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© Roland Jung
© Roland Jung

Das Leben feiern

Funken des Glaubens auf der Soester Allerheiligenkirmes entdecken

Es ist wieder Soester Allerheiligenkirmes. Fünf Tage Ausnahmezustand, vom 3. bis 7. November 2021. Fachwerkhäuser, Kirchen, Karusselle und Bierbuden prägen das Stadtbild. Die Soester Kirmes ist die größte Altstadtkirmes in Europa. Sie steht für Nervenkitzel, Feiern und Gemeinschaft – aber auch Rausch und Exzess.

Doch: Lässt sich auch Gott auf der Kirmes entdecken? Ist bei aller Heiterkeit auch ein Funken des Glaubens zu finden? Fragen, über die wir mit dem Soester Propst Dietmar Röttger und Pfadfinderin Katharina Topp sprechen.

Party in der Propstei

Freitag vor der Kirmes. Propst Röttger spricht gerade mit dem Wirt, der in den kommenden Tagen die Garagen und Parkplätze der Propstei in ein Partyzelt verwandelt. Quasi direkt neben Röttgers Schlafzimmer. „Nach Kirmes kenne ich bestimmt das neue Album von Helene Fischer auswendig“, sagt er scherzhaft. Und: „Ich freue mich darauf, dass das Gefühl der Lebensfreude wieder in der ganzen Stadt auftaucht. Es gab ja auch depressive Phasen, in denen jeder vor sich hingestochert hat“.

Das Leben feiern. Darin sieht Röttger eine erste Verbindung von Kirmes und Glauben. Er sagt: „Das Leben als Geschenk anzunehmen und jetzt mit anderen zu feiern – das hat schon viel mit der Botschaft zu tun, die wir verkünden: Dass das Leben immer wieder neu aufbricht“. Dabei unterscheidet Röttger sehr wohl zwischen feiern und trinken, um sich zu betäuben.

 

Der Begriff Kirmes ist eine Abkürzung für Kirchweihmesse. In Soest hat sich – wie in vielen anderen Städten auch – ein Jahrmarkt rund um den Tag einer bedeutenden Kirchweihe gegründet. In Soest handelt es sich um die Weihe der Kirche St. Patrokli im Jahr 1166. Die Soester Kirmes könnte bis in diese Zeit zurückreichen. Schriftlich belegt ist die erste Allerheiligenkirmes 1338. So wird 2021 die 863. Allerheiligenkirmes gefeiert.

Endlich Menschen wiedersehen

Katharina Topp kommt zum Gespräch dazu. Die 22-Jährige ist Vorsitzende des Pfadfinder-Stamms St. Patrokli Soest. Sie studiert in Bochum Geographie. Für die Kirmes kommt sie natürlich nach Hause.

Gemeinsam brechen wir zu einem kleinen Rundgang auf. Neben dem Patrokli-Dom steht schon eine Geisterbahn im Dschungel-Look, auf dem Marktplatz sind die berühmte Schiffsschaukel „Nessy“ und der „Musikexpress“ aufgebaut.

Katharina Topp erzählt, dass der Marktplatz ihr Lieblingsort auf der Kirmes ist. Von hier aus gehen mehrere Abzweigungen aus, hier trifft sie die meisten Bekannten. Kirmes bedeutet für sie: „Menschen wiedersehen.“ Wie leicht das ist, wird auf dem kleinen Rundgang schon deutlich.

Mal kreuzt Topps Onkel den Weg, mal fährt eine ehemalige Schulfreundin auf dem Fahrrad vorbei. „Die habe ich seit vier Jahren nicht gesehen“, sagt Katharina Topp. „Wenn ich sie auf der Kirmes sehe, gebe ich ihr ein Bullenauge aus, frage wie es ihr geht und freue mich, sie gesehen zu haben“. Bullenauge ist in Soest übrigens das Kirmes-Getränk: ein Kaffeelikör, der mit einem Schuss Sahne getrunken wird.

