Paderborn. Rund 500 Familien in Syrien, knapp 300 Kinder und Jugendliche in einem Musik- und Kunstzentrum in Damaskus und rund 1.500 Kinder im Libanon: Die Hilfsprojekte der Ordensschwestern Annie Demerjian und Helen Haigh erreichen aktuell zahlreiche Menschen, die unter Krieg und wirtschaftlicher Not leiden. Bei einem Besuch beim Caritasverband für das Erzbistum Paderborn berichteten die beiden Schwestern über die aktuelle Lage und darüber, wo Hilfe besonders dringend benötigt wird.
Seit zehn Jahren unterstützt die Caritas im Erzbistum Paderborn die Hilfsprojekte der „Sisters of Jesus and Mary“. Rund 1,2 Millionen Euro sind in dieser Zeit für Projekte und Nothilfe geflossen. Im Februar hatten der Vorsitzende des Diözesan-Caritasrates, Domkapitular Dr. Thomas Witt, und Caritas-Mitarbeiter Markus Jonas die Projekte im Libanon und in Syrien besucht.
Krieg und Armut: Schwestern berichten über wachsende Not
Musik und Kunst geben Halt
Neben akuter Nothilfe in beiden Ländern liegt ein Schwerpunkt der Arbeit der Schwestern auf einem Musik- und Kunstzentrum in Damaskus. Im „Blessed Dina Bélanger Center for Music and Art“, benannt nach der Ordensgründerin, lernen knapp 300 kriegstraumatisierte Kinder und Jugendliche ein Instrument oder entwickeln beim Malen ihre Talente. Mehr als 30 junge Erwachsene treffen sich in einer eigenen Gruppe, auch Mütter finden dort Unterstützung. Was als Angebot für traumatisierte Kinder begann, ist zu einem Ort für ganze Familien geworden. „Die Mütter bringen ihre Kinder und bleiben einfach“, sagt Schwester Annie. „Sie sprechen mit den Schwestern und geben sich gegenseitig Halt.“
15 Lehrkräfte unterrichten im Musik- und Kunstzentrum Kinder und Jugendliche unter anderem an Gitarre, Klavier, Schlagzeug, Geige und dem syrischen Instrument Oud. Viele der jungen Lehrkräfte studieren selbst oder haben gerade ihr Studium abgeschlossen. Das Projekt schafft damit zugleich Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Erwachsene.
Doch immer wieder zwingt die akute Not die Schwestern zum Handeln. Kürzlich nahmen sie mit Zustimmung aus Paderborn 5.000 Euro aus der Förderung des Musikzentrums, weil Familien nicht genug zu essen hatten. Mehr als 200 Familien konnten so kurzfristig unterstützt werden. Die Caritas im Erzbistum Paderborn hat dem Zentrum dieses Geld inzwischen ersetzt.
Allein in Damaskus und Aleppo unterstützen die Schwestern rund 500 Familien. Lebensmittel, Medikamente und Mieten gehören zu den drängendsten Problemen. Hinzu kommen stark gestiegene Energiekosten. Manche Stromrechnungen seien mittlerweile höher als das Einkommen einer Familie, berichtet Schwester Annie – obwohl Elektrizität weiterhin nur zeitweise zur Verfügung stehe. „Wir leben mit den Menschen und sehen, was sie brauchen“, sagt die Ordensfrau. Deshalb müsse die Hilfe immer wieder an neue Notlagen angepasst werden.
Hilfe für Familien und Kinder im Libanon
Auch im Libanon bleibt die Lage unsicher. Nach Angaben der Beiruter Projektkoordinatorin Rima Abi Karam gibt es im Süden weiterhin täglich Angriffe. Einige Dörfer seien fast vollständig zerstört. Viele der im Frühjahr geflohenen Menschen sind inzwischen zurückgekehrt, andere können wegen zerstörter Häuser oder fehlender Lebensgrundlagen noch nicht dauerhaft in ihre Heimat zurück. Das Team der Schwestern unterstützt deshalb weiterhin Familien in Beirut und im Süden des Libanon, etwa in Tyros, mit Medikamenten und ärztlicher Hilfe. Gleichzeitig sind die Lebenshaltungskosten zuletzt noch einmal deutlich gestiegen, noch über das Niveau deutscher Großstädte.
Besonders wichtig bleibt die Hilfe für Kinder, die Krieg und Vertreibung erlebt haben. Teams der Schwestern sind mit mobilen Kunst- und Musikangeboten unter anderem in Sidon und im Süden des Libanon unterwegs. Rund 1.500 Kinder haben diese Angebote nach Angaben von Schwester Annie erreicht. „Manchmal ist es gut, Musik statt Bomben zu hören“, sagt sie.
Auch neue Hilfen sollen entstehen. Geplant ist ein Angebot, bei dem Frauen mit Nähen, Häkeln und der Herstellung von Schmuck nicht nur Gemeinschaft und Unterstützung erfahren, sondern perspektivisch auch ein eigenes Einkommen erwirtschaften können.
„Wir haben bei unserem Besuch erlebt, wie nah die Schwestern an den Menschen sind“, sagt der Caritasrats-Vorsitzende Thomas Witt. „Sie kennen die Familien und ihre konkreten Nöte. Zugleich schaffen sie Angebote, die Menschen nicht nur kurzfristig versorgen, sondern ihnen Perspektiven und Würde geben.“
Schwester Annie dankte der Caritas in Paderborn für die über Jahre gewachsene Beziehung. „Es geht nicht nur um Hilfe, sondern um Freundschaft und eine geschwisterliche Beziehung.“
Die Schwestern und ihre Teams erleben unmittelbar, was Krieg, wirtschaftliche Not und Unsicherheit für die Menschen bedeuten. Der persönliche Austausch hilft uns, die Situation und den konkreten Unterstützungsbedarf besser einzuschätzen.