Die Frage eines jugendlichen Gefangenen, „ob er denn überhaupt etwas hätte ändern können”, antwortet Rothe mit einem klaren „Nein”. Er führt fort: „Als Kind konnte ich nichts ändern. Allerdings war ich einmal in der Straßenbahn ohne Judenstern unterwegs und ich sagte laut zu einem Fahrgast, dass wir in der Familie ebenso solch einen Judenstern haben. Dass dies nicht gut ankam, war klar.” Ein Gefangener ergreift das Mikrofon und formuliert vorsichtig, „ob er Hitler begegnet sei?” Rothe bleibt gelassen: „Hitler bin ich nicht begegnet. Wie sollte ich auch. Ich war Kind und konnte die politischen Umstände nicht einordnen. Wie so manche hier, konnte ich kein Deutsch sprechen. Von der menschenverachtenden Haltung der Nationalsozialisten hatte ich keine Ahnung. Ich musste als jüdischer Junge die Konsequenzen aushalten.”
“Wir sind alle Menschen und das zählt”
Auf die Frage, ob er in der heutigen Zeit wieder Tendenzen der Verfolgung gegenüber „Anderen” erlebe, antworte er: „Nicht die Religion, die Sprache oder die Nationalität sind wichtig. Wir sind alle Menschen und das zählt.” Dafür bekam er spontan Applaus. Und doch sieht Rothe eine Gefahr in neuen Feindseligkeiten, wie beispielsweise die Haltung der Repräsentanten von der Partei AFD. „Ich kann und will als SPD Mitglied die Überzeugungen, wie die eines Höcke in Thüringen, nicht teilen”, sagt der 83 jährige klar.
In mehreren Workshops haben sich jugendliche Inhaftierte zusammen mit dem Integrationsfachdienst zum Thema „Antisemitismus” beschäftigt. Daraus entstand der Wunsch, mit einem Zeitzeugen zu reden. „Mit einem Menschen zu sprechen, der das alles erlebt hat, ist schon etwas anderes”, sagt der 21 jährige Omar und fügt hinzu: „Herr Rothe hat nicht erzählt, was alle über die Geschichte wissen. Er hat erzählt, was er persönlich erlebt hat. Das kam voll rüber. Danke dafür. Ich werde mich daran erinnern. Bestimmt.” (Michael King)