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© Besim Mazhiqi
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Mut finden, Hoffnung leben, Veränderung wagen

Unterwegs mit Vikar Jakob Ohm in einer Stadt und einer Kirche im Wandel

Wenn man Jakob Ohm in diesen Tagen in Herne begegnet, weht oft ein rauer Wind durch die Straßen. Es ist tiefster Winter, kalt und grau und dunkel. Und hier, zwischen Fördertürmen und den stillen Zeugnissen industrieller Glanzzeiten, steht eine Stadt stellvertretend für eine ganze Region, die sich neu erfinden musste – und immer noch muss.

Kaum ein Ort drückt Veränderung so eindrücklich aus wie das Ruhrgebiet, das mal hart, mal herzlich, aber immer zutiefst menschlich wirkt. Ein herausfordernder Boden für jemanden, der Hoffnung stiften will. Als Jakob Ohm zum Priester geweiht wurde, wählte er einen Vers aus dem Buch Jesaja zum täglichen Begleiter: „Tröstet, tröstet mein Volk.“ Ein Satz, der wie ein Auftrag wirkt, ein Kompass für seinen Weg: „Es ist der Dienst am Menschen, Hoffnung und Mut zu schenken.“ Heute, ein gutes Jahr später, ist der 35-jährige Priester in Herne angekommen. Ein junger Geistlicher in einer Stadt, in der Kirchtürme und Industriegerippe gleichermaßen versuchen, den Himmel zu berühren. Ein Ort, an dem viele Menschen Entmutigung kennen – und dennoch täglich nach Halt suchen. „Und Mutmacher“, sagt Ohm.

Ohm wuchs nicht im Ruhrgebiet auf, sondern im ostwestfälischen Bielefeld. „Eine normale kirchliche Biografie“, sagt er rückblickend. Und doch erzählen seine Stationen von einer inneren Beweglichkeit und Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen: Zivildienst in einer Berliner Suppenküche für Obdachlose, Theologiestudium in Münster und Rom, Aufenthalte im Heiligen Land, Projektarbeit für Mittel- und Osteuropa an der Kommende Dortmund. Dann noch eine Promotion. Erfahrungen, die Horizonte geöffnet haben – und Mut fordern.

Leben im Wandel: Die seelische Lage einer Region

Die erste Einsatzstelle als Priester führte ihn ins Ruhrgebiet nach Herne. Ein Schritt, der weit mehr ist als eine geografische Veränderung. Es ist ein Eintauchen in eine Welt, die wie kaum eine andere vom Wandel geprägt ist – und in der Kirche und Gesellschaft gleichermaßen nach neuen Formen und neuen Wegen suchen. „Das Ruhrgebiet hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sehr große Transformationsprozesse erlebt“, sagt Ohm. Das Ende des Bergbaus, den Abbau von Industrie, Arbeitslosigkeit, soziale Krisen. Vieles, was einst Halt gab, ist verschwunden. „Die Menschen im Ruhrgebiet sind eigentlich sehr auf Zusammenhalt ausgerichtet, sind sehr solidarisch, gerade durch ihre Bergmannskultur. Aber sie haben zuletzt viele Entmutigungsgeschichten erlebt. Sie haben Dinge verloren, die ihnen vorher Halt gegeben haben.“

Doch genau darin liegt für ihn eine gemeinsame Sehnsucht: „Verbunden aber immer mit dem Bedürfnis nach Hoffnung. Und dem Bedürfnis nach Bezügen und Mut. Die Menschen suchen etwas, was sie trägt, was sie tiefer trägt.“ Und das gebe der Kirche einen klaren Auftrag: eine echte Mut-Botschaft zu verkünden – nicht abstrakt, sondern hier, mitten im Leben der Menschen. Und dafür möchte Jakob Ohm Priester sein.

© Besim Mazhiqi

Mut zum Zuhören und Mut zum Dasein

Priester zu werden – das war für Jakob Ohm selbst ein Weg, der Mut verlangte, Bereitschaft zur Transformation. Nicht zu wissen, in welche Stadt er einmal gesandt wird, die eigene Heimat zurückzulassen, sich immer wieder auf neue Menschen, neue Lebensgeschichten, neue Realitäten einzulassen. Es bedeutet, Höhen und Tiefen anderer mitzuerleben, Freude und Geburt, Abschied und Tod. Ein Dienst, der den jungen Mann fordert, weil er so nah am Leben ist – und weil er verlangt, sich immer wieder mutig hineinzugeben.

Was bedeutet das konkret? „Das funktioniert in der seelsorgerischen Arbeit vor allem über den persönlichen Kontakt“, sagt Ohm. Gespräche, die mal im Kirchenraum beginnen, mal beim Treffen mit Jugendlichen, mal beim Spaziergang durchs Viertel. Zuhören, das manchmal mehr bewirkt als jedes Konzept. „Es ist ja die christliche Hoffnungsbotschaft, dass Gott mit unserem Leben etwas vorhat, dass jeder gebraucht wird.“ Eine Botschaft, die jeden Menschen einzeln meint: „Jeder ist wertvoll.“

Doch erreicht das die Menschen? Ohm zögert nicht. „Es gibt auch Menschen, die in der Entmutigung bleiben, die von Kirche enttäuscht sind und bleiben.“ Er weiß, dass Mut nicht selbstverständlich ist – nicht für Gemeindemitglieder und auch nicht für ihn selbst. „Auch als Priester hat man nicht unendliche Mut-Ressourcen, in erster Linie ist man ebenso Mensch und geht diese Wege selbst mit.“ Er kennt Momente, in denen er keine Antwort weiß, in denen Last und Fragen schwerer wiegen als der Auftrag zu trösten: „Deshalb muss man auch selbst Mut aus der Arbeit schöpfen. Aber klar, es gibt auch Momente, wo man selbst keine Antwort mehr hat, auch das gehört dazu.“

Aufbrüche besonders bei jungen Menschen

In der Jugendseelsorge erlebt er das besonders eindrücklich: „Gerade in der Jugendarbeit mache ich die Erfahrung, dass neue Aufbrüche möglich sind, dass die Botschaft von Hoffnung und Mut auf offene Ohren trifft – gerade in der jüngeren Generation.“ Jugendliche, die Gemeinschaft suchen. Die nicht zuerst nach Perfektion fragen, sondern nach echten Begegnungen.

„Mir macht Mut, dass ich immer wieder die Erfahrung machen darf, dass es neue Arten von Gemeinschaft in der Kirche gibt“, sagt Ohm. Gemeinschaften, in denen Glauben und Alltag zusammenfinden – Leben teilen. „Dass man aus dieser Gemeinschaft wiederum Kraft und Mut schöpft und stiftet.“

Vielleicht ist das der Mut, von dem dieser junge Priester lebt: kein lauter, heroischer Mut, sondern der Mut, sich dem Leben jedes Einzelnen zu stellen. Der Mut, in einer Stadt im Wandel Zuversicht zu säen. Der Mut, immer wieder neu zu glauben, dass Trost und Hoffnung möglich sind – gerade dort, wo sie am nötigsten sind. Und so bleibt für ihn ein Grundgefühl: „Der Mut ist immer größer als die Entmutigung.“

Ein Beitrag von:

Alexander Lange

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