Wenn Angelika Weingardt einen Kirchenraum betritt, stellt sie sich – mal weniger, mal mehr bewusst – zwei Fragen: „Wie kann ich hier atmen? Wo kann ich hier raus?“ Das hat nichts mit Notausgängen zu tun. Sondern mit der Wirkung des Raumes. „Man kommt in eine Kirche, ist kurz überwältigt und spätestens nach zehn Minuten geht man wieder raus. Und sobald man draußen ist, schnappt man nach Luft“, sagt sie. Weil man sich drinnen beengt gefühlt habe.
Was kann diese Wirkung hervorrufen? Es sind meistens eine ganze Reihe von Faktoren, sagt die Künstlerin. Manchmal sind es die Fenster. Sie seien in vielen Kirchen von einem mittelalterlichen Gedanken geprägt: „Der Kirchenraum als ein eigener, von der ‚Welt‘ abgetrennter Kosmos.“ In vielen Fenstern wird die Transparenz bewusst so weit zurückgenommen, dass der umgebende Außenraum nicht mehr sichtbar ist. Warum? „Der Kirchenraum verweist so auf eine jenseitige, nicht-sichtbare Welt. Und ich sage nicht, dass dieser Gedanke falsch wäre.“
Fenster zur Welt
Doch dass Menschen erst aufatmen, wenn sie die Kirche verlassen, kann es ja auch nicht sein. In Weingardts Augen besteht oftmals ein Widerspruch zwischen dem einladenden Selbstanspruch der Kirche und der tatsächlichen Atmosphäre in den Kirchenräumen. „Wenn ich also die Chance habe, in einen Raum einzugreifen, dann möchte ich etwas tun, damit Menschen in ihm Luft bekommen.“
Deshalb versucht sie, „eine Durchlässigkeit zwischen dem Kirchenraum und dem Außenraum zu schaffen“. Das ist nicht einfach mit klaren Fensterscheiben getan. Am Material Glas fasziniert Weingardt das Spiel mit Transparenz, Transluzenz und Opazität. Also, ob man durch ein Fenster etwas sieht, wie viel man sieht und was man dadurch für ein Licht im Innenraum schafft. Und „Glas trägt das Metaphorische immer schon in sich.“ Zum Beispiel simuliert es Nähe, wo keine ist, weil auch eine Glaswand immer noch trennt.