Sprachen in der Kommende Dortmund über die Aufarbeitung von Macht- und Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche (v.l.): Markus Wagner, Prälat Thomas Dornseifer, Kommendedirektor Prälat Dr. Peter Klasvogt, Andrea Fischer, Professor Dr. Hans Zollner SJ und Professor Dr. Michael Seewald.
Ein Jahr nach der Vorstellung der Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche ging es am Donnerstag in der Katholischen Akademie Schwerte und der Kommende Dortmund um die Frage nach den strukturellen Bedingungen klerikalen Machtmissbrauchs. In Schwerte setzten sich bei einem Studiennachmittag Priester und Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten damit auseinander. In der Kommende Dortmund ging es am Abend in einer offenen Veranstaltung ebenfalls um dieses Thema.
„Wie kann es sein, dass dieser Missbrauch von Minderjährigen in dieser Kirche geschehen ist und warum hat sich niemand dagegen gewehrt?“ Diese Frage stellte Professor Dr. Hans Zollner SJ an den Anfang seiner Ausführungen. Der Jesuit Pater Zollner ist Mitglied der Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen und Leiter des Centre for Child Protection (CCP) der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom.
„Wir müssen über die Strukturen reden“, sagt Hans Zollner. Das System der Kirche gehöre auf den Prüfstand. Diese Form der Reflexion als Reaktion auf das Bekanntwerden des Ausmaßes der Missbrauchsfälle gebe es innerhalb der katholischen Kirche erst seit etwa eineinhalb Jahren. Auf das Drängen von Papst Franziskus sei der Blick inzwischen weg von Einzelfällen auch auf die Verantwortlichkeiten ganzer Bischofskonferenzen gerichtet. Verantwortlichkeit, Rechenschaftspflicht und Transparenz nach innen und außen seien nun dringend notwendig.
Professor Dr. Hans Zollner SJ meint, „das System der Kirche gehört auf den Prüfstand“. Fotos (2): pdp / Bodin
Professor Dr. Michael Seewald (Münster), Autor des Buches „Reform – Dieselbe Kirche anders denken“, sieht dies ähnlich, forderte aber zudem: „Das Leid der Opfer muss im Mittelpunkt der Aufarbeitung stehen.“ Viel zu sehr sei es in der Vergangenheit um den Schutz der Kirche als Heilsinstitution gegangen. Notwendig sei stattdessen eine „Kultur des selbstkritischen und reflektierten Umgangs mit der eigenen Fehlbarkeit“ der Institution. Dazu zählt er auch die Frage nach Faktoren, die sexuellen Missbrauch begünstigen würden. Als problematisch bezeichnet Professor Seewald in diesem Zusammenhang, dass der Zugang zur Macht in der katholischen Kirche nur zölibatär lebenden Männern vorbehalten sei.
Andrea Fischer, die von 1998 bis 2001 Bundesministerin für Gesundheit war und aktuell ehrenamtlich den bischöflichen Beraterstab zu Fragen sexuellen Missbrauchs im Bistum Hildesheim leitet, war eine weitere Gesprächspartnerin in der Kommende. Für sie müsse es zunächst um die Anerkennung des Leids und die Hilfen für die Opfer gehen. „Viele Betroffene sind schwer beschädigt und kaum in der Lage über ihre Erlebnisse zu sprechen“, berichtete sie. Mit Blick auf die Kirche ist auch sie der Ansicht, dass „am System etwas nicht stimmt“. Notwendig seien Gewaltenteilung und Kontrolle sowie eine Gleichberechtigung der Geschlechter. Sie hofft auf Veränderungen durch den „synodalen Weg“ der Deutschen Bischofskonferenz, befürchtet aber zugleich, dass viele Gläubige enttäuscht sein werden, wenn es nicht zu wirklich deutlichen Reformen komme.