. Ihre Mimik ist leicht zu lesen. Wenn man ihr etwa Fragen stellt, die zu große Unkenntnis oder eine übermächtige eurozentrische Perspektive verraten, hebt sie die Augenbrauen und legt die Stirn in Falten. Wenn ihr etwas gefällt, lacht sie herzlich. Das Gespräch ist interessant und lehrreich. Es bietet Einblick in ein Land im Umbruch, der alles ergreift: die wirtschaftliche Existenz der Menschen ebenso wie ihre Zukunftserwartungen und ihren Glauben.
Hier ist nicht Busch!
„Brasilien ist ein Schwellenland“, beginnt Schwester Petra ihre Erklärungen. „Brasilien ist nicht Busch, auch der Bundesstaat Maranhão oder die Stadt Arari sind nicht Busch. Hier gibt es Internet, Fernsehen, Gewerkschaften, genossenschaftlichen Landbau, staatliche Sozialhilfe, ein Gesundheitssystem und eine Impfkampagne gegen Corona. Zugleich gibt es hier in Maranhão Sklavenarbeit auf Großplantagen, es gibt Landkonflikte mit rabiaten Enteignungen, Gewaltkriminalität und bitterste Armut.“ Es ist dieses Gleichzeitige, das Nebeneinander höchst unterschiedlicher Dinge, das es so schwer macht, aus einer europäischen Betrachtungsweise heraus die Vorgänge in Brasilien zu verstehen.