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Erzbistum Paderborn
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Trennung von Ökologie und Soziales überwinden

Frühjahrstagung des Sozialwissenschaftlichen Arbeitskreises der Kommende Dortmund mit Erzbischof Becker thematisiert Klimanotstand
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Pressemeldung
26. April 2022
Paderborn / Dortmund

Trennung von Ökologie und Soziales überwinden

Frühjahrstagung des Sozialwissenschaftlichen Arbeitskreises der Kommende Dortmund mit Erzbischof Becker thematisiert Klimanotstand

Die im Sozialwissenschaftlichen Arbeitskreis der Kommende Dortmund zusammenarbeitenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen waren sich bei ihrer Frühjahrstagung in Paderborn zum Thema „Ökologische Krisen und die Kirche“ einig in der Beschreibung der dramatischen Situation des Klimas: Sie sprachen von „Klimanotstand“ und stimmten überein, dass die Beschränkung der Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zwar noch theoretisch denkbar sei, dies aber praktisch wohl nicht mehr möglich sei und damit die 2015 in Paris von den Vereinten Nationen gesetzten Ziele nicht mehr zu erreichen seien. Es brauche enorme Mühen, das 2-Grad-Ziel des Pariser Umweltgipfels einzuhalten, obgleich die technischen und ökonomischen Lösungen bekannt seien. Allerdings gebe es keinen kulturellen Wandel der sozialökologischen Transformation, so dass die Welt aktuell ungebremst auf eine apokalyptische Erderhitzung zulaufe. Erforderlich sei eine Überwindung der Trennung von Ökologie und Soziales.

Erzbischof Hans-Josef Becker hatte die Mitglieder des Sozialwissenschaftlichen Arbeitskreises der vom Erzbistum Paderborn getragenen Einrichtung in Dortmund sowie weitere Experten zu Beratungen vom 22. bis 23. April 2022 nach Paderborn eingeladen. Der Paderborner Erzbischof diskutierte mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Frage, wie das „Gemeinsame Haus der Schöpfung“ für alle Menschen bewohnbar bleiben und erhalten werden kann. Der interdisziplinär besetzte Arbeitskreis erwartet von den Kirchen bei allen lobenswerten Ansätzen ein breites ökologisches Engagement und eine entsprechende Bewusstseinsbildung. Die Klimafrage lasse sich nur global bewältigen, erklärten die Experten. Hier sei die katholische Kirche als weltweit präsente Institution besonders gefragt. Sie sollte sich dabei für die ökologische Gerechtigkeit in Solidarität mit den armen Ländern und der zukünftigen Generationen einsetzen. Um glaubwürdig zu sein, müsse sie in ihrem eigenen Handeln den Klimaschutz zügig voranbringen.

Krieg gegen die Natur

Der Physiker Professor Dr. Gunther Seckmeyer vom Institut für Meteorologie und Klimatologie der Leibniz Universität Hannover erläuterte anhand der Zahlen des jüngsten Weltklimaberichts die Entwicklungen der Klimaerwärmung. „Wir führen einen Krieg gegen die Natur“, zitierte Seckmeyer den Generalsekretär der Vereinten Nationen. Obwohl die Folgen der sich beschleunigenden Zunahme der Treibhausgase in der Atmosphäre seit dem 19. Jahrhundert bekannt seien, passiere trotz der Warnungen der Wissenschaften nichts. Theoretisch könne ein Teil der täglich einstrahlenden Sonnenenergie den Weltenergiebedarf decken, führte Seckmeyer aus. Für Deutschland wäre dies vor allem über Solaranlagen auf Dächern möglich. Wichtig sei zudem der Schutz der Wälder und Aufforstungen als relativ schnell wirkende Maßnahmen.

Sensibilität und Schöpfungsspiritualität

Für den Fundamentaltheologen Professor Dr. Jürgen Manemann müssten angesichts der ökologischen Krise die (Erz-)Bistümer den „Klimanotstand“ ausrufen. „Es blieben nur noch knapp sieben Jahre für ein konsequentes Umsteuern“, sagte der Wissenschaftler vom Forschungsinstitut Philosophie Hannover. Der Umgang mit den Herausforderungen sei von Sentimentalität und Selbstmitleid geprägt. Notwendig wären eine Sensibilität und Trauer über das „Leid“ der Geschöpfe und der Erde. Daraus könnte der Widerstand gegen die aktuelle Entwicklung und Hoffnung auf Alternativen stehen. Der Moraltheologe Professor Dr. Michael Rosenberger aus Linz plädierte für eine genügsame, demütige und zärtliche Schöpfungsspiritualität, die den Eigenwert der Geschöpfe achte und von einer inneren Verbundenheit mit allem, was existiert, geprägt sei.

