Caritas als theologischer Erkenntnisort
Rektor Prof. Dr. Aaron Langenfeld hob hervor, dass Eva Maria Welskop-Deffaa nach vier Vorgängern die fünfte Ehrenpromovendin und zugleich die erste Frau ist, der die Fakultät diese höchste akademische Würdigung zuteilwerden lässt. Ausgezeichnet werde ihr auf christlichen Werten basierendes Wirken an den Schnittstellen von Caritas, Politik und Wirtschaft. Mit der Verleihung setze die Fakultät zugleich einen eigenen hochschulpolitischen Akzent: Man wolle die theologische Relevanz gelebter Nächstenliebe und einer authentischen diakonischen Kirchenentwicklung unterstreichen. Die Caritas sei kein von Lehre und Liturgie separierter Bereich, sondern ein „echter Erkenntnis- und Entwicklungsort von Kirche“. Zugleich verwies Langenfeld auf das caritas- und sozialwissenschaftliche Profil des Standorts Paderborn, das künftig in noch engerer Kooperation mit dem Sozialinstitut Kommende Dortmund vertieft werden soll, und gratulierte Erzbischof Bentz zur Übernahme des Vorsitzes der bischöflichen Kommission für gesellschaftliche und caritative Fragen.
Glaube als Fundament für gesellschaftspolitische Reformen
Gabriel Lenz aus dem Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz überbrachte das Grußwort von Erzbischof Stephan Burger (Freiburg), bis Ende September 2026 Caritas-Bischof der Deutschen Bischofskonferenz. Darin hob Erzbischof Burger hervor, wie überzeugend es Welskop-Deffaa gelinge, christliche Grundwerte mit wissenschaftlicher Expertise zu verknüpfen: „Sie haben dabei unseren Glauben als Fundament genutzt und diesen mit sozial-, wirtschafts- oder naturwissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden. In einer säkularen Gesellschaft wie der unseren kann es nur in dieser Verbindung heute noch gelingen, überzeugend zu argumentieren, um für Notleidende, Bedürftige, Schwache, Arme und Kranke – die Menschen an den Rändern der Gesellschaft – Verbesserungen in den Systemen zu erreichen, die zu deren Unterstützung eingerichtet wurden.“ Welskop-Deffaa habe im besten Sinne des Wortes etwas befördert und vorangebracht – als profilierte Stimme der Caritas, der Kirche und des Evangeliums.
Verlässlichkeit, Vertrauen und kooperative Führung
Diözesan-Caritasdirektor Ralf Nolte (Paderborn) unterstrich in seinem Grußwort den prägenden Führungsstil der Geehrten: „Du hast mit Deiner offenen und zugewandten Art Türen geöffnet für einen anderen Führungsstil und ein kooperatives Miteinander in der Caritas. Als Präsidentin des DCV hast Du auf soziale Probleme hingewiesen und der Caritas eine starke sozialpolitische und gesellschaftliche Stimme gegeben.“ Zudem verwies Nolte darauf, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt vor allem dort wachse, wo Menschen Vertrauen säen und sich authentisch für ihre Werte einsetzen. Welskop-Deffaa sei so zu einer zentralen Vertrauensperson innerhalb und außerhalb des Verbandes geworden. Die Verleihung der Ehrendoktorwürde würdige diese Verdienste und zugleich die Haltung, dass christlicher Glaube tätige Verantwortung für Mitmenschen und Demokratie bedeutet.
Laudatio: Grenzgängerin und Brückenbauerin zwischen Theorie und Praxis
Die Laudatio hielt Prof. Dr. Stephan Rixen vom Institut für Staatsrecht an der Universität zu Köln. Er beschrieb Welskop-Deffaa als eine „Grenzgängerin“, die Denk- und Aktionsimpulse setze, welche Theorie und Praxis gleichermaßen verändern. Rixen betonte: „Indem Eva Maria Welskop-Deffaa immer wieder ganz unterschiedliche Welten miteinander ins Gespräch bringt – und immer spielt die Welt der Caritas eine tragende Rolle –, sorgt sie dafür, dass Theorie und Praxis sich wechselseitig befruchten, aber auch die Maxime zu ihrem Recht kommt, dass nichts praktischer ist als eine gute Theorie.“
Der Laudator hob weiter hervor, dass die Geehrte ein feines Gespür für drängende Zukunftsthemen besitze und diese frühzeitig in die gesellschaftliche Debatte einbringe. Dafür führe sie wissenschaftliche Erkenntnisse und konkrete Praxiserfahrungen der Wohlfahrtspflege zusammen. Zudem gebe sie der Caritas ein prominentes Gesicht weit über den Raum der Kirche hinaus und mache deutlich, dass der caritative Einsatz ein unverzichtbarer Grundvollzug kirchlichen Lebens sei.
Festvortrag: Für eine „Kultur der Mitverantwortung“
Nach der feierlichen Überreichung der Promotionsurkunde hielt Dr. theol. h. c. Eva Maria Welskop-Deffaa ihren Promotionsvortrag zum Thema „Für eine ‚Kultur der Mitverantwortung‘. Das Subsidiaritätsprinzip als Mutmach-Prinzip“. Darin plädierte sie für eine Neuentdeckung des Subsidiaritätsprinzips, das auf einem christlich-humanistischen Menschenbild gründe und den Menschen als freies, schöpferisches Individuum ins Zentrum stelle. Unter Rückgriff auf Roman Herzog hob sie dessen genuin antitotalitäre Dimension hervor: Subsidiarität und Solidarität bedingen einander, da Selbstbestimmung untrennbar mit Mitverantwortung verbunden ist.
In Anlehnung an Papst Leos Enzyklika „Magnifica humanitas“ forderte Welskop-Deffaa eine Kultur des Miteinanders und warnte vor einer Verengung des Begriffs auf reine „Eigenverantwortung“: Nicht das isolierte „Eigen“, sondern das verbindende „Mit“ im Sinne einer geteilten Verantwortung (shared responsibility) für den Nächsten, die Schöpfung und das Gemeinwohl bilde den Kern subsidiären Handelns. Ein handlungsfähiger Staat dürfe sich dabei nicht zurückziehen, sondern müsse die Rahmenbedingungen schaffen, die es Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft ermöglichen, das Gemeinwesen aktiv mitzugestalten.
Musikalisch umrahmt wurde der Festakt von Jana Telgenbüscher am Violoncello und Marianne Wiemann am Flügel.