De Vry scrollt im PC die Ordner herunter, endlose Ordner mit Unterordnern aus allen möglichen Städten der Welt, wo sich Liborius-Handschriften befinden. Das Scrollen nimmt kaum ein Ende und die Wucht dieses Projektes wird allen mehr als klar vor Augen geführt: 2021 hatte die Liborius-Gesellschaft das derzeitige Liboriusprojekt ins Leben gerufen und damit den 2. Forschungszeitraum eröffnet. Die Vertreter von Stadt, Erzbistum, Metropolitankapitel und Heimatverein Paderborn gaben damit den Startschuss für die Suche nach und die Zusammenstellung sämtlicher Schriftlichkeit über Bischof Liborius von Le Mans, die heute noch auffindbar ist. Das sind weltweit alle mittelalterlichen Handschriften vom 8. bis zum 15. Jh., die über Liborius berichten, exakt 77 % davon (574 Handschriften mit Einträgen über Liborius) sind aufgefunden worden und waren der Forschung bislang völlig unbekannt. De Vry bezeichnet dies als die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen, aber er sagt dies auch mit einer Gelassenheit eines Forschers, der seit 30 Jahren über Liborius wissenschaftlich arbeitet. Dass dies ein Mammutprojekt ist, das man nicht in drei Jahren bewältigen kann, war wohl jedem gestern im Rathaus bei dem wirklich beeindruckenden Zwischenbericht völlig klar. Und die Gesellschafter der Liborius-Gesellschaft können sich bestätigt darin sehen, wie einzigartig und wichtig es war, dieses Projekt ins Leben zu rufen. Aus diesem Grund hatte der Erzbischöfliche Stuhl in 2021 auch selbstredend die Finanzierung übernommen und es ermöglicht, dass auch der Promotionsstudent Jan Helmig M.A. von der Universität Paderborn als Assistent für das Projekt tätig werden konnte.
Ein weiterer Grund, dieses umfangreiche Projekt ins Leben zu rufen, waren und sind die Vorbereitungen auf das große Liborijubiläum 2036, das nun in schnellen Schritten naht: 1200 Jahre Überführung der Liborius-Reliquien von Le Mans nach Paderborn. Die Grundlagenforschung des Liboriusprojektes soll der Wissenschaft das Rüstzeug an die Hand geben, um für 2036 eine Grundlage für weitere Forschungen zu haben.
Das unter dem Titel „Liborius Pontifex“ laufende, streng wissenschaftliche Forschungsprojekt schließt unmittelbar an die Forschungen der Jahre 1993 bis 1997 an der renommierten Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i.Br. an. Hier waren vor allem die Viten und Translationsberichte des hl. Liborius am Konkordatslehrstuhl Mittelalterliche Geschichte bei dem berühmten Kapitularien- und Karolingerexperten Prof. Dr. Hubert Mordek (1939-2006) und am Lehrstuhl für Lateinische Philologie des Mittelalters bei dem nicht minder berühmten Päpstl. Archivar Prof. Dr. Paul-Gerhard Schmidt (1937-2010) durch Prof. Dr. Volker de Vry erarbeitet worden. Das trotz einer Auflage von 2.000 Exemplaren aus den Forschungen resultierende und längst vergriffene Werk „Liborius – Brückenbauer Europas“ gilt inzwischen als Standarwerk der Quellenforschung über Liborius und ist wissenschaftlich vollumfänglich rezipiert.