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Offen über das sprechen, was im Verborgenen geschieht

Schulung für Priesteramtskandidaten zur Prävention von sexuellem Missbrauch mit Hilfe von digitalen Medien

Schulung für Priesteramtskandidaten zur Prävention von sexuellem Missbrauch mit Hilfe von digitalen Medien

Der Täter oder die Täterin ist immer da. Schon, wenn morgens der Wecker per Handy klingelt, erinnert es an das beklemmende Gefühl, Opfer geworden zu sein. Opfer von sexualisierter Gewalt, von Cybermobbing und co. „Die Distanz zwischen Täter und Opfer bricht durch die digitalen Medien weg“, sagt Philipp Neumann, 30 Jahre, Haussprecher des Paderborner Priesterseminars. Das hat er aus  einer Fortbildung für alle Paderborner Priesteramtskandidaten zum Thema Missbrauch durch digitale Medien mitgenommen. Es war eine bisher einzigartige Schulung. Sowohl für das Priesterseminar als auch für die Referentin Julia von Weiler, Vorstand der non-profit Organisation „Innocence in Danger e.V.“.

Julia von Weiler arbeitet seit 1991 daran, Kinder und Jugendliche vor sexuellem Missbrauch zu schützen. Sie kam dazu, als sie während ihres Studiums in New York in einem Praktikum mit missbrauchten Kindern gearbeitet hat. Seit 2003 beschäftigt sie sich mit dem Thema Missbrauch und digitale Medien. Mit Innocence in Danger leistet sie Präventionsarbeit, tritt zu dem Thema in Fernseh-Talkshows auf und interveniert, wenn es zu spät ist. „Offensichtlich sind das Thema und ich noch nicht miteinander fertig“, sagt sie.

Dürfen wir das? Und: Wie gut ist das?

So erlebt von Weiler auch nach fast 30 Jahren in dem Thema noch Neues – zum Beispiel bei  der Schulung im Paderborner Priesterseminar. „Das war jetzt die erste Fortbildung in einem Priesterseminar“, sagt sie. Es ging um die Frage, wie die angehenden Priester Mädchen und Jungen begleiten können. Was kann man tun, um Kinder und Jugendliche zu schützen?

Ein entscheidender Punkt sei dabei, das Thema überhaupt aufzumachen. Von Weiler sagt: „Wir müssen das Thema an uns heranlassen. Denn wir können nicht von betroffenen Kindern erwarten, dass sie ihre Erlebnisse so erzählen, dass wir damit umgehen können. Kinder in Not brauchen Erwachsene, die in Ruhe hinsehen und handeln. Das können wir nur, wenn wir vorbereitet sind und wissen, wo Kinder Hilfe finden können.“

Für ihn als angehenden Priester gehören die digitalen Medien zur Arbeit dazu, da ist sich Philipp Neumann sicher. „Man ist ständig in Kommunikation“, sagt er. „Wenn man sich um eine Messdienergruppe kümmert, nutzt man einfach gängige Wege wie WhatsApp. Da erreicht man die Leute – es kann aber auch übergriffiges Handeln entstehen.“  Ist es erstmal zu spät, gilt: Jeder Klick auf dem Smartphone kann das Opfer daran erinnern, dass der Täter oder die Täterin da ist. Deshalb, schätzt Haussprecher Neumann, müsse digitale Kommunikation „für alle Beteiligten erträglich und vorteilhaft sein“. Es sei immer ein Spagat zwischen den Fragen: Dürfen wir das? Und: Wie gut ist das?

Ein neuer Begriff, den Neumann bei der Fortbildung von Julia von Weiler gelernt hat: „Sharegewaltigung“. Eine Mischung aus Vergewaltigung und dem englischen Verb „to share“, übersetzt teilen. Neumann sagt: „Jeder hat eine Mitverantwortung dafür, wie man mit dem Zeug, das man geschickt bekommt, umgeht.“ Das Zeug, das können beleidigende Texte, intime Bilder, peinliche Videos und vieles mehr sein. Alles, was Potential hat, zum Gesprächsthema zu werden oder jemanden zum Mobbingopfer oder Opfer von sexuellem Missbrauch zu machen.

