Habemus papam: Kardinal Robert Francis Prevost ist Papst Leo XIV. Damit sitzt nach dem Jesuiten Franziskus zum zweiten Mal in Folge ein Ordensgeistlicher und zum ersten Mal überhaupt ein Augustiner auf dem Stuhle Petri. Was kann uns die Ordenszugehörigkeit über den neuen Papst sagen? Dazu haben wir mit einer Frau gesprochen, die bestens mit der augustinischen Ordensregel vertraut ist: Sr. M. Ancilla Ernstberger, Oberin der Augustiner Chorfrauen im Paderborner St. Michaelskloster.
Der Schwerpunkt liegt auf Gemeinschaft und Einheit
Sr. Ancilla, mit Papst Leo XIV. wurde ein Geistlicher aus Ihrer Ordensfamilie zum Papst gewählt. Wie haben Sie das erlebt?
Wir haben im Vorfeld schon viel an das Konklave gedacht und gebetet, dass der Heilige Geist gut wirken und die Kardinäle auch gut auf ihn hören mögen. Am 8. Mai feierten wir dann gerade die Abendmesse, als ein Gast während des Gottesdienstes aufstand, zum Zelebranten ging und ihm etwas ins Ohr flüsterte. So haben wir vom weißen Rauch erfahren. Nach der Messe sind wir dann nicht zum Abendessen, sondern direkt nebenan zum Fernsehgerät gegangen und haben gewartet, wer nun der neue Papst ist. Ich hatte in der Übertragung nur den Namen „Prevost“ verstanden und dann schnell den Namen am Handy in die Suchmaschine eingegeben. Da habe ich auch direkt das Ordenskürzel „OSA“ für den Orden des heiligen Augustinus gesehen. Das hat uns schon erstaunt. Der Name „Prevost“, der ja wie so oft eher eine Überraschung war, war uns nicht sofort bekannt. Wir bilden im Orden der Augustiner Chorfrauen autonome Gemeinschaften in einer Föderation und unterstehen keinem Abtpräses oder Generalprior. Man versteht sich, auch wenn die Kontakte eher informell sind, aber trotzdem als augustinische Familie. Dementsprechend war die Freude unter uns natürlich riesengroß.
Ist es für Sie etwas Besonderes, dass nun ein Augustiner Papst ist?
Ich empfinde das als etwas sehr Besonderes. Wir hatten mit Benedikt XVI. noch vor einigen Jahren einen deutschen Papst. Und jetzt bei Papst Leo XIV., einem Augustiner, einem aus unserer Ordensfamilie, fühle ich emotional sogar nochmal stärker mit. Das ist bei meinen Mitschwestern genauso. Ich weiß, welche Dinge in seiner eigenen Ordensausbildung von Bedeutung waren. Wenn jemand als Generalprior zwölf Jahre im Amt war, also nach sechs Jahren wiedergewählt wurde, dann hat er das mit Sicherheit gut gemacht. Sonst wird man kein zweites Mal in dieses Amt gewählt. Er muss in seinem alltäglichen Ordensleben vertrauenswürdig gewesen sein. Zudem hat er in seiner Position Erfahrung in der Ausbildung von Novizen und Seminaristen gesammelt. Leo XIV. hat also von einer großen Gemeinschaft breite Zustimmung erfahren, die ihn im Alltag, mit seinem Einsatz sowie seinem Temperament in Gesamtheit und nicht nur in einzelnen Ausschnitten erlebt hat. Das halte ich für sehr überzeugend.
Die Klosterkirche St. Michael in Paderborn
Wieso, glauben Sie, fiel die Wahl der Kardinäle auf Leo XIV.?
Er verbindet ganz Vielfältiges in seiner Person. Er ist US-Amerikaner, hat aber viele Jahre in Südamerika gelebt. Der Papst ist in der Ersten Welt zu Hause, war aber mit Blick auf die dortigen Reaktionen auch in Peru höchst anerkannt. Er spricht viele Sprachen. Die letzten beiden Jahre war er im Dikasterium für die Bischöfe tätig – weg von der missionarischen zu einer administrativen Aufgabe. Es muss die Kardinäle beeindruckt haben, dass er scheinbar beide Bereiche sehr gut gemeistert hat. Ich glaube, dass auch Franziskus, der ihn vor zwei Jahren zum Kardinal ernannt hat, ihn als einen möglichen Nachfolger gesehen hat: Er ist ein Mann, der den unter Franziskus eingeschlagenen Weg, den synodalen Prozess, weiterbringen und die Einheit der Kirche bewahren kann.
