Das Kreuz steht nie still – einen Tag und zwei Nächte lang. Vom Abend des Gründonnerstags bis zum Morgen des Karsamstags. 32-mal geht die Mendener Kreuztracht aus der Stadt heraus, die Bittfahrt hoch zur Hl.-Kreuz-Kapelle am Rodenberg und durch den Wald zurück in die Stadt. Immer. Bei Wind, Regen und auch bei Schnee, erzählt Jutta Törnig-Struck. Die Mendenerin ist eng mit der Kreuztracht verbunden und hat im Laufe der Jahre schon jegliche Witterungsbedingungen auf dem Weg erlebt. Dieser sei ohnehin schon anstrengend – insbesondere für den Jesus-Darsteller. Er trägt das 18 Kilogramm schwere Kreuz den Berg hinauf, über Stock, Stein sowie die ein oder andere Treppenstufe. Nur zu den Kniefällen an den Kreuzwegstationen wird es ihm vom sogenannten Kreuzmeister abgenommen. Sehen kann der Jesus-Darsteller dabei nicht viel. Eigentlich nur seine eigenen Füße. Eine Perücke vor dem Gesicht versteckt seine Identität, doch sie erschwert auch den Aufstieg.
„Wir gehen gemeinsam auf das Licht zu“
Die Kreuztracht in Menden ist jedoch weit mehr als bloße körperliche Anstrengung. „Die Kreuztracht ist für mich ein tiefer Ausdruck des Glaubens. Eine Möglichkeit den Glauben bewusst in der Nachfolge Christi zu leben“, sagt Törnig-Struck. Die 62-Jährige ist an der Bittfahrt aufgewachsen. Das ist die steile Straße, die von der St.-Vincenz-Kirche im Stadtzentrum hinauf zur Kreuzkapelle führt. Schon als kleines Kind erlebte sie die Kreuztracht. Jahr für Jahr – Stunde für Stunde. „Tagsüber beobachtete ich sie, nachts hörte ich sie. Ich hörte die Betenden, das Getrappel – jede Stunde über all die Jahre und Jahrzehnte hinweg.“
Alle sind gemeint
Ihr Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Kreuztrachten, von denen es im Sauerland einige gibt, sind die vielen verschiedenen Stundenprozessionen. Diese entwickelten sich Ende des 18. Jahrhunderts aus dem Versuch, eine besser geordnete Prozessionsordnung zu etablieren. Seitdem geht die Kreuztracht immer – auch zur Zeit des Nationalsozialismus. Aufgrund eines Verbots wurde damals das Kreuz in eine Matratze eingenäht und darin sicher versteckt von den Mendenern zum Rodenberg getragen. Während der Corona-Pandemie zogen die Betenden in privaten Kleingruppen selbst über den Kreuzweg zur Kapelle. Für die Bürgerinnen und Bürger Mendens sei die Kreuztracht vor allem eines, so Törnig-Struck: „identitätsstiftend“.
Besonders deutlich werde das an einem barocken Hochaltar aus der Ursprungszeit der Kreuztracht, der 2003 bei einer Inventur wiederentdeckt wurde. Im Zuge der Restaurierung ließ der aus dem Sauerland stammende Künstler Thomas Jessen das Retabel des Altares mit zeitgenössischen Gemälden der Kreuztracht gestalten. Auf dem oberen der beiden Bildwerke ist der Darsteller des Simon von Cyrene in Rückenansicht zu erkennen, der Jesus beim Tragen des Kreuzes hilft. Er verlässt die Bildfläche, hält sich dabei lediglich am Kreuz Christi fest. Das größere Bildnis darunter stellt den nicht zu identifizierenden Jesus-Darsteller sowie den Kreuzmeister dar. Niemand weiß, wer genau der Kreuzträger auf dem Gemälde ist. Aber jeder Mendener, der in der Pfarrkirche auf den Altar blickt, weiß: Es ist einer von ihnen. „Das neue Retabel zeigt, wie sehr der Kreuzträger in der Nachfolge Christi einer von uns ist. Wir sind alle gemeint, Christi nachzufolgen“, sagt Törnig-Struck.