© Tobias Schulte / Erzbistum Paderborn
Katharina Topp und Propst Dietmar Röttger besichtigen den Kirmes-Aufbau.

Eine gewisse Leichtigkeit

Trotz allen spontanen Treffen ist Kirmes auch dafür da, um mit vertrauten Gruppen loszuziehen. Bei Katharina Topp zum Beispiel mit den Pfadfindern aus Soest. Sie sagt: „Uns verbindet der Glaube. Deshalb ist es gut, dass wir wieder gemeinsam etwas machen können: heute auf der Kirmes und übermorgen im Gottesdienst“.

Vom Marktplatz aus gehen wir zum Parkplatz am Großen Teich. Ein Mitarbeiter säubert die Trittbleche des Autoscooters mit einem Wasserschlauch. Bei der Achterbahn „Wilde Maus“ fehlen nur noch die Waggons. Röttger erzählt, wie er vor zwei Jahren mit dem Bürgermeister der Gemeinde Möhnesee in der „Wilden Maus“ gefahren ist. „Das war cool“, sagt er.

Katharina Topp kommentiert: „Da fällt dann auch ein bisschen die Strenge voreinander, oder?“ Röttger antwortet: „Genau, man ist auf einer anderen Ebene zusammen. Man ist mehr als die Funktion, für die man bekannt ist“.

Die Welt zu Füßen

Es kommt der Gedanke auf, dass Kirmes und Glaube beide ermöglichen, ein Stück weit aus dem Alltag auszubrechen. Topp sagt, dass sie während der Kirmestage eine gewisse Leichtigkeit geschenkt bekommt. „Du gehst zur Kirmes und weißt, dass alles andere gerade voll egal ist. Du bist einfach hier und lebst im Moment“. Raus aus dem Alltag. Ruhe im Kopf.

Propst Röttger blickt auf das Karussell „Airborne“, das gerade eine Testfahrt dreht. Wie bei einem Propeller drehen sich zwei Gondeln auf über 60 Meter Höhe durch die Luft. Mit bis zu 120 Kilometer pro Stunde. „Da wäre ich froh, wenn ich heile wieder raus bin“, sagt Röttger. Doch das Fahrgeschäft inspiriert ihn zu einem biblischen Vergleich.

„Es gibt viele Fahrgeschäfte, die in die Höhe gehen“, sagt er. „Das schafft einen Weitblick, dort kann ich die Welt und den Alltag ein Stück unter mir lassen“. Auch die Bibel kenne einige Gipfelereignisse. Stichwort: brennender Dornbusch, Bergpredigt, Verklärung. Menschen erleben Gott auf dem Berg besonders nah – von wo aus sie dann wieder hinuntergehen. In das normale Getöse.

Was Momente wertvoll macht

Apropos Getöse. Das ist in Soest nach den fünf Kirmes-Tagen auch wieder vorbei. Ruhe kehrt langsam ein, der Advent schleicht heran. „Das ganze Jahr Kirmes würde auch keinen Spaß machen“, sagt Topp. Es wird klar: Die Freude an der Kirmes lebt davon, dass sie begrenzt ist. Nur, wenn sie vorbeigeht, sind die Momente auf der Kirmes auch wertvoll. Es braucht den Wechsel zwischen Trubel und Einkehr.

So ist es auch im Glauben. Nur in Gemeinschaft das Leben feiern – das geht auf Dauer nicht. Es braucht auch Ruhe, Zweifel und das persönliche Gebet. Die individuelle Beziehung zu Gott.

Der genaue Gegenpart zum Glaubensort Kirmes ist für Propst Röttger die Krypta im Patrokli-Dom. „Dort kann ich in der Gegenwart des Herrn allein sitzen. Dort finde ich einen Ruhepunkt“, sagt er. Doch bevor diese Ruhe möglich ist, läuft jetzt erstmal in Röttgers Garten für fünf Tage Helene Fischer. Denn: Es ist wieder Soester Allerheiligenkirmes.

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