Präventionsarbeit endet nie

Innerhalb der katholischen Kirche arbeitet Julia von Weiler besonders eng mit den (Erz-)Bistümern Aachen, Essen und Paderborn zusammen. Sie schult das Pastorale Personal, hält Vorträge in bischöflichen und katholischen Schulen,  stimmt sich mit den Präventionsbeauftragten ab. „Die katholische Kirche, die ich erlebe, ist beim Thema Prävention sehr engagiert und mutig“, sagt sie. Zugleich stocke es auf manchen Ebenen, die Strukturen veränderten sich in Kirche und Gesellschaft nur langsam. „Aber die Präventionsarbeit endet sowie nie“, sagt von Weiler.

Im Paderborner Priesterseminar beschäftigt das Thema die Studenten deshalb zwei Mal umfangreich und mehrfach punktuell. Umfangreich, wenn die angehenden Priester zum Beginn und Ende des fünfjährigen Studiums die Präventionsschulung für das hauptamtliche Personal des Erzbistums Paderborn absolvieren. Punktuell, wenn die Hausleitung rund um Regens Dr. Michael Menke-Peitzmeyer aktuelle Themen aufgreift und in die Ausbildung integriert. So wie mit der Schulung von Julia von Weiler. „Unsere Studenten sind alle digital auf dem neusten Stand und haben an den Erfahrungen junger Menschen im Internet teil. Doch wir haben bisher nur die physische Form der Prävention in den Blick genommen“, sagt Menke-Peitzmeyer. „Nun haben wir auch die Prävention in der digitalen Welt mit in die Ausbildung einbezogen.“ Nach den guten Erfahrungen spricht der Regens sich dafür aus, auch in Zukunft Themen, die zum Beispiel durch neue Trends in der digitalen Welt topaktuell sind, mit in die Ausbildung einzubeziehen.

Vier Säulen der Priesterausbildung

Ein Jahr propädeutische Phase, fünf Jahre Theologiestudium, zwei Jahre Pastoralkurs. Der Weg zur Priesterweihe ist lang, die Ausbildung umfangreich. „Doch die wenigsten derer, die sich zum Teil öffentlich über Priesterausbildung äußern, kennen ein Seminar von innen – und wissen  auch wenig über die Ausbildung“, sagt Regens Menke-Peitzmeyer. Die Vorstellungen mancher seien noch die eines Priesterseminars der Nachkriegszeit. „Da werden viele Vorurteile genährt“. Deshalb erklärt er, aus welchen vier Säulen die Ausbildung der Paderborner Priesteramtskandidaten besteht:

  • Theologische Ausbildung durch Studium an der Theologischen Fakultät Paderborn
  • Geistliche Ausbildung durch Einführung in Gebet, Meditation und Liturgie
  • Persönliche Begleitung der Studenten durch regelmäßige Reflektion im Gespräch zwischen dem einzelnen Studenten und seinem Ausbildungsbegleiter sowie mit dem Spiritual bzw. Geistlichem Begleiter
  • Hinführung zur pastoralen Befähigung durch Praktika in Gemeinde, Schule und sozialem Bereich

Selbstverständlichkeit nimmt dem Thema das Geheimnis

Auch Julia von Weiler bewertet die Fortbildung mit den Priesteramtskandidaten als wichtigen Schritt. Das Besondere am Thema Missbrauch sei gewissermaßen, dass allein schon darin ein Erfolg bestehe, darüber geredet zu haben. „Je offener wir über Missbrauch sprechen, desto eher kann ich, wenn ich etwas beobachte, das zum Thema machen“, sagt von Weiler.

Doch dass das nicht so leicht sei, habe Tradition. Missbrauch sei in allen gesellschaftlichen Strukturen Jahrhunderte alt. Gleichzeitig sei weit verbreitet, dass Menschen nicht wahrhaben wollen, dass es auch in ihrem Umfeld Missbrauchsfälle gibt. „Deswegen schieben wir das Thema weg“, sagt von Weiler. „Das Wichtigste ist, zu lernen, selbstverständlich über das Thema zu sprechen. Durch die Selbstverständlichkeit nehmen wir dem Thema das Geheimnis, welches das wichtigste Element ist, damit Missbrauch überhaupt geschehen kann. Denn Missbrauch geschieht im Verborgenen.“

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