logocontainer-upper
logocontainer-lower
© Besim Mazhiqi
© Besim Mazhiqi

Wo Barmherzigkeit die Ärmel hochkrempelt

„Wir sind einfach da, wo man uns braucht“: Die Grafschafter Borromäerinnen setzen sich für ihre Mitmenschen ein. Im Nahen Osten, in Rumänien und im sauerländischen Grafschaft.

Wenn die Borromäerinnen die langen Flure ihres Klosters entlanggehen, klingt ihre Fröhlichkeit von den hohen Wänden und Gewölben des Kreuzgangs wider. Ihre Erzählungen: freudig, zugewandt, begeisternd. Wir sind zu Besuch im Kloster Grafschaft, dem Mutterhaus der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Karl Borromäus. Fühlen uns hier gleich eingeladen und willkommen. Auf dem Tisch im Gesprächszimmer heißer Kaffee und selbst gebackener Apfelkuchen.

Schwester Gabriela begrüßt uns vielversprechend: „Grafschaft ist anders, das muss man erleben.“ Gemeinsam mit Schwester Justina aus Ägypten, auf deren rechtem Unterarm ein Kreuz und die Gottesmutter tätowiert sind, wartet sie vor dem imposanten Klostergebäude. Hinter alten Mauern prägt es seit dem späten 18. Jahrhundert das Dorfbild des Sauerländer Luftkurorts Grafschaft. Heute befindet sich hier eine anerkannte Lungenfachklinik in Trägerschaft des Ordens.

Wer sind die Borromäerinnen?

Die Anfänge der Borromäerinnen reichen zurück in die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg. Armut, Hunger und die Pest prägten das Leben der Menschen. In dieser Zeit kümmerte sich der französische Advokat Josef Chauvenel aus Nancy hingebungsvoll um Hungernde und Kranke, bis er selbst der Pest zum Opfer fiel. Da gründete sein Vater das „Haus der Barmherzigkeit“, in dem sich ein loser Verbund von Frauen für Hilfsbedürftige einsetzte. Aus diesem entstand 1652 der Orden der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Karl Borromäus. Über dem Hauseingang stand eine Statue des Karl Borromäus, Kardinal und Erzbischof von Mailand, der sich um Arme und Pestkranke gesorgt hatte. Bis heute tragen alle Schwestern eine Medaille mit Karl-Borromäus-Porträt um den Hals.

Im Dienste der Barmherzigkeit

„Unser Charisma ist kontemplativ wie aktiv“, versucht Generaloberin Schwester Juliana Marinescu, den Geist der Borromäerinnen in Worte zu fassen. Ursprünglich Diplom-Ingenieurin der Chemie, ist die gebürtige Rumänin nach der Wende ihrer Berufung gefolgt und 1990 in Jerusalem in den Orden eingetreten. „Aktivität bedeutet für uns aber nicht Aktivismus. Wir geloben als viertes Gelübde Barmherzigkeit, die im Dialog mit Gott genährt wird und die unseren Aktivitäten eine Richtung gibt. Wir wollen für die Menschen, die uns brauchen, ehrlich da sein.“ „Und auch füreinander“, ergänzt Schwester Justina. Ihre Augen strahlen Freude aus. Die Gemeinschaft hier: eine Familie, die sich so auch um die alten Schwestern des Ordens kümmert.

Vier Gebetszeiten, die tägliche Messe und die gemeinsamen Mahlzeiten geben dem Tag im Kloster Struktur. Dazwischen liegt viel tägliche Arbeit in den internationalen Einrichtungen, in denen die Borromäerinnen Alte und Kranke pflegen, Kinder und Jugendliche begleiten und bilden, Gäste willkommen heißen und sich für in Not und Armut Geratene einsetzen. Was Barmherzigkeit bedeutet, versteht man vielleicht am besten dort, wo die Schwestern all diesen Menschen begegnen.

Weltweit im Einsatz

Die Grafschafter Borromäerinnen trifft man in 13 Niederlassungen im In- und Ausland an. 13 Orte der Barmherzigkeit, an denen sie leben, arbeiten, ihrer Berufung nachgehen, in der Nachfolge Jesu. In Grafschaft betreiben sie ein anerkanntes Fachkrankenhaus mit den Schwerpunkten Pneumologie, Innere Medizin und Allergologie und mit über 700 Angestellten. Hier bringen sich die Schwestern als Krankenpflegerinnen und in der Pflegedirektion, als Seelsorgerinnen und auch im Aufsichtsrat ein. Sie prägen die Seele des Hauses und seine familiäre Atmosphäre durch ihr christliches Ethos. Zwei Schwestern sind außerdem im St.-Elisabeth-Krankenhaus Dortmund-Kurl tätig.

In Jerusalem betreiben die Borromäerinnen einen Kindergarten und das Pilgerhaus St. Charles, in dem vor allem deutsche Pilger auf ihrer Reise ins Heilige Land ein Quartier finden. In Emmaus, Palästina, und im ägyptischen Kairo-Meadi unterhalten sie eine Poliklinik und eine Ambulanzstation, in denen täglich hunderte von notleidenden Menschen, zu großen Teilen kostenlos, versorgt werden. Dazu kommen eine Alten- und Pflegeeinrichtung in Alexandria und zwei deutsche Auslandsschulen in Alexandria und Kairo mit insgesamt 1500 Schülerinnen. Die beiden Gymnasien genießen hohes Ansehen, auch in der Bundesrepublik. Sie ebnen den meist muslimischen Mädchen einen Weg in gesellschaftlich hohe Positionen der ägyptischen Gesellschaft und sensibilisieren sie zugleich für die Missstände in den Armenvierteln des Landes.

