Angst vor Verlust: „‘Was muss ich fürchten?‘“
Während das Osterfest die Menschen Jahr für Jahr nach der Erfahrung größten Verlusts zur Hoffnung leitet, bildet die heutige Gesellschaft oftmals ein gegensätzliches Bild ab. In seiner Predigt zum Ostersonntag beschrieb Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz die kollektive Erfahrung von Verlust in Gesellschaft und Kirche. Besonders die jüngeren Generationen seien von ihr betroffen, schilderte Erzbischof Dr. Bentz: „Es geht nicht mehr für alle der Fahrstuhl nach oben, wie es mit Blick auf meine eigene Jugendzeit noch der Soziologe Ulrich Beck festgestellt hatte. Die Frage früherer Generationen ‚Was darf ich hoffen?‘ ist der Frage heutiger Generationen gewichen: ‚Was muss ich fürchten?‘“, zitierte Dr. Bentz den Philosophen Immanuel Kant und den Soziologen Andreas Reckwitz.
Politische, gesellschaftliche, ökonomische und ökologische Verlusterfahrungen würden dabei bestimmte Reaktionen hervorrufen. Einige von ihnen, so Erzbischof Dr. Bentz, seien die Leugnung der Verlusterfahrung, der Kampf nach dem Recht des Stärkeren und die Modernisierungsverweigerung, also das nostalgische Festhalten am Alten. Am Vertrauten festzuhalten, verschaffe Sicherheit in der Unübersichtlichkeit dessen, was sich entwickele, erklärt Dr. Bentz. In erster Linie sei es aber Angst und Enge, mit der die Menschen auf jene Verlusterfahrungen reagierten. „Damit boomt für Populisten ‚das Geschäft‘“, mahnte der Erzbischof.
Auch der Verlust, der innerhalb der Kirche angesichts sinkender Kirchenmitgliedszahlen und der Relevanz von Kirche innerhalb der Gesellschaft, aber auch angesichts fassbarer Verluste, wie der von Kirchengebäuden und des Pfarrers vor Ort, sei in dieser Zeit spürbar: „Der religiöse Grundwasserspiegel unserer Gesellschaft ist deutlich abgesunken“, fasste Erzbischof Dr. Bentz zusammen. Die Reaktionen auf die kirchlichen Verlusterfahrungen ähnelten denen der zuvor genannten: „Müssten wir als Christen nicht souveräner, konstruktiver, resilienter damit umgehen können? Bietet der Glaube nicht einen Halt gerade angesichts von Verlust“, fragte Dr. Bentz eindringlich.