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© F de Jesus / shutterstock.com
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Ein Land im Umbruch: Über das Leben und das Überleben in Maranhão

Schwester Petra Kappius lebt und arbeitet seit über zehn Jahren als Missionarin der Franziskanerinnen von Reute in Brasilien. Unterstützt wird ihre Arbeit von Adveniat.

Aufgewachsen in Haaren im Paderborner Land, lebt und arbeitet Schwester Petra Kappius seit über zehn Jahren als Missionarin der Franziskanerinnen von Reute in der brasilianischen Kleinstadt Arari im Nordosten des Landes. Ihr Missionsprojekt finanziert sich hauptsächlich über Spenden, die in Deutschland bei den Franziskanerinnen von Reute für die Missionsarbeit eingehen. Darüber hinaus unterstützt das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat fallweise Projekte in der Pfarrgemeinde. Dessen große Weihnachtskampagne steht 2021 unter der Überschrift „ÜberLeben in der Stadt“.

Ein Land mit Gegensätzen

Starke Frau – Starke Werte

Das Gespräch mit Schwester Petra Kappius findet als Videoanruf per Messenger statt. Das hat zwei Gründe. Zum einen belastet das anderthalbstündige Gespräch mit Übersee nicht die Telefonrechnung. Zum anderen kann man sich dabei in die Augen sehen. Schwester Petra ist eine Frau, die ihre Gefühlsregungen nicht verbirgt. Ihre Mimik ist leicht zu lesen. Wenn man ihr etwa Fragen stellt, die zu große Unkenntnis oder eine übermächtige eurozentrische Perspektive verraten, hebt sie die Augenbrauen und legt die Stirn in Falten. Wenn ihr etwas gefällt, lacht sie herzlich. Das Gespräch ist interessant und lehrreich. Es bietet Einblick in ein Land im Umbruch, der alles ergreift: die wirtschaftliche Existenz der Menschen ebenso wie ihre Zukunftserwartungen und ihren Glauben.

Hier ist nicht Busch!

„Brasilien ist ein Schwellenland“, beginnt Schwester Petra ihre Erklärungen. „Brasilien ist nicht Busch, auch der Bundesstaat Maranhão oder die Stadt Arari sind nicht Busch. Hier gibt es Internet, Fernsehen, Gewerkschaften, genossenschaftlichen Landbau, staatliche Sozialhilfe, ein Gesundheitssystem und eine Impfkampagne gegen Corona. Zugleich gibt es hier in Maranhão Sklavenarbeit auf Großplantagen, es gibt Landkonflikte mit rabiaten Enteignungen, Gewaltkriminalität und bitterste Armut.“ Es ist dieses Gleichzeitige, das Nebeneinander höchst unterschiedlicher Dinge, das es so schwer macht, aus einer europäischen Betrachtungsweise heraus die Vorgänge in Brasilien zu verstehen.

Gute Voraussetzungen für Besserungen

Hohe Bildung – Wenig Chancen

In Europa beispielsweise ist ein Hochschulabschluss noch keine Garantie für ein gutes Auskommen, steigert aber die Chancen darauf enorm. In Brasilien stehen diese Chancen deutlich schlechter. Auch dort sind viele junge Menschen bildungshungrig. Die Regierung hat den Wert guter Bildung erkannt. So wurden in der von 2003 bis 2011 reichenden Regierungszeit von Präsident Lula die Universitäten dazu veranlasst, Ableger in Kleinstädten zu gründen. Es ist sogar im kleinen Landstädtchen Arari möglich, auf Lehramt zu studieren oder ein Examen in Krankenpflege zu machen.

