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Ein offenes Ohr für Nöte und Leid

Michael Hillenkamp über die Arbeit der Telefonseelsorge an Weihnachten und in Pandemie-Zeiten

Ein Gespräch über die Arbeit der Telefonseelsorge an Weihnachten und in Pandemie-Zeiten mit Michael Hillenkamp, Diözesanbeauftragter

Auch an Weihnachten gibt es Menschen, die arbeiten – und manche bekommen noch nicht einmal Geld dafür. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge gehören zu dieser Gruppe. An einem Fest, an dem sich die Mehrheit der Bevölkerung ins Private zurückzieht, sitzen sie am Telefon und hören zu. Sie öffnen ihr Ohr für die Nöte und das Leid derjenigen, die am Fest der Liebe niemanden zum Reden haben.

„Viele übernehmen ganz bewusst eine Schicht an Weihnachten – als Geschenk für diejenigen, die einsam sind“, weiß Michael Hillenkamp, Diözesanbeauftragter für die Telefonseelsorge im Erzbistum Paderborn. „Viele haben selbst Krisen in ihrem Leben erfahren, sie wissen, wie es ist, wenn es einem schlecht geht. Und weil das so ist, begegnen sie den Anrufenden auf Augenhöhe.“

Einsamkeit ist das beherrschende Thema

Einsamkeit sei tatsächlich das beherrschende Thema dieser Tage, so Hillenkamp. Die Corona-Pandemie habe dies noch verschärft: „Wir merken erst, wie wichtig soziales Leben ist, wenn wir es nicht mehr haben“, sagt er. „Man muss ständig mit der Vernunft gegen den natürlichen Drang nach Nähe angehen, zum Beispiel einen Angehörigen in den Arm zu nehmen. Und das ist anstrengend.“ Gleichzeitig macht Hillenkamp Mut, das Corona-bedingte Alleinsein in diesem Jahr anzunehmen: „Warum soll es nicht möglich sein, Weihnachten für sich zu feiern? Es ist zwar ungewohnt, man hat es ja nicht trainiert. Aber warum soll man es sich nicht allein gut gehen lassen können?“

In Chats und Mails, über die man die Telefonseelsorge ebenfalls kontaktieren kann, gehe es um andere Nöte als am Telefon, berichtet der Diözesanbeauftragte für die Telefonseelsorge weiter. „Die Menschen, die sich über diese Kanäle melden, sind jünger. Hier bekommen es unsere Mitarbeitenden mit Selbstverletzungs- oder sogar Suizidgedanken zu tun – das hat seit Beginn der Pandemie zugenommen.“ Ob Corona tatsächlich zu einem Anstieg der Suizide geführt hat, kann Hillenkamp nicht sagen: „Hier gibt es noch keine verlässlichen Zahlen.“

Der harte Lockdown seit dem 16. Dezember habe sich bisher nicht so stark auf die Arbeit der Telefonseelsorge ausgewirkt, meint Hillenkamp. „Die Zahlen sind nur leicht angestiegen. Letztlich glaube ich sogar, dass der Lockdown unsere Arbeit an Weihnachten entspannter macht. Es war die Unklarheit und Unsicherheit, die die Menschen gestresst hat. Jetzt wissen sie, woran sie sind – das entlastet.“

“Es wurde intensivste Seelsorge geleistet.”

Beim Frühjahr-Lockdown habe das ganz anders ausgesehen, blickt Hillenkamp zurück. Da sei die Zahl der Anrufe um 30 bis 40 Prozent angestiegen. „Auch damals hat Corona die Themen verschärft, die ohnehin schon da waren: Angst, Depression und Einsamkeit. Wir sind aber auch einer neuen Art von Not begegnet, die es so vorher noch nicht gab: Viele Menschen hat es sehr belastet, dass sie ihre Angehörigen in Krankenhäusern oder Seniorenheimen nicht mehr besuchen konnten.“

Zu der Behauptung, Kirche habe sich während des erstens Lockdowns zurückgezogen, hat der Diözesanbeauftragte für die Telefonseelsorge eine klare Meinung: „Es konnten keine öffentlichen Gottesdienste gefeiert werden, das stimmt. Aber Kirche hat stattgefunden: in Krankenhäusern, in Seniorenheimen, in der Telefonseelsorge. Es wurde intensivste Seelsorge geleistet. Viele motivierte Mitarbeitende haben damals mehrere Schichten übernommen. Man musste aufpassen, dass sie sich nicht zu viel zumuteten und ‚corona-müde‘ wurden.“

24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr

Selbstsorge und die eigene Psychohygiene sind ohnehin wichtige Themen für alle, die bei der Telefonseelsorge arbeiten. Für die Mitarbeitenden ist eine regelmäßige Teilnahme an Supervisionsveranstaltungen Pflicht. Außerdem wird Wert darauf gelegt, dass die Telefonate ausschließlich in den Dienststellen stattfinden und nicht zu Hause. „Es gibt auch bedrohliche und beängstigende Anrufe“, so Hillenkamp. „Suizidandrohungen zum Beispiel, manchmal auch eine sexualisierte Sprache. So etwas sollte man draußen lassen und nicht mit ins Private nehmen.“ Wichtig ist auch, dass die Zeit der Bereitschaft am Telefon klare Grenzen hat. „Die Schichten dauern in der Regel vier bis fünf Stunden. Unsere Ehrenamtlichen wissen also genau, wann ihre Schicht zu Ende ist und können sich darauf verlassen, dass es nicht länger dauert“

Gemeinsam machen es alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trotzdem möglich, dass hilfesuchenden Menschen das Angebot der Telefonseelsorge immer zur Verfügung steht: 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Auch und gerade an Weihnachten.

Die Telefonseelsorge ist unter den folgenden Nummern erreichbar:

0800.1110111

0800.1110222

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