Wie kamen die Borromäerinnen nach Grafschaft?

Als eine von sieben Kongregationen des Ordens stammen die Grafschafter Borromäerinnen ursprünglich aus dem schlesischen Trebnitz. Nach ihrer Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg fanden die deutschen Schwestern 1948 im Sauerland eine neue Heimat: in dem ehemaligen Benediktinerkloster in Grafschaft bei Schmallenberg. Heute leben und arbeiten in den 13 Niederlassungen der Kongregation (die Hälfte davon im Nahen Osten) über 90 Borromäerinnen zwischen 30 und 96 Jahren. 35 davon wohnen im Mutterhaus und im zugehörigen Schwesternaltenheim „Maria Frieden“.

Mehr Informationen auf der

Zupackend und ansprechbar sein

Auch in Gioseni, Rumänien, werden Kinder in einer Tageseinrichtung von den Borromäerinnen betreut. Und in der zweiten deutschen Niederlassung, in Altstädten, befindet sich eine Erholungs- und Begegnungsstätte in Trägerschaft des Ordens. Was diese unterschiedlichen Wirkstätten verbindet? Die Idee der Barmherzigkeit, das Ziel der Borromäerinnen, sich ganz auf die Bedürfnisse und Sorgen der Menschen vor Ort einzulassen. Die Verständigung untereinander läuft in deutscher Sprache, auch die Gebete und Messen finden überall auf Deutsch statt, sodass den Schwestern der Austausch zwischen den Einrichtungen nicht schwerfällt.

„Viele unserer Einrichtungen liegen zwar im Orient, aber wir verfolgen keine Orientmission“, erläutert Schwester Gabriela ihre Ausrichtung. „Wir sind einfach da, wo man uns braucht.“ Sie selbst traf in Jerusalem auf die Borromäerinnen. Und spürte gleich eine tiefe Verbundenheit. „Es war ein besonderer Moment, als ich die Schwestern 2013 auf einer Reise in ihrem Pilgerhaus in Jerusalem kennenlernte“, erinnert sich die heutige Generalsekretärin. Ihr strahlender Blick, ein stetiges Lächeln – sie verraten: Schwester Gabriela ist immer noch berührt: „Sie waren einfach herzlich, bodenständig, unkompliziert.“ Ihre liebevolle und zupackende Art führte dazu, dass die promovierte Kirchenrechtlerin sich entschied, in die Gemeinschaft einzutreten. Acht Jahre hat sie in Jerusalem gelebt, seit eineinhalb Jahren lebt sie im Mutterhaus und wirkt in der Ordensleitung mit.

„Schön, dass Sie da sind!“

Auch in den muslimisch geprägten Ländern wird die Arbeit der Borromäerinnen anerkannt. „Die Menschen vor Ort kennen uns, weil wir uns schon lange für das Wohl der Bevölkerung dort einsetzen, und manche unserer Schwestern kennen auch jeden Beduinen der Umgebung.“ Erkannt werden sie allerorts am Ordensgewand, das die Schwestern immer tragen, um sichtbar zu sein. Auch in Deutschland. Da hören sie dann etwa im Zug Sätze wie: „Hab noch nie eine echte Nonne gesehen. Find ich aber gut, was Sie so machen.“

Oder im Krankenhaus: „Wie schön, dass Sie noch da sind. Hier ist man nicht bloß eine Nummer.“ Denn oft, wenn andere Mitarbeitende schon ausgestempelt haben, sitzen Schwester Justina und ihre Mitschwestern hier noch am Bett von Patienten, um zuzuhören und zu trösten. Auch im Dorf sind die Schwestern gern gesehen. „Die Anwohner kommen zu unseren Messen und wir sind gern auf ihren Festen.“ Zum Schützenfest bringen die Vorsitzenden der dörflichen Schützenbruderschaft Bratwürstchen ins Refektorium. Das verbindet. Die Borromäerinnen mit den Grafschaftern. Das Sauerland mit dem Nahen Osten. Denn hier wie dort sind sie gerne präsent. Und immer nah dran an den Menschen.

Ein Beitrag von:
Dr. Carina Middel, freie Autorin, schreibt Texte für Print und Online im Erzbistum Paderborn. © Carina Middel/Erzbistum Paderborn
Freie Autorin Dr. Carina Middel
Freie Autorin

Dr. Carina Middel

Weitere Einträge

© Jasmin Lobert / Erzbistum Paderborn

Unser Glaube Ein neuer alter Schatz erreicht das Erzbistumsarchiv

Die BVB-Gründerkirche tritt biografische Dokumente des Kaplans Hubert Dewald ab und erhält im Gegenzug erstklassige Digitalisate für die multimediale Ausstellung
© Interplast-Germany.V. Michael Bergermann

Unser Glaube Vom OP in Hamm in die Krisenregionen der Welt: „Da muss ich hin!“

Seit fast 25 Jahren operiert Michael Bergermann ehrenamtlich Lippen-, Kiefer-, und Gaumenspalten. Auch im Ruhestand will er weitermachen.
© Nicoleta Ionescu / Shutterstock.com

Unser Glaube Jemanden haben, der mit durch die Angst geht

Gott löst die Angst nicht auf - aber er kann uns jemanden an die Seite stellen, um dadurch zu gehen. Und das passiert. Ein Impuls.
Kontakt
| |
generalvikariat@erzbistum-paderborn.de
+49 (0)5251 125-0