Leo XIV. ist Mitglied des Augustinerordens. Sie sind als Augustiner Chorfrau Teil derselben Ordensfamilie. Was besagt die Ordensregel des heiligen Augustinus?
Augustinus hat keine enge Ordensregel geschrieben. Viele Gemeinschaften wie die Dominikaner oder die Schwestern der Christlichen Liebe leben nach dieser Regel. Augustinus beruft sich auf das vierte Kapitel der Apostelgeschichte, wo es heißt: „Die Menge derer, die gläubig geworden waren, war ein Herz und eine Seele.“ Also wir sollen in Einmütigkeit leben auf dem Weg hin zu Gott. Das Ordensleben ist ein Weg. Mit seinem Wort der „Caritas“ ist Augustinus sehr präsent. Daher wird er auch oft mit brennendem Herzen dargestellt, weil ihm diese Liebe zu Gott, dem Evangelium und zu den Menschen wichtig war. Im augustinischen Ordensleben geht es nicht darum möglichst asketisch zu leben, sodass es einen möglicherweise an der persönlichen Entfaltung hindert. Es geht vielmehr darum das Evangelium kennenzulernen und zu leben. Wir haben den Auftrag in unserem Leben die Worte der frohen Botschaft zu verwirklichen. Deswegen war es auch so passend, dass Papst Leo XIV. bei seiner ersten Generalaudienz mit einem Bildnis des Gleichnisses vom Sämann begann. Wohin fallen denn bei mir die Samenkörner, die Worte des Evangeliums? Wie ist der Boden meines Herzens beschaffen? Kann da etwas wachsen?
Das Wappen Papst Leo XIV.
Das Papstwappen Leo XIV. zeigt seine Verbundenheit mit der augustinischen Lehre. Während im blauen Feld mit der Lilie ein Zeichen der Gottesmutter Maria dargestellt ist, zeigt das weiße Feld die Symbole des Augustinerordens und der augustinischen Lehre: Liebe, frohe Botschaft und Einheit.
Die Liebe („Caritas“) als zentrales Motiv wird durch das von einem Pfeil durchbohrte brennende Herz ausgedrückt. Das Buch ist Zeichen für die Gegenwart Gottes im Wort, das jedes Herz wie das des Augustinus berühren kann. Der Wahlspruch des Papstes „In Illo uno unum“ nimmt Bezug auf eine überlieferte Predigt des Heiligen und betont die Einheit. Auch wenn es viele Christen auf der Welt gibt, sind wir in jenem Einen, in Christus, eins.
Was zeichnet den Orden der Augustiner Chorfrauen aus?
Alle augustinischen Gemeinschaften verbindet, dass der Schwerpunkt auf dem Gemeinschaftsleben und der Einheit liegt. Das findet sich bei Augustinus. Auch der Papst hat in vergangenen Interviews sofort die Gemeinschaft als wichtigen Punkt herausgestellt. Chorgebet ist bei uns Gemeinschaftsgebet. Dieses Gebet aus dem Stundenbuch verrichten wir wie die Priester im Auftrag der Kirche. Uns als Augustiner Chorfrauen kennzeichnet zudem der Bildungsauftrag. Bildung ist eine apostolische, eine caritative Aufgabe. Wir sehen es auf der ganzen Welt: Sobald Menschen Bildung bekommen, geht es aufwärts – für den Staat, gesellschaftlich, für die Frauen. Schon bei der Gründung des Ordens 1597 wurde ihm als zentrale Aufgabe die Mädchenbildung übertragen. Zu der Zeit gab es keine flächendeckende Schulbildung für Mädchen, wenn sich die Familie keine Privatlehrer leisten konnte. Durch diese Bildung sollten die Frauen selbstständiger von ihren Ehemännern werden und ihre Kinder besser erziehen können, womit auch die gesellschaftliche Wirksamkeit der Frauen gesteigert werden sollte. Dieser emanzipatorische Gedanke durch die Frauenbildung ist uns auch heute noch wichtig.