Überqualifikation ist der Alltag

Nur finden die wenigsten Absolvierenden nach ihrem Abschluss eine Anstellung in ihrem Fachgebiet. In der Folge sitzen Absolvierende eines Lehramtsstudiums hinter der Supermarktkasse, arbeiten examinierte Krankenpflegekräfte auf dem Bau oder in Fabriken. „In Brasilien wird das nicht als prekäre Arbeit verstanden“, berichtet Schwester Petra. „Das ist hier die Normalität. Die Menschen hoffen einfach darauf, dass es irgendwann klappen wird, im gewünschten oder erlernten Beruf Fuß zu fassen.“

Es herrscht Klientelpolitik

Auch normal ist es, dass viele Arbeitsverhältnisse von kurzer Dauer sind. Größte Arbeitgeberin in Arari ist die Stadtverwaltung. Während in Deutschland eine Anstellung bei der Öffentlichen Hand eine Lebensstellung darstellt, können in Arari Busfahrernde oder Lehrende an städtischen Schulen aber nur bis zur nächsten Wahl der Stadtverwaltung halbwegs sicher planen.

Teilen ist hier Alltag

Denn es herrscht Klientelpolitik: Findet ein Machtwechsel statt, besetzen die Wahlsiegenden die öffentlichen Stellen mit seinen Parteimitgliedern. Die Mitglieder der gegnerischen Partei werden entlassen und müssen sich auf irgendeine Weise durchschlagen. „Das gelingt den Menschen in Brasilien oft erstaunlich gut“, erklärt Schwester Petra. „Die Gesellschaft in Brasilien kann hochgradig solidarisch sein. Die Menschen teilen mit ihren Nachbarn und helfen. Nicht umsonst heißt es: Gott ist ein Brasilianer. Aber man muss aufpassen, denn der Teufel ist es auch. Da gibt es zum Beispiel den Schwiegersohn, der die Rente der Schwiegermutter beleiht, mit dem Geld ein Haus baut und sie in größter Armut zurücklässt, also seine Eigeninteressen skrupellos durchsetzt.“ Aber auch dann, wenn soziale Bindungen nicht stark genug oder die Menschen nicht gut organisiert sind, ist die Gefahr des sozialen Abstiegs in die Verelendung, in Drogenkonsum und in Gewaltkriminalität groß. Der wichtigste Anker ist ein Job, sei er noch so wacklig.

Organisierte Kriminalität bis in den Staatsapparat

Für viele Männer ist der einzige Ausweg aus der Arbeitslosigkeit, ihr Glück als Wanderarbeiter zu versuchen. Doch auch hier lauern Gefahren. Mitunter endet die Busreise zur neuen Arbeitsstelle vor einer weit abgelegenen Farm, wo die Kosten für den Schlafplatz und die Verpflegung den Lohn auffressen. Noch brutaler geht es in den von Pistoleros bewachten und umzäunten Sklavenhalterfarmen zu. Die liegen so weit draußen, dass es dort keine Mobilfunkmasten gibt, also können die Zwangsarbeiter nicht über ihre Mobiltelefone um Hilfe rufen. Trotzdem ist es schwer vorstellbar, dass Sklavenarbeit im großen Stil den Sicherheitsbehörden verborgen bleibt, was wiederum zeigt: Die organisierte Kriminalität reicht oft bis tief in den Staatsapparat hinein.

„Es heißt: Gott ist ein Brasilianer.
Aber man muss aufpassen.
Der Teufel ist es auch.“

Schwester Petra Kappius

Der gesellschaftliche Wandel beschleunigt sich

In den vergangenen zehn Jahren fällt es den Menschen im Nordosten Brasiliens immer schwerer, ihr Leben zu meistern. „Es gibt inzwischen zwei Formen der Landflucht“, erklärt Schwester Petra. Vor einem Jahrzehnt konnten die Menschen im agrarisch geprägten Hinterland von ihrer kleinbäuerlichen Landwirtschaft noch einigermaßen leben. Inzwischen gibt es auch dort Mobiltelefone, Internet und das brasilianische Fernsehen mit seinen Telenovelas, die den Menschen ein neues Bild von Wohlstand vermitteln. Ein solcher Lebensstandard lässt sich mit den Erträgen aus der Subsistenzwirtschaft aber nicht realisieren. Zudem sind die Preise für viele Produkte des täglichen Bedarfs sehr viel stärker gestiegen als die Erlöse aus dem Verkauf ihrer Ernten. Die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe bilden daher die erste Welle der Landflüchtigen. Sie zieht es vom Hinterland in Kleinstädte wie Arari, wo es ihnen jedoch aufgrund des niedrigen Bildungsniveaus schwer fällt, Arbeit zu finden.

