Dieser Text ist ein Auszug aus dem Interview des „bonifatiusblatts“ – dem Mitgliedermagazin des Bonifatiuswerkes. Das Gespräch führte Hartmut Salzmann.
„Ich schöpfe Kraft aus meinem Glauben“
Herr Amthor, Sie sind bekennender Katholik. „Liebe Deine Feinde“ heißt es in der Bergpredigt. Ist das eine Haltung, die Ihnen hilft, manche von persönlichen Angriffen geprägte Reden zu verdauen?
In der Politik sollte es generell nicht auf Lautstärke und Häme von Angriffen, sondern auf Argumente ankommen. Aber nicht nur diese politische Grundüberzeugung, sondern tatsächlich auch der christliche Gedanke der Bergpredigt kann – übrigens nicht nur für mich persönlich, sondern auch für unsere Gesellschaft insgesamt – innere Distanz zu persönlichen Angriffen schaffen und verhindern, dass wir uns davon bestimmen lassen. Die Aufforderung zur Feindesliebe ist für mich insoweit auch politisch gewinnend. Sie sollte aber nicht als falsche Passivität gegenüber Unrecht missverstanden werden. Wenn Kritik – die ihrerseits natürlich Wesensmerkmal der Demokratie ist – in Ressentiments und Hass umschlägt, geraten grundlegende Werte unseres Zusammenlebens in Gefahr. Das dürfen wir nicht tolerieren.
Sie sind als junger Erwachsener getauft worden. Was hat Sie so bewegt, dass Sie gesagt haben: Jetzt ist der Moment für dieses Ja?
Das war nicht Ergebnis eines einzelnen Moments, sondern vielmehr das Ergebnis eines längeren Reifeprozesses. Dabei haben mich insbesondere Freunde ermuntert und unterstützt, die selbst fest im Glauben stehen. In meiner Familie und im gesellschaftlichen Umfeld meiner Jugend in Vorpommern spielte der christliche Glaube zunächst kaum eine Rolle – weshalb mir lange gar nicht klar war, welche große Kraft mir entgangen ist. Dafür, dass ich im Laufe der Jahre meinen eigenen Zugang zum Glauben finden konnte, bin ich sehr dankbar und schöpfe daraus heute viel Kraft.
Hat sich nach der Taufe Ihr Blick auf Verantwortung – politisch wie persönlich – verändert?
Er hat durch den Glauben an Tiefe gewonnen. Für mich ist – nicht nur als Christdemokrat, sondern auch als gläubiger Katholik – klar: Das christliche Menschenbild ist nicht nur politischer Kompass als zentrales Wertefundament unserer Verfassungsordnung, sondern zugleich auch persönlicher Auftrag. Verantwortung bedeutet für mich immer auch anzuerkennen, dass alle Menschen in ihrer Würde unantastbar, unverfügbar und frei sind. Aus Freiheit erwächst dabei Verantwortung für die Gemeinschaft, Solidarität und Nächstenliebe. Diese Werte tragen unsere Ordnung und sichern gesellschaftlichen Zusammenhalt – und sind mir auch als Christ fortwährender Auftrag.
Sie sind Jurist, Politiker und Christ. Gestatten Sie uns einen Einblick in Ihr Inneres: Streiten diese drei Amthor-Persönlichkeiten miteinander?
Das ist eine gute Frage. Ich würde den etwaigen Widerstreit dabei aber weniger als ein Gegeneinander beschreiben, sondern eher als positives Miteinander unterschiedlicher Perspektiven, die sich gegenseitig ergänzen und herausfordern. Und das halte ich übrigens auch für sehr gut so. Denn es erscheint mir nicht als Last, sondern als fortwährende Aufgabe, immer wieder aus verschiedenen Perspektiven abzuwägen, um am Ende verantwortungsvolle Entscheidungen treffen zu können.
Sprechen Sie regelmäßig mit Gott? Wenn ja: in welcher Form und an welchen Orten?
Die Heilige Messe ist mir persönlich wichtig und fester Ankerpunkt in hektischen Zeiten. Gleichwohl ist der Glaube für mich keine Frage fester Orte oder Zeiten, sondern eine Haltung, die den Alltag begleitet. Neben klassischen Formen wie regelmäßigem Gottesdienst und anlassbezogenem Gebet geht es mir dabei vor allem um Orientierung und Demut. Gerade in Zeiten politischer Schnelllebigkeit ist innere Verankerung besonders wertvoll.