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© Ralf Litera / Erzbistum Paderborn
© Ralf Litera / Erzbistum Paderborn

Zwischen Swipe und Segen: Wie junge Menschen digital ihren Glauben leben

Benedikt Kroker hat erlebt, wie Instagram und analoges Engagement, digitale Gebete und sehr reale Zweifel zusammenfinden – zwischen Algorithmus und Vertrauen auf Gott.

Der Moment, in dem der Glaube Teil seines digitalen Alltags wurde, ist Benedikt Kroker noch sehr präsent. Ein Herbstabend, Benedikt lag nach der Schule auf dem Bett im Zimmer seiner Gastfamilie in Buffalo (NY), wo er seit einigen Monaten seinen Schüleraustausch verbrachte. Ein Swipe – da tauchte auf dem Display seines Smartphones das nächste Instagram-Reel auf: Ein amerikanischer Influencer zitierte in dem Kurzvideo die Bibelverse Johannes 13,7 und Römer 8,18, sprach über Gottes Weg und die Hoffnung. „Das wirkte auf mich erst mal skurril, weil ich Glauben aus der Kirche kannte, aus Social Media eher weniger ernste Themen. Aber ich fand das schön“, erinnert sich Benedikt. Heute gehören die Sozialen Netzwerke fest zu seinem Glaubensleben. Damit ist Benedikt kein Einzelfall: Studien aus dem kirchlichen Kontext zeigen, dass Soziale Netzwerke für viele junge Christinnen und Christen zu wichtigen Orten geworden sind, an denen sie ihren Glauben entdecken, teilen und reflektieren.

Hoffnung aufs Display

Teil von Benedikts Geschichte sind auch die Herausforderungen seiner letzten Jahre: Seit er drei ist, trägt Benedikt einen Herzschrittmacher. 2023 wurde er wieder am Herzen operiert. Es kam zu Komplikationen, Benedikt musste beatmet werden. Zeitgleich starb sein Opa. Eine Zeit, die ihn bis heute prägt. Noch oft beschäftigt ihn die Situation, Sorgen überschatten dann die Hoffnung. Mentale Downs, wie Benedikt das nennt. Manchmal auch gepusht durch den Leistungsdruck, den viele Abiturienten seiner Generation kennen – neben Lernen fürs Abi im nächsten Jahr bereitet sich der 18-Jährige auf ein Medizinstudium vor. „Wenn ich mit Ängsten und Zweifeln kämpfe, holen mich religiöse Posts und digitale Gebete über das Smartphone schnell wieder da raus und helfen mir, den Glauben anzunehmen. Dann weiß ich: Gott achtet auf dich und hat einen Plan, auch wenn’s gerade mal richtig scheiße ist.“

Benedikt Kroker ist gläubig aufgewachsen, ist in der Kirche schon lange analog unterwegs. Bis heute engagiert er sich als Messdienerleiter und Firmkatechet in der Gemeinde und als Schülersprecher am Mallinckrodt-Gymnasium Dortmund. Sein Austauschjahr in Amerika, wo er eine katholische Privatschule besuchte und in einer gläubigen Gastfamilie lebte, hat seine Beziehung zu Gott gestärkt: die Konzentration auf die Liturgie in fremder Sprache, die Begegnungen mit den Gasteltern und eben die ersten Glaubensimpulse aus dem Netz. Immer häufiger zeigten ihm die digitalen Plattformen in dieser Zeit religiöse Inhalte an.

Wenn Influencer Bibelstellen oder christliche Symbole erklären, Impulse in Glaubensfragen geben und mich in ihre Gebete einschließen, dann gehe ich inspiriert durch den Alltag und fühle mich geborgen.

erklärt Benedikt

Setting bestimmt die Wirkung

Wie gut er sich spirituell auf die Inhalte einlassen kann, hängt vom Setting ab. „Wenn ich vorher eine spannende Serie gesehen habe, ist die innere Einkehr nicht so krass wie nach einer kirchlichen Veranstaltung.“ Oft liegt er abends vor dem Schlafengehen auf dem Bett und scrollt durch die Netzwerke, likt oder teilt Videos, die ihm gefallen, mit Freunden. Insgesamt konsumiert er digitalen Content eher, so gut wie nie kommentiert er ihn. Auch selbst kreieren möchte er Beiträge nicht. „Ich habe drüber nachgedacht, aber stehe nicht gern vor der Kamera. Allerdings bewegen mich die digitalen Inhalte dazu, mich noch mehr in der Kirche zu engagieren und Menschen analog zu begleiten.“ Benedikts Mitschüler, die teils wenig Verständnis für sein religiöses Interesse haben, kommentieren seine digitalen Aktivitäten hin und wieder spöttisch.