Altarretabel von Thomas Jessen
Die Geschichte der Mendener Kreuztracht
Die Kreuztracht hat in Menden eine lange und bewegte Tradition. Ihren Ursprung hat sie im Jahr 1685. Damals sollen der Bürgermeister und der Gerichtsschreiber der Stadt nach einem Pestausbruch ein Bußkreuz den Berg hinaufgetragen haben – ebenso wie Jesus sein Kreuz auf den Berg Golgota tragen musste. Die Menschen suchten in dieser Zeit nach neuen Gebets- und Andachtsformen, brauchten ein solches Event. Denn das 17. Jahrhundert sei für die Mendener ein elendes gewesen, erzählt Törnig-Struck: Es gab drei Stadtbrände, die die Mendenerinnen und Mendener immer wieder zum Neuaufbau ihrer Häuser zwangen. Zudem wütete der Dreißigjährige Krieg und die Pest brach aus. Alle Kreuzwegstationen sind in dieser Zeit von Bürgern der Stadt gestiftet worden. Noch heute fühlen sich die Familien der Nachkommen der Stifter oft mit „ihren“ Heiligenhäuschen verbunden. „Kurz vor Karfreitag sieht man immer, wie dann wieder an ihnen gepinselt wird und Spinnenweben weggemacht werden. Das finde ich jedes Jahr aufs Neue sehr beeindruckend,“ so Törnig-Struck.
Dem Kreuz nachfolgen
Für viele Mendener Bürgerinnen und Bürger sei das Mitgehen und Helfen bei der Kreuztracht eine Selbstverständlichkeit, so Jutta Törnig-Struck. Egal, ob sie sich der Kirche verbunden fühlen oder nicht. Sie habe diese Erfahrung auch gemacht, wie sie erzählt. Als Jugendliche hatte sie selbst den Bezug zum Glauben verloren. „Ich dachte, es geht auch ohne“, scherzt sie. Aber bei der Kreuztracht mitzugehen – das ließ sie sich auch da nicht nehmen. „Als ich von oben durch den Wald auf die Stadt blickte, hatte ich einen Impuls. Unser Glaube kann nichts Ausgedachtes sein. Er hat Grund und Boden. Wir gehen bei aller Modernität immer noch hinter dem Kreuz her. Denken an das Leiden und Sterben Christi. Das Kreuz ist unser Anker seit 2000 Jahren. Das ist die Treue Gottes, die ich in diesem Moment wirklich gespürt habe.“
Jutta Törnig-Struck ist studierte Kunsthistorikerin und leitet das Kulturbüro der Stadt. Vorher war sie Museumsleiterin. In der Pfarrgemeinde engagiert sie sich auch im Kirchenvorstand. Schon als Jugendliche stand für sie nach einer Romwallfahrt mit der Mendener Kirchengemeinde fest, dass sie Kunsthistorikerin werden wollte. Besonders bewegt habe sie dabei das Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle mit der Erschaffung des Adam. „Ich liebe die Bau- und die Kunstgeschichte. Ich bin ein sehr visueller Mensch. Kunstwerke haben schon immer meinen Glauben beflügelt und mir neue Blickwinkel offenbart.“ Heute sei sie sehr dankbar, dass sie ihre Talente nicht nur in ihrem Traumberuf und ihrer Heimatstadt, sondern auch ehrenamtlich für die Kirche sowie für ihren Glauben einbringen könne. „Das ist ein Geschenk – eine Erfüllung – für die ich unendlich dankbar bin.“
Abbild der Zeiten
Die Kreuztracht sei eine Kraftquelle. Sie festige den Glauben und gebe Halt – seit über 300 Jahren: „Jede Generation und jedes Jahrzehnt hat sich mit den eigenen Geschehnissen, den persönlichen Erlebnissen in der Kreuztracht wiedergefunden“, erzählt Törnig-Struck. Als Kind faszinierten sie die Vorbeter, die häufig als Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg schreckliche Erlebnisse mitgebracht hatten. Sie hatten in der Kriegsgefangenschaft geschworen hatten, diesen Dienst zu übernehmen, sollten sie überleben. Es ist wichtig, so Törnig-Struck, dass Gebete, Meditationen und Fürbitten stets aktuell seien. Nur wenn sich die Gläubigen mit den Inhalten der Kreuztracht identifizieren könnten, fänden sie dort Halt: „Wir müssen nicht alles umstürzen. Aber wir müssen diese Bräuche, die der Grundstock unseres Glaubens sind, in die jeweilige Zeit bringen. So können die mit ihnen verbunden Glaubensinhalte den Menschen der Zeit, die diese Bräuche fortführen, Halt und vor allem Glaubenssinn geben.“ Denn Glaube schenke Festigkeit, besonders in einer Zeit wie heute. „Eine Tradition hat einen unglaublichen Wert für unseren Glauben, wenn sie Abbild des aktuellen Zeitgeschehens werden kann“, sagt Törnig-Struck.