Sie sind 1982 in den Orden der Augustiner Chorfrauen eingetreten. Wie kam es dazu?
Ich bin Paderbornerin, habe hier auch studiert: Geographie und Theologie, später kamen noch Deutsch und im Schuldienst Französisch hinzu. Nach dem Ersten Staatsexamen bin ich in den Orden eingetreten. In der Vorbereitung auf diese Prüfung habe ich mich sehr viel mit dem russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewski auseinandergesetzt. Durch seine Romanfiguren und die existenziellen Themen seiner Werke ist meine Seele weicher und aufnahmefähiger geworden. Ich habe gespürt, dass das Evangelium wirklich etwas mit meinem Leben zu tun hat. Besonders das Gleichnis vom barmherzigen Samariter hat mich bewegt. Ich habe mich gefragt: Was bedeutet das für mich als Getaufte? Was bedeutet das für mein praktisches Leben als Christin? Das ging bis zu einem Punkt an Heiligabend 1981, an dem ich zur Entscheidung kam, dass ich etwas an meinem Leben ändern möchte, dass ich auch vor mir selbst glaubwürdiger leben will. Nach einer Woche innerem Ringen mit Gott habe ich dann „Ja“ zum Ordensleben gesagt.
Bildnis des heiligen Augustinus im Michaelskloster
Wieso sind Sie dann dem Orden der Augustiner Chorfrauen beigetreten?
Für die Augustiner Chorfrauen habe ich mich aus mehreren Gründen entschieden: Gemeinschaften, die vornehmlich in der Krankenpflege oder in der Mission arbeiten, schienen mir aufgrund meines bisherigen Lebensweges und meiner Ausbildung nicht zu passen. Zudem wusste ich, dass das gemeinsame über den Tag verteilte Chorgebet fester Bestandteil ist. Außerdem spielten für die Entscheidung die Stabilitas loci, also das Bleiben in einem Kloster, sowie der Bildungsauftrag eine wichtige Rolle.
Welche Aufgaben hat Ihre Gemeinschaft heute?
Seit 2012 sind die Michaelsschulen, in die wir personell und finanziell sehr viel investiert haben, nicht mehr in unserer Trägerschaft. Mittlerweile arbeitet nur noch eine Schwester in Paderborn aktiv im Schuldienst. Wir unterstützen jetzt häufig andere augustinische Gemeinschaften bei ihren Bildungsprojekten beispielsweise in Afrika. Daher haben wir uns schon vor Jahren gefragt: Wie können wir weiterhin auch hier vor Ort wirksam bleiben? Was können wir mit unseren Gaben machen? Wir sind wegen des Alters nicht zur Untätigkeit verpflichtet. Wir sehen, dass vor allem junge Menschen keinen Halt haben, keinen Sinn spüren oder sich einsam fühlen. Das geistliche Leben liegt im Argen. Da hat Kirche etwas zu sagen und wir als Ordensgemeinschaft auch.
Welche Antworten auf diese Entwicklung bieten Sie hier in Paderborn?
Für uns sind weiterhin das Gemeinschaftsleben und das Chorgebet wichtig. Alle unsere Gottesdienste und Gebete in der Michaelskirche sind öffentlich. Auch Angebote in Kontemplation, Meditation und Eutonie gehören dazu. Ich biete viermal im Jahr ein Taizé-Gebet an, was immer sehr gut besucht ist. Viele Menschen kommen mit Anfragen für seelsorgliche Gespräche oder auch für Exerzitien zu uns. Eine ehemalige Schülerin von mir bereitet sich beispielsweise gerade bei uns auf ihr Examen vor. Wichtig ist uns auch praktizierte Gastfreundschaft. Menschen, die zu uns kommen, werden nicht gefragt, ob sie denn auch katholisch sind. Jede und jeder, der die Stille des Hauses mitträgt, ist bei uns herzlich willkommen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Chorgebet in der Michaelskirche