Wann ein Post wirklich guttut

Was braucht ein Video im Netz, damit es seelisch wirklich guttut und nicht in Sekundenschnelle zwischen der Flut der Beiträge wieder verpufft? Benedikt mag Posts mit theologischem Tiefgang, die informativ, traditionell und authentisch sind: „Wenn Kirche überspitzt lustig oder betont jugendsprachlich kommuniziert, macht sie sich lächerlich“, findet er. Allein steht er mit dieser Meinung nicht. In seiner Facharbeit im Schulfach Religion zu Chancen und Risiken der digitalen religiösen Kommunikation hat er eine Umfrage unter jungen Menschen zu vier Social-Media-Videos des Erzbistums Paderborn gemacht. Seine Erkenntnis: Während unter 16-Jährige noch einfache, humorvolle Beiträge bevorzugen, wächst mit steigendem Alter die Bedeutung inhaltlicher Tiefe, persönlicher Relevanz und glaubwürdiger, aber auch kritischer Auseinandersetzung mit Glaubensthemen. Ein Anspruch, der in sozialen Netzwerken mit ihrer kommunikativen Logik schwer umzusetzen ist. Das weiß auch Dr. Maximilian Schultes. Er ist im Erzbistum Ansprechpartner für Dialogische Pastoral und diskutiert in einer einschlägigen Arbeitsgruppe eine zeitgemäße Digitalpastoral: „Es bleibt ein Spagat zwischen geistlichem Tiefgang, einer anschlussfähigen Sprache und dem Ziel, zwischen den modernen Formaten, die in kurzen Zeitspannen immer lauter und aggressiver um Aufmerksamkeit buhlen, überhaupt wahrgenommen zu werden.“

Influencer, die ein persönliches Glaubensbekenntnis ablegen, berühren mich. KI dagegen würde ich nie für religiöse Fragen nutzen, weil eine Maschine nicht nachspüren kann, was Glauben überhaupt bedeutet.

Für Benedikt spielt hier der Faktor Mensch eine wichtige Rolle

Heiliger Geist oder Algorithmus?

Je mehr sich Benedikt online mit Glaubensthemen auseinandersetzt, desto häufiger werden ihm religiöse Inhalte angeboten. Je mehr er sich zu bestimmten Fragen und Themen ansieht, desto stimmiger ploppen die Antworten auf seinem Smartphone auf. „Manchmal ist es erschreckend, wie genau die vorgeschlagenen Beiträge zu dem passen, was ich emotional gerade brauche. Der rationale Teil in mir weiß, dass das der Algorithmus ist, der religiöse will daran glauben, dass da eine höhere Macht wirkt. Jedenfalls habe ich oft das Gefühl: Da ist jemand, der sich um dich kümmert. Und dafür bin ich dankbar.“

Dabei kennt Benedikt auch die Schattenseiten des digitalen Glaubenslebens. „Man muss extrem vorsichtig sein, weil im Netz viel Schwachsinn unterwegs ist. Influencer können gut überzeugen und ich recherchiere selten die sachlichen Hintergründe oder konfessionelle Quellen.“ Über Fake News tauscht er sich mit seinen Freunden öfter aus. Ebenso zur Überforderung, die mit der Reizüberflutung in Social Media einhergeht. „Manchmal schaue ich ein Video nach dem anderen und fühle mich dann so leergesaugt, dass ich auf analoge Kontakte gar keine Lust mehr habe. In dem Zustand verlieren auch gute religiöse Reels ihre Tiefe.“ Eine App, die den ständigen Griff zum Smartphone sanktioniert, hilft Benedikt, sich etwa beim Lernen besser auf das analoge Leben zu konzentrieren, und begrenzt die Ausweitung des Digitalen. „Dazu kommt, dass Social Media Selbstzweifel schürt und ständig zur Selbstoptimierung anregt.“ Nach dem Motto: Immer schöner, immer durchtrainierter, immer besserer Christ. „Dabei geht es im Glauben doch nicht um Perfektion und Zweifelsfreiheit.“

„Analog ist schon was Besonderes“

Am Ende überwiegen für Benedikt aber die Vorteile der digitalen Welt. Glaube sei so nicht mehr ortsgebunden. Dass er ihn mittels geistlicher Impulse jetzt auch unabhängig von der Gemeinde erleben kann, quasi ganz intim, genießt er sehr. Sich mal eben zwischendurch zwei Minuten nehmen, im Bus oder am Schreibtisch, sich reindenken, einfühlen – das sei niedrigschwellig und bringe eine Alltäglichkeit ins Glaubensleben, wie sie klassische Formate wie die sonntägliche Messfeier oder Gruppenevents nicht bieten könnten. Auch die Vernetzung mit Gleichgesinnten weltweit schätzt Benedikt am Glaubensleben im Netz. Eine Tendenz, die Maximilian Schultes aus der Arbeitsgruppe Digitalpastoral „thematische Zergliederung und Verblasung“ nennt und in der die Bedeutung der Territorialgemeinden abnimmt.

Zugleich weiß Benedikt, dass echte Spiritualität im digitalen Raum nur schwer zu haben ist. „Die Kirche zu besuchen, ist und bleibt für mich etwas Besonderes.“ In der Stille zwischen den Lichtern und sinnlichen Eindrücken im Kirchenraum kann er innere Einkehr viel einfacher erfahren. Auch Präsenz und echte Gemeinschaft mit Menschen, die in einem Raum zusammenkommen, wie in seinem Ehrenamt, wo er Messdiener- oder Firmgruppen betreut, ließen sich nicht durch digitale Netzwerke ersetzen. Das religiöse Real Life und das digitale Glaubensleben – für Benedikt Kroker eine fruchtbare Ergänzung: „Im Grunde drehen sich doch beide Welten um dasselbe: um unsere Beziehung zu Gott. Mit ihren unterschiedlichen Wirkweisen gehen sie Hand in Hand, in meinem Leben jedenfalls.“

Ein Beitrag von:
Dr. Carina Middel, freie Autorin, schreibt Texte für Print und Online im Erzbistum Paderborn. © Carina Middel/Erzbistum Paderborn
Freie Autorin Dr. Carina Middel
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Dr. Carina Middel

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