Energiepolitisches Zieldreieck als Orientierung für das Recht

Durch den grausamen Krieg in der Ukraine seien die aktuellen Herausforderungen noch größer geworden, erläuterte die Staatsrechtlerin Professorin Dr. Charlotte Kreuter-Kirchhof. Die Abhängigkeit von den fossilen Energien müsse beendet werden. Nötig sei der schnelle Umstieg auf erneuerbare Energiequellen. Für das Recht sei das „energiepolitische Zieldreieck“ von Klima- und Umweltfreundlichkeit, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit der Energieversorgung leitend, führte die Lehrstuhlinhaberin für Deutsches und Ausländisches Öffentliches Recht, Völkerrecht und Europarecht der Heinrich Heine Universität Düsseldorf aus. In der sich breit machenden Verzweiflung sei es Aufgabe der Kirche, die „Hoffnung wider alle Vernunft“ auf Basis naturwissenschaftlicher Erkenntnisse wach zu halten. Die Kirche müsse vor allem die jungen Menschen, um deren Zukunft es geht, stärker in den Blick nehmen.

Rote Linien der planetarischen Grenzen überschritten

Der Biologe und Theologe Dr. Dr. Oliver Putz aus Berlin erläuterte die ökologische Krise des gegenwärtigen „Massensterbens“ und des Verlustes der Artenvielfalt (Biodiversität). Hier seien die roten Linien der planetarischen Grenzen schon überschritten. Die Widerstandskraft des Amazonas-Regenwaldes gegenüber Umweltveränderungen sei in den letzten 30 Jahren um 75 Prozent gesunken. „Diese ökologische Krise ist dramatisch, weil die Artenvielfalt für gesunde und funktionale Ökosysteme zentral und unersetzbar ist“, bekräftigte der Wissenschaftler, der aktuell in Oxford lehrt. Ursachen des Massensterbens seien die Landnutzung, die Übernutzung von Arten, die Umweltverschmutzung mit Öl und Plastik sowie der Klimawandel. Die Krise der Biodiversität verlange nach einer radikalen ökologischen Umkehr sowohl in den individuellen Haltungen und Handlungen als auch der gesellschaftlichen Strukturen.

Ethische Geldanlagen

Dr. Richard Böger, Vorstandsvorsitzender der Bank für Kirche und Caritas Paderborn, verwies auf die Chancen, über ethisch nachhaltige Geldanlagen, Unternehmen zu einer nachhaltigeren Unternehmenspolitik zu bewegen. Die Bank für Kirche und Caritas Paderborn engagiere sich schon über 20 Jahre als Vorreiter in der ethischen Geldanlage, die letzten Jahre verstärkt auch unter ökologischen Ansprüchen. Die Strategien der ethischen Geldanlage seien durchaus erfolgreich, wie Dr. Böger an Beispielen der eigenen Praxis belegte. Wirkungsvoll sei vor allem das „Engagement“, die aktive Einflussnahme auf Unternehmensstrategien und das Gespräch mit Vorständen. In Netzwerken mit anderen Partnern – auch aus der Zivilgesellschaft – können auch kleine Geschäftsbanken Veränderungen zu mehr Nachhaltigkeit auslösen.

Ökologie und Soziales – eine Einheit

Der Soziologe Professor Dr. Berthold Vogel aus Göttingen gab in der Diskussion selbstkritisch zu bedenken, dass in der Vergangenheit zu sehr auf die soziale Frage geschaut worden sei. Zu lernen sei, dass die ökologischen Herausforderungen zutiefst soziale Fragen sind. Die Trennung von Ökologie und Soziales müsse überwunden werden.

Zentrales ökonomisches Instrument, so die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Arbeitskreises, sei die CO2-Bepreisung. Die Politik müsse diese Preisvorgaben allerdings verlässlich und planbar gestalten. Ergänzt werden sollte die CO2-Bepreisung durch einen sozialen Ausgleich, wie etwa im Modell des Klimageldes. Die erhöhten Einnahmen des Staates aus der CO2-Bepreisung sollten ausschließlich für den sozialen Ausgleich und ökologische Maßnahmen verwendet werden.

Sozialwissenschaftlicher Arbeitskreis

Der Sozialwissenschaftliche Arbeitskreis der Kommende Dortmund wurde 1984 auf Initiative des damaligen Kommende-Direktors Dr. Reinhard Marx gegründet. Er tagt zweimal jährlich auf Einladung des Erzbischofs von Paderborn. Dem interdisziplinären Arbeitskreis gehören Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Theologie, Sozialethik, Soziologie, Politik, Ökonomie, Gesundheitswissenschaften und Recht an.

Ein Beitrag von:
Team Presse

Thomas Throenle

 
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