So erlebt von Weiler auch nach fast 30 Jahren in dem Thema noch Neues – zum Beispiel bei der Schulung im Paderborner Priesterseminar. „Das war jetzt die erste Fortbildung in einem Priesterseminar“, sagt sie. Es ging um die Frage, wie die angehenden Priester Mädchen und Jungen begleiten können. Was kann man tun, um Kinder und Jugendliche zu schützen?
Ein entscheidender Punkt sei dabei, das Thema überhaupt aufzumachen. Von Weiler sagt: „Wir müssen das Thema an uns heranlassen. Denn wir können nicht von betroffenen Kindern erwarten, dass sie ihre Erlebnisse so erzählen, dass wir damit umgehen können. Kinder in Not brauchen Erwachsene, die in Ruhe hinsehen und handeln. Das können wir nur, wenn wir vorbereitet sind und wissen, wo Kinder Hilfe finden können.“
Für ihn als angehenden Priester gehören die digitalen Medien zur Arbeit dazu, da ist sich Philipp Neumann sicher. „Man ist ständig in Kommunikation“, sagt er. „Wenn man sich um eine Messdienergruppe kümmert, nutzt man einfach gängige Wege wie WhatsApp. Da erreicht man die Leute – es kann aber auch übergriffiges Handeln entstehen.“ Ist es erstmal zu spät, gilt: Jeder Klick auf dem Smartphone kann das Opfer daran erinnern, dass der Täter oder die Täterin da ist. Deshalb, schätzt Haussprecher Neumann, müsse digitale Kommunikation „für alle Beteiligten erträglich und vorteilhaft sein“. Es sei immer ein Spagat zwischen den Fragen: Dürfen wir das? Und: Wie gut ist das?
Ein neuer Begriff, den Neumann bei der Fortbildung von Julia von Weiler gelernt hat: „Sharegewaltigung“. Eine Mischung aus Vergewaltigung und dem englischen Verb „to share“, übersetzt teilen. Neumann sagt: „Jeder hat eine Mitverantwortung dafür, wie man mit dem Zeug, das man geschickt bekommt, umgeht.“ Das Zeug, das können beleidigende Texte, intime Bilder, peinliche Videos und vieles mehr sein. Alles, was Potential hat, zum Gesprächsthema zu werden oder jemanden zum Mobbingopfer oder Opfer von sexuellem Missbrauch zu machen.