„Das Buch verzichtet auf eine pauschale Einordung Lorenz Jaegers in das Spektrum von ‚Nähe und Distanz zur NS-Ideologie‘“, erklärte Professor Meyer zu Schlochtern. Die Grenzen dieser „Nähe und Distanz“ seien allerdings deutlich markiert, betonte der Moderator einer Forschergruppe von professionellen Historikern und Theologen: „Jaeger hegte keine geheimen Sympathien für den NS-Staat, dazu hat ihn dieser zu deutlich als einen Gegner eingeschätzt. Auf der anderen Seite hat Jaeger seine Gegnerschaft nie als öffentlichen Kampf gegen den NS-Staat herausgekehrt, dazu stand er in einer zu herausgehobenen Position seines hohen kirchlichen Amtes.“
Grundlagen eines Urteils
Wo und wie sich Lorenz Jaeger in einzelnen Fragen positioniert habe, könne nur unter Einbeziehung der zeitgenössischen Kontexte angemessen beschrieben werden, urteilte Professor Meyer zu Schlochtern. Die Position von Jaeger zum NS-Regime heute aus der historischen Rückschau fair zu bewerten, verlange außerdem, die historische Distanz der Gegenwart zur NS-Zeit zu berücksichtigen. Im Hinblick auf die zentrale Fragestellung des Forschungsprojektes zur Haltung von Kardinal Jaeger gegenüber dem Nationalsozialismus bekräftigte der Professor, dass es nicht ausreiche, lediglich kurze Passagen oder Satzfragmente aus den Predigten von Lorenz Jaeger zu zitieren, um daraus dann eine Nähe zur NS-Ideologie abzuleiten. Vielmehr sei es notwendig, historische Fakten auf der Basis wissenschaftlicher Archivarbeit zu ermitteln und diese auf dem Stand der aktuellen (kirchen-)historischen Forschung auszuwerten.
Vorgehen der Forschergruppe
Die Haltung von Lorenz Jaeger zum NS-Staat sei von der beteiligten Forschergruppe durch eine kritische Darstellung jener Lebensbereiche eruiert worden, in denen sich dessen politische Haltung ausbildete, erklärte Professor Meyer zu Schlochtern. Dargestellt werden die Herkunft von Lorenz Jaeger aus einer kleinbürgerlichen Arbeiterfamilie, seine Erfahrung als Theologiestudent, als Soldat und Kriegsgefangener im Ersten Weltkrieg, seine Stellung als Lehrer, als Militärgeistlicher und schließlich als Erzbischof von Paderborn.
Professor Dr. Rainer Pöppinghege, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Paderborn verantwortet den Beitrag „Lorenz Jaeger – der Frontkämpfer auf dem Bischosstuhl“, der Historiker Dr. Bernd Heim ist Autor des Beitrags „Ein Erzbischof für die Nazis? – Hintergründe der Wahl Lorenz Jaegers zum Erzbischof“. Professor Dr. Dietmar Klenke, Professor em. für Neueste Geschichte an der Universität Paderborn steuerte den Text „Kardinal Jaeger in der kirchenkritischen Öffentlichkeit: Moralische Entlastung oder Stigmatisierung als ‚Nazi‘-Bischof?“ bei.