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Christliches Engagement und Politik: Wenn Glaube Haltung zeigt

Wann wird christliches Engagement politisch? Der Weg von zwei Frauen aus dem Erzbistum zeigt, wie Glaube zu Einsatz für Geflüchtete, Gerechtigkeit und Klimaschutz führt.

Es war ein Samstagnachmittag, als es klingelte. Maria Droste, damals 12 Jahre alt, war allein zuhause und öffnete die Haustür. Draußen stand eine Roma-Frau, die mit ihrer Großfamilie auf der benachbarten Wiese ein Lager aufgeschlagen hatte, und bat um etwas zu essen. Maria zögerte. In der Küche stand der Sonntagsbraten, den ihre Mutter bereits vorbereitet hatte. Maria ging in die Küche, verschenkte den Braten an die Fremde vor der Tür. Und gestand der Mutter am Abend, geplagt vom schlechten Gewissen, was sie getan hatte.

„Das hast du richtig gemacht.“ – Die Antwort, die die Mutter aus ihrem Glauben heraus gab, hat das Mädchen geprägt. Vielleicht, sagt die heute 71-Jährige, hat damals etwas begonnen, das ihr Leben bis heute beeinflusst: ihr Engagement für Geflüchtete – und ihre klaren Positionen in politischen Streitfragen.

Wer sich für einzelne Menschen einsetzt, stößt oft auf größere Probleme: auf politische Entscheidungen, gesellschaftliche Konflikte oder globale Ungleichheiten. Und so kann aus Glaube, Nächstenliebe und persönlichen Begegnungen ein Einsatz für globale Gerechtigkeit und politische Veränderungen entstehen. Das belegen die Beispiele der Engagierten Dagmar Feldmann und Maria Droste.

Dagmar Feldmann: Engagement für globale Gerechtigkeit

Für ihr langjähriges Engagement für globale Gerechtigkeit wurde Dagmar Feldmann im Jahr 2024 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Angefangen hat alles Ende der 1970er Jahre in einer Jungkolping-Gruppe im Sauerland. Durch diese ergab sich für sie die Möglichkeit, nach Pakistan zu reisen. „Zu sehen, dass sauberes Wasser für manche Menschen Luxus bedeutet, das hat mich verändert“, erinnert sie sich an ihre erste Begegnung mit globaler Ungerechtigkeit.

Heute arbeitet Dagmar Feldmann als Bildungsreferentin beim Christlichen Bildungswerk Die HEGGE bewusst in Teilzeit, um Zeit für ihr ehrenamtliches Engagement zu haben. Sie ist Erd-Charta-Botschafterin, Bundesvorsitzende der Katholischen Landvolkbewegung, Vorsitzende der kfd Bonenburg und des Vereins Santatra – Partnerschaft mit den Menschen in Madagaskar e.V., den sie mitgegründet hat. Immer wieder öffnet sie auch ihr eigenes Bauernhaus für Gäste aus anderen Ländern, die eine „Heimat auf Zeit“ benötigen.

Und alle zwei Jahre reist sie selbst nach Madagaskar. Dort arbeitet Dagmar Feldmann mit lokalen Partnern zusammen. Sie sichern mit Hilfe des landwirtschaftlichen Systems Agroforst die Ernährung, schützen die Umwelt und wollen Bildung stärken. Außerdem setzt sich Dagmar Feldmann  für den Kampf gegen den Klimawandel ein, der viele Menschen im globalen Süden existenziell bedroht.

Einmal erzählte sie einer Schulklasse in Warburg von der schwierigen Trinkwassersituation in Madagaskar. Eine kurdische Schülerin meldete sich: Warum kümmert sich denn niemand darum? „Ich finde, diese Frage sollten wir uns öfter stellen“, sagt Feldmann. „Ja, warum eigentlich nicht?“

Ich glaube an eine göttliche, liebende Kraft, die allen Geschöpfen das gleiche Lebensrecht gibt.“

Dagmar Feldmann

Globale Vernetzung für Gerechtigkeit nutzen

Dagmar Feldmann beschreibt ihren Einsatz als Folge des Glaubens, aus dem auch Verantwortung wachse: „Als Bessergestellte haben wir die Pflicht, zu teilen und dort mitzutragen, wo andere nicht selbst tragen können.“ Inspiration findet sie in der Enzyklika Laudato si von Papst Franziskus, die den Zusammenhang von sozialer Gerechtigkeit, Umweltverantwortung und globaler Solidarität betont.

So stößt, wer sich engagiert, irgendwann auf politische Fragen. Denn viele Probleme lassen sich nicht durch Hilfe im Einzelfall lösen. Sie hängen mit wirtschaftlichen, sozialen oder ökologischen Rahmenbedingungen zusammen. An diesem Punkt wird Engagement politisch. Dann geht es darum, Strukturen zu verändern, damit sie ein gutes Leben für alle möglich machen.

