Laden...

logocontainer-upper
logocontainer-lower
© Glasmalerei Peters Studios
© Glasmalerei Peters Studios

Räume zum Aufatmen: Die Kirchenfenster von Angelika Weingardt

Die Künstlerin Angelika Weingardt entwirft Fenster für Kirchen und Kapellen. Sie versucht mit Glas Räume zu gestalten, in denen Menschen Luft bekommen können.

Wenn Angelika Weingardt einen Kirchenraum betritt, stellt sie sich – mal weniger, mal mehr bewusst – zwei Fragen: „Wie kann ich hier atmen? Wo kann ich hier raus?“ Das hat nichts mit Notausgängen zu tun. Sondern mit der Wirkung des Raumes. „Man kommt in eine Kirche, ist kurz überwältigt und spätestens nach zehn Minuten geht man wieder raus. Und sobald man draußen ist, schnappt man nach Luft“, sagt sie. Weil man sich drinnen beengt gefühlt habe.

Was kann diese Wirkung hervorrufen? Es sind meistens eine ganze Reihe von Faktoren, sagt die Künstlerin. Manchmal sind es die Fenster. Sie seien in vielen Kirchen von einem mittelalterlichen Gedanken geprägt: „Der Kirchenraum als ein eigener, von der ‚Welt‘ abgetrennter Kosmos.“ In vielen Fenstern wird die Transparenz bewusst so weit zurückgenommen, dass der umgebende Außenraum nicht mehr sichtbar ist. Warum? „Der Kirchenraum verweist so auf eine jenseitige, nicht-sichtbare Welt. Und ich sage nicht, dass dieser Gedanke falsch wäre.“

Fenster zur Welt

Doch dass Menschen erst aufatmen, wenn sie die Kirche verlassen, kann es ja auch nicht sein. In Weingardts Augen besteht oftmals ein Widerspruch zwischen dem einladenden Selbstanspruch der Kirche und der tatsächlichen Atmosphäre in den Kirchenräumen. „Wenn ich also die Chance habe, in einen Raum einzugreifen, dann möchte ich etwas tun, damit Menschen in ihm Luft bekommen.“

Deshalb versucht sie, „eine Durchlässigkeit zwischen dem Kirchenraum und dem Außenraum zu schaffen“. Das ist nicht einfach mit klaren Fensterscheiben getan. Am Material Glas fasziniert Weingardt das Spiel mit Transparenz, Transluzenz und Opazität. Also, ob man durch ein Fenster etwas sieht, wie viel man sieht und was man dadurch für ein Licht im Innenraum schafft. Und „Glas trägt das Metaphorische immer schon in sich.“ Zum Beispiel simuliert es Nähe, wo keine ist, weil auch eine Glaswand immer noch trennt.

 

Angelika Weingardt

Angelika Weingardt wurde 1965 geboren. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Glasmalerin. Danach studierte sie Kunst an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und an der Bezalel School of Arts an Design in Jerusalem. Seit 1998 arbeitet sie als freischaffende Künstlerin und übernimmt Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen.

 

Einblicke in Rückzugsorte

Kirchen und Kapellen sind auch Rückzugsorte vom Trubel der Welt. Über eine Öffnung zu sprechen, mag da zunächst paradox klingen. Neben dem Luft-holen-Können im Innern, wirkt die Offenheit aber auch noch in eine andere Richtung: „Wenn Menschen keine Möglichkeit haben, in einen Raum hineinzuschauen, gehen sie nicht rein.“ Daher gibt es bei der von ihr gestalteten ökumenischen Kapelle im Frankfurter Flughafen eine Stelle, von der man von außen in den Raum schauen kann. Damit man weiß, was einen dort erwartet. Drinnen kann man sich aber so setzen, dass man störenden Blicken von außen nicht ausgesetzt ist.

Wer die Werke von Angelika Weingardt betrachtet, dem fällt auf, dass sie überwiegend abstrakt arbeitet. Linien und geometrische Formen spielen eine große Rolle. Figuren und Schrift werden nur selten und sehr bedacht eingesetzt. Fische oder Weizenähren sucht man bei ihr vergebens, weil „Symbole den Kopf erreichen. Das ist dann ein rationales Abhaken von Bekanntem.“ Und die, die nicht kirchlich sozialisiert sind, finden womöglich gar keinen Zugang.

