Gastgeber, Verantwortliche und Referenten des 35. Ärztetages im Erzbistum Paderborn zum Thema „Der Sterbewunsch im Alter und bei Krankheit als medizinethische Herausforderung“. Foto: pdp / Thomas Throenle
„Es geht nicht darum, das Selbstbestimmungsrecht eines Patienten in Frage zu stellen, vielmehr ihm die Fürsorge und Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen, auf die er als Mensch ein Anrecht hat.“ Mit diesen Worten positionierte sich Erzbischof Hans-Josef Becker klar beim 35. Ärztetag im Erzbistum Paderborn. Das Thema „‘Ich kann nicht mehr‘. Der Sterbewunsch im Alter und bei Krankheit als medizinethische Herausforderung“ erörterten namhafte Referenten aus den Bereichen Medizin, Theologie und Seelsorge im Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn. 160 Teilnehmende nutzten am Samstag, 09. November, die Gelegenheit zum Austausch und zur Vergewisserung.
Das Thema „Selbstbestimmung am Lebensende“ gehöre seit dem Beginn der Euthanasie-Debatte durch die geänderte Gesetzgebung in den Niederlanden vor rund 20 Jahren und durch die Gründung von Sterbehilfe-Vereinen zu den großen, kontrovers geführten Debatten in Deutschland, führte der Paderborner Erzbischof einleitend aus. Durch das im Jahre 2015 formulierte Gesetz zur Verhinderung einer geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung sei die Diskussion um die grundsätzliche Beurteilung eines Sterbewunsches im Alter und bei Krankheit nicht beendet.
„Nicht Hilfe zum Sterben, sondern Hilfe im Sterben sind wir dem Kranken schuldig“, bekräftigte Erzbischof Hans-Josef Becker. Foto: pdp / Thomas Throenle
Unterschiedliche Positionen
„Während die einen Autonomie und Selbstbestimmung als höchstes Gut postulieren und gesellschaftliche Instanzen fordern, die dem Patienten eine erfolgreiche Umsetzung seiner Absichten garantieren, sehen wir die große Gefahr, dass unter dem Begriff der Selbstbestimmung ganz andere Interessen verfolgt werden und zum Zuge kommen können“, konkretisierte Erzbischof Becker. Es genüge ein nüchterner Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, um zu erkennen, dass sich kranke und alte Menschen doch unter Druck gesetzt fühlen könnten, vermeintlich „freiwillig“ aus dem Leben zu scheiden, um niemandem mehr zur Last zu fallen.
Sterbewunsch und Wertschätzung des Lebens
Der Wunsch zu sterben, endlich loszulassen und gehen zu können, berühre jeden Einzelnen existentiell, erläuterte Erzbischof Becker weiter. Ärzte und Seelsorger würden durchaus Patienten erleben, die das Leben nicht mehr als Geschenk empfinden könnten: Es gibt Krankheiten, die nicht geheilt werden können, Einsamkeit, die nicht aufhört, und die große Angst, am Ende hilflos ausgeliefert zu sein und möglicherweise Unzumutbares aushalten zu müssen. Es komme darauf an, der „hohen Wertschätzung des menschlichen Lebens gerecht zu werden, indem wir Not und Leid des einzelnen Menschen durch Nähe und Zuwendung zu lindern suchen. Nicht Hilfe zum Sterben, sondern Hilfe im Sterben sind wir dem Kranken schuldig“, bekräftigte Erzbischof Becker als Einladender zum Ärztetag im Erzbistum Paderborn.
„Verständnis aufbringen, mit-aushalten.“ Diakon Dr. theol. Stefan Ohnesorge informierte aus der Perspektive eines Klinikseelsorgers. Foto: pdp / Thomas Throenle
Erfahrungen eines Klinikseelsorgers
Diakon Dr. theol. Stefan Ohnesorge führte aus, ein Sterbewunsch könne Ausdruck von Lebensmüdigkeit sein, Ausdruck von Trauer, resultiere aus der Erfahrung von Sinnlosigkeit oder sei eine Bitte um Mithilfe bei einem Suizid. In seinem Impuls „‘Wo ist denn hier das Zimmer für die Spritze?‘ – Der Sterbewunsch von kranken Menschen. Erfahrungen eines Klinikseelsorgers“ unterschied er vier Ebenen von Patientenaussagen: Sachebene, Gefühlsebene, Identitätsebene und Spiritualitätsebene. Es komme in der Seelsorge darauf an, einen Raum zu eröffnen, der es einem Patienten ermögliche, seine Gedanken bezüglich seines Sterbewunsches sanktionsfrei zu äußern, so der Klinikseelsorger am Universitätsklinikum Marburg. Einen Suizidwunsch so zu begleiten, dass immer wieder das Leben in den Blick komme, sei Aufgabe des Seelsorgers: „Verständnis aufbringen, mit-aushalten. Akzeptanz als Mensch bis zuletzt – begründet in der Gottebenbildlichkeit jedes einzelnen Menschen.“
Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Andreas S. Lübbe forderte, das jeweilige „Experte-Sein“ von Arzt und Patient zu berücksichtigen. Foto: pdp / Thomas Throenle
Palliativmedizin als Alternative zur sogenannten Sterbehilfe
Insbesondere am Lebensende sei es wesentlich, das jeweilige „Experte-Sein“ von Arzt und Patient zu berücksichtigen, führte Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Andreas S. Lübbe aus: „Der Arzt ist Experte für Erkrankung und die Indikation, der Patient ist Experte für Leben und den Patientenwillen“, so der Ärztliche Direktor des Medizinischen Zentrums für Gesundheit Bad Lippspinge. In der Palliativmedizin gehe es nicht um eine Lebensverlängerung, vielmehr um Lebensqualität, erklärte der Chefarzt der Palliativstation der Karl-Hansen-Klinik und der Cecilien-Klinik in Bad Lippspringe. Ziel sei keine Übertherapie am Lebensende, vielmehr ein Sterbenlassen. Ethische Grundlage dafür sei der Respekt vor dem Leben von Patienten, die Person und Menschenwürde sei zu achten. Das Angebot der Palliativmedizin müsse in Krankenhäuser und Arztpraxen gebracht werden.