Dagmar Feldmann fordert die Kirche auf, sich hier deutlicher zu positionieren: „Wir kreisen zu sehr um uns selbst. Legen wir mehr Wert auf den Erhalt von Strukturen oder die Verbesserung von Lebensverhältnissen und das Empowerment von Menschen?“ Kirche könne ihre globale Vernetzung wunderbar nutzen, um die Welt – gemeinsam mit allen Menschen guten Willens – gerechter und zukunftsfähiger zu gestalten. „Dabei muss sie klug vorgehen, wenn sie erfolgreich mit Staaten und politischen Akteuren zusammenarbeiten will“, ist Dagmar Feldmann überzeugt. So bewegt sich christlicher Einsatz für Gerechtigkeit oft zwischen zwei Rollen: einer kritischen Stimme, die Missstände benennt, und einer diplomatischen Institution, die den Dialog mit Politik und Gesellschaft sucht.

Maria Droste: Hilfe für Geflüchtete vor Ort

Während Dagmar Feldmann global arbeitet, ist das Engagement von Maria Droste, die vor 59 Jahren den Sonntagsbraten verschenkte, lokal ausgerichtet. Viele Jahre war sie in leitenden Funktionen bei den Caritaskonferenzen und beim Caritasverband Minden aktiv. Heute engagiert sie sich vor allem im Arbeitskreis Asyl in Preußisch Oldendorf und setzt mit ihrem Engagement auch ein politisches Zeichen – das nicht allen gefällt.

Sie organisiert Treffen für Frauen mit Migrationshintergrund, unterstützt Familien im Alltag, begleitet Geflüchtete zu Behörden oder Ärzten – und manchmal auch in den Kreißsaal. Im Jahr 2016 wurde hier ihr Patenkind geboren, die Tochter einer ghanaischen Familie, der Maria Droste bis heute nahesteht. Manchmal geht es um große Fragen wie Familienzusammenführungen. Manchmal um ganz praktische Dinge wie den Kauf eines Taufkleides.

Jesus ist für mich Vorbild. In allem, was er getan hat, wird deutlich, dass er für die Menschen am Rand der Gesellschaft da war.“

Maria Droste

Wenn Engagement politischen Widerstand auslöst

Maria Droste berichtet von zunehmenden Anfeindungen im näheren Umfeld. Anwohner ihres Heimatortes werfen ihr vor, sie setze sich für Menschen ein, „die hier nichts zu suchen hätten“. Besonders deutlich wurde das im vergangenen Kommunalwahlkampf, als eine rechtspopulistische Kandidatin Stimmung gegen Migranten machte.

Die Mitglieder des Arbeitskreises Asyl reagierten mit einer Gegendarstellung, gestalteten Plakate, organisierten eine Demonstration. Als sie an einem Wahlkampfstand migrationsfeindliche Äußerungen hörte, mischte Maria Droste sich ein. „In solchen Momenten merke ich, dass mein Engagement auch politisch ist“, sagt sie. Und erlebt gleichzeitig, wie schwierig solche Situationen sein können. „Oft bin ich nicht schlagfertig genug, um gegen Parolen zu argumentieren. Das macht mich wütend und manchmal ratlos.“ Dann bleibt ihr das Gebet – und die Hoffnung, dass Gottes Geist Menschen zum Umdenken bewegt. „Ich wünsche mir hier, dass die Kirche klarer Stellung bezieht, wenn Menschen in Not bei uns aufgenommen werden.“ Kirche habe sich zu sehr aus der Gesellschaft zurückgezogen, findet Maria Droste.

Wie politisch sollte Kirche sein?

Die Erfahrungen von Dagmar Feldmann und Maria Droste zeigen: Christliches Engagement erwächst nicht aus Ideologien oder blindem Aktivismus, sondern beginnt häufig mit persönlichen Begegnungen und einer tiefen Spiritualität. Wie sie erleben viele Ehrenamtliche, dass daraus schnell größere Fragen entstehen: nach Gerechtigkeit, nach gesellschaftlichen Strukturen und politischer Verantwortung. Kein einfaches Feld in einer Welt, in der gesellschaftliche Themen immer komplexer werden und sich kirchliche Stellungnahmen politisch instrumentalisieren lassen.

Ob Kirche hier etwas bewegen kann? Vielleicht weniger durch ihre institutionelle Macht als durch die Menschen, die aus ihrem Glauben heraus Verantwortung übernehmen und Haltung zeigen. Oder, wie Maria Droste sagt: „Ich kann die Welt nicht retten. Aber wenn jeder vor der eigenen Haustür sein Bestmögliches tut, ist doch schon viel gewonnen.“

Ein Beitrag von:
Dr. Carina Middel, freie Autorin, schreibt Texte für Print und Online im Erzbistum Paderborn. © Carina Middel/Erzbistum Paderborn
Freie Autorin Dr. Carina Middel
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Dr. Carina Middel

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