Mit abstrakter Glaskunst ein Ahnen anstoßen

Kunst wirke sowohl auf einer bewussten als auch auf einer unbewussten Ebene, sagt Weingardt. Sie versuche mit ihren Werken eher „ein Ahnen zu ermöglichen, dass hinter, unter und über dem, was wir als Wirklichkeit wahrnehmen, noch viel mehr ist.“ Ihre Fenster sollen eine Stimmung schaffen, in der das möglich ist. „Wenn ich ein Ahnen, ein leises Fragen anstoße, habe ich schon viel erreicht.“ Eine Ahnung, die bei den Menschen, die in diese Räume gehen, bestenfalls in ein Suchen mündet, sagt Weingardt.

Unendliche Ranken und Milchglasrauten

Das Werk von Angelika Weingardt ist vielfältig: In der Kirche in Dobel überlappen sich die Grundfarben Rot, Grün und Blau direkt hinter einem im Raum hängenden Kruzifix zu einem weißen Dreieck. In Lauffen am Neckar ranken sich unendliche Linien, teils in Blei, teils gemalt, über zehn Meter in die Höhe. In Koblenz breitet sich ein gläserner Teppich aus Rauten im Wechselspiel aus Milchglas und klarem Glas aus.

Einen Einblick in Weingardts Schaffen finden Sie auf ihrer Homepage.

Inspiration kommt von außen

Auch der Entwurfprozess ist ein konstantes Suchen. „Ich weiß nie direkt, was ich in einem Raum mache. Es ist ein Suchen nach dem, was ich gar nicht kenne.“ In ihrem künstlerischen Schaffensprozess sei sie, wie andere Kunstschaffende auch, von Einfällen und Zufällen abhängig. Es muss einem das eine oder andere zufallen.“ Die Worte Einfall und Wort Inspiration zeigten an, dass etwas von außen komme. Wie sie dieses Außen nennen soll, weiß sie nicht. Sie sagt „nicht-sichtbar“, „das Größere“, einmal sagt sie „Gott“.

Sie möchte aber ihre Kunst nicht überhöht wissen. Ideen kommen, werden ausgearbeitet, präzisiert, weiterentwickelt – normale künstlerische Entwurfsarbeit. Die bleibt Menschenwerk und damit vergänglich. „Wenn eine Gemeinde in 20 Jahren neue Fenster haben möchte, kann ich damit leben“, sagt sie.

Fenster für die Ewigkeit?

Der Entwurfprozess sei anstrengend, sagt sie. Irgendwann – teilweise erst nach Dutzenden verworfenen Entwürfen und schlaflosen Nächten – finde sie zu einem Gesamtkonzept, das Inhalt und Form stimmig ineinander verwebe. Dann geht es wieder bergauf und es geht an die Präsentation der Entwürfe, die Produktion und schließlich den Einbau der Fenster.

Vielleicht ist es ihr eigenes Suchen, durch das ihre Fenster Räume dahin verwandeln, dass auch andere Menschen in ihnen suchen und fragen können. Dass sie dort zu sich und zu Gott finden können. Dass sie dort Luft bekommen.

Ein Beitrag von:
Redakteur

Cornelius Stiegemann

Weitere Einträge

© Tobias Schulte / Erzbistum Paderborn

Unser Glaube Es geht ums Teilen

Ein Brötchen gegen eine Spende: Bei der Aktion Minibrot der KLJB unterstützen junge Menschen Projekte weltweit. Luisa und Luis erzählen, was das mit ihrem Glauben zu tun hat.
© Besim Mazhiqi

Unser Glaube Jeder Mensch hat einen Engel

Bei aller Vereinnahmung durch den Kommerz: Im Kern sind Schutzengel christliche Figuren! Daran erinnert die Archivalie des Monats zum Gedenktag der heiligen Schutzengel am heutigen 2. Oktober.
© Reinhard Goette

Unser Glaube Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen

In der tausendjährigen Geschichte von St. Petrus in Padberg wurde die Kirche von den Menschen „durchgebetet“
Kontakt
| |
generalvikariat@erzbistum-paderborn.de
+49 (0)5251 125-0