Der Ablauf der Mendener Kreuztracht
Die Kreuztracht beginnt am Gründonnerstagabend um 21.00 Uhr mit der sogenannten Jugendkreuztracht. Moderne Popmusik, Pechfackeln, die im Dunkeln flackern und zeitgemäße Deutungen der Passion und des Leids in der Welt machen sie zu einem großen, stimmungsvollen Event, zu dem jedes Jahr mehrere tausend Menschen kommen. Von da an steht das Kreuz mit Ausnahme der Todesstunde Jesu und der damit einhergehenden Karfreitagsliturgie bis zum Karsamstag um 07.00 Uhr nicht mehr still. Zu jeder Stunde geht eine andere Frau oder ein anderer Mann, deren Identitäten den Gläubigen verborgen bleibt, verkleidet als Jesus Christus der Kreuztracht voraus. Die Darsteller haben ihre jeweilige Zeit im Vorhinein im Rahmen eines Gottesdienstes zugelost bekommen. Zu den sieben Fußfällen und den weiteren Stationen an den Heiligenhäuschen wird ihnen jeweils das Kreuz abgenommen. Zum Ende des rund 2,5 Kilometer langen Rundwegs um die Stadt geben sie das Kreuz an den jeweils nächsten Jesus-Darsteller weiter.
Am Karfreitag um 09.00 Uhr findet die Hauptprozession, die sogenannte Große Kreuztracht statt, die zwei Stunden dauert. Ein Geistlicher, der eine Kreuzesreliquie trägt, geht dem Kreuz voran. Zum Abschluss der Prozession wird mit ihr an der Pfarrkirche ein stiller Segen gespendet. Jutta Törnig-Struck ist seit über zehn Jahren Sprecherin bei der Großen Kreuztracht. Im Pfarrheim sitzend, trägt sie die vielfältigen Gebetsanliegen der Menschen vor. Eine Beschallungsanlage überträgt diese an die gesamte Strecke des Kreuzwegs, durch Wald und Stadt. „Es liegt eine ganz besondere Atmosphäre über Menden. Schon vorher hört man das Knacken der Lautsprecher in der Stadt. Die Jugendkreuztracht wird auch so beschallt. Die ganze Stadt, egal wo man sich aufhält, ist Gebetsraum. Zwei Tage liegt sie unter den Gebeten und Gesängen der Kreuztracht.“
Tod und Triumph
Vor allem die Jugendkreuztracht sei ein emotionales Event. Was manchmal auch kritisiert werde, erzählt Törnig-Struck. Doch Emotion sei genau das, was die Kreuztracht ausdrücken wolle. Schon im Barock, der Ursprungszeit der Kreuztracht, war sie ein emotionales Erlebnis: „Es war wie ein Mysterienspiel, das man zelebrierte.“ Zur Großen Kreuztracht wurde die beste und teuerste Blaskapelle des Umkreises engagiert. Anschließend wurde ein großes Feuerwerk veranstaltet. „Es war immer die Verbindung von Leidensgedächtnis und von Triumph über Tod und Lied. Sterben und Untergehen gehören genauso zur Kreuztracht wie Auferstehen und ewiges Leben“, sagt Törnig-Struck. So können die verschiedenen Stundenprozessionen auf unterschiedliche Weisen Quelle der Stärkung sein. Die Große Kreuztracht sowie die Jugendkreuztracht haben mit Musik und den zahlreichen Besucherinnen und Besuchern eine besondere Spiritualität. Besonders tiefe Erfahrungen seien die Prozessionen mitten in der Nacht: „Dann ist man ganz nah am Kreuz. Im Dunkeln. Manchmal im Sturm. Das ist ein unglaubliches Erlebnis, was einen sehr mitnimmt. Diese Erlebnisse haben meinen Glauben gefestigt.“
Zutiefst emotional sei das Erleben bei der Kreuztracht, wenn es einem selbst nicht gutgehe, weiß Törnig-Struck: „Vor einigen Jahren hatte ich eine schwere Krise und erlebte, wie sehr mich der Glaube und die Gemeinschaft der Gemeindemitglieder getragen haben. In diesen Momenten bei der Kreuztracht mitzugehen, hat meinem Glauben feste Wurzeln gegeben.“ Niemand gehe ohne Leid und Krisen durchs Leben. „Christus nimmt uns in seiner Passion mit – nicht zum großen Erfolg, sondern in die totale Niederlage. Wir gehen dabei mit ihm, so wie er immer mit uns geht.“ Doch die Passion und auch die Kreuztracht bleibt dort nicht stehen. Sie gehe immer wieder aus dem dunklen Wald heraus – kehrt zurück ins Licht: „Es ist wichtig nicht in der Dunkelheit zu enden, sondern klarzumachen: Wir gehen gemeinsam auf das Licht zu. Karfreitag und Karsamstag sind stille Tage, aber das Licht und der Triumph sind unweigerlich da.“
Die Mendener Kreuztracht spendet Kraft und Halt. Woher stammen solche Bräuche? Dazu haben wir im Interview mit Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer gesprochen. Er ist Lehrstuhlinhaber für Kirchengeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Bistumsgeschichte an der Theologischen Fakultät Paderborn.