„Die Beurteilung der Fähigkeit zur Selbstbestimmung und der Freiwilligkeit von außen ist letztlich nicht möglich“, erläuterte Professorin Dr. theol. Monika Bobbert. Foto: pdp / Thomas Throenle
Assistierter Suizid als Hilfe?
Schließlich thematisiert Professorin Dr. theol. Monika Bobbert von der Katholischen Theologischen Fakultät der Universität Münster die Frage „‘Assistierter Suizid als Hilfe?‘ Zur Verantwortung der Helfenden“. Der christliche Glaube motiviere dazu, das aus ethischer Sicht Richtige zu erschließen und sich um die Umsetzung zu bemühen, so die Theologin. Dabei ersetze der christliche Kontext nicht die ethische Argumentation mit philosophischen Mitteln: „Ethisch-normative Urteile müssen verallgemeinerbar sein und vernünftig nachvollziehbar werden.“
Die Freiheit des Menschen, seine Autonomie, sei von Gott geschenkt, der Mensch sei ein zur Selbstbestimmung fähiges und von Gott dazu aufgerufenes Wesen, es geht dabei um eine moralisch verantwortete Freiheit statt einer Willkürfreiheit. Im Hinblick auf die Verantwortung Außenstehender sagte die Theologie-Professorin „Die Beurteilung der Fähigkeit zur Selbstbestimmung und der Freiwilligkeit von außen ist letztlich nicht möglich.“ Gesehen werden müsse die Hilflosigkeit der Helfer: „Leiden lässt sich nicht immer beseitigen. Ohnmacht und Passivität nicht nur aushalten, sondern annehmen, erfordert Selbstreflexion, Professionalität und Supervision.“
Das Podium mit den Referenten wurde von Dr. Ulrich Polenz aus Paderborn moderiert. Foto: pdp / Thomas Throenle
Podiumsgespräch mit den Referenten
Das Podium mit den Referenten wurde von Dr. Ulrich Polenz aus Paderborn moderiert. „Lassen wir unsere Patienten bei ihrem Sterben allein?“, fragten teilnehmende Mediziner. Palliativmedizin habe den Auftrag, Leiden zu lindern, nicht das Leben zu verkürzen, antworte Professor DDr. Lübbe. Das subjektive Leiden eines Patienten müsse im Vordergrund stehen, so wie er es empfinde, ein Außenstehender dürfe nicht über die Leidensgefühle eines Patienten urteilen. Die Tätigkeit eines Arztes könne der Tätigkeit eines Seelsorgers am Lebensende sehr verwandt sein. „Es geht um medizinische Begleitung und um seelsorgliche Begleitung“, vertiefte Dr. Polenz als Mitglied der Planungsgruppe des Ärztetages. Ein Patient dürfe nicht allein gelassen werden, so Klinikseelsorger Dr. Stefan Ohnesorge. Zugleich sei ein Mensch rechtlich zu schützen und müsse in jeder Situation rechtlich geschützt sein, forderte Professorin Dr. Monika Bobbert.
Das Duo Gaston gab ein Konzert unter den Leitgedanken „Mach einmal mein Ende gut“. Foto: pdp / Thomas Throenle
„Mach einmal mein Ende gut“
Zum Abschluss des 35. Ärztetages im Erzbistum Paderborn gab es ein Konzert des Duo Gaston für Geige und Cello. Passend zum Thema stellten Jana Telgenbüscher (Paderborn – Cello) und Andres Ramirez-Gaston (Peru – Geige) ihre Musikstücke unter den Leitgedanken „Mach einmal mein Ende gut“ (Johann Sebastian Bach).
Ärztetag im Erzbistum Paderborn
Der Ärztetag im Erzbistum Paderborn ist ein interdisziplinäres Forum, um aktuelle oder grundsätzliche Fragen aus dem Bereich der medizinischen Ethik im Horizont des christlichen Menschenbildes zu reflektieren. Die Kirche von Paderborn stellt sich damit ihrer pastoralen und sozialethischen Verantwortung, sich am Dialog der Wissenschaften und der gesellschaftlichen Leitbilder zum Wohle des Menschen zu beteiligen.
160 Teilnehmende aus den Bereichen Medizin, Theologie und Seelsorge nutzten beim Ärztetag die Gelegenheit zum Austausch und zur Vergewisserung. Foto: pdp / Thomas Throenle
Zur traditionsreichen Ärztetagung lädt der Erzbischof von Paderborn seit 1985 einmal jährlich in die Bischofsstadt ein. Seit 2005 findet der Ärztetag im Erzbistum Paderborn in Kooperation mit der Akademie für medizinische Fortbildung der Ärztekammer Westfalen-Lippe statt. Diese ermöglicht eine Zertifizierung der Tagung im Rahmen der ärztlichen Fortbildung.