Maria gehört in der christlichen Kunst – ob mit Krone oder auf einer Mondsichel, meist mit Jesuskind, manchmal mit ihrer Mutter Anna oder dem Vater Joachim (beides in Kirchborchen von der barocken Künstlerin Gertrud Gröninger zu sehen), im blauen oder goldenen Gewand, lächelnd oder weinend – zu den meistabgebildeten Motiven und ist berühmter als jede bekannteste Schauspielerin der Filmbranche. Zwei Themenabende mit Annalena Müller führten den Betrachter kunsthistorisch in einen atemberaubenden Umformungs- und Wandlungsprozess einer Marienfigur, die abhängig von der jeweiligen Zeit unterschiedlich tradiert wird.
„Was passiert, wenn spirituelle Bräuche ihrer Wurzeln beraubt werden?“ Mit dieser Frage fesselte die Literaturwissenschaftlerin Annalena Müller ihr lokales Publikum. Im Fokus ihres Vortrags stand zunächst das Phänomen des sogenannten „Plastikschamanismus“ der 1980er-Jahre. Müller erklärte anschaulich, wie in unserer Zeit massenhaft Rituale aus fremden Religionen adaptiert wurden. Das Problem dabei: Die tiefere Anbindung an die ursprüngliche Religion fehlt völlig. Die Bräuche werden dadurch oberflächlich und austauschbar. Als Gegenbewegung und Lösungsansatz beleuchtete die Expertin das Sammeln von „Marias“ – traditionellen christlichen Motiven. Dies sei kein verstaubter Kitsch, sondern ein bewusster Versuch, echte Anknüpfungspunkte zu finden. Das Ziel: Die Menschen sollen dadurch ihre eigenen, historisch gewachsenen Rituale der christlichen Religion wiederentdecken, statt fremde Kulturen zu kopieren. „Wir holen uns Maria zurück!“, so der Ansatz der Literaturwissenschaftlerin. (Bild 3) Kompetenz zeigte sie dabei den jeweiligen Kontext der Zeit auf: Maria der Gotik ist z.B. emotional stark mit ihrem Kind verbunden (gut zu sehen bei den böhmischen Madonnen auf den Darstellungen der Fotografin Sabine Wandt). Die mittelalterliche Darstellungsweise nutzt farbliche Gestaltung der Rot-, Gelb- und Blautöne und Gold, und stellt Maria (wie am Paradiesportal des Paderborner Domes) als tragende Säule des Hauses heraus. Die gotische Meisterleistung verbindet so strahlende Farben mit tiefer Historie und macht Maria zur Brücke zwischen vorchristlichen Mythen und gelebtem Glauben. Maria ist zugleich – wie anhand vieler Muttergottheiten aus altem Ägypten zu sehen war – Trägerin eines noch älteren, vorchristlichen Glaubens.