Zum Schlüsselwort der Geschwisterlichkeit und der gegenseitigen Fürsorge tritt ein Schlüsseltext, nämlich das neutestamentliche Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem Lukasevangelium. Er zieht sich wie ein geheimer roter Faden durch die gesamte Enzyklika. Papst Franziskus interpretiert ihn in einer Linie mit den Kirchenvätern bis hin zu seinem Vorgänger im Amt, Benedikt XVI., im Lichte der bekannten Goldenen Regel: „Handle so, wie auch du behandelt werden möchtest!“ Für Papst Franziskus, der sich mit seiner Enzyklika keineswegs einfach nur an Katholiken oder Christen wendet, sondern an alle Menschen guten Willens, sind alle Menschen im geistigen Normalzustand in ihrem Gewissen auf das Gute und auf Solidarität hin ansprechbar. Zum weiteren Nachdenken lädt die Offenheit des Textes ein, ob eine universale Geschwisterlichkeit und Nächstenliebe letztlich auch ohne Gott und den Glauben an seine Liebe möglich sein kann. Sanft formuliert die Enzyklika: „Jeden Tag stehen wir vor der Wahl, barmherziger Samariter zu sein oder gleichgültiger Passant“ (Nr. 69).
Schlüsseltext vom barmherzigen Samariter
Diesen beiden Schlüsseln zum Verständnis der Enzyklika entspricht der immer wieder im Text auftauchende und wechselnd benannte Gegner des christlichen Menschenbildes: Das „technokratische Paradigma“ (Nr. 165) soll vehement kritisiert werden, mithin ein individualistischer und liberalistischer Konsumismus und Materialismus. Das ist seit der ersten Sozialenzyklika „Rerum novarum“ von Papst Leo XIII. aus dem Jahr 1891 bis heute nicht neu und auch nicht mehr besonders originell, und muß doch immer wieder unterstrichen werden. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, schon gar nicht vom selbstgenügsamen Konsum, sondern von der Erfahrung geschenkter und empfangener Liebe.
Staat und Wirtschaft können das nicht garantieren oder erzwingen, nur erhoffen. Genau deswegen braucht es das Christentum, die Kirche und Enzykliken wie diese.