Vom Land zur Stadt – Von Stadt zu Großstadt

Die zweite Welle besteht aus jungen Menschen, die trotz ihrer guten Ausbildung in den Kleinstädten keine Lebensperspektiven haben. Diese Menschen zieht es in die Millionenstädte im Süden, etwa ins 2.300 Kilometer entfernte Belo Horizonte oder in die 2.800 Kilometer entfernte Zwölfmillionenstadt São Paulo. „Anlaufstelle sind immer Verwandte, die dort schon Fuß gefasst haben“, erläutert Schwester Petra. Damit reduzieren sich die Risiken für die neu Zugezogenen. Sind die familiären Bande aber nicht stark genug, droht auch hier ein Absturz in die Verelendung. Und: Mit der Corona-Pandemie und durch den Abbau von Sozialleistungen durch die rechtspopulistische Bolsonaro-Regierung haben sich die sozialen Risiken deutlich vergrößert.

Die Rolle des Glaubens und der Kirche

Anderes Glaubensverständnis

Ein großer Halt für die Menschen in Brasilien ist der Glaube. Doch auch hier zeigen sich im zurückliegenden Jahrzehnt starke Veränderungen. Nur noch zum Teil hängt die Bevölkerung im Hinterland einem sehr tradierten Glauben mit einer innigen Heiligenverehrung an. „Die Heiligen haben für die Landbevölkerung oft einen höheren Stellenwert als der Glaube an Jesus Christus“, sagt Schwester Petra, die jedoch davor warnt, dieses Glaubensverständnis mit europäischen Überlegenheitsgefühlen als naiv abzutun: „Unsere Aufgabe ist es nicht, darüber zu urteilen, sondern vielmehr, den Menschen in ihrem Glauben Wahl- und Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen.“ Die Jugend in den Städten ist zum einen Teil stark verweltlicht, zum anderen gibt es junge Menschen, die ein sehr reifes Gottesbild ausgebildet haben.

Wirtschaftsliberale Träumereien sind ein Problem

Starken Zulauf haben in Brasilien evangelikale Strömungen. Nach evangelikaler Lesart gelingt das Leben, wenn man sich Jesus nur weit genug geöffnet hat. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass ein schwieriges oder gar ein scheiterndes Leben darauf zurückzuführen ist, dass sich der Mensch seinem Erlöser einfach noch nicht weit genug geöffnet hat. Damit übertragen evangelikale Gruppierungen die wirtschaftsliberale Tiefenerzählung „Jeder ist seines Glückes Schmied“ auf Glaubensfragen. In den aufstiegsorientierten Milieus der Schwellenländer funktioniert dieses Narrativ. Zulauf erhalten auch die charismatischen Bewegungen innerhalb der katholischen Kirche Brasiliens. Bei den Erneuerungsbewegungen stehen religiöse Schlüsselerlebnisse und eine besondere Form der Frömmigkeit im Mittelpunkt, während soziale Fragen eine untergeordnete Bedeutung haben.

Aufklärerische Höchstleistung von Petra Kappius

Schwester Petra Kappius verfolgt jedoch einen anderen Weg: „Die katholische Kirche in Brasilien steht auf der Seite der Armen, der Landlosen und der um ihre Rechte betrogenen Menschen. Wir stehen für Bildung und Unterstützung. Wir, das heißt die katholische Kirche, beraten die Menschen, wenn sie in die Städte gehen wollen, und schützen sie vor falschen Erwartungen. Wir fangen sie auf, wenn sie straucheln. Brasilien war immer schon ein armes Land. Aber in den nächsten Jahren werden wir gebraucht wie selten zuvor. Und dabei sind wir auf Hilfe aus dem globalen Norden angewiesen.“

Hintergrund

Die Franziskanerschwester Petra Kappius lebt und arbeitet in Arari, einer Kleinstadt mit einer Bevölkerung von 30.000 Menschen im Bundesstaat Maranhão im Nordosten von Brasilien. Das Gebiet ist mit Ausnahme von São Luís, der Hauptstadt des Bundesstaates, ländlich geprägt. Hier gehen landwirtschaftlich genutzte Flächen langsam ins Amazonasgebiet über. Maranhão und der übrige Nordosten ist traditionell das Armenhaus Brasiliens. In ihrem Missionsprojekt leistet Schwester Petra zusammen mit einer Mitschwester Bildungs- und Aufklärungsarbeit.

Brasilien ist mit 8,5 Millionen Quadratkilometern flächenmäßig das fünftgrößte und mit 210 Millionen Menschen der Bevölkerung nach das sechstgrößte der Erde. Auf dem Index der menschlichen Entwicklung lag Brasilien im Jahre 2019 an 84. Stelle von 189 Staaten. Die Aussagekraft relativiert sich dadurch, dass in Brasilien große Ungleichheit herrscht.

Gelegenheit macht Spende

Im Interview schildert Susanne Föller, Leiterin des Teams Mission-Entwicklung-Frieden im Erzbischöflichen Generalvikariat, wie sie die Spendenbereitschaft der Deutschen wahrnimmt. Die Spendenbereitschaft sei nach wie vor groß, doch die Corona-Pandemie erschwere vieles, so Föller, die im August 2021 ihre neue Aufgabe angetreten hat.

Redaktion

Frau Föller, wie steht es um die Spendenbereitschaft der Menschen in Deutschland?

Susanne Föller

Beim Spenden wie beim Schenken konzentriert sich viel auf Weihnachten. Nun feiern wir das zweite Mal Weihnachten unter Corona-Bedingungen. Weihnachtsmärkte sind abgesagt, der Gottesdienstbesuch ist nur unter Auflagen möglich. Die Spendenbereitschaft der Menschen hier in Deutschland zugunsten von Menschen im Globalen Süden ist prinzipiell groß. Anteil nehmen und teilen sind Grundkonstanten unseres Glaubens. Woran es mangelt, sind Spendengelegenheiten – und Gelegenheit macht Spende. Erschwerend kommt hinzu, dass Missionarinnen und Missionare wegen der Pandemie nicht mehr hierher zu uns reisen und aus erster Hand, direkt und ungefiltert, von ihren Projekten berichten können. Dies ist ein wichtiger Faktor für die Spendenbereitschaft. Die Menschen hierzulande möchten wissen, was mit ihrem Geld passiert.

Redaktion

Welche Möglichkeiten sehen Sie, die Spendenbereitschaft zu aktivieren?

Susanne Föller

Wir schreiben Artikel wie diesen hier über die Tätigkeit von Schwester Petra Kappius in Maranhão. Wir nutzen unsere Medien und Kanäle, um die Botschaft zu verbreiten, dass die Hilfswerke Unterstützung brauchen, damit sie Menschen aus Not und Perspektivlosigkeit herausholen können.

Redaktion

Die diesjährige Weihnachtskampagne von Adveniat, dem Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland, thematisiert das „ÜberLeben in der Stadt“. Was macht dieses Thema so bedeutsam?

Susanne Föller

Die Mehrzahl der Menschen in Lateinamerika und in der Karibik lebt in Städten. Was Schwester Petra Kappius aus ihrer Perspektive beschreibt, bestätigt sich vielfach auf dem gesamten Halbkontinent. Die Menschen verbinden mit dem Leben in der Stadt große Erwartungen. Sie hoffen auf Bildung, auf ein geregeltes Einkommen, auf ein gutes Leben, auf Perspektiven für die Kinder. Diese Hoffnungen werden oft enttäuscht. Aber anders als in ihrer ländlichen Herkunftsregion fehlt den Menschen in der Stadt ein Netz aus Sozialbeziehungen.

Um zu vermeiden, dass diese Menschen noch mehr in Armut und Kriminalität abrutschen, müssen Hilfswerke wie Adveniat einspringen. Mit der Kampagne „ÜberLeben in der Stadt“ setzt Adveniat einen guten Schwerpunkt. Ich hoffe natürlich, dass die Menschen in Deutschland und im Erzbistum Paderborn das auch so sehen.

ÜberLeben in der Stadt

Hintergrundinformationen zur Weihnachtsaktion von Adveniat:

 

Onlinespende:

Hier

 

Weitere Artikel auf der Homepage des